Der fliegende Holländer

Marc Albrecht
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
25 July 2006
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandJaakko Ryhänen
SentaAdrienne Dugger
ErikAlfons Eberz
MaryUta Priew
Der Steuermann DalandsNorbert Ernst
Der HolländerJohn Tomlinson
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Online Musik Magazin

Aus den Untiefen der Seelen

Von Bernd Stopka

Zum letzten Mal stand “Der fliegende Holländer” in der Inszenierung von Claus Guth in diesem Jahr auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses. Das ist umso bedauerlicher, als es sich hier um die überzeugendste und schlüssigste Regiearbeit des laufenden Repertoires handelt, eine, die echte Opernregie vom Feinsten zeigt.

Claus Guths psychoanalytischer Ansatz zeigt Senta zwischen Traum(a) und Wahn. Das Verhältnis des Kindes zu ihrem Vater spiegelt sich in der Sehnsucht nach dem zu erlösenden (oder dem erlösenden?) Holländer wieder. Holländer und Vater erscheinen daher in zwillingshaft gleicher Gestalt. Immer wieder werden szenisch gedoppelte Parallelen gezogen, zwischen der erwachsenen Senta mit dem Holländer und dem Mädchen Senta (eine im Programm nicht genannte Kinderstatistin) mit ihrem Vater Daland. Das Schlussbild zeigt, wie die blinde, lahme, alte Mary die Stelle, an der das Bild des Geisterschiffes hing mit erhobenen Armen betastet. Holländer-Wahn in drei Altersstufen? Nicht umsonst hat Mary die Ballade den Mädchen ja so oft vorgesungen…

Den Gedanken der Spiegelung gibt auch Christan Schmidts Bühnenbild wieder, das sich quasi an einer riesigen, raumbeherrschenden Treppe spiegelt. Der bürgerliche, brav tapezierte Raum mit Lehnstuhl und Stehlampe macht Sentas emotionale Ausbruchsversuche gut nachvollziehbar. Beide Sentas und Mary stecken in identischen Kostümen, Daland und der Holländer sowieso. Eine Bildersprache, die auch beim ersten Sehen verständlich wird.

Deutliche Bilder verschwimmen immer wieder in traumhaften oder albtraumhaften Sequenzen. Auch wenn diese zuweilen wirr und unnatürlich sind, bleiben sie doch im nachvollziehbaren Rahmen, ohne zu konterkarieren oder gar gegen die Musik zu arbeiten. Im Gegenteil, diese Regiearbeit zeichnet sich nicht zuletzt auch durch ihre hohe Musikalität aus. Sie ist durchaus eigenwillig, bürstet aber nichts gegen den Strich. Auf zweifelhafte Provokationen kann bei soviel regiehandwerklichem Können verzichtet werden. Die These einer möglichen sexuellen Missbrauchsgeschichte beispielsweise ist sehr dezent angedeutet indem Daland auf eine bestimmte Art den Arm der kleinen Senta streichelt. Da wird in der Substanz des Werkes gegraben, ohne ihm gewaltsam eine Idee überzustülpen. Die Gedanken schweifen in die (Un-)Tiefen der Seelen.

Die vielfältigen Licht- und Schatteneffekte, die Farbgestaltung und der gelungene, sparsame Einsatz von Videoprojektionen überzeugen ebenso durch ihre Ausdruckskraft wie durch ihre Ästhetik. Im blutroten Vorhangstoff sieht Senta die blutroten Segel des Geisterschiffes. Die Demontage des Schiffes im dritten Akt wirkt wie ein Vorbote der Demontage von Sentas Traum, der sich in dieser Inszenierung nur scheinbar erfüllt: Die Erlösung wird dem Holländer vorenthalten und Senta darf nicht erlösen. Aus Türen werden Wände. Der Weg ist kein Weg.

Bedauerlicherweise erscheint auch diese Bayreuth-Produktion nicht als rundum erfreuliches Gesamtkunstwerk. Für die großartig gelungene szenische Umsetzung wünscht man sich eine sorgfältiger ausgewählte Sängerriege.

