Der fliegende Holländer

Ádám Fischer
Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper München
Date/Location
2 March 2006
Nationaltheater München
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandMatti Salminen
SentaAnja Kampe
ErikStephen Gould
MaryHeike Grötzinger
Der Steuermann DalandsKevin Connors
Der HolländerJuha Uusitalo
Gallery
Opernnetz.de

Game over and out

„Wann dröhnt er, der Vernichtungsschlag, mit dem die Welt zusammenkracht?“ Diese Frage stellt Wagners fliegender Holländer in seinem Auftrittsmonolog. An der Bayerischen Staatsoper wird sie zwei Stunden später von Senta mit „Jetzt“ beantwortet.

In Peter Konwitschnys fabelhafter Inszenierung wird kein Holländer erlöst, keine Frau geopfert und kein alter Seebär um einen Schatz betrogen. Senta, eine Art Brünhilde mit dem Mut der Verzweifelten, jagt die Welt, in der dies geschehen könnte, in die Luft. Was bleibt ist Dunkelheit, die durch ein aus Lautsprechern hervorknarzendes Orchesternachspiel ohne jeden Tristan-Klang nicht eben erträglicher wird. Peter Konwitschny brüskiert mit diesem Schock die Erwartungen der Wagnerianer, aber er löst doch ein, was Wagners Holländer ersehnt – das totale Ende als einzig möglichen Neuanfang. Nach Jahrhunderten zermürbender Suche nach einem „treuen Weib“ ist dieser Mann unfähig geworden, Treue zu erkennen. Ein von Konwitschny geschickter „gepries’ner Engel Gottes“ überreicht ihm zu Beginn eine weiße Blume als Symbol für die Reinheit Sentas. Doch wenn das lächerliche Gezeter Eriks für ihn Grund genug ist, diese profilierte Frau, die es gewesen wäre, zu verschmähen, dann muss das Ende der Geschichte erreicht sein – Game over and out.

Die Erwartungen des Holländers kann keine irdische Frau mehr erfüllen. Er betritt die heutige Welt schon als ein Relikt, das mit seiner Mannschaft einem Bild Rembrandts entstiegen scheint (Bühne und Kostüme: Johannes Leiacker). Die modernen Zeiten, in denen sich brave Hausfrauen im Fitnessstudio, „Summ und Brumm du gutes Rädchen“ trällernd, auf Hometrainern abstrampeln, sie spucken ihn schnell wieder aus. Sich auf die Konventionen der Gegenwart einzulassen, dafür fehlt dem Holländer jegliche interkulturelle Kompetenz.

Juha Uusitalo ist ein beeindruckendes Schreckensbild des Holländers. Sein Portrait erreicht bereits mit dem Monolog an felsennacktem Strand eine selten erlebte Eindringlichkeit. Uusitalos Holländer fletscht die Zähne gegen seinen grausamen Gott, das Feuer, das hier lodert, es verbrennt ihn längst selbst. Durch sein ausgreifendes stimmliches Volumen, seine ausgezeichnete Wortdeklamation und die herben Ausdrucksmöglichkeiten ließ Uusitalo einen das Schicksal des Holländers auch in der Magengegend spüren. Dagegen ist Daland weder ekelhafter Töchterschacherer noch geldgieriger Alter. Matti Salminen ist die wunderbare Verkörperung eines aufgeweckten Seemanns, der seine Chance wittert, ohne viele Fragen zu stellen. Salminen singt Daland entsprechend beweglich, fast salopp, dabei stimmlich grundsolide. Ihr Staatsoperndebüt gab Anja Kampe als Senta. Der Jubel des Publikums galt ihrer durchschlagenden Stimme, ihrem höhensicheren dramatisch voluminösen Sopran, der Senta nicht als Fräuleinwunder, sondern als selbstbewusste Frau präsentierte. Stephen Gould als Erik, Heike Grötzinger als Mary und Kevin Conners als Steuermann unterstrichen das hohe Niveau der Aufführung.

Adam Fischer und das Bayerische Staatsorchester irritierten in der Ouvertüre durch eine etwas inhomogene, unstete Interpretation, die kaum den Sog entwickeln wollte, der sich dann im 1. Akt zum Glück schnell einstellte. In der Abstimmung zwischen Bühne und Graben könnte noch an Details gefeilt werden, dann wird der herausragende Chor noch freier singen können.

Das Publikum feierte die Produktion ausgiebig. Die vom Ver.di-Streik abgezogenen Bühnenarbeiter waren längst am Abbauen, als der Vorhang sich wieder und wieder für die Sänger und den Dirigenten öffnen musste. (Rez. Aufführung 3. 3. 2006)

Nürnberger Zeitung

Senta wird zur Attentäterin Senta wird zur Attentäterin Bitte Bild anklicken! Richard Wagners geniales Frühwerk «Der fliegende Holländer“ wurde als Reprise der Moskauer Inszenierung von Peter Konwitschny aus dem Jahre 2004 bei gleicher Grundkonzeption an der Bayerischen Staatsoper München neu einstudiert.

