Das Rheingold

Pietari Inkinen
Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
5 August 2023
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanTomasz Konieczny
DonnerRaimund Nolte
FrohAttilio Glaser
LogeDaniel Kirch
FasoltJens-Erik Aasbø
FafnerTobias Kehrer
AlberichÓlafur Sigurdarson
MimeArnold Bezuyen
FrickaChrista Mayer
FreiaHailey Clark
ErdaOkka von der Damerau
WoglindeEvelin Novak
WellgundeStephanie Houtzeel
FloßhildeSimone Schröder
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Reviews
Die Zeit

Neuer Anlauf für Bayreuther “Ring” – Jubel für “Rheingold”

Der umstrittene Bayreuther «Ring des Nibelungen» nimmt einen neuen Anlauf. Der erste Teil, das «Rheingold» ist am Mittwochabend vom Festspiel-Publikum bejubelt worden. Bei der Wiederaufnahme der Inszenierung von Valentin Schwarz gab es viel Applaus auf dem Grünen Hügel, der vor allem einem hervorragenden Alberich galt.

Der isländische Bariton Olafur Sigurdarson, der sich schon beim Open-Air-Konzert vor dem offiziellen Auftakt der Festspiele als Publikumsliebling erwiesen hatte, begeisterte die Zuschauer mit Gefühl und Stimmgewalt – mehr noch als Mezzosopranistin Okka von der Damerau, die in ihrem zweiten Jahr in Bayreuth als Erda noch besser geworden ist, und als Tomasz Konieczny als Göttervater Wotan.Im vergangenen Jahr hatte Konieczny sich in der «Walküre» bei dem Zusammenbruch eines Sessels auf der Bühne so schwer verletzt, dass er nicht weitersingen konnte. Im «Rheingold» mied er diesen Sessel.

Höflicher Applaus und einige Buhs
Die «Ring»-Produktion von Regisseur Valentin Schwarz ist sehr umstritten. Bei der Premiere 2022 gab es laute Buh-Konzerte im Festspielhaus und in diesem Jahr waren sogar unmittelbar vor dem Start der Festspiele noch Tickets für die vier Opern zu haben – ein Novum in der Festspielgeschichte.

Dirigiert wird der «Ring» in diesem Jahr von Pietari Inkinen, der 2022 kurzfristig erkrankt ausgefallen war – und sich am Mittwoch hörbar schwertat mit der speziellen Akustik im Festspielhaus. Sänger und Orchester waren nicht immer harmonisch, was dem Dirigenten am Ende neben eher höflichem Applaus sogar einige wenige Buhs einbrachte.

Für das zweite Jahr seiner Inszenierung hat Regisseur Schwarz «zusätzliche Verständnishilfen» angekündigt. «Wir gucken neu drauf, und daraus entstehen viele kleinere Veränderungen», sagte er im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Was genau er damit meint, zeigte er im «Rheingold» noch nicht, in dem er das Gold, um das sich alles dreht, von einem Kind darstellen lässt. Das Kind entführt Alberich in die Unterwelt und entpuppt sich später als Siegfried-Mörder Hagen.

Schwarz: Generationengerechtigkeit ist wichtiges Thema
Für ihn sei der «Ring» ein Drama des Hier und Jetzt, sagte Schwarz über seine ambitionierte, streckenweise aber auch überfrachtete und etwas unstrukturiert wirkende Produktion, die vor ihrer Premiere auch als «Netflix-Ring» bezeichnet wurde, weil der Regisseur die vierteilige Richard-Wagner-Oper als eine Art Drama-Serie inszeniert und die Figuren mit Hintergrund-Geschichten ausstattet.

Generationengerechtigkeit sei ein wichtiges Thema für ihn, betonte Schwarz – und ein zentrales in seiner Inszenierung. «Diese Frage – welche Welt wir hinterlassen – ist, glaube ich, für viele Menschen unbequem, weil sie eine gehörige Portion Selbstkritik nach sich zieht.»

Im vergangenen Jahr war das «Rheingold» der «Ring»-Teil, der beim Publikum noch vergleichsweise gut ankam, vor allem die «Götterdämmerung» zum Schluss aber fiel bei Zuschauern und vielen Kritikern durch.

dpa | 27.07.2023

Münchner Merkur

Schwimmfest

Der umstrittene „Ring“ von Regisseur Valentin Schwarz geht ins zweite Jahr. Im „Rheingold“ gibt es wieder Ungereimtes. Und zwei Sänger verstehen sich als Wagner-Crooner.

