Der Ring des Nibelungen

Daniel Barenboim
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
25 July 1988 (R), 26 July 1988 (W)
28 July 1988 (S), 30 July 1988 (G)
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
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Die Zeit

Die Welt von gestern und morgen

Das müßte eigentlich immer wieder jeden warnen: „Wie durch Fluch er mir gerieth, verflucht sei dieser Ring! Nun zeug’ sein Zauber Tod dem – der ihn trägt!“ Doch selbst der diese schreckliche Drohung direkt vernommen hat, Wotan, will ihr nicht glauben – wie sollten es jene, die nur vom Hörensagen davon wissen, Fasolt und Fafner, Siegfried und Brünnhilde. Eher dann schon solche, die, alle Details kennend, ihn doch immer wieder schmieden zu müssen glauben, Intendanten, Regisseure, Dirigenten, Bühnen- und Kostümbildner. „Wer ihn nicht hat, den nage der Neid!“ Ist es so?

Ganz bestimmt aber wenigstens wir, die schon zum soundsovielten Male es erfahren haben: „Keinem Glücklichen lache sein lichter Glanz!“ Freilich: das ist die undurchschaubare, unerklärliche Realität dieses Ringes: „Dich muß ich fassen, alles erfahren!“ Und so reisen wir ihm – denn „Geheimnis-hehr hallt“ uns „sein Wort“ – überall hin nach. „Nur wer das Fürchten nie erfuhr, schmiedet Nothung neu!“ Wenn es doch nur um ein Schwert ginge. Aber da wird am Ende eine Welt brennen müssen …

Mittwoch, 27. 7. 1988 Schwüles Gedünst schwebt in der Luft; lästig ist mir der trübe Druck“ – den Hammer des Gottes Donner müßte man haben, „das fegt den Himmel mir hell“. Aber wo gestern noch unter „gleißender Sonne“ manch eine zwar nicht Freie, aber doch Holde hatte zeigen können, daß ihrem Wunsche – „Gewänne mein Gatte sich wohl das Gold!“ – entsprochen ward, „staut sich“ heute „starkes Gewölk“, ergießt sich „die Fluth“. Abendlich freilich „strahlt der Sonne Auge; in prächtiger Gluth prangt die Burg“ über dem Grünen Hügel: „Fanget an!“

Spätestens seit Götz Friedrich es uns in Berlin augenfällig machte, kommen wir an der Erkenntnis nicht mehr vorbei: der „Ring“-Mythos geht zwar auf ein Ende zu, Wotan will es selber so; aber am Schluß stehen doch die Leichen wieder auf, nicht nur um sich vor dem Vorhang zu verbeugen, sondern um das Stück von neuem zu beginnen. Der „Ring“ ist ein Ring, sein endloses Ende mündet in den Anfang, an seinem Schluß steht nicht nur ein bißchen vage Hoffnung, sondern Trotz und Glauben, animalischer Behauptungswille und transzendierende Ahnung.

Harry Kupfers erstes „inszeniertes“ Bild – denn die Theater