Das Rheingold

Marek Janowski
NDR Elbphilharmonie Orchester
Date/Location
27 May 2017
Elbphilharmonie Hamburg
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanMichael Volle
DonnerMarkus Eiche
FrohLothar Odinius
LogeDaniel Behle
FasoltChristof Fischesser
FafnerLars Woldt
AlberichJohannes Martin Kränzle
MimeElmar Gilbertsson
FrickaKatariuna Karnéus
FreiaGabriela Scherer
ErdaNadine Weissmann
WoglindeMirella Hagen
WellgundeJulia Rutigliano
FloßhildeSimone Schröder
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Hamburger Abendblatt

Warum Wagner so gut in der Elbphilharmonie funktioniert

Seit dem Auftritt der Einstürzenden Neubauten kurz nach der Einweihung war kein Programmpunkt im Großen Saal der Elbphilharmonie so lustig doppeldeutbar wie die konzertante Aufführung von Wagners “Rheingold”: Ein Prunkbau, die Götterburg Walhall, als maßgeschneiderter Sehnsuchtsort im Mittelpunkt, der den Auftraggeber viel teurer kommen wird als von ihm erhofft. Das prophetische “Was du bist, bist du nur durch Verträge …” als Karriere-Drohung an den zahlungsunwilligen Kunden ­Wotan, maulende Riesen-Baumeister-Brüder, die bei Wagner Fafner und Fasolt heißen – und nicht etwa Hoch und Tief, oder Herzog und de Meuron.

Doch das Konzert, das am Freitag mit tosendem Beifall endete, ­erfüllte als Spezial-Aufführung einen ganz anderen, ernsthafteren Zweck. Es zeigte: Selbst Wagner geht hier doch, wenn auch mit der einen oder anderen Einschränkung, denn das frühere “Rheingold” hat ja noch längst nicht das epischere Format der späten “Götterdämmerung”. Nachdem Christian Thielemann, ausgerechnet der Wagner-Spezialist Thielemann, mit seiner Dresdner Staatskapelle dort durchaus hörbar ­Mühe gehabt hatte, kam Marek Janowski im Großen Saal am Freitag bestens mit der Akustik und ihren Besonderheiten zurecht. Wagner konzertant ist seit Jahren seine Spezialität, mit dem RSB in Berlin hat er das mit kapellmeisterlicher Gründlichkeit gezeigt, seine Einspringer-Qualitäten bewies er 2016 in Bayreuth, als Ersatz für Kirill ­Petrenko beim Castorf-“Ring”.

Die nächste Wagner-Oper kann gern kommen

Da NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock krankheits­bedingt für dieses Prestige-Projekt ausgefallen war, sollte Janowski es also richten. Und der machte es sich die zweieinhalb kurzweiligen Stunden lang sehr behaglich, indem er seine handwerkliche Routine als Trumpf ausspielte. Dass das NDR Elbphilharmonie Orchester im Rahmen seiner Konzert-Dienstpläne nur selten mit Opern in Berührung kommt, rückte das Ergebnis dieser Notlösung, die alles andere war, in noch positiveres Licht.

Während Janowski von Anfang an voll und ganz im Wagner-Modus war, brauchte die Aufmerksamkeit im Saal zunächst etwas: Als die Es-Dur-Akkordwellen des Vorspiels auf das Durch­einander aus Macht und Magie, Liebe, Hass, Ohnmacht und Habgier einstimmten, war es noch erstaunlich unruhig um den Orchester-Präsentierteller herum. Die klar konturierte Klangwirkung mit Blick auf das Tutti, das normalerweise unsichtbar aus einem Orchestergraben heraus ­mit seiner ­romantischen ­Detailmischung bezaubern soll, musste wohl erst als Richtwert akzeptiert werden.

Hochklassig besetzt

Doch das gab sich schnell, weil Janowski alles zügig, aber nicht eilend im Fluss hielt. Und weil er die Feinjustierung der Instrumentengruppen immer wieder passgenau nachregelte: Es gab keine Ausbrecher, kein plumpes Dröhnen, kein dröges Rumpeln. Hier wurde eine Geschichte ­erzählt, mit großem Überblick. Die Architektur spielte eine nicht ganz kleine Rolle, mit Auf- und Abgängen in den Rängen, die Nibelheim-Ambosse – ein allerliebst scheppernder Spezialeffekt – wurden in den Bereich oberhalb des Orchesters befördert.

Das Ensemble war hochklassig besetzt. Michael Volle war ein Wotan von ­beachtlich wuchtigem Format, Johannes Martin Kränzles Alberich: ein ­erfreulicher Unsympath. Beeindruckend: Nadine Weissmann als dunkel leuchtende Erda und der gewiefte Loge von ­Daniel Behle. Gegen Defizite bei der Textverständlichkeit – ein chronisches Problem zu vieler Wagner-Sängerinnen und -Sänger – kann allerdings selbst die klarste Akustik nichts ausrichten. Doch spätestens beim wortlos wonnigen Einzug der Götter in Walhall, Showdown vor dem Schlussapplaus, wurde man als Wagnerianer von der satt liefernden Raumwirkung im Großen Saal mit diesem Manko versöhnt. Die nächste Wagner-Oper kann also gern kommen.