Tony Bennett, gerade mit 96 Lenzen gestorben, war (fast) der Letzte seiner Art. Einer, der seine Songs dahinschlenkerte, immer eine lässige Spur neben dem korrekten Rhythmus – auf dass man sich irgendwann mit der Band auf der Eins irgendeines Taktes wieder treffe. Frank Sinatra veredelte die gewollte Unpräzision zur Perfektion. Doch die Crooner leben fort, dummerweise in Richard Wagners „Rheingold“, in einer Musik, in der sie eigentlich nichts zu suchen haben.

Bei der Bayreuther Wiederaufnahme heißen sie Tomasz Konieczny (Wotan) und Daniel Kirch (Loge) und können kaum einen Takt geradeaus singen. Das Lässige erheben sie an diesem Festspiel-Abend zur Stilform, was bald so penetrant eitel wird, dass man sich wundert, warum es das Rest-Ensemble dabei nicht ständig aus der Kurve trägt. Das Ungebremste setzt sich darstellerisch fort, wobei Kirch als tuckiger Entertainer seinen Feuergott fast bis in die Karikatur treibt. Eine Regie, die das kanalisiert, gibt es nicht. Nicht nur deshalb driftet dieser erste „Ring“-Teil oft ins Schwimmfest.
Bühne und Graben sind nicht immer gut verzahnt
Dirigent Pietari Inkinen, bei der Premiere 2022 bekanntlich wegen Corona verhindert, hat noch keine rechte Idee vom Stück. Die Tempi sind zügig (anders als viele befürchteten), an vielen Stellen ist ein Kümmerer zu spüren. Einer, der die Angebote des Festspielorchesters nutzt. Doch manches zieht auch pauschal vorüber und ist, ein Hauptproblem, ungenügend mit der Bühne verzahnt. Dieser Wiederaufnahme-Abend klingt dann wie die x-te Repertoirevorstellung, aber nur wenig nach Festival.

Regisseur Valentin Schwarz mag manche Szene geschärft haben. Allerdings stellt er sich mit seinem Realismus wieder mehrfach selbst ein Bein. Alberichs geraubtes Rheingold ist hier ein Kind – auf dem, eigentlich ein schöner Gedanke, alle Hoffnung ruht. Doch erzieht er den Rotzbengel zum Rächer, bis dieser von Wotan und seiner Schicki-Sippe entführt wird. Den Göttervater verbindet eine lange Geschichte mit Alberich: Beide sind Zwillingsbrüder, die sich schon im Mutterleib – das zeigt ein Video zum Orchestervorspiel – bekämpften.

Oberflächlich hört sich das schlüssig an, nach spannender Familiensoap, auch die verschiebbaren Bühnenelemente von Andrea Cozzi, die Verwandlungen auf offener Szene erlauben, sind ein Plus der Produktion. Im Detail offenbaren sich allerdings immer wieder Ungereimtheiten, Hilflosigkeiten und logische Brüche. Manche Figuren wirken zeitweise wie abgestellt oder verkrampft am Leben gehalten. Bei anderen vertraut Schwarz auf die Eigeninitiative des Gesangspersonals. Wer oder was dieser machtbringende Ring ist, das wird nicht recht deutlich, überhaupt gibt es eine Unwucht an szenischen Zeichen: Manche sind klein und schrumpfen aufs Bedeutungslose, anderes, Nebensächliches wird aufgeplustert.

Zu hören ist auch ein heterogenes Ensemble, aus dem nicht nur aufgrund ihrer Größe die Riesen Fasolt (Jens-Erik Aasbo) und Fafner (Tobias Kehrer), aber auch Okka von der Damerau (Erda), besonders Olafur Sigurdarson als Alberich herausragen. Der Isländer ist am dritten Festspieltag schon in seinem dritten Einsatz zu bestaunen. Zunächst beim Open-Air-Konzert zur Eröffnung, dann als urkomischer Amfortas im Kinder-„Parsifal“ und nun als scharfkantig phrasierender, hochflexibler und eher hell timbrierter Alberich. Die Rolle wird von ihm nicht dämonisch aufgedonnert. Hier erlebt man tatsächlich einen Enttäuschten und Zu-kurz-Gekommenen, einen Desperado mit Lederjacke und Revolver, der seine Wut auf die Wotans auch als Klassenkampf auslebt. Ein Charakterkünstler eben, der problemlos ohne Regie-Mätzchen auskommt.