Recht konventionell geriet der erste Akt. Johannes Leiacker hebt mit einem historisch stilisierten Prospekt, der eine Meereslandschaft abbildet und szenisch einen maritim ausstaffierten Ankerplatz zum Aktionsfeld macht, die Bühne nicht aus den Angeln.

Der Holländer ist für Peter Konwitschny keine mythische Figur mehr, sondern ein Outsider, der seine Kräfte mit der Natur misst, scheitert und als Strafe nicht zu Tode kommen kann. Er ängstigt sich vor einer Bindung mit Senta, was ihn – so der Regisseur — auch als Kotzbrocken qualifiziert. Die Senta gibt sich ausgesprochen jugendlich frisch, sportiv, gar nicht träumerisch.

Laufpass im Fitnesscenter

Um die Szene zu aktualisieren, dürfen die Mädchen im modern ausstaffierten Fitness-Center kräftig in die Pedale treten und ihr «Brumm, summ“ auf «spin-bikes“ artikulieren. Hübsch anzuschauen, wie sie schwungvoll ihren sportlichen Ambitionen frönen. Hier im hypermodernen Fitness-Center erhält Erik im Bademantel von Senta den Laufpass, ereignet sich die schicksalhafte Begegnung mit dem Holländer. Im dritten Akt findet die Inszenierung schließlich zu dem, was man vom Theatermacher Konwitschny erwartet – die Konfrontation von Gegenwart und Vergangenheit. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn die modernen Norweger die in Schlapphüten wie «tot“ am Biertisch hockenden Matrosen aus dem Holländerschiff hänseln, was sich allerdings hochschaukelt bis zum schockierenden tödlichen Ausgang für einige Seeleute.

Senta stürzt sich nicht den Felsen hinunter. Dass sie inmitten der Umstehenden ein Pulverfass zum Explodieren bringt, um den Holländer zu retten, die Bühne sich total verdunkelt und die Musik zum Finalschluss nur noch aus Lautsprechern tönt, zählt zu den provozierenden Szenen dieser Produktion. Da hebt Konwitschny den Zeigefinger: Wer Leben retten will, der müsse eben auch in Kauf nehmen, dass andere zugrunde gehen.

Wenn schon im ersten Akt ein engelsgleiches Mädchen dem Holländer eine weiße Rose überreicht, wird das Prinzip der Hoffnung sicherlich auf eine recht doppeldeutige Weise symbolisiert. Man folgte der Aufführung gebannt, nicht zuletzt der souverän ihre Rollen auslebenden Protagonisten wegen.

Der Finne Juha Uusitalo, ein Don Juan der Meere, gab den Holländer ruhig, konzentriert, auch in der äußersten Anspannung unforciert. Die Senta der Anja Kampe demonstrierte stimmschlank vokale Sensibilität. Damit trifft sie genau den Ton der Figur, die nicht mythischen Träumen nachhängt, sondern sich unerschrocken in die Beziehungskonflikte stürzt und hysterisch übersteigert zu ihrem Verzweiflungsschlag ausholt. Gepflegt und pointiert im Gesang bewältigte Matti Salminen den Daland. Die negativen Charakterzüge des raffgierigen Geschäftemachers werden keinesfalls zur Karikatur verzerrt. Mit Anstand absolvierte Stephen Gould als Erik die Höhen der Traumerzählung.

Im Kehlenwettstreit zwischen den norwegischen und holländischen Matrosen bewiesen die glänzend geführten Chöre (Andrés Máspero) hohes Format.

Gespielt wurde ohne Pause mit durchkomponierten Orchesterzwischenspielen im Zweieinhalbstundenblock. Adam Fischer entwickelt musikalische Hitze, die allerdings in der dynamischen Abstufung recht sorglos geriet.

Das Holländer-Projekt Konwitschnys fand durchwegs jubelnde Befürworter.

Egon Bezold 28.2.2006

Kultura-Extra

Die Luntenlegerin

Ihr bürgerlicher Name: Anja Kampe. Sie ist Senta. Ja und Senta ist die Hauptgestalt in Richard Wagners Der fliegende Holländer – derzeit erlebbar an der Bayerischen Staatsoper in München. Inszeniert hat sie Peter Konwitschny. Und sie kann getrost als Schmiss des höchstwahrscheinlich allerwichtigsten und allergründlichsten der Opernregisseure unsrer Zeit bezeichnet werden; es verwundert schon, dass Bayreuth sich an ihn bislang noch nicht “versuchte”, denn die Resultate dieses Mannes, der – im Gegensatz zu vielen anderen vor allem aus der Schauspielsparte im für sie so völlig fremden Opernfach herumstochernden Sachkollegen – auch was von Musik versteht, sind voller Witz und Überraschungen. In Hamburg hatte er vor Jahren eine ganz in sich gekehrte, fast autistisch anmutende Lohengrin-Elsa aus einem Riesenkleiderschrank gezaubert. In Stuttgart hatte er die Gibichungenhalle (Götterdämmerung) in einen aus sich selbst glühenden Wohncontainer umverlegt. Im Dresdner Tannhäuser hatte er eine abergeile Hörselberggemeinde in ‘ner Gondel wankend schwanken lassen. Usw. usf.

