Der fliegende Holländer

Eivind Gullberg Jensen
Johannes Brahms Chor Hannover, Mädchenchor Hannover, Hannoverscher Oratorienchor, Mitglieder des Staatsopernchores Hannover, Mitglieder des Opernchores und Extrachores des Theaters Hildesheim, NDR Radiophilharmonie
Date/Location
22 September 2013
Kuppelsaal Congress Centrum Hannover
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandMatti Salminen
SentaAnja Kampe
ErikEndrik Wottrich
MaryAlexandra Petersamer
Der Steuermann DalandsBenjamin Bruns
Der HolländerSamuel Youn
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Mit einer Liveübertragung ehrte der NDR Richard Wagner zum 200.Geburtstag. Wer erlebt hat, wie in der sängerfeindlichen Bayreuther Inszenierung die Protagonisten geradezu vorsätzlich behindert wurden, wird sich nicht wundern, daß ohne derartige Fesseln im Rahmen der konzertanten Aufführung im Kuppelsaal eine Weltklasse-Leistung möglich war. Die Grundlage schuf der Chef der Radiophilharmonie EIVIND GULLBERG-JENSEN. Das NDR-Orchester musizierte unter seiner Stabführung (abgesehen von den obligaten Patzern des Horns) mustergültig und fehlerfrei. Gullberg- Jensen ist in der Opernszene noch nicht besonders bekannt, obwohl er bereits an der Bayerischen Staatsoper dirigiert hat. An diesem Abend bewies er aber, daß er nicht nur Sinfonie-Konzerte souverän beherrscht, sondern auch das nötige Temperament und den dramatischen Atem für die hoch emotionalen Momente einer Opernpartitur hat. Anzumerken sind allenfalls die gelegentlich etwas breiten Tempi, die aber natürlich Ermessenssache sind. Nicht jeder mag die straffen Tempi, wie sie zum Beispiel der junge Peter Schneider praktizierte.

Geradezu überwältigend war der aus dem Johannes-Brahms-Chor Hannover, dem Mädchenchor Hannover, dem Hannoverschen Oratoriumschor und den Mitgliedern des Staatsopernchors zusammengesetzte Chor. Es schien sich um mehrere hundert Mitglieder zu handeln, wobei man eine solche Vielzahl von an verschiedenen Stellen des Saales positionierten Menschen nicht exakt schätzen kann. Jedenfalls entstand dadurch eine derartige Klangwucht, wie sie der Rezensent anderweitig noch nicht erlebt hat. Das perfekte Ergebnis war umso erstaunlicher, als für jeden der Einzelchöre ein anderer Chorleiter zuständig war. Es ist daher zu vermuten, daß Gullberg-Jensen alle vier Chöre musterhaft zusammengeführt hat.

Hinzu kam ein absolut erstrangiges Solistenensemble. An erster Stelle sei ein Urgestein des Bassfachs erwähnt – der mittlerweile fast siebzigjährige MATTI SALMINEN, der nach eigenen Angaben nur noch singt, was ihm Spaß macht und der nahezu nichts an vokaler Substanz verloren hat. Es ist bemerkenswert, welche Persönlichkeit und Ausstrahlung er entwickelt, wenn er auch nur die Bühne betritt. Sein Daland war als einerseits liebende Vaterfigur und andererseits geldgieriger Hamsterer in jeder Nuance glaubhaft.

Eine grandiose Leistung lieferte ANJA KAMPE, die diesjährige Bayreuther Sieglinde, ab. Sie stellt eine Wagner-Heroine im besten Sinne des Wortes dar – unverwüstlich, kraftvoll und so temperamentvoll, daß sie zu keiner Sekunde das Ausspielen ihrer Rolle vergaß. Dabei ist sie sich nicht zu schade, für die dramatischen Momente gelegentlich auch stimmliche Schärfen in Kauf zu nehmen. Mit dieser Rollenidentifikation (im Rahmen einer konzertanten Aufführung!) fasziniert sie, wie kaum eine andere Sopranistin ihres Fachs.

Die Titelpartie war dem derzeit führenden Rollenvertreter SAMUEL YOUN anvertraut. Er hat schon immer über eine sichere Höhe und damit auch die baritonalen Spitzentöne des Finales verfügt. Mittlerweile ist die Stimme aber in der tiefen Lage weiter gereift und weist auf den künftigen Wotan hin. Youn kennt die Partie naturgemäß genau und weiß, wo er stimmlich prunken kann und wo er publikumswirksame Akzente setzen muß. Gleichwohl war sein Duett mit Senta von nahezu italienischer Legato-Kultur geprägt. Allerdings mußte man gelegentlich Bedenken haben, weil beide sich so intensiv anspielten, daß sie sich recht weit von den Mikrofonen entfernten. Das gilt übrigens auch für Salminen, der als Daland kaum stillstehen konnte. Ein solches Ensemble zu erleben ist ein Glücksfall.

Mit der Partie des Erik verstand ENDRIK WOTTRICH aufzutrumpfen. Dass man sich mit dieser Figur beim Publikum nicht beliebt macht, ist Schicksal eines jeden Protagonisten. Stimmlich präsentierte er sich mit bestens disponiertem Heldentenor. Auch BENJAMIN BRUNS fiel als famos auftrumpender Steuermann nicht ab. Während diese vermeintlich kleine Partie auf den Opernbühnen meist unterschätzt wird, so wird in einer konzertanten Aufführung mit einer rollenadäquaten Besetzung deutlich, was in ihr steckt. Das ist ähnlich wie im Falle der Rheintöchter und Wallküren. Die gesanglichen Anforderungen an all diese Partien reichen im klassischen Opernrepertoire für eine Hauptrolle aus. Bei Wagner bleiben die Solisten dieser Partien dagegen Randfiguren. Bleibt noch ALEXANDRA PETERSAMER zu erwähnen. Sie war eine rollendeckende Mary. Auch mit dieser Partie kann man aber keine großen Meriten beim Publikum ernten.

Das Auditorium feierte sowohl Orchester als auch Chöre und Protagonisten nach Ende der Aufführung anhaltend.

Klaus Ulrich Groth | Kuppelsaal. 22.09.2013

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320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 330 MByte (MP3)
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