Markus Thiel | 27.07.2023

Tagesspiegel

Kinder sind auch keine Lösung

Auflauf oder Eintopf schmeckt manchmal besser, wenn man sie einen Tag stehen lässt. Gilt das auch für Opern? Findet die Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ von Valentin Schwarz nach ihrer Bayreuther Premiere 2022 jetzt mehr Anklang? Bei „Rheingold“, dem Vorabend, ist am Mittwoch besetzungstechnisch fast alles so wie im vergangenen Jahr, allerdings steht am Pult endlich derjenige, der – nachdem Cornelius Meister eingesprungen war und laut Berichten wenig überzeugen konnte – schon damals hätte dirigieren sollen: Pietari Inkinen, der aufstrebende, auch mit 43 Jahren noch sehr jugendlich wirkende Finne, der auch als Geiger Karriere macht.

Zunächst mal wirkt ein Teil des Publikums aber erleichtert, einfach nur Oper sehen und hören zu können, ohne Augmented Reality wie bei der „Parsifal“-Premiere am Dienstag. Die dazu nötigen Brillen wabern in Gesprächsfetzen so wie Beckmessers Motiv in den „Meistersingern“ auch jetzt noch durch die Treppenhäuser des Festspielhauses. Es sei, sagt ein Besucher zu seiner Begleiterin, eher diminished als augmented reality gewesen, eher verzwergte als erweiterte Wirklichkeit. Und tatsächlich ist man nach einigem Mäandern und Abwägen 24 Stunden später selbst bei der Meinung angelangt, die sowieso die erste war: Die Brillen sind letztlich überflüssiges „Gschmarri“, wie man in Franken sagt, lenken viel mehr ab, zerstreuen die Aufmerksamkeit, als dass sie zusätzliche Ebenen der Erkenntnis öffnen würden.

„Netflix“ klingt einfach heutiger
„Rheingold“ also: Wieder sind da zu den legendären aufsteigenden Es-Dur-Dreiklängen die Nabelschnüre und die beiden Föten auf der Leinwand zu sehen, der Rhein wird zum Fruchtwasser, Wotan und Alberich, so wohl die These des Regisseurs, kabbeln und verletzen sich schon als Ungeborene im Mutterleib (in welchem eigentlich?). Ein Ansatz, der zumindest in diesem ersten Teil der Tetralogie nicht wirklich weiterentwickelt wird. Viel war darüber zu lesen, dass die gewaltsamen Verstrickungen innerhalb einer Familie im Mittelpunkt stehen, der „Ring“ als Netflix-Soap war das Schlagwort – wobei „Netflix“ einfach heutiger klingt, solche Sendungen prägen seit Jahrzehnten das TV-Programm.

Dieses Bungalow ist viel zu eng
Sollte das Konzept also tatsächlich eine Soap-„Opera“ sein, schrumpft es auf der realen Bühne zur Miniatur. Schon der große Strom selbst, auf dessen Grund Alberich der Liebe entsagt und den Rheintöchtern (Evelin Novak, Stephanie Houtzeel, Simone Schröder) das Gold raubt, mutiert zum schmalen, schalen Planschbecken. Die Götter versammeln sich in einem Penthouse oder Bungalow, das mondän wirken soll, dafür aber viel zu eng und wuselig geraten ist – und zusätzlich von herumstehendem, oft funktionslosem Personal verstopft wird. So schrumpft der Mythos zum alles- und nichtssagenden Wimmelbild.

Wagners Weltenspiel im analytisch-grellen, alles klinisch ausleuchtendem Laborlicht: Das war auch schon jüngst an der Berliner Staatsoper so, offenbar ein Trend der Zeit. Sagenhaftes, Unerklärliches wird von der Bühne verdrängt, vielleicht auch eine unbewusste Reaktion vieler Regisseure: In Politik und Gesellschaft blüht schon genug Irrationalität, es droht der Abbau der liberalen Demokratie, überall grassieren aggressive Rückkehrwünsche zu angeblicher früherer Größe: in den USA, in Großbritannien, in Polen, Ungarn, Türkei. Russland bricht deshalb einen Krieg vom Zaun, und selbst Israel wird jetzt zum Gottesstaat.

