Tannhäuser

Antony Hermus
Opernchor des Theaters Hagen
Philharmonisches Orchester Hagen
Date/Location
10 June 2007
Theater Hagen
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
HermannAndrey Valiguras
TannhäuserDario Walendowski
Wolfram von EschenbachFrank Dolphin Wong
Walther von der VogelweideDominik Wortig
BiterolfPlamen Hidjov
Heinrich der SchreiberRichard van Gemert
Reinmar von ZweterTobias Pfülb
ElisabethDagmar Hesse
VenusDagmar Hesse
Ein junger HirtTanja Schun
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Online Musik Magazin

Happy end in weißer Gleiße

Nach 7 fruchtbaren Jahren verlässt Rainer Friedemann Hagen und verabschiedet sich mit einem deutlichen Akzent. Als wollte er seiner Deutung des Fazits seiner Hagener Zeit die Richtung weisen, greift er Wagners eigenes Verständnis auf, „der Welt noch den Tannhäuser schuldig“ zu sein und erteilt dem heimatlosen Wandler zwischen den Welten nach 160-jähriger Verdammung Absolution und nimmt ihn in den Himmel auf. Denn hat man in der Moderne daran sich gewöhnt, dem Erlösungsgedanken zu misstrauen und ihn in der Darstellung durch bildliche Verweigerung zu brechen, geht Friedemann in seiner letzten Hagener Inszenierung den umgekehrten Weg und präsentiert der erstaunten Öffentlichkeit erstmals einen Tannhäuser mit happy end.

Dem kann man freilich fröhlich weiter misstrauen, ist doch die Auslagerung des Glückes in die Gefilde der postmortalen Lichtwesen zugleich eine Kapitulation vor dem Beharrungsvermögen der irdischen Hierarchien und ihrer Schrecknisse. Stimmig – wenn auch nicht zwingend – stellt Friedemann im Bühnenbild von Walter Perdacher Bilder zusammen, die im Hirn haften bleiben. Das beginnt schon gleich in der ersten Szene mit dem wuchtigen Venus-Koloss, der zusammen mit dem darauf tanzenden Paar an erotischer Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Es setzt sich fort in der nicht minder kolossalen Madonnenstatue des dritten Aufzuges und mündet in das unersehene Erlösungsgeschehen, das allerdings die von Wagner selbst gespürten Werk-Schwierigkeiten nur teilweise auflöst.

Denn die Wartburggesellschaft im zweiten Aufzug präsentiert sich weniger in steifer Lustfeindlichkeit als durch Grobschlächtigkeit ihres Gehabes, Intoleranz gegen Außenseiter sowie Kälte und Gewaltbereitschaft gegen ihre Behinderten und Armen; dort ist Elisabeth von Anfang an vollkommen ausgestoßen, die folglich am ganzen Sängerkrieg rein passiv teilnimmt und auch bei Tannhäusers Beiträgen nicht reagiert. In dieser Umgebung mit zahlreichen uniformierten Militärs – darunter sehr passend Biterolf – gibt es keine Wärme des Landgrafen zu seiner Nichte oder eine irgendwie nähere Freundschaft zwischen Heinrich und Wolfram, was vom Text so nicht gedeckt ist. Elisabeth, scheinbar Polio-geschädigt auf Krücken humpelnd, muss sich gar vom Onkel ihre Gehhilfen weghauen lassen. Weder wird richtig klar, was diese sich und ihren Status recht ausgelassen feiernde Gesellschaft an Tannhäusers Botschaft so verwerflich finden könnte, noch warum diese chauvinistische Gewalttruppe ausgerechnet vom Flehen einer halbstummen Behinderten – noch dazu einer Frau – derartig sich beeindrucken lässt, dass sie ihren Racheplan aufgibt. Dass und wie viel dies mit uns zu tun habe, will die Regie uns wohl dadurch nahe legen, dass ab dem zweiten Aufzug der Hintergrund des Bühnenraumes mit Theaterrängen ausgemalt ist, als ob Publikum und Akteure vertauscht wären, ein zwar nicht mehr ganz frischer, aber immer noch aufklärerischer Gedanke.

