Das Rheingold

Simon Rattle
Berliner Philharmoniker
Date/Location
23 June 2006
Philharmonie Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanWillard White
DonnerDetlef Roth
FrohJoseph Kaiser
LogeRobert Gambill
FasoltEvgeny Nikitin
FafnerAlfred Reiter
AlberichDale Duesing
MimeBurkhard Ulrich
FrickaLilli Paasikivi
FreiaMirelle Delunsch
ErdaAnna Larsson
WoglindeSarah Fox
WellgundeVictoria Simmonds
FloßhildeEkaterina Gubanova
Gallery
Reviews
klassik-in-berlin.de

Ein Dirigent auf Schatzsuche

Simon Rattle und die Philharmoniker nehmen sich Wagner vor

In einem jüngst veröffentlichten Interview stellte Christian Thielemann die These auf, dass die Größe der künstlerischen Qualität eines Orchesters durch die Besucherzahlen messbar sei. Wenn man also schon allein die Auslastung der Berliner Philharmoniker unter die Lupe nimmt, kann es bei Simon Rattle doch nur ein müdes Lächeln hervorzaubern, wenn das Feuilleton einer Zeitung der Meinung ist, dass der amtierende Chefdirigent ein Klangräuber sei und man längst an seiner vorzeitigen Vertragsauflösung arbeite. Warum nur ließ sich der Orchestervorstand zu einem Dementi hinreißen? Alle Kulturinstutionen der Stadt jammern – rein wirtschaftlich gesehen – über das anhaltend schöne Sommerwetter, über Berlin im WM-Taumel, über eine Welt zu Gast, deren Freunde eben nicht Brecht oder Beethoven heißen. Dies alles scheint an den Philharmonikern spurlos vorüberzuziehen. War schon das Waldbühnenkonzert vom letzten Sonntag rappelvoll, so schimmerte auch Wagners Rheingold vor ausverkauftem Saal.

Zunächst einmal war die Spannung, wie Rattle in Anbetracht des Karajanschen Ring-Erbes bzw. der Barenboimschen Wagner-Übermacht einen Platz einnehmen wolle, höher, als der tatsächlich hörbare. Jungfräulich ist die Welt – noch jedenfalls. Die Philharmoniker sprangen mit einem säuberlichen, fast schon klinisch reinen Klang in die Wogen des Rheins. Sprudelte Ring- und Walhall-Thema noch mit romantischem Flair, so begann mit dem Auftritt der Riesen die lyrische Tongebung mehr und mehr in den Hintergrund zu treten. Evgeny Nikitin (Fasolt) und Alfred Reiter (Fafner) mahnten in textdeutlichem, finstren Bass an die Verträge. Harmonisch waren die Netze der Leitmotive ausgeworfen, als Rattle in den Orchesterzwischenspielen Tempi anzog und Lautstärke erhöhte. Scharf in Akzent und Rhythmik fuhren Loge und Wotan nach Nibelheim. In diesem Zusammenhang waren Hammer und Ambosse phänomenal eingesetzt. Die Szenen mit Alberich waren von dunkler Theatralik gekennzeichnet: dichte Celli, große Bögen, satte Hörner. Fast wie ein Chamäleon spielte Rattle mit Farben, suchte im Vorabend des Rings die Wechselwirkung, um dennoch Ehrfurcht erkennen zu lassen. Wenig Pathos, wenig Show.

Dies kam den Solisten zugute, die, hinter dem Klangkörper stehend, auf Händen getragen wurden. Willard W. White war kein polternder sondern ein eleganter Göttervater, ein kernig und markanter Gentlemen. Schade, dass seinem Wotan ab “Abendlich strahlt der Sonne Auge” langsam die Kondition verließ. Robert Gambills Loge sprintete in die vorderste Reihe; die Stimme besaß genug Volumen und Kraft für einen Feuergott. Allerdings war sein penetrant nasales Timbre nicht jedermanns Geschmack. Mit Dale Duesing stand ein Theatertier als Alberich auf dem Podium, der markant auftrumpfte und auch vor hässlichen Tönen nicht zurückschreckte. Nicht vollends begeistern konnten Detlef Roth als braver Donner, Lilli Paasikivi als leicht gedämpfte Fricka und Mireille Delunch als scharftönende Freia. Dagegen berückten sowohl der kultivierte Sopran von Anna Larsson (Erda) als auch die stimmlich gewandten Tenöre Joseph Kaiser (Froh) und Burkhard Ulrich (Mime). Als einen großen Glücksfall kann man die anmutigen und sinnlichen Rheintöchter bezeichnen: Sarah Fox (Woglinde), Victoria Simmonds (Wellgunde) und Ekaterina Gubanova (Flosshilde) nahmen mit glockenklaren und unschuldigen Soprantönen für sich ein.

