Das Rheingold

Gianandrea Noseda
Philharmonia Zürich
Date/Location
10 May 2022
Oper Zürich
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanTomasz Konieczny
DonnerJordan Shanahan
FrohOmer Kobiljak
LogeMatthias Klink
FasoltDavid Soar
FafnerOleg Davydov
AlberichChristopher Purves
MimeWolfgang Ablinger-Sperrhacke
FrickaPatricia Bardon
FreiaKiandra Howarth
ErdaAnna Danik
WoglindeUliana Alexyuk
WellgundeNiamh O’Sullivan
FloßhildeSiena Licht Miller
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Reviews
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Gott, das sieht ihm ähnlich!

Mit echtem Lindwurm und hopsender Kröte: Andreas Homoki inszeniert Richard Wagners „Rheingold“ am Opernhaus Zürich als drolliges Konversationsstück über die Geldprobleme des Komponisten selbst.

Ein Bild für die Götter: Die Riesen Fafner und Fasolt sitzen, wie zwei Alm-Öhis im Sonntagsputz, knapp unter der Zimmerdecke auf dem Bilderrahmen eines Landschaftsgemäldes mit der von ihnen erbauten Burg Walhall „auf des Berges Gipfel“, wie es bei Richard Wagner heißt. Bild und Burg sind wirklich für die Götter, denn diese – allen voran Wotan und Fricka – haben sich vor demselben zur Betrachtung des vollendeten Werks versammelt. Und, ja, das muss man schon sagen, prächtig prahlt der prangende Bau! Aber dann platzt einer der Riesen von hinten durch die Leinwand, und die Freude ist futsch: Zahltag, Wotan! Der Göttervater ist pleite.

Andreas Homoki, Intendant des Opernhauses Zürich und zugleich Regisseur bei diesem neuen „Ring des Nibelungen“, hat sich entschlossen, Richard Wagners Tetralogie, die ja zu großen Teilen in Zürich geschrieben wurde, in ihre Entstehungszeit zurückzuholen. Und so, wie Wagner sich selbst in einem Brief an Theodor Uhlig vom 27. Juli 1850 beschrieb – „Im hausrock gehe ich herunter und bade mich im see“ (Orthographie original) –, sehen wir auch Tomasz Konieczny als Wotan im Hausrock, wie Wagner ihn zu tragen pflegte. „Dieu, que ça lui ressemble!“, sang die unvergessliche Juliette Gréco einst. Und dieses „Gott, das sieht ihm ähnlich!“ zieht einem auch leise durchs Gemüt, wenn der joviale Beau Konieczny als Wotan im Wagner-Look seiner Kollegin Patricia Bardon als Gattin Fricka, recht spröde als Spießermatrone von Christian Schmidt mit petrolfarbener Seide bekleidet, zusingt: „Ehr’ ich die Frauen doch mehr als dich freut.“ Davon wusste Minna Wagner manch bittres Lied zu singen.

Wie Theodor W. Adorno in seinem „Versuch über Wagner“ scheint auch Homoki dem „Revolutionär“ Wagner nicht zu trauen. Revolutionär war Wagner nur in seiner Kunst. Deren materielle und soziale Entstehungs- wie Umgebungsbedingungen waren ihm weitgehend schnurz. Das vorzügliche Zürcher Programmheft zitiert Briefe aus der Zeit von Wagners Exil in Zürich, wohin er 1849 hatte fliehen müssen, weil er sich als Barrikadenkämpfer am Dresdner Maiaufstand beteiligt hatte. Und da liest man Zeilen wie diese: „nur in luxuriösem behagen kann ich künstlicher Mensch jetzt noch gedeihen.“ Oder: „Ich kann nicht wie ein Hund leben, ich kann mich nicht auf Stroh betten und mich in Fusel erquicken: meine stark gereizte, feine, ungeheuer begehrliche, aber ungemein zarte und zärtliche Sinnlichkeit, muß irgendwie sich geschmeichelt fühlen, wenn meinem Geiste das blutig schwere Werk der Bildung einer unvorhandenen Welt gelingen soll.“ Und nachdem Zürcher Kapitalisten neuntausend Francs für eine Wagner-Aufführung zugeschossen hatten, lästerte der Zuwendungsempfänger gegenüber Franz Liszt noch: „Was sagst Du dazu, daß unsere Philister das Geld aufgebracht haben?“