Da sie selbst ja wenig sagt, entlehnt sich ihre Charakterisierung weitgehend der Legende von der heiligen Elisabeth, indem sie Brot verteilt als Wohltäterin jener Armen, deren Betteln zuvor von den heimkehrenden Pilgern rüde abgewiesen worden war – auch sie also ein frommer Teil der Thüringer Hartherzigkeit. Ob’s da noch nötig war, die von der Legende berichteten Wohltätigkeits-Konflikte mit dem Oheim zu illustrieren durch das stumme Erscheinen einer besonderen Art Geheimpolizei, die Elisabeth abführt, als sie sich anschickt, sich eventuell mit Wolfram zu versöhnen, mag ich nicht bejahen, aber dass der Himmel ein Erbarmen habe angesichts soviel Leidens der Gerechten, leuchtet dem Gefühl unmittelbar ein. Dann mag sie auch ihren gereinigten G’spusi erlösen, um mit ihm in das Licht zu schreiten – leider musste dafür die gesamte Wiedererscheinung der Venus entfallen, waren doch beide weiblichen Partien als Wiederaufgriff von Götz Friedrichs Idee aus Bayreuth 1972 durch dieselbe Dagmar Hesse besetzt, ohne dass dem hier wie weiland vor 35 Jahren eine fundamentale Aussage über die geheime Identität scheinbar widersprüchlicher Entwürfe von Weiblichkeit zu erkennen wäre – hier wird eher die Differenz zementiert.

Stimmlich jedoch geht der Regieeinfall voll auf und kann keineswegs als Verlegenheitslösung mangels zweiter Sopranistinnen missdeutet werden; Dagmar Hesse besteht beide Partien gleichermaßen bravoureus und unerschöpft, dass man ihr gar noch einen dritten Part hätte anvertrauen können, wenn’s denn einen gäbe! Kraftvoll ohne Schärfe und mit viel Sinn für sprachliche Differenzierung, traf sie für Göttin und Heilige den je richtigen Tonfall. Andrey Valiguras’ Landgraf Hermann kämpfte bisweilen mit dem Akzent, tönte und spielte ansonsten engagiert entsprechend der Inszenierung betont unterkühlt.

Dario Walendowski besteht die Tannhäuser-Partie mit gemischtem Erfolg, teilweise grenzwertig in der Sprachbeherrschung und Verständlichkeit, stark in der Verve seiner Gesamtdarstellung, vom Tonfall manchmal etwas spitz – immerhin pressfrei höhenstark und kommt so unbeschadet durch die mörderischen Anforderungen der Romerzählung, wenn auch ein wenig glanzarm im Forte.

Frank Dolphin Wong als Wolfram kultiviert weniger den obertonreichen-sonoren Klang, der dem Ideal des warmherzigen, mitfühlenden Freundes entspräche. Da aber schon die Inszenierung ihn vielmehr als integralen Bestandteil des Wartburg-Establishments versteht, liegt es nahe, auch seinen Gesang mehr in Kongruenz zur Umgebung zu situieren, demzufolge wir hier weniger Engagement bis Schwärmerei als vielmehr klare Präzision bis hin zur teilnahmslosen Akkuratesse zu hören bekamen. Von seinen höfischen Gesellen unterscheidet er sich auch ohnedem noch hinreichend durch den weißen Künstlerschal, den er allein und dafür immer trägt. Von den “kleineren“ Minnesängern singt Dominik Wortig (Walther) etwas besser als Plamen Hidjov (Biterolf); doch beiden wären Partien zu wünschen, die mehr als nur einen Auftritt bieten.

Der Raumbedarf der üppigen Bilder führt aber leider auch dazu, dass der Chor – wahrlich keine unwichtige Nebenrolle und ansonsten in guter Verfassung – allzu oft aus dem off eingespielt werden muss. Beinahe intonationssicher, freut man sich stets, man ihn überhaupt zu sehen bekommt. Die Bühnentrompeten fehlen ebenfalls, und die Venus des dritten Aufzugs singt gleichfalls unsichtbar: ist es wirklich unvermeidbar, dass Leute, die leibhaftig im Theater anwesend sind, nur via Boxen eingespielt werden müssen? Dem Orchester ist zu seiner Leistung rückhaltlos zu gratulieren; das philharmonische Orchester Hagen zählt zweifellos zu den starken Klangkörpern unseres Landes.

FAZIT
Kein wegweisend neuer Entwurf trotz höchst originellem Finale, leider erkauft mit allzu vielen technischen Schwächen, dessen Gesamteindruck dennoch einzunehmen vermag.

Ralf Jochen Ehresmann | Premiere im Theater Hagen am 10. Juni 2007

Westfalenpost

Die Last mit der großen Lust

Im Venusberg ist Hochleistungs-Erotik angesagt, und die wird für Tannhäuser zur Lustfalle. Mit Wagners gleichnamiger Oper verabschiedet sich Intendant Rainer Friedemann vom Theater Hagen. Das Publikum feierte die Inszenierung mit langanhaltendem Beifall.