Auch im diesem letzten Jahr ist es der Steuermann, der am meisten überzeugt. So wie Tomislav Mužek im Premierenjahr 2003 zeigt Norbert Ernst 2006, was Festspielniveau sein sollte. Mit seinem wundervoll klaren, hellen, aber auch nicht zu leichten Tenor singt er sein “Mit Gewitter und Sturm” fast schon wie ein Schubert-Lied.

Adrienne Dugger hat sich die Partie der Senta inzwischen ein gutes Stück weiter erarbeitet. Die Spitzentöne sitzen und es sind wunderschöne Momente zu hören. Die Wiederholung des “Ach, möchtest du, bleicher Seemann, sie finden!” nach Eriks Abgang im zweiten Akt singt sie entrückt in einem geradezu seidig schwebenden Piano, wunderschön. Dagegen stehen eher unausgeglichen wirkende Passagen, auch der eine und andere scharfe Ton und ihr auffällig starkes Vibrato. Adrienne Dugger ist keine mädchenhafte Senta, ihr Sopran klingt eher fraulich. Aber das mag Geschmackssache sein.

Was auch immer Endrik Wottrich dazu getrieben hat, sich auf den Weg zum schweren Heldentenor zu machen: einen Gefallen hat er sich damit nicht getan – und dem Zuhörer auch nicht. Sein ehemals so strahlender, klarer Tenor (z. B. der Stolzing, hier in Bayreuth 2002) klingt nun eng, gepresst, kurzatmig und angestrengt. Die Intonation ist vorbildlich, aber wirklich schöne Töne hört man nicht.

Als Daland lässt Jaakko Ryhänen große Töne hören, die durch genauere Artikulation gewinnen würden. Beim “Mögst Du, mein Kind, den fremden Mann willkommen heißen!” hört man recht deutlich einen alten Mann, der endlich seine spinnerte Tochter vorteilhaft verkaufen möchte.

Es ist immer wieder nett, als Mary eine namhafte Gesangsveteranin wieder zu erleben. Das gilt auch für Uta Priew, die die Amme immernoch beachtlich singt.

Aber was bei der Mary geht, muss beim Holländer noch lange nicht gehen. John Tomlinson ist zweifellos eine der verdienten Bayreuther Sängerpersönlichkeiten. Umso erschreckender ist es – nun schon im vierten Jahr – zu hören, wie er sich mit der Partie stimmlich überfordert und sich stellenweise nur noch mit Sprechgesang retten kann. Großen, ja gewaltigen Tönen in der Mittellage stehen rauchig-matt klingende, instabile Höhen und eine zuweilen recht individuelle Intonation gegenüber. Tomlinsons großes Plus ist seine ungeheure Bühnenpräsenz im allerpositivsten Sinne. Den gebrochenen, desillusionierten und sich selbst zerstören wollenden Mann mag man so ausdrucksvoll dargestellt sehen, aber nicht ganz so realistisch hören.

Der verdeckte Orchestergraben ist für den “Holländer” nicht so ideal wie für Wagners späte Werke. Aber Marc Albrecht gelingt es ganz exzellent, die gefürchteten dumpfen Klänge zu vermeiden. Sein feinsinniges, sehr dynamisches und spannendes Dirigat lässt immer wieder Nebenstimmen aufleuchten, ohne dabei den großen Bogen zu verlieren. Das Festspielorchester und der Festspielchor (wo kann man ein solches Piano von einem so großen Frauenchor so filigran hören?!) beweisen wieder einmal, dass sie zur allerersten Garde in der Opernwelt gehören.

FAZIT

Eine spannende, fesselnde, klug durchdachte und exzellent gearbeitete Inszenierung, die auch im vierten und letzten Jahr adäquate Sängerleistungen schmerzlich vermissen lässt.

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Technical Specifications
256 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 247 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth festival
A production by Claus Guth