Das Rheingold

Axel Kober
Duisburger Philharmoniker
Date/Location
21 December 2017
Deutsche Oper am Rhein Theater Duisburg
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanJames Rutherford
DonnerDavid Jerusalem
FrohBernhard Berchtold
LogeRaymond Very
FasoltWilhelm Schwinghammer
FafnerLukasz Konieczny
AlberichStefan Heidemann
MimeFlorian Simson
FrickaKatarzyna Kuncio
FreiaAnna Princeva
ErdaRamona Zaharia
WoglindeHeidi Elisabeth Meier
WellgundeKimberley Boettger-Soller
FloßhildeIryna Vakula
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WAZ

Duisburger „Rheingold“-Premiere wenig überzeugend

Die Premiere der neuen „Rheingold“-Inszenierung an der Deutschen Oper am Rhein bot im Theater Duisburg keinen geglückten Wagner-Abend.

In Düsseldorf gab es um die erste Serie der neuen „Rheingold“-Produktion eine regelrechte Hysterie und alle Vorstellungen waren ausverkauft. Nun kommt die Inszenierung, die den neuen „Ring des Nibelungen“ der Deutschen Oper am Rhein eröffnet, auch ins Duisburger Theater. Am Samstag war die Premiere.

Regisseur Dietrich Hilsdorf siedelt das Stück in seiner Entstehungszeit, also dem Kapitalismus und Industrialismus des 19. Jahrhunderts an, ein Konzept, das auch Grundlage der letzten Rheinopern-Inszenierung von Kurt Horres war. Schauplatz ist ein von Dieter Richter entworfener großbürgerlicher Salon, der durch seine geschlossene Architektur sehr sängerfreundlich ist. Jedoch bleibt rätselhaft, warum sich Wotan bei diesem Luxus-Ambiente noch die Götterburg Walhall bauen lässt?

Alberich (Stefan Heidemann) wird von den Rheintöchtern Kimberley Boettger-Soller (Wellgunde), Iryna Vakula (Floßhilde) und Heidi Elisabeth Meier (Woglinde) umgarnt, die als Prostituierte für den Feuergott Loge arbeiten. Alberich (Stefan Heidemann) wird von den Rheintöchtern Kimberley Boettger-Soller (Wellgunde), Iryna Vakula (Floßhilde) und Heidi Elisabeth Meier (Woglinde) umgarnt, die als Prostituierte für den Feuergott Loge arbeiten.

In diesem Salon spielt auch die Rheintöchter-Szene, die hier Prostituierte sind und deren Zuhälter der Feuergott Loge ist. Da fragt man sich, warum Loge noch als Berater Wotans arbeitet und warum er, da er hier ja auch „Vater Rhein“ ist, aktiv den Raub des Goldes vorantreibt, in dem er Alberich den Mädchen zuführt? Als Alberich nuschelt sich Stefan Heidemann, trotz seines imposanten Materials, zu sehr durch die Partie. Bei den Rheintöchtern gefällt vor allem Kimberly Boettger-Soller mit ihrem schönen Sopran.

Kompaktes dramatisches Spiel

Wotan wird von seiner Ehefrau Fricka wie ein „Endspiel“-Pflegfall von Samuel Beckett im Rollstuhl und mit Leinentuch über den Kopf auf die Bühne gekarrt. Während sich Katarzyna Kuncio als Fricka kurzatmig keifend durch die Rolle arbeitet, singt James Rutherford vom Frankfurter Opernhaus einen imposanten Wotan. Das ist eine vollmundige, farbenreiche Stimme, die zudem sehr textverständlich eingesetzt wird.

Imposanter Wotan

Kein Wunder, dass Rutherford neben Rheinopern-GMD Axel Kober und den Duisburger Philharmonikern den meisten Beifall erhält. Zerfällt das Orchestervorspiel zur ersten Szene noch zu sehr in seine Einzelstimmen, bei denen vor allem die Bläser unsauber intonieren, so steigern sich die Philharmoniker zu einem kompakten und dramatischen Spiel. Kober dirigiert flüssige Tempi, lässt den Solisten genügend Raum und weiß, an welchen Stellen er das Publikum orchestral überrumpeln kann.