Bevor es in der Heimatstätte wohl erst 2007/08 mit der Walküre weitergeht, fahren die Philharmoniker mit ihrem Chef und dem Regisseur Stéphane Braunschweig zur ersten szenischen Schmiedung des neuen Rings nach Aix-en-Provence. Dort sind schon jetzt alle Tickets vergriffen.

Heiko Schon | 23. Juni 2006

Berliner Morgenpost

Wagner auf dem Laufsteg

Klanggold zuhauf: In der vor Begeisterung schier rasenden Philharmonie führte Simon Rattle konzertant Wagners “Rheingold” auf. Sir Simon sorgte für die erforderliche Wärme der Tongebung. Er führte seine durch die Bank ausgezeichneten Sänger und die fabelhaft aufgelegten Berliner Philharmoniker buchstäblich in den Triumph. Endlich ist Sir Simon in Berlin wirklich angekommen und hat den Platz auf seinem Podest in Philharmonie über pausenlose knapp drei Stunden hin zu Recht eingenommen.

Dabei gehört das “Rheingold” ja seit Ewigkeiten nicht gerade zu den Kassenschlagern. Hier aber wußte es, auf unglaubliche Art Furore zu machen. Dazu trugen auch die zum Mitlesen rundum projizierten Texte bei. Sie rissen vor aller Augen Wagners grandioses Projekt auf und erleichterten es dem Zuhörer, ihm mit tiefstem Verständnis zu folgen. Das Agieren der Sänger auf dem schmalen Laufsteg hinter dem Orchester suggerierte knapp und klar ohne jede falsche Theatralik einleuchtend die Aktionen. Deutlich wurde mit einem Schlage, mit welcher dramatischen Imaginationskraft, aber auch mit welcher dichterischen Potenz Wagner die Charaktere der Handlung zu zeichnen verstanden hatte. “Das Rheingold” wuchs sich aus zu einem wundersamen musikalischen Rollenspiel, in das die Sänger mit Überlegenheit tauchten.

Willard W. White sang die zögerliche Partie Wotans, des göttlichen Betrügers, mit seiner löchrigen Autorität. Glänzend über die Massen führte Robert Gambill, stimmwieselnd, den Loge ein: die Klarsicht und gleichzeitig die Verschlagenheit in Person. Dale Duesing war als Alberich die fleischgewordene Drohung. Man lernte in dieser Aufführung mehr über Politik, als dem Bundestag und seinen Parteien je recht sein kann.

Aber auch die Jungmannen vom Götter- wie Riesengeschlecht standen hervorragend ihren Mann. Joseph Kaisers schmucker Tenor verstand als Froh leichtstimmig zu jubilieren, Detlef Roth donnerte nicht etwa die Rolle des Donners hin, er sang ihn linienschön und geschmackvoll. Evgeny Nikitin war mit klagendem und begehrendem Baß der am Ende erschlagene Fasolt, der einzig wirklich Liebende in der Runde. Alfred Reiter wuchtete aus sonorer Baßtiefe vorbildlich den glühenden Fafner heraus: die personifizierte singende Mißgunst. Lilli Paasikivi umlullte ihren Wotan als Fricka. Anna Larsson sang gebieterisch und rätselhaft unzugänglich die Erda. So schloß sich der Stimmreigen in vokaler Vorzüglichkeit. Kein einzelner rang um die Krone. Teamwork war angesagt, ringsum getragen vom Glanz des Orchesters: eine Pracht.

Klaus Geitel | 25.06.2006

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320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 359 MByte (MP3)
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