Das Rheingold

Daniel Barenboim
Staatskapelle Berlin
Date/Location
23 March 2013
Staatsoper Unter den Linden im Schillertheater Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanRené Pape
DonnerJan Buchwald
FrohMarius Vlad
LogeStephan Rügamer
FasoltIain Paterson
FafnerMikhail Petrenko
AlberichJohannes Martin Kränzle
MimePeter Bronder
FrickaEkaterina Gubanova
FreiaAnna Samuil
ErdaAnna Larsson
WoglindeAga Mikolaj
WellgundeMaria Gortsevskaya
FloßhildeAnna Lapkovskaja
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Reviews
konzertkritikopernkritikberlin.wordpress.com

Es ist ein Elend mit Cassiers Ring. Ach Jottchen, ist dies Rheingold langweilig. Regisseur Guy Cassiers gibt der Einfallslosigkeit den Vorrang vor der Langeweile. Nur zwei Beispiele. 1. René Pape entwickelt die Standfestigkeit einer Berliner Litfasssäule. 2. Sidi Larbi Cherkaouis Tanztruppe bietet redundantes Leiber-Gewurschtel.

Auch das noch: Wagner ließ sich nie dümmere Alliterationen einfallen als in Rheingold. Man ist einiges gewohnt als Wagner-Liebhaber. Aber heute ist es hart. Das ist Fakt. Jeder kann es nachlesen.

Das Rheintöchtergeschwader besteht aus den kecken Damen Aga Mikolaj, Maria Gortsevskaya und Anna Lapkovskaja. Erstere mit gerundetem Soft-Sopran, zweite mit durchdringendem und dritte mit hauchigem Mezzo. Die drei hatten Spaß, was manche joviale (vokale) Ausgelassenheit besonders ohrenfällig suggerierte.

Alberich ist Johannes Martin Kränzle. Kränzles Alberich bietet einen hell, rasch vibrierenden Tenor mit schmalem, kehligem Stimmschall. Seine Diktion ist von prägnanter Präzision. Litfass-Pape versieht seinen Dienst im Zweireiher. Lockeres Piano, festes Forte, souverän sonore Pracht. In der Fricka von Ekaterina Gubanova kündigen sich schon die zickigen Zankereien der Walküre an. Die lieblich-frische Freia Anna Samuil, naja, sang sehr gut.

Stephan Rügamer leiht Loge sein hellstimmiges, akrobatisches Parlando. Für mich mit etwas zu neutralem Klang. Anna Larsson ist eine säuerliche Erda.

Das Rheingold wahrt unter Barenboims Staatskapelle einen abgedämpft schmeichlerischen Klang, eine geschmeidige Parlando-Leisheit, die auch mal in wonnige Behäbigkeit umswitcht. Der Graben ist abgesenkt.

Schlatz | 5. April 2013

Online Musik Magazin

Der Ring als Handschuh

Einen “Ring für das 21. Jahrhundert”, der im “Jetzt”, “der Kulisse unserer eigenen Gegenwart und Zukunft” stattfinden werde, verspricht Michael P. Steinberg im Programmheft zum Rheingold. Wer nun aber befürchtet, in Berlin eine dieser zahllosen Deutungen des modernen Regietheaters zu erleben, in denen der Mythos mehr oder weniger stimmig auf die moderne kapitalistische Welt übertragen wird, kann beruhigt werden. Das “Jetzt” in Guy Cassiers’ Inszenierung ist so abstrakt gehalten, dass man eher von einem zeitlosen Ansatz sprechen kann. Doch auch wenn man mit einer solchen Deutung durchaus einen Spagat zwischen den Verfechtern einer librettonahen, klassischen Produktion und den Befürwortern einer erforderlichen Modernisierung und Anpassung an die Zeit wagen kann, ist an diesem Abend zumindest szenisch nicht alles Gold, was glänzt.

Dabei beginnt alles sehr vielversprechend. Nachdem Daniel Barenboim mit der Berliner Staatskapelle in den ersten 136 Takten des Vorspiels die Entstehung der Natur sehr bedächtig zelebriert hat, schaffen Guy Cassiers und Enrico Bagnoli für die erste Szene im Rhein ein großartiges Bühnenbild, das in grünlichen Projektionen auf der Rückwand eine Unterwasserwelt entstehen lässt. Auch wie bei den ersten Sonnenstrahlen das Rheingold langsam beginnt zu schimmern, ist von der Lichtregie großartig umgesetzt. Die Kostüme für die Rheintöchter, für die Tim Van Steenbergen verantwortlich zeichnet, unterstreichen ebenfalls ein mythisches Ambiente. Dass die Bühne dabei mit Wasser geflutet ist, wirkt zwar beim Spiel der Rheintöchter authentisch, entwickelt sich jedoch mit dem Auftritt Alberichs zu einem regelrechten Problem. Ein szenisches Spiel zwischen dem Nachtalben und den Rheintöchtern findet nämlich so gut wie gar nicht statt. Wenn eine der Nixen mit Alberich spielt, befindet er sich bei einer anderen. So verkommt die Szene nahezu zu Rampensingen, ohne dass Alberich die Mädchen zu fangen versucht. Liegt es daran, dass die Solisten befürchten, auf dem glatten Boden auszurutschen? Vielleicht hätte man dann lieber auf das Wasser verzichten sollen, zumal sich für die folgenden Szenen ein weiteres Problem ergibt: wohin mit dem Wasser?