Joachim Mischke | 29.05.17

Oper!

Prächtig prangende Elbburg

In der Elbphilharmonie Hamburg sprang Marek Janowski für den erkrankten Thomas Hengelbrock im Rheingold ein. Orchestral und sängerisch präsentierte sich der Abend auf höchstem Niveau.

Mit ihren Angeboten folgt die Elbphilharmonie, so scheint es, der Maxime des Theaterdirektors in Goethes Faust. Klar, dass sich von Beginn an die allüberall gastierenden Top-Orchester einfanden; dass es Galas mit Stars wie Jonas Kaufmann, Simone Kermes und Diana Damrau ebenso gab wie Recitals mit Daniil Trifonov und Murray Perahia; dass „Ghana Drumming“ oder ein Jazz-Abend ebenso zu erleben war oder auch ein Schweinsteiger der Klassik: Martin Grubinger. (Sie haben richtig gelesen!) Eine Programmatik war bisher kaum zu erkennen – es sei denn, dass man einen Hintersinn sehen mochte im Auftritt der Einstürzenden Neubauten oder in der konzertanten Aufführung von Richard Wagners Rheingold. Wie könnte man nicht schon bei den ersten Worten des erwachten Wotan – „vollendet das ewig Werk! prächtig prahlt der prangende Bau“ – nicht an die Baugeschichte zurückdenken? Und wer hätte sich bei Fasolts an Wotan gerichteter Warnung – „was du bist, bist du nur durch Verträge“ – nicht erinnert gefühlt an den „lachend frevelnden Leichtsinn“ oder das „Schächergewerb“ zwischen den Architekten, der Baufirma und der Stadt?

Dass jedes Wort zu verstehen war – ich halte ein: fast jedes Wort, weil einige Male die Stimmen in den Wogen des Orchesters fast ertranken –, lag an der Akustik des Hauses, die von Anfang an für krasse Kontroversen gesorgt und etliche Vorurteile verfestigt hat. Dank ihrer Trennschärfe sei jeder Fehler, jede ungenau Intonation erkennbar, ob des fehlenden Nachhalls ein „raumfüllendes Fortissimo“ unmöglich. Bei Konzerten unter Riccardo Muti (mit Mussorgskys Bilder einer Ausstellung) und unter Semyon Bychkov (Mahler, 1. Sinfonie) hatten das Chicago Symphony Orchestra und die Wiener Philharmoniker keine Probleme mit der Akustik, während das nun einen prätentiösen Namen tragende NDR Elbphilharmonie Orchester des NDR unter Eliahu Inbal arge Mühe hatte, Mahlers 8. Sinfonie klanglich zu strukturieren.

Nun also Das Rheingold unter Leitung von Marek Janowski, der für den erkrankten Thomas Hengelbrock eingesprungen war. Der inzwischen 78-Jährige, in Gestik und Körpersprache zehn Jahre jünger wirkend, hat schon 1980 als erster den Ring digital aufgenommen, drei Jahrzehnte später noch einmal mit seinem blendend geformten Radio-Sinfonieorchester aufgeführt und aufgenommen. Er selber hat betont, dass es ihm besonders wichtig sei, die Musik zu realisieren – ohne theatralischen Mummenschanz und unbedrängt von den Einfällen, die Regisseuren durch die Rübe rauschen. Die Rechtfertigung für den Verzicht hat Wagner selbst geliefert, als er kurz nach der Uraufführung sagte, ihm „graue vor allem Kostüm- und Schminkewesen“, und nachdem er schon das unsichtbare Orchester geschaffen habe, wolle er auch „das unsichtbare Theater erfinden“. Die Frage, ob der Ring überhaupt ein Theaterstück sei, ist in der Tat oft gestellt worden – mitsamt vieler Fragen im Detail: Wie man ein Geschehen, das über die ersten 136 Takte (etwa viereinhalb Minuten) in den Tiefen des Rheins spielt, szenisch sinnenfällig machen kann, während das „Auge des Ohrs“ bei diesem Vorspiel einen durch lange Zeiträume ziehenden Fluss zu sehen meint.

Es versteht sich von selbst, dass der Klang nicht wie in Bayreuth aus einem „mystischen Abgrund“ aufsteigen konnte, sondern die scharfen Konturen eines Spalt-Klangs bekam. Umso überraschender, dass die Geräuschmusik aus den Tiefen von Nibelheim – das Hämmern auf den 16 Ambossen – eher zurückhaltend klang. Janowski dirigiert zwar mit viel Feuer und Intensität, meidet aber alle bombastischen Effekte Wagner’scher „Grandeur“. Obwohl er den Fluss des dramatischen Geschehens streng und strikt lenkt, atmet er mit seinen Sängern und gewährt ihnen in lyrischen Phrasen den Raum, diese melodisch auszuformen. Ob es eine gute Idee war, das Ensemble – das personenreichste aller Ring-Dramen – hinter das Orchester zu postieren, sei (mit aller Vorsicht) in Frage gestellt. Über ein Orchester hinweg zu singen, verführt wohl zu einem imaginären Kampf.