Die Holländer-Geschichte liest sich bei Konwitschny etwa so:
Der norwegische Kaufmann Daland (Matti Salminen) hat eine Tochter. Es ist Senta (Anja Kampe, wie gesagt). Sie liest viel, und sie fühlt sich viel in ihr Gelesenes hinein, zum Beispiel auch in die Legende um den Holländer. Mit ihrer aktuellen Umwelt kann sie so gesehen nichts beginnen. Widerspruch von Traum und Wirklichkeit. / Die ihre Vollweibhaftigkeit unter Beweis stellenden Artgenossinnen – gestandene und vorbestimmte Seemannsbräute allen Alters, aller Kurvenform – vertreiben sich das unerträglich lange Warten auf die Männerpenisse mit hormonell sie ruhig stellendem Hometrainergestrampele in einem von Frau Mary (Heike Grötzinger) betriebnen Fitnesstudio. Nur das Mädchen Senta passt da gar nicht richtig hin, denn worauf wartet es? und so, also als Un-Weib, wird es von den anderen gehänselt und verspottet. Ungeachtet dessen führt das Mädchen Senta trotzdem ihren auf ‘nem alten Ölschinken verewigten Holländerfetisch quasi an der Leine. // Daland nun ist diesem Holländer (Juha Uusitalo) in der Tat begegnet, beider Schiffe sind nach überstandnen Seenöten noch heil, und ihre beiden Seemannschaften haben sich inzwischen auch “beschnuppert”. Nur der Kaufmann macht was er gelernt hatte, nämlich Geschäfte. Also luchst er seinem neuen Handelspartner, der bereitwillig die Schatztruhen vor ihm zu öffnen willens ist, Geglitzere und schnödes Tandwerk ab … wohl wissend freilich, dass er seine eigne Tochter, die der Holländer als Gegenwert und zur Erlösung seines Fluchs verlangt, verhandelte. Und so geschieht es auch. Nachhaus zurückgekehrt, stellt Daland Senta ihren neuen Bräutigam zur Schau. /// Aber es gibt auch Erik (Stephen Gould). Er ist sehr einseitig ins Sentakind verliebt. Dieses Gefühl wird daher auch mit Null von ihm erwidert. Das verletzt ihn ungemein, und ergo ist er nicht bereit, dem “Neuen” seine Rechte abzutreten. //// Holländer kapituliert; sein Fluch bleibt unerlöst, das allzeit treue Weib das ihm der abgekauft geglaubte Hoffnungsschimmer schien, steht so dann nicht mehr zur Debatte, wieder sieben Jahre Meeresfahrten! Anja Kampe also, die die Senta ist: Sie spielt die ururplötzlich aus der Haut fahrende Weibgewordene. “Sagt, spinn’ ich”, könnte sie gewütet haben, “dass ich mich als Lospfand zwischen zwei um mich herumschachernden Hodenträgern wiederfinden muss! der Eine der behauptet, dass ich ihm die Treue schwur, der Andere verlangt sie obendrein von mir, wer seid ihr eigentlich!! Scheißbücherhelden!!!” Und sie rollt ein Pulverfass herbei und legt an ihm die Lunte: Blitz und Knall. Die Bühne schwarz … und aus dem Off erklingt von einer vor sich hineiernden Schellackplatte her die orchestrale Schlusssentenz.

Protagonistisch wird auf Staatsniveau gesungen, allen Darstellern voran das Hauptpaar dieses Abends, Kampe & Uusitalo; nein, es würde nicht verblüffen, sie in naher Zukunft als Brünnhild & Wotan irgendwo dann wiederzugewahren. Für Salminen ist die Partie etwas hoch geraten, doch er macht gelegentliche “Höhenkämpfe” durch sein Spieltalent vergessen. Gould als Erik hinterlässt einen erkräftigenden tenoralen Eindruck. Kevin Conners (Steuermann) kann doch zumindest der Erwähnung seines Namens sicher sein. Staatsopernchor und Staatsorchester standen unter der bewährten Leitung Adam Fischers. Was den Damen und den Herren aus dem Chor mitunter gar zu tremolorig aus den Kehlen lief, machte der schnörkellose, fast schon harte Musizierstil des Orchesters ausgleichend dann wieder wett.

Sehr sehens- und sehr hörenswert.

Andre Sokolowski – 7. März 2006

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HO 3548
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Technical Specifications
256 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 254 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (Ö1)
A production by Peter Konwitschny