Der Geschichte vom Kapitalismuskritiker, die lange als linkes Entlastungsparadigma diente, um Wagner nach der Kontamination durch den Nationalsozialismus wieder diskursfähig zu machen, glaubt Homoki in Zürich nur noch mit einem Augenzwinkern. Was bleibt, ist ein witziges, geschliffenes, trotz des langsamen Erzähltempos doch pointiertes bürgerliches Konversationsstück, mit dem Wagner seine eigene Situation ebenso ehrlich wie brillant erfasste.

Die Sänger zeigen dabei in Zürich große Freude an der Sprache, allen voran der wendige, stimmlich wie spielerisch hochintelligente Matthias Klink als Loge, der vielleicht ab und an nur etwas genauere Einsätze vom Dirigenten, dem Zürcher Musikdirektor Gianandrea Noseda, braucht. Christopher Purves als Alberich singt auch als Nichtmuttersprachler ein idiomatisch perfektes Deutsch und wahrt stimmlich die nötige Balance aus Gier und Tollpatschigkeit, wenn er „das schlecke Geschlüpfer“ der Rheintöchter (sylphenhaft in weißen Seidenpyjamas: Uliana Alexyuk, Niamh O’Sullivan, Siena Licht Miller) durchs Schlafzimmer jagt. So elegant Konieczny als Erscheinung ist und singt, so unschön fallen – wie schon letzten Sommer in Bayreuth – seine starken Vokalverfärbungen auf. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gibt seinen Mime wie ein gekränktes Rumpelstilzchen: mit scharfer Sprache, treffsicherem Timing, manchmal mehr zum Sprechen als zum Singen neigend.

Gianandrea Noseda dirigiert zum ersten Mal einen „Ring“. Mit der Balance in seinem „Boutique-Theater“, wie er es nennt, ist er noch nicht auf bestem Fuße. Das tiefe Blech rülpst und knarzt recht ungeschlacht, auch stärker, als es angebracht. Soloflöte und Solooboe recken sich zuweilen aus dem Graben, als würden sie künstlich verstärkt. Da wird Erfahrung gewiss für Korrektur sorgen.

Der Lindwurm ist super und die hopsende Kröte richtig prima in der schönen, funktionalen Ausstattung von Christian Schmidt. So beginnt der neue Zürcher „Ring“ drollig, aber zugleich mit der aktuellen Frage nach der Schuldverstrickung der Kunst durch Sponsoring: Denn – Saallicht an! – wir alle sitzen in Walhall.

JAN BRACHMANN | 04.05.2022

operagazet.com

Mit der Premiere des Rheingolds begann am vergangenen Wochenende die mit Spannung erwartete Neu-Inszenierung von Richard Wagners Hauptwerk Der Ring des Nibelungen am Opernhaus Zürich. Stolz wies das Opernhaus Zürich zu dieser Gelegenheit auf die Tatsache hin, dass Richard Wagner mehrere Jahre seines Lebens in Zürich verbrachte und während dieser Zeit die dichterische und kompositorische Arbeit am «Ring» mit grossen Schritten Gestalt annahm. Dementsprechend ambitioniert fiel auch die Neuinszenierung des Intendanten Andreas Homoki und des Generalmusikdirektors Gianandrea Noseda aus. So begann der Abend – wie beim Rheingold üblich – im völlig abgedunkelten Raum mit jenem mystischen Es-Dur-Akkord, aus dem in der Folge Wagners vielschichtige Partitur erwuchs und durch das für Zürcher Verhältnisse ungewohnt grosse Orchester musikalisch geformt wurde. Gianandrea Noseda entlockte der ausgezeichnet disponierten Philharmonia Zürich einen dramatisch-leidenschaftlichen Grundton, der die italienische Herkunft des Züricher Generalmusikdirektors zu keinem Zeitpunkt verleugnete. Das bekam Wagners Werk uneingeschränkt gut. Mit viel Pathos formte Noseda Wagners berühmte Leitmotive und betonte die Rolle der Bläser im Orchester.