Zwar werden Teile des Bühnenbodens nach der ersten Szene leicht emporgefahren, so dass das Wasser nicht mehr den ganzen Bühnenboden bedeckt. Weg ist es aber keineswegs, so dass es zum einen befremdlich wirkt, wenn auf Bergeshöhen oder in Nibelheim die Solisten plötzlich in einer Pfütze landen, zum anderen es auch akustisch stört, dass man in den leisen Passagen ständig rauschendes Wasser hört. Hinzu kommen andere Nebengeräusche, die den musikalischen Genuss bisweilen beeinträchtigen, weil das Laufen auf dem emporgefahrenen Bühnenboden häufig knarrt und scheppert. Vielleicht bleibt die Inszenierung deshalb auch im weiteren Verlauf so statisch, da die Sänger sich auf dem Bühnenboden ein wenig unwohl fühlen. Die Riesen lassen lieber ihre überdimensionalen Schatten, die auf die Rückwand projiziert sind, handeln und begnügen sich mit großartigem Gesang. Regelrecht störend wirkt dies nur an einer Stelle, wenn Fasolt dem Bruder vorwirft, den ganzen Schatz an sich zu raffen, ohne dass er dies eigentlich hätte wahrnehmen können, da der Bruder die ganze Zeit hinter ihm agiert.

Einen wichtigen Bestandteil der Inszenierung stellen die acht Tänzerinnen und Tänzer der Eastman Company dar, die einerseits die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen durch Bewegungen bebildern, andererseits auch den Sängern zur Seite gestellt werden. Besonders beeindruckend gelingt dies im dritten Bild, wenn Wotan und Loge nach Nibelheim herabgestiegen sind. In Alberichs Machtzentrale formen sie zum einen einen Sessel, von dem aus der Schwarzalbe die Macht über die Nibelungen ausübt, zum andern bilden sie auch die Tarnkappe, in der Alberich dann quasi vollständig verschwindet, wenn er sie aufsetzt. So kann er sich zunächst unsichtbar machen, um seinen Bruder Mime zu quälen, und später in einen Riesenwurm verwandeln, wobei die Tänzer in einer Art Knäuel in dieser Szene über Loge herfallen. Die Verwandlung in eine Kröte verpufft jedoch in der Wirkung, da Alberich sich nur hinter die Tänzer kauert und anschließend von Wotan und Loge überwältigt wird. Im Folgenden dienen die Tänzerinnen auch als Fesseln, aus denen die Lichtalben Alberich erst befreien, nachdem er ihnen den kompletten Schatz ausgehändigt hat. Wieso der Ring in dieser Inszenierung ein glänzender Handschuh ist, mag jeder für sich selbst deuten.

Sieht man von diesen kleineren Unstimmigkeiten ab, gelingt Cassiers allerdings im Großen und Ganzen eine überzeugende Deutung, was nicht zuletzt auch den stimmigen Videoprojektionen von Arjen Klerkx und Kurt D’Haeseleer zu verdanken ist. Selbst wenn man sich aber nicht mit Cassiers’ Ansatz anfreunden kann, dürfte das musikalische Niveau für alles andere entschädigen. Die hochkarätige Sängerriege liefert bis in die kleinste Rolle eine Interpretation, die in jeder Hinsicht festspielwürdig ist. Aga Mikolaj, Maria Gortsevskaya und Anna Lapkovskaja begeistern als Rheintöchter Woglinde, Wellgunde und Flosshilde mit hervorragender Textverständlichkeit und harmonisch aufeinander abgestimmtem Klang. Anna Larsson zelebriert ihren relativ kurzen Auftritt als Erda mit warmem Mezzo. Anna Samuil stattet die Freia mit leuchtendem, frischem Sopran aus. Auch Marius Vlad und Jan Buchwald überzeugen als Froh und Donner, wobei Buchwald darstellerisch etwas steif bleibt. Ekaterina Gubanova glänzt als Fricka mit großartiger Textverständlichkeit und einem wunderbaren Mezzo. Iain Paterson und Mikhail Petrenko verleihen den beiden Riesen Fasolt und Fafner einen wuchtigen Bass, und auch Peter Bronder gefällt als geknechteter Nachtalbe Mime mit hellem Tenor.

Die drei Hauptpartien machen das Hörerlebnis perfekt. Stephan Rügamer glänzt wie in der Premiere 2010 als windiger Feuergott Loge mit kräftigem Tenor. Ihm nimmt man den Strippenzieher auch darstellerisch in jeder Hinsicht ab. Johannes Martin Kränzle verfügt über einen großartigen Bass-Bariton, mit dem er den Alberich als gefährlichen Nachtalben ausstattet, dem sein eigener Größenwahn zum Verhängnis wird. Interessant ist dabei Cassiers’ Ansatz, dass er sich in der Kostümierung kaum von den Lichtalben unterscheidet. René Pape gibt einen Wotan, der, was Textverständlichkeit und Stimmvolumen betrifft, kaum übertroffen werden dürfte. Daniel Barenboim rundet mit der Staatskapelle Berlin den Abend hervorragend ab und schafft einen wuchtigen Klang, ohne dabei die Sänger zu übertönen. So gibt es am Ende großen Applaus für alle Beteiligten, wobei Barenboim gemeinsam mit dem Orchester zum Schlussapplaus die Bühne betritt, was die tiefe Verbundenheit zu “seinem” Klangkörper ausdrücken dürfte.

FAZIT

Das musikalische Niveau dieser Inszenierung setzt die Messlatte für weitere Ring-Festspiel-Inszenierungen in dieser Jubiläumsspielzeit hoch an.

Thomas Molke | Staatsoper im Schiller Theater am 23. März 2013

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Technical Specifications
320 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 347 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Guy Cassiers (2010)