Auch Pietari Inkinen verweigert sich dem (musikalischen) Zauber, dem Bayreuther Mischklang. Ordentlich, aber selten mitreißend und inspirierend, eher gedeckelt und mehltauig klingt das, was aus dem Graben zur Bühne strömt und von dort in den Zuschauerraum reflektiert wird. Dafür singt diese schrecklich nette Familie auf hohem Niveau. Herausragend: Olafur Sigurdarson als wuselig-kerniger Alberich und Okka von der Damerau, die als Erda eine sängerische Naturgewalt darstellt. Etwas ungerecht ist es trotzdem, dass sie für ihren Kurzauftritt den meisten Applaus erhält.

Udo Badelt | 27.07.2023

Online Musik Magazin

“Rheinkind” statt Rheingold

Eigentlich sollte Der Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Valentin Schwarz bereits 2020 Premiere feiern. Die Corona-Pandemie führte allerdings dazu, dass die Produktion erst zwei Jahre später zur Aufführung gelangen konnte, und so gibt es den neuen Bayreuther Ring in diesem Festspielsommer erst im zweiten Jahr. Schwarz bezeichnet das Werk in einem Interview im Programmheft als “Drama der Gegenwart” und will die Figuren mit einem “gegenwärtigen Identifikationspotential” inszenieren. Dafür verzichtet er in der Personenregie auf die “erhabene ‘Göttlichkeit’ ” und den Ring als Ring. Stattdessen sucht er nach einer abstrakteren Lesart. Das geht mal mehr und mal weniger auf. Den Ring als Menschenkind zu betrachten, den Alberich nach seinen Vorstellungen formt, um unendliche Macht zu erlangen, ist von der Grundidee interessant, bietet aber auch zahlreiche Fallstricke, in denen sich dieser Ansatz verfängt und dann eben nicht mehr funktioniert.

Beim Anfangsbild hat man noch den Eindruck, es könne vielleicht eine konventionelle Lesart folgen. Während das Festspielorchester unter der Leitung des finnischen Dirigenten Pietari Inkinen mit feinster Präzision das Es-Dur-Vorspiel herausarbeitet, sieht man in einer Videoprojektion von Luis August Krawen zunächst eine zart wogende Wasseroberfläche. Doch statt in den Rhein taucht man wohl in einen Mutterleib ein, in dem an zwei Nabelschnüren ein Zwillingspaar heranwächst. Dabei soll es sich um Alberich und Wotan handeln, die bereits in diesem Stadium in Streit geraten. Der eine Zwilling verletzt den anderen und es fließt augenscheinlich Blut. Damit soll angedeutet werden, dass Wotan die Macht gewinnt und in luftigen Höhen ein luxuriöses Leben führt, während Alberich als Nachtalbe sein Dasein fristet. Wenn sich der Vorhang zum Auftritt der Rheintöchter hebt, sieht man ein riesiges Wasserbecken, das sich als Swimming Pool über die ganze Bühne erstreckt. Dahinter hüten die Rheintöchter als Erzieherinnen in hellblauen Kleidern, die sie wie Gouvernanten einer anderen Zeit erscheinen lassen, acht Mädchen und einen Jungen, der ein gelbes T-Shirt und eine schwarz-gelbe Kappe trägt, was Fußball-Fans im Publikum eher an Borussia Dortmund als an das Rheingold denken lässt.