Die Figuren der Reihe nach. Mirella Hagen, Julia Rutigliano und Simone Schröder zeigten als Rheintöchter, wie wichtig und groß selbst scheinbar kleine Rollen sein können. Als Widersacher setzte sich der Alberich von Johannes Martin Kränzle gerade überzeugend in Szene, gesanglich, weil er auf die Übertreibungen des vokalen Agierens verzichtete und es verstand, die von Wagner immer eingeforderte Symbiose von Gesang und dramatischer Deklamation herzustellen. Dies gelang auch dem Wotan von Michael Volle, der sowohl die mächtige vokale Energie als auch die Physiognomie für den Göttervater mitbringt: sei es, wenn er die in prächtiger Glut prangende Burg besingt, sei es, wenn er gegenüber Fricka seine kommenden Eskapaden („Wandel und Wechsel liebt, wer lebt“) rechtfertigt. Dieser Göttergattin blieb Katarina Karnéus all das schuldig, was Sängerinnen wie Christa Ludwig oder Rita Gorr der Figur zu geben wussten: Autorität. Daniel Behle bewies, dass Loge sich keineswegs mit Undank abfinden muss – wie wohltuend, einen lyrischen und singenden Tenor in der Rolle zu erleben (wie es schon Peter Schreier in der ersten Janowski-Aufnahme war). Mime müsse zwar, so sagte Wagner, „mit falscher Stimme singen, aber die Stimme darf nicht falsch sein“ – und die Stimme von Elmar Gilbertsson war selbst in den Momenten nicht falsch, als er unter den Züchtigungen Alberichs kreischen musste. Die beiden Riesen (Christof Fischesser als Fasolt und Lars Woldt als Fafner), seitlich auf der linken Seite platziert, fühlten sich, und damit wieder das Problem der Akustik, wohl genötigt, auch als Stimmriesen aufzutrumpfen und den Stimmklang durch einen Einheitslaut, die Mischung von A und O, zu vergrößern: auf Kosten sowohl der Wortplastik als auch der Tonschönheit. Dennoch ein sängerisch mehr als überzeugender Abend.

Jürgen Kesting

Die Welt

Bauherr Wotan besucht Wall-Hall mit rasendem NDR Orchester

Als Bauherr Wotan, ein Gott von herrischer Hybris, seiner Gattin Fricka stolz verkündet, das „ewige Werk“ sein nun vollendet, preist er seine Burg Walhall baritonviril an – als „hehrer, herrlicher Bau“. Michael Volle, weltbester Wotansänger der Gegenwart, blickt in diesem Moment mit so vielsagender Selbstsicherheit in die funkelnden Weinberghänge der Elbphilharmonie, dass man aus dem Schmunzeln nicht herauskommt. Hat die an Katastrophen reiche Historie des Konzerthauses nicht manches mit dem Bau Walhalls gemein? In die Dramaturgie der Eröffnungsspielzeit passt Richard Wagners „Rheingold“ also gut.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielte den Vorabend der Ring-Tetralogie am Wochenende zweimal konzertant – mit einer gefeierten, kaum zu übertreffenden Sängerriege: An der Seite von Michael Volles volltönendem, charismatischem Göttervater glänzte die schwedische Mezzosopranistin Katarina Karnéus als noble Fricka, Daniel Behle als legatofeiner Loge, Elmar Gilbertsson als strahlender Mime und Johannes Martin Kränzle als präzise deklamierender Alberich. Purer doppelter Bass-Luxus: Christof Fischesser und Lars Woldt als Riesenbrüder Fasolt und Fafner. Doch was der mit jahrzehntelanger Wagner-Expertise aufwartende Marek Janowski mit den Musikern des NDR fabrizierte, war hoch problematisch.

Wagner selbst soll ja unpathetisch fließende, am Wortrhythmus orientierte Tempi geschätzt haben. Wie Janowski als Einspringer für Thomas Hengelbrock das Stück verhetzte, den Sängern kaum Raum zum Atmen ließ, über die imaginativen Schönheiten der Partitur hinwegraste und die Blechbläser schreien ließ, war eine Pein. Mit seiner Lust am Lauten und Undifferenzierten bestätigte der Maestro die dümmsten Vorurteile der Wagner-Verächter. So unmystisch, sachlich und geheimnisarm, so hart und nüchtern kann der Bayreuther also auch klingen.

kra | 29.05.2017

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320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 321 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (NDR Kultur) of a concert performance
Marek Janowski replaces Thomas Hengelbrock.