Bühnenbildner Walter Perdacher hat für “Tannhäuser” einen Rundhorizont entworfen, der sich in der Wartburg-Szene als Theater im Theater entpuppt. Hier spielen alle ein falsches Spiel, nur die beiden Außenseiter, Tannhäuser und Elisabeth, begreifen das nicht. Wie so oft in seinen Regie-Arbeiten untersucht Friedemann auch im “Tannhäuser” die gesellschaftlichen Verhältnisse hinter der Handlung und entlarvt den Hof des Landgrafen als Brutstätte von Doppelmoral und Heuchelei.

Elisabeth, die an Krücken geht, die ihr der eigene Vater auch noch wegschlägt, hat in diesem brutalen Milieu gar keine Alternative, etwas anderes als eine Heilige zu werden. Denn die Sänger, die ihre Keuschheit preisen, würden eine verkrüppelte Frau nicht mit der Kneifzange anfassen.

Dieses Konzept ist schlüssig, aber auch gefährlich. Denn es rückt den Blick weg vom Titelhelden. Elisabeth wertet Friedemann dafür gleich in mehrerer Hinsicht auf: Er fügt die katholische Rosenwunder-Legende Wagners Mischung aus Venusberg-Sage und Sängerkrieg hinzu. Und er besetzt Venus und Elisabeth, also Hure und Heilige, mit einer Sängerin; so wird deutlich, dass Tannhäuser ein Problem mit seinem Frauenbild hat.

Götz Friedrich hat 1972 in Bayreuth einen Skandal mit eben dieser Besetzungsvariante ausgelöst. Den Begriff “Venusberg” interpretiert das Bühnenbild des ersten Aktes übrigens ganz wörtlich.

Der Lobpreis der unberührten Liebe ist also pure Lüge, das stellt Friedemann heraus. Dabei übersieht er, dass Wagners Opern kaum Ironisierung vertragen. Wenn der Chor in lüsterner Sektlaune die Sänger wie Boxchampions im Ring anfeuert und diese die Augen verdrehen, bevor sie loslegen, wird überdeutlich, was Friedemann sagen will. Gerade wegen dieses Zuviels an Regie driftet die Szene hier ins Operettenhafte ab.

Hagen spielt die Oper in der Dresdner Fassung mit dem ersten Akt der französischen Fassung. Diese Klänge haben nicht so viel Ohrwurm-Qualität, enthalten aber die explosiv-sinnliche Venusberg-Musik nach der Ouvertüre, bei der GMD Antony Hermus und die brillant spielenden Hagener Philharmoniker Wagners erotischen Phantasien nichts schuldig bleiben.

Hermus sucht eine flotte Deutung des Werkes, die nicht auf Pathos setzt, sondern viele tänzerische Impulse vermittelt. Es gibt das große Wagner-Forte, aber Hermus achtet auch darauf, die Zwischentöne hörbar zu machen.

Sängerisch ist die Produktion hervorragend besetzt. Dass Hagen einen “Tannhäuser” ohne Gäste auf die Beine stellen kann, spricht für das Niveau des Hauses. “Tannhäuser” ist eine Choroper, und der von Uwe Münch einstudierte Opernchor, von den aktuellen Rotstift-Plänen der Hagener Politik bedroht, demonstriert eindrucksvoll seine Existenzberechtigung.

Auch mittlere Rollen wie Walther und Wolfram sind mit Dominik Wortig und Frank Dolphin Wong erstklassig besetzt. Dario Walendowski hat in dieser Saison in Hagen viele Riesen-Partien bewältigt. Allerdings ist der Tannhäuser nicht sein Fach. Und dennoch überzeugt Waldendowski. Denn er versucht erst gar nicht, den jungen Wilden zu geben, er charakterisiert seinen Tannhäuser mit viel Stehvermögen und schönen lyrischen Akzenten als von seinen Phantasien überforderten alternden Rebellen.

Dagmar Hesse ist eine großartige Wagner-Sopranistin. Sie war als “Senta” eine Sensation, und als Venus/Elisabeth begeistert sie noch mehr. Dagmar Hesse hat das Wagner-Volumen, aber sie hat vor allem jenen Ausdruckswillen, der ihre Partien so lebendig werden lässt. Als Venus ist sie eine Domina mit metallisch blitzendem, erotisch schillerndem Sopran, als Elisabeth singt sie mit wunderbar keuschem Timbre.

Nach sieben Jahren Intendanz ist Rainer Friedemann zu Recht stolz auf die Leistung, die er hinterlässt. “Wir sind als Ensembletheater auf einem Höhepunkt angekommen, der rundherum seinesgleichen sucht”, so sein Abschiedsgruß an das Publikum.

Monika Willer | 11.06.2007

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Media Type/Label
Technical Specifications
684 kbit/s VBR, 44.1 kHz, 839 MiB (flac)
Remarks
In-house recording
A production by Rainer Friedemann (premiere)
The performance is a mixture of the Paris version (act 1) and the Dresden version (act 2 and 3).