Wieso Alberich bereits von Anfang an in diesem Becken steht und dem Gesang der Rheintöchter lauscht, bevor die Musik eigentlich ganz klar sein Erscheinen herausarbeitet, erklärt sich nicht. Stattdessen greift er schon beim ausgelassenen Spiel der Rheintöchter der einen oder anderen, die zufällig an ihm vorbeikommt, unter den Rock. Evelin Novak, Stephanie Houtzeel und Simone Schröder finden als Woglinde, Wellgunde und Floßhilde stimmlich harmonisch aufeinander abgestimmt zusammen, auch wenn die Textverständlichkeit noch ausbaufähig wäre, zumal ja Bayreuth als nahezu einziges Haus immer noch auf eine Übertitelung der teilweise recht sperrigen Texte verzichtet. Aber die “Wagnerianer”, die zum Hügel pilgern, kennen ja in der Regel die Stücke sehr genau. Das riesige Becken ist mit der in den Hintergrund projizierten Landschaft zwar recht schön anzusehen, erschwert aber das Spiel der Figuren. So wirkt es fast unglaubwürdig, dass die Rheintöchter dem Alben stets entwischen. Auch wenn sie mit nassen Handtüchern, die sie zuvor ins Wasser getaucht haben, auf Alberich einschlagen, ist nicht ganz nachvollziehbar, wieso der Albe sich diese Demütigung gefallen lässt. Stimmlich punktet Ólafur Sigurdarson in der Partie des Alberich, die er hier schon im vergangenen Jahr interpretiert hat, mit kraftvollem Bariton. Als Schatz raubt er dann nur den Jungen im gelben T-Shirt, während die Mädchen sich im dritten Bild aber ebenfalls in Nibelheim befinden.

Beeindruckend vollzieht sich dann der Wechsel vom ersten zum zweiten Bild. Das Becken verschwindet im Bühnenboden, und aus dem Hintergrund erscheint ein zweistöckiges Edel-Apartment, das in einer luxuriösen Ausstattung die Welt der “Götter” zeigt, die sich hier in ihrem Wohlstand ein wenig zu langweilen scheinen. Auf der linken Seite befindet sich in der ersten Etage eine Art Büro mit einem Bett, auf der rechten Seite führt eine Treppe aus dem Salon wohl zur Burg Walhall, die die Riesen errichtet haben. Erda gehört zum Personal und beobachtet schon jetzt als Dienstbotin das Geschehen. Die Riesen erscheinen mit einer Luxuskarosse, die unter dem Büro auf der linken Seite geparkt ist. Bei ihrem Auftritt wird eine Art Garagentor geöffnet. Neu besetzt ist in diesem Jahr die Partie des Wotan mit Tomasz Konieczny, der mit kraftvollem Bassbariton und guter Textverständlichkeit punktet. Wie im Vorjahr begeistert Christa Mayer als Fricka mit sattem Mezzosopran, und auch Raimund Nolte und Attilio Glaser lassen als Donner und Froh wie im Vorjahr keine Wünsche offen. Hailey Clark verfügt als Freia über einen leuchtenden Sopran. Wieso sie als Göttin der Jugend ewig mit einer braunen Decke gewärmt wird, erschließt sich nicht wirklich. Jens-Erik Aasbø und Tobias Kehrer überzeugen als Riesen Fasolt und Fafner mit tiefschwarzen Bässen.

Daniel Kirch legt die Partie des Loge nicht nur mit hellem Tenor an, sondern unterstreicht auch in der Personenregie die Windigkeit der Figur. Dabei zeigt ihm Schwarz allerdings keine allzu große Sympathie. Zwar unterstützt Loge Wotan bei seinem Vorhaben, die Riesen mit dem geraubten Gold zu entlohnen, nimmt es aber relativ gleichgültig auf, dass die Götter mit dem Einzug in Walhall ihrem Ende entgegengehen. In der Zeichnung der Figur hat man schon überzeugendere Regie-Arbeiten gesehen. Auch die Beziehung zwischen Fasolt und Freia wirft einige Fragen auf. Entsteigt sie im vierten Bild dem Auto relativ traumatisiert, wundert man sich später, als Fafner Fasolt erschlägt, wieso sie der Tod des Riesen betroffen machen soll.