Verwirrend ist die weitere Götter-Szenerie: Die Nebengötter Donner und Froh treten bei Hilsdorf viel zu früh auf, werden aber nicht sinnvoll beschäftigt. Zwar lässt Wagner Jung-Göttin Freia, die an die Riesen verschachert wird, immer wieder um Hilfe rufen, die Regie macht aus ihr und dem Riesen Fasolt aber ein Liebespaar. Bei der Besetzung der Riesen, die hier Zimmerleute auf Plateausohlen sind, wäre ein Rollentausch sinnvoll gewesen. Lukasz Konieczny würde mit seinem warmen Bass den Liebhaber glaubhafter verkörpern als Thorsten Grümbel, der den Fasolt mit scharf schneidender Stimme singt.

Grelles Neonlicht blendet

Feuergott Loge wird von Raymond Very schön wie ein Schubert-Lied gestaltet. Die Doppelbödigkeit und der Sarkasmus der Rolle gehen bei ihm aber komplett verloren. Stärkster Tenor des Abends ist hingegen Florian Simson als Zwerg Mime, der seine Figur mit grell-quirliger Stimme interpretiert.

In der Nibelungen-Szene beeindruckt, wie die Kohle-Loren durch die Seitenwände brechen. Eine echte Zumutung ist aber, dass das Publikum fast permanent mit grellem Neonlicht geblendet wird. Im Finale verwirrt der Auftritt der Ur-Göttin Erda im Kostüm der englischen Königin Elisabeth I., die von Ramona Zaharia zu unverständlich artikuliert und mit vielen Registerbrüchen versehen wird. Wenn Wotan Erda festhalten will und sich ihre wildgelockte Perücke aufsetzt, sieht das nur albern aus.

Insgesamt kann sich diese Sängerbesetzung nicht an den Standards messen, welche die DOR bei früheren „Ring“-Inszenierungen selbst aufgestellt hat. Zudem verirrt sich die Inszenierung von Dietrich Hilsdorf zu sehr in die Widersprüche mit Wagners Text, so dass man auch szenisch von keinem geglückten Wagner-Abend sprechen kann.

Rudolf Hermes | 05.11.2017

Frankfurter Rundschau

Die Welt ist ein Salon

Gutgelaunt, allerdings etwas hemdsärmelig lässt sich Dietrich Hilsdorfs Ring für die Oper am Rhein an.

Ein neuer und vorerst ziemlich unterhaltsamer Ring entsteht an der Oper am Rhein, wo Richard Wagners „Das Rheingold“ von dem Regisseur Dietrich Hilsdorf und dem Dirigenten Axel Kober weitgehend putzmunter umgesetzt wird. Nach der Düsseldorfer Premiere im Sommer ist der Vorabend der Tetralogie jetzt im Opernhaus Duisburg zu sehen. Wir nutzen die Gelegenheit und steigen noch schnell zu.

In die Stille vor dem ersten, bei Kober und den Duisburger Philharmonikern recht kernigen Ton tritt ein etwas schmieriger Variétédirektor auf die altmodisch glühbirnchengeschmückte U-Kunst-Bühne auf der Opernbühne und führt einen kleinen Feuerzauber auf. Sieh an, es ist also Loge, der dann Heines „Loreley“-Anfang zitiert, und zwar so, dass das „es“, von dem man nicht weiß, was es bedeuten soll, auch das Es-Dur des Vorspiels sein könnte. Ein mittelmäßiger Kalauer, aber er passt, weil Loge ein Windei ist und man das Niveau der Götterwelt bei Wagner insgesamt nicht überschätzen sollte. Raymond Very, mit einem schönen, für Loge recht milden Tenor, darstellerisch sichtbar voller Behagen gegenüber der einleuchtenden Personenführung, wird als eine Art Conférencier und Vorhang- bzw. Fadenzieher durch den Abend führen. Zunächst einmal aber Alberich zu den Rheintöchtern, bei denen er, Loge – man ahnte es schon länger, aber Hilsdorf führt es vergnüglich vor –, ein und aus geht. In der bürgerlichen Welt um 1870, an die Renate Schmitzers Kostüme und Dieter Richters etwas angestaubter Salon denken lassen, sind die Rheintöchter recht eindeutig als leichte Mädchen auszumachen. Moralisch ist das allen Beteiligten diesseits und jenseits der Bühne außer Fricka egal. Heidi Elisabeth Meier, Kimberley Boettger-Soller und Iryna Vakula sind allerliebst und singen wie die Sirenen.

