Der fliegende Holländer

John Fiore
Chorus and Orchestra of the Finnish National Opera Helsinki
Date/Location
24 November 2016
Opera House Helsinki
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandGregory Frank
SentaCamilla Nylund
ErikMika Pohjonen
MarySari Nordqvist
Der Steuermann DalandsToumas Katajala
Der HolländerJohan Reuter
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Reviews
der-neue-merker.eu

„Was kann der Regisseur dafür, wenn dem Komponisten keine passende Musik zu dessen Inszenierung eingefallen ist?“ Diese zugegebenermaßen mich als Erzkonservativen decouvrierende Bemerkung kam mir in den Sinn, als ich KASPER HOLTENs Stück zu Musik und Text von Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ sah. Zwar sah der Programmzettel eine Aufführung unter diesem Titel vor, und auch via Ûbertitel konnte man Wagners Text verfolgen (wäre es nicht konsequenter gewesen, sie fortzulassen?), doch ein Artikel im Programmheft wies aus, dass in Wirklichkeit Holtens Stück „Unser Holländer“ gegeben wurde.

Bei ihm ist der Holländer ein berühmter holländischer Maler, der an seiner Schaffenskraft leidet und nur alle sieben Jahre eine Vernissage veranstaltet. Daland ist ein Schiffsmagnat und reicher Kunstsammler, seine Tochter Senta Kunststudentin, ihr Verlobter Erik Investmentbanker. Senta und der Maler empfinden in der Kunst eine Seelenverwandtschaft und beschließen zu heiraten. In einem Anfall von Depression erschießt sich der Holländer, und Senta – so das Schlussbild – steht im Mittelpunkt einer neuen Ausstellung.

Natürlich verneint der Regisseur im Programmheft, das Stück verändert, sondern ganz im Gegensatz herausgefunden zu haben, was Wagner an der Vorlage interessiert hat, das ewige Suchen nach Liebe und Frieden. Zwar kommen die See, Stürme und Schiffe in der Musik und im Text vor, doch nichts ist davon zu sehen, denn für Holten sind sie Metaphern für künstlerische Inspiration. Also ein „gefundenes Fressen“ für Journalisten, die ihre Zeilen damit füllen können, das Gesehene zu beschreiben, ohne sich damit auseinandersetzen zu müssen. Für die musikalische Umsetzung bleiben dann immer noch 5 % des Textes übrig.

Was sich auf dem Papier als dramaturgisch interessantes Hirnkonstrukt liest, sich zwar ständig mit dem Text reibend, doch, wenn man sich darauf einlässt, dies als lästiges Ûbel vernachlässigen zu können, erwies sich in der Realität als 1 ½ Akte lang ziemlich zähflüssig, doch mit dem Duett Senta – Holländer nahm die Aufführung Fahrt auf und zog – zumindest mich – mehr und mehr in den Bann. Dies könnte natürlich auch dem Umstand geschuldet sein, dass man mit CAMILLA NYLUND eine Senta gefunden hat, wie ich sie in über 50 Aufführungen in mehr als 55 Jahren nicht vollkommener erlebt habe. Ich schreibe absichtlich „erlebt“ und nicht nur „gehört“, denn diese Senta war ein Gesamterlebnis.

Camilla Nylund, die ich erstmals vor fast 20 Jahren in Savonlinna als Pamina hörte, hat sich seitdem durch kontinuierlichen Aufbau und Rollenwahl zu einem im wahrsten Wortsinn „jugendlich-dramatischen“ Sopran von Weltklasse-Format entwickelt, nach wie vor jugendlich in Ausstrahlung und Stimmtyp und dramatisch in der perfekt ausgeführten forte-Höhenattacke der Ballade, des Duetts mit dem Holländer und des Schlusses. Selbst die ersten, nur gesummten Töne – von so mancher Kollegin gefürchtet – gelangen vorzüglich. Kurz: eine Senta zum Niederknien.

Ûberzeugend in Spiel und vokaler Ausformung seines Parts der dänische Bariton JOHAN REUTER in der Titelrolle mit weich timbriertem Bariton von großer Durchschlagskraft.

Die Finnische Nationaloper scheint sparen zu müssen. Pressevertretern wird nur noch eine Pressekarte gewährt, und auch auf den Pausen-Sektempfang für VIP-Gäste wurde verzichtet. Leicht hätte man noch mehr Geld sparen können, indem man den überflüssigen Daland-Import (GREGORY FRANK) durch das Ensemblemitglied Jyrki Korhonen ersetzt hätte, und auch die Erik-Zweitbesetzung Mika Pohjonen wäre meiner Meinung nach ein besserer Interpret dieser Rolle gewesen als CHRISTIAN JUSLIN trotz einiger imponierender kraftvoller Höhen. SARI NORDQVISTs Mary irritierte durch unstete Intonation, und die für TUOMAS KATAJALA (bei Wagner: Steuermann) so typische Tonproduktion mit viel Beimischung von Kopfstimme scheint mir bei Mozarts Ottavio besser aufgehoben zu sein – bei aller Hochachtung vor der Qualität dieses exzellenten Sängers.

Der Schluss von Kasper Holtens „Holländer“: Der Holländer hält seinen Selbstmord per Video fest. Foto: Heikki Tuuli Der wie immer ganz hervorragende Chor war von MARCO OZBIČ und MARGE MEHILANE einstudiert. Am Pult des guten Orchesters der Finnischen Nationaloper stand routiniert JOHN FIORE, dessen weich gezeichnete Lesart der Partitur den Charakter der visuellen Umsetzung total konterkarierte und dessen bedächtige Tempi mit langen Generalpausen (Ouvertüre) nicht gerade für Spannung sorgten.

Den Zuschauern schien alles gefallen zu haben. Großer, erstaunlich undifferenzierter Beifall für alle Solisten, der beim Erscheinen Kasper Holtens deutlich an Phonstärke zulegte. Es ist immer für jeden Regisseur eine Freude, seine Ideen vor diesem Publikum produzieren zu dürfen, doch so mancher seiner Kollegen hat sich beim Ausbleiben von Gegenreaktionen schon gefragt, was er denn falsch gemacht habe. Doch nicht in Helsinki. Hier ist die Welt für Regisseure noch in Ordnung.

Sune Manninen | Premiere am 18.11.2016

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Technical Specifications
256 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 262 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast
A production by Kasper Holten (2016)
Also available as telecast