Mit viel Spannung, Gefühl für die komplexen Harmonien und Rhythmen arbeitete er zum einen für die Rheintöchter-Szene eine fast spielerhafte Leichtigkeit heraus, während er in der Nibelheim-Szene durch die Betonung ihrer schillernden Klangfarben für einen wahren musikalischen Höhepunkt sorgte. Dieses meisterhafte Dirigat, dass den Vergleich mit berühmten Vorgängern nicht scheuen braucht, setzte mit einem musikalisch prunkvollen Einzug der Götter nach Walhall einen unvergesslichen Schlusspunkt und entwickelte einen magischen Sog. Mit Tomasz Konieczny stand als Wotan ein äusserst erfahrener Interpret auf der Bühne. Mit kernigem Bassbariton sang und spielte er eine beeindruckende Charakterstudie des machtgierigen Göttervaters. Matthias Klink gab mit hellem, individuell gefärbten Charaktertenor einen präsenten und schlauen Loge, der seiner Rolle vollauf gerecht wurde. Patricia Bardon verkörperte mit sattem Mezzosopran die Fricka, während die lieblich singende Kiandra Howarth als Freia aufhorchen liess. Jordan Shanahan und Omer Kobiljak machten als Donner und Froh stimmlich und darstellerisch äusserst gute Figuren. David Soar gab mit markantem Bass einen verliebten, (fast zu) schön singenden Riesen Fasolt, während es seinem brutalen Bruder Fafner von Oleg Davydov etwas an der bedrohlichen Tiefe mangelte.

Der Nibelung Alberich war in seiner zentralen Rolle zwischen Täter und Opfer bei Christopher Purves in den allerbesten Händen, wobei er mit exzellenter Intonation ein empathisches Rollenportrait dieser komplexen Figur zeichnete. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke trumpfte als Mime in seiner kurzen Szene mächtig auf. Mit warmem würdigen Alt verkörperte Anna Danik die Urmutter Erda und berührte mit ihrer Arie «Weiche, Wotan, Weiche» zutiefst, wobei sie ihre Phrasen technisch perfekt strömen lassen konnte. Uliana Alkeyuk, Niahm O’ Sullivan und Siena Licht Miller sangen und spielten ein hinreissendes Rheintöchter-Trio Woglinde, Wellgunde und Flosshilde.

Zurückhaltende Inszenierung
Überraschend zurückhaltend hatte Andreas Homoki seine Inszenierung gehalten. Der Intendant und Regisseur des Opernhauses hatte bereits im Vorfeld verkündet, bei dieser Neuproduktion keine weitere Neu-Interpretation oder Deutung auf die Bühne zu bringen, sondern die Geschichte des Ringes geradlinig und fantastisch zu erzählen. Dabei sollte der «Ring» gewissermassen zurück zu seinen Ursprüngen in Zürich geführt werden. Ausgehend von einem weissen bürgerlichen Zimmer des 19. Jahrhunderts, wie man sie in vielen herrschaftlichen Villen Zürichs immer noch antreffen kann, entstehen auf der virtuos rotierenden Drehbühne die Situationen ganz aus der Musik und Situation heraus und entfalten so ihre Wirkung ganz aus dem Umfeld der Werkentstehung (Ausstattung : Christian Schmidt).

Die Kostüme verorten das Geschehen ebenfalls angedeutet in der Entstehungszeit des Werkes. Das ist Dank der ausgezeichneten Personenregie über weite Strecken äusserst unterhaltsames Theater, wobei sich bei der Erscheinung des Wurmes in Nibelheim klassischer Theaterzauber im besten Sinne entfaltet. Für die Rheintöchterszene und den Einzug der Götter nach Walhall hätte ich mir jedoch eine etwas überraschendere Bühnenlösung gewünscht, um den vielversprechenden szenischen Ansatz Homokis zu seiner vollen Geltung zu bringen. Das Publikum spendete am Ende dieser zweiten Aufführung nach der Premiere allen Beteiligten stehende Ovationen. Man darf nach dieser äusserst interessanten Aufführung gespannt sein, wie Zürichs neuer Ring des Nibelungen im September mit der Walküre fortgesetzt wird.