Der Salon hat plüschige Sitzgelegenheiten, so dass sich Erda, Ramona Zaharia mit rundem, weichen Ton aus einer anderen Welt, aus einem Rundsofa schrauben kann. An einer Seite bietet eine Treppe – wohl zum Rheintöchter-Etablissement – das vielfach erforderliche Oben und Unten, über das Inszenierungen oft hinweggehen müssen. Von der anderen Seite aus treffen die gutgekleideten Götter ein, noch in Reisemänteln und mit Koffern. Wotan, der eine starke kleine Sonnenbrille benutzt, sitzt merkwürdigerweise im Rollstuhl, aber da bleibt er eh nicht. James Rutherford, ein kraftvoller Bariton, der auch in Richtung der großen „Walküre“-Partie Hoffnungen weckt, ist vergnügt dabei, wenn Hilsdorf signalisiert, dass ihm jedweder Respekt vor dem Gott und Filou abgeht. Mit seiner eleganten, ihn am Ende des Abends nachgerade anbetenden Fricka, Katarzyna Kuncio, posiert er fast wie Wagner mit seiner Cosima.

Hilsdorf operiert mit der vertrauten, aber frischgebliebenen kapitalismusskeptischen Lesart und füllt sie mit Leben. Die Riesen, Thorsten Grümbel als Fasolt und Lukasz Konieczny als Fafner, sind schmucke Zimmermannsleute. Alberich, Stefan Heidemann mit seinerseits Wotan-würdigem Bariton, ist ein dezent heruntergekommener und dann wieder aufsteigender Bürger (weniger dezent schlägt ihm Wotan nachher gleich die ganze Hand ab). Die Nibelungen bekommen einen spektakulären Auftritt, indem sie zur Verwandlungsmusik auf dem Weg nach Nibelheim mit Loren durch die Holzvertäfelung des Salons brechen. Das technisch verstärkte Getöse ist ungeheuer, der Einbruch des Bergbaus in eine Sphäre, in der prinzipiell nicht gearbeitet wird. Das gehört aber auch zu einem gutgelaunten Spektakel, denn ebenso donnert eine Drachenpranke durch das virtuelle Dach, wenn Alberich den Tarnhelm vorführt.

Nicht zu sehen ist dafür die Burg von Walhall – das lässt sich noch als Interpretation bezeichnen, vielleicht existiert gar kein Neubau –, nicht mehr zu sehen sind manchmal außerdem Figuren, die Hilsdorf sang- und klanglos abgehen lässt. Man glaubt sofort, dass Hilsdorf Schwierigkeiten damit hat, Wagner übermäßig ernst zu nehmen. Seinem „Rheingold“ bekommt das im Prinzip gut. Es wäre vermutlich ein fantastischer Abend geworden, wenn Hilsdorf sein eigenes Konzept ernster genommen hätte. Manchmal ist das Ergebnis hemdsärmelig. Das würde man über Kobers straffes Dirigat nicht sagen, auch nicht über die solide Ensembleleistung.

Unklar bleibt vorerst, wie Hilsdorf damit in der „Walküre“, einem Werk anderer Art, fortfahren will. Einem Werk zudem, das Loge zum Statisten und Zündhölzanreicher degradiert. Ende Januar wird es sich in Düsseldorf zeigen, im Mai dann in Duisburg.

Judith von Sternburg | 07.11.2017

Rheinische Post

Wagner durch die Brille von Zola

Die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg übernahm ihre insgesamt gelungene Produktion des Vorabends “Das Rheingold” aus Richard Wagners “Der Ring des Nibelungen” in ihr hiesiges Haus.

