Der fliegende Holländer

Marek Janowski
Chorus and Orchestra of the Baltic Opera
Date/Location
15 July 2023
Opera Leśna Sopot
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandFranz Hawlata
SentaRicarda Merbeth
ErikStefan Vinke
MaryMałgorzata Walewska
Der Steuermann DalandsDominik Sutowicz
Der HolländerAndrzej Dobber
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Reviews
klassik-begeistert.de

Die Aufführung beginnt mit leichter Verspätung, da die Gäste immer noch eintreffen. Hinter dem Pult steht Maestro Marek Janowski. Älteren deutschen Musikliebhabern gefällt es, dass während der Ouvertüre nichts passiert, so dass sie in Ruhe zuhören und sich einstimmen können. Der Vorhang ist ein gespanntes weißes Segel mit dem Festival-Logo, das die Matrosen zu Beginn der ersten Szene aufrollen. Dahinter sieht man das Bühnenbild von Boris Kudlička: das Innere eines Schiffswracks. Die Matrosen machen es am Ufer fest und dann drängen sie sich mit Daland in ein rundes Becken. Eine dunkle Wand des echten Waldes im Hintergrund, sowie das wohlüberlegte Lichtspiel versetzt den Zuschauer in eine unheimliche Stimmung.

Der Holländer taucht mit einer Gruppe von Tänzern aus dem Wald auf. Sein weißer, eleganter Frack kontrastiert mit der ärmlichen Kleidung der Matrosen und Spinnerinnen. Ein mysteriöser und düsterer, aber reicher Ankömmling taucht also unter den Menschen auf, die offensichtlich kaum über die Runden kommen und ihre Hoffnung verloren haben. Die Matrosen faulenzen, die Spinnerinnen simulieren nur die Arbeit in Marys Anwesenheit. Senta wirkt dank ihrer Entschlossenheit als die authentischste von ihnen. Das Bild des Holländers ist hier eine lebensgroße, weiße Stoffpuppe.

Am Ende schneidet sich Senta mit einem Messer die Kehle durch und erstarrt wie eine Statue, gestützt von drei Tänzern aus dem Gefolge des Holländers. Auf diese Weise nehmen sie sie in ihre Gesellschaft auf, aber für mich hätte ein solches Finale besser zu „Lohengrin“ gepasst. Ich vermisse, dass die Regisseure die Erlösung des Holländers durch Sentas Liebe nicht betonen. Manche Zuschauer, die das Libretto der Oper im Programmheft gelesen haben, sind der gleichen Meinung. „Hat sie ihn eigentlich befreit, oder ist er für immer verdammt?“, überlegen sie.

Das Orchester der Opera Bałtycka unter dem Dirigentenstock von Marek Janowski bringt alle dynamischen Nuancen zur Geltung, indem es die Geräusche des Sturms mit zündender Kraft und die lyrischen Fragmente mit viel Wärme umreißt. Was die gesangliche Seite betrifft, gibt es bessere und schlechtere Momente. Der beste ist Dominik Sutowicz als Steuermann. Er verbindet die Schönheit seiner Tenorstimme mit der Präzision der Aufführung. Jede Phrase ist bei ihm gut durchdacht, jedes dynamische Ausdrucksmittel gekonnt eingesetzt – vom zarten Piano bis zum dramatischen Forte. Mit seiner Interpretation der Arie „Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer“ hat er sich alle Herzen erobert.

Andrzej Dobber, der die Titelrolle singt, ist kurz vor dem Festival erkrankt, und Tomasz Konieczny hat ihn bei der Generalprobe vertreten. Dobber tritt jedoch bei der Premiere am 15. Juli auf, und sein frühes Unwohlsein ist nicht bemerkbar. Nur im ersten Akt „verschwindet“ er an einer Stelle auf den tiefen Tönen, aber dann verzaubert er das Publikum mit seiner tiefen und voluminösen Bassstimme, die er wohlüberlegt dosiert. Seine szenische Partnerin Ricarda Merbeth ist bereits mehrfach als Senta aufgetreten. In der Waldoper Sopot zeigt sie ihre ganze gesangliche Kunst, obwohl sie in der Brustlage manchmal zu scharf klingt. Ihre hohen Töne sind voll der starken dramatischen Ausdruckskraft.

Die Mezzosopranistin Małgorzata Walewska beeindruckt als Mary mit ihrer schönen, dunklen Stimmfarbe und sicheren Höhe, sowie mit der scharf akzentuierenden Aussprache. Der Wagner-Veteran Franz Hawlata singt mit überlegter Sparsamkeit und verleiht seinem Charakter etwas Humor. Sein Daland erscheint als kränklicher alter Mann im Rollstuhl, dem die Vision des Reichtums von seinem zukünftigen Schwiegersohns Holländer Kraft und Vitalität zurückgibt. Dieses Vermögen symbolisiert ein riesiger Goldbarren, den die gesamte Besatzung von Dalands Schiff nicht heben kann.

Stefan Vinke (Eric) singt mit zu viel Druck, seine Stimme klingt hart und rau. Anderseits entspricht das dem Charakter seiner Figur: ein armer Jäger, dessen Liebe zu Senta einfach, roh und konkret ist. Vinke verteilt die Kräfte in der Cavatine im dritten Akt ungleichmäßig und wird nach einem glanzvollen Höhepunkt deutlich schwächer. Während Eric von schönen, vergangenen Momenten mit Senta erzählt, zieht er seine Kleidung bis zur Hose aus, unter der weiße Boxershorts zum Vorschein kommen. Das Publikum lacht: ein tragischer Held verwandelt sich in einen gutherzigen Narren.

Die Diktion sowohl der deutschen als auch der polnischen Solisten ist zufriedenstellend, was man vom Chor leider nicht sagen kann. Die Damen zu Beginn des zweiten Aktes sind allerdings besser zu verstehen als die Herren im dritten. Der Text vom Matrosenchor „Steuermann! Lass die Wacht“ ist ein Zungenbrecher, aber in der Aufführung vom Chor der Opera Bałtycka hört man deutlich Lücken, als ob die Sänger die Worte vergessen hätten. Außerdem fallen sie aus dem Rhythmus. Zumindest ist es bei der ersten Aufführung am 15. Juli so gelaufen, ich hoffe, dass man es bei der zweiten am 17. Juli verbessert hat. Der Chor sollte aber an der deutschen Aussprache arbeiten. Zwar ist das dem polnischen Publikum egal, weil sie den Text in ihrer Sprache und in Englisch auf zwei Bildschirmen bekommen. Den deutschen Zuschauern ist der sprachliche Unterschied bewusst und sie trösten mich, dass italienische und französische Sänger damit gleiche Probleme haben. Die polnische und die deutsche Sprache verfügen jedoch über eine vergleichbare Ressource an Konsonanten, also kann der Festivalchor es besser machen. Ich denke, dass es die Zeit und die Mühe wert ist, wenn die Waldoper wieder Wagnerianer aus der ganzen Welt anziehen soll.

Jolanta Łada-Zielke | 19. Juli 2023

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(5/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
721 kbit/s VBR, 44.1 kHz, 714 MByte (flac)
Remarks
In-house recording from the Baltic Opera Festival
A production by Barbara Wiśniewska and Łukasz Witt-Michałowski (premiere)