Marco Aranowicz | 2022

opernmagazin.de

Richard Wagner und Zürich, zwischen diesen beiden verbindet sich eine ganz besondere Beziehung. Fast 9 Jahre verbrachte Wagner in dieser Stadt und hier entstand auch ein großer Teil seines gigantischen Werkes „Der Ring des Nibelungen“. Es ist überaus interessant, dieser Zeit Beachtung zu schenken. Dazu hat das Opernhaus Zürich auf seiner Webseite und im Programmheft viele Details aufgearbeitet, welche jedem Besucher sehr zu empfehlen sind. Der „Ring“ im Opernhaus Zürich wird in den kommenden Spielzeiten mit den weiteren dazugehörenden Werken „zusammengeschmiedet“.

Mit diesem Großprojekt erfüllt sich Intendant Andreas Homoki einen Traum. Mit dem Generalmusikdirektor und Dirigenten Gianandrea Noseda hat er dafür den passenden Partner gefunden. Andreas Homoki und sein Ausstatter Christian Schmidt haben eine Drehbühne gestaltet, welche verschiedene Einblicke in die Welt der Rheintöchter und Götter vermittelt und so eine raffinierte Inszenierung ohne übertriebene Effekte erreicht. Die großen Räume wirken erhaben und vermitteln dem Auge eine spannende Ästhetik. Jede Figur und deren ganz persönlicher Charakter werden präzise und ohne Überzeichnung dargestellt. Die Handlung wird erfreulich textgenau, aber dennoch gespickt mit humoristischen Elementen erzählt. So amüsieren der Drache oder die Kröte bei der Verwandlungsszene des Alberichs. Dabei zeigt der Regisseur auch seine außerordentlich gute Kenntnis des Stoffes.

Dieser Abend war auch wegen der vielen Debuts und Rollendebuts an diesem Hause besonders interessant. Mit Tomasz Konieczny, welcher zum ersten Mal im Opernhaus Zürich zu hören war, hatte man einen starken Wotan, welcher mit seiner kräftigen Stimme überzeugte. Matthias Klink als Loge, in dieser Inszenierung wie ein Zauberer gekleidet, überzeugte bei seinem sehr gelungenen Hausdebut. Dies nicht zuletzt wegen seiner starken Bühnenpräsenz. Sogar ein Rollendebut als Alberich war zu erleben. Christopher Purves bot in dieser sehr anspruchsvollen Partie eine eindrückliche Leistung.

Als Mime war mit Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ein Sänger mit großer Wagnererfahrung zu hören, welcher immer wieder begeistert. David Soar als Fasolt und Oleg Davydov als Fafner stellten die beiden Riesen dar, welche in dieser Inszenierung nicht allzu angsteinflößend wirkten. Beide konnten mit ihren Bassstimmen beeindrucken. Jordan Shanahan, Donner und Omer Kobiljak, Froh ließen ebenfalls aufhorchen. Die Rheintöchter Woglinde, Uliana Alexyux, Wellgunde, Niamh O‘Sullivan und Flosshilde, Siena Licht Miller, als drei in weißen Seidenpyjamas herumtollende Frauen, harmonisierten bestens zusammen.

Die anderen Frauenpartien waren mit Patricia Bardon als Fricka, Kiandra Howarth als Freia und Anna Danik als Erda besetzt. Alle waren zum ersten Mal auf der Opernhaus Bühne zu erleben und fügten sich bestens ins Ensemble ein.

Sehr beeindruckend war die Leistung der Philharmonia Zürich unter der Leitung von Gianandrea Noseda. Von Beginn an fühlte man sich in diese Magie des Klanges einbezogen. Alle Feinheiten dieser Partitur, genauso wie die enorme Energie bei den effektvollsten Szenen, wurden farbenreich herausgearbeitet und ließen einen Hörgenuss zu, welcher nicht durch zu laute und zu wuchtige Effekte gestört wurde. Die Aufführung im Opernhaus Zürich erfordert eine wohl abgestimmte akustische Interpretation. Dies ist dem Dirigenten und dem Orchester hervorragend gelungen und so wurde es auch durch das Publikum empfunden, welches die Leistungen aller Mitwirkenden mit starkem Beifall belohnt hat.

Marco Stücklin | 8. Mai 2022

Rating
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User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 343 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Andreas Homoki (2022)
This recording is part of a complete Ring cycle.