Wagners Tetralogie (vierteiliger Zyklus), inspiriert von der bürgerlichen Revolution von 1848 und als Ganzes uraufgeführt 1876 in Bayreuth, ist eines der großen Dramen seiner Zeit. Die fortschreitende Industrialisierung und das aufstrebende Bürgertum spielen in seine Entstehung ebenso hinein wie innen- und außenpolitische Machtkämpfe sowie erste imperiale Gesellschaftskrisen.

Im “Rheingold” errichtet der Dichterkomponist die Grundpfeiler, auf denen sein “Ring” ruht: Macht und Herrschaft sowie – im Gegensatz dazu – Vertrauen und Liebe. Es treten darin noch keine Menschen auf – nur Götter und Göttinnen, Riesen und Nibelungen (Zwerge). Eine Inszenierung in Wagners Gegenwart spielen zu lassen, ist üblich seit dem Bayreuther Jahrhundert-“Ring” von Patrice Chereau 1976-80. An der Rheinoper hat Dietrich W. Hilsdorf das jetzt noch einmal verschärft durch einen Bezug auf den 20-teiligen, sozialkritischen Roman-Zyklus “Rougon-Macquart” von Wagners Zeitgenossen Émile Zola. Das kluge Bühnenbild von Dieter Richter stellt einen bürgerlichen Salon jener Epoche dar, der sich in den vier Szenen noch verändert, vor allem in der ersten Szene mit den Rheintöchtern als Edel-Bordell – schon zu Wagners Zeit spotteten spitze Zungen hier über das “Hurenaquarium”. Später wird Nibelheim, das unterirdische Reich von Alberich, zu einem Bergwerk wie in Zolas Roman “Germinal”. Das Ergebnis erscheint insgesamt schlüssig, auch wenn einige zentrale Bilder wie das Leuchten des Rheingolds oder dessen Raub durch Alberich kaum zu sehen sind. Der Regisseur relativiert selbst seine Deutung durch den Beginn, das berühmte “Loreley”-Zitat “Ich weiß nicht, was soll es bedeuten” des Wagner-Zeitgenossen Heinrich Heine; der feuerzaubernde Loge betont dann für Insider noch “Es”, denn ein tiefer Es-Dur-Dreiklang ist die musikalische Urzelle.

Die klingende Besetzung ist ganz neu gegenüber der Premiere in Düsseldorf. Die 13 Gesangs-Solisten sind eine erstklassige Mischung aus Gästen und Rollendebüts, mit einer Schnittmenge. Wie immer ist im “Bayreuth am Rhein” profilierter Wagner-Gesang zu hören. Unbedingt erwähnt werden müssen James Rutherford als opulenter Göttervater Wotan, Raymond Very als mephistophelischer “Spielleiter” Loge, Anna Princeva als lieblich- göttliche Freia, Ramona Zaharia als geerdete Erdmutter Erda, Kammersänger Stefan Heidemann mit seinem grandiosen Comeback-Debüt als Alberich, Thorsten Grümbel und Lukasz Konieczny als auch stimmliche Riesen Fasolt und Fafner sowie Heidi Elisabeth Meier, Kimberley Boettger-Soller und Iryna Vakula als unwiderstehliche Rheintöchter.

Axel Kober, Generalmusikdirektor der Rheinoper, und die Duisburger Philharmoniker – da erwartet man geballte Wagner-Kompetenz. Die wurde bei der Übernahmepremiere auch weitgehend geboten, das Orchester wirkte fast ebenso konzentriert und selbstbewusst wie die Sänger, mehr Feuer als Wasser, leidenschaftlich auf die Vorwegnahme der “Götterdämmerung” hin musiziert.

Ingo Hoddick | 6. November 2017

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 322 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
The indisposed Thorsten Grümbel as Fasolt mimicked the role while Wilhelm Schwinghammer was singing from the side.
A production by Dietrich W. Hilsdorf (2017, Düsseldorf 2017)