Nibelheim ist im dritten Bild eine videoüberwachte Kindertagesstätte, in der acht Mädchen in feinen rosa Kleidchen an Tischen in einem Glaskasten sitzen und unter Mimes Aufsicht Bilder malen. Arnold Bezuyen verfügt als Mime über einen hellen Tenor. Der Junge nimmt hier eine besondere Stellung ein und steht für Alberichs Macht über die Nibelungen. Aber soll er jetzt den Ring und gleichzeitig die Tarnkappe darstellen? Zur Tarnkappe scheint Schwarz nämlich in seinem Ansatz keine wirkliche Idee zu haben. Das Geschmeide ist ja von Mime hergestellt worden. Hat er den Jungen unterrichtet? Wieso richtet sich der Junge dann im nächsten Augenblick gegen ihn? Wenn Alberich “die Tarnkappe aufsetzt”, um sich unsichtbar zu machen und Mime zu malträtieren, sucht er zu dem Jungen im Glaskäfig Handkontakt und scheint darüber enorme Kraft zu erlangen. Das geht nicht wirklich auf. Auch die Verwandlungen in Anwesenheit von Loge und Wotan funktionieren nur bedingt. Wenn Alberich die beiden in Angst und Schrecken versetzen soll, tauscht Alberich die Pistole, die er bei sich trägt, gegen ein Maschinengewehr mit einem langen Magazin aus, das als Kette durchaus einen riesigen furchteinflößenden Wurm ersetzen kann. Dass sich Loge und Wotan darüber amüsieren, lässt sich eigentlich nur so erklären, dass Alberich mit dem Maschinengewehr hinter der Scheibe steht und damit vielleicht nicht wirklich Schaden anrichten kann. Zur Kröte fällt Schwarz dann jedoch nichts etwas ein. So bleibt völlig unklar, wie Loge und Wotan Alberich überwältigen und den Jungen und ihn aus Nibelheim herausführen können.

Auch die Auslösung Freias kann nicht wirklich überzeugen. Als Gold wird den Riesen ein Mädchen aus Nibelheim angeboten, welches Mime als Schatz gebracht hat. Hier wird aber nichts aufgestellt, was Freia verdecken könnte. Von daher liegen hier gesungener Text und Darstellung vollkommen auseinander. Der Junge, der oben im Büro spielt, wird dann von den Riesen bemerkt und anstelle des Mädchens eingefordert. Als Wotan sich weigert, wird das der Hausangestellten Erda zu viel. Sie lässt ein Tablett fallen und spricht ihre Warnung aus. Okka von der Damerau präsentiert sich dabei stimmlich mit wunderbarer Diktion und dunkel gefärbtem Mezzosopran als Glanzpunkt des Abends. Zwar versteht man in der Inszenierung nicht, wieso Wotan anschließend fragt “Wer bist du, mahnendes Weib?”, aber vielleicht hat er sie als Dienstbotin bis jetzt nicht zur Kenntnis genommen. Das Mädchen sucht Schutz bei Erda und geht mit ihr ab, was wohl schon einen Bezug zur Walküre herstellen soll. Handelt es sich hierbei um Brünnhilde?

Nach dem Tod Fasolts und dem Abgang Fafners mit dem Jungen driftet die Inszenierung ein wenig in Klamauk ab. Donner holt seinen Golfschläger hervor, mit dem er zuvor den Riesen gedroht hatte, und holt zu einem großen Schlag aus, den jedoch ein Schmerz im Rücken verhindert, so dass das ausgelöste Gewitter, das die Luft reinigen soll, nur ein kleiner winziger Stoß ist. Wotan ist der einzige, der die Treppe zu Walhall emporsteigt und auf der oberen Ebene zum Gesang der Rheintöchter albern herumtanzt, was völlig unmotiviert ist. Die Rheintöchter sind nicht mehr zu sehen, sondern nur zu hören. Freia setzt sich die Waffe an den Kopf und drückt beim Fallen des Vorhangs wohl ab. Sie wird also nicht mit in Walhall einziehen. Wirft die Inszenierung auch einige Fragezeichen auf, lässt die musikalische Seite keine Wünsche offen. Inkinen führt das Festspielorchester feinfühlig durch die Partitur, arbeitet die zahlreichen Motive, die hier bereits das erste Mal anklingen sehr differenziert heraus und ist sicherlich mitverantwortlich für den tosenden Applaus, der nach dem Fallen des Vorhangs im Festspielhaus ausbricht.

FAZIT
Valentin Schwarz’ Regie-Ansatz hat gute Ideen, die bei der Umsetzung allerdings an ihre Grenzen stoßen und an vielen Stellen mit dem gesungenen Text nicht in Einklang zu bringen sind.

Thomas Molke | Festspielhaus Bayreuth am 26. Juli 2023

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Media Type/Label
Technical Specifications
633 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 721 MByte (flac)
Remarks
In-house recording from the Bayreuth festival
A production by Valentin Schwarz (2022)
This recording is part of a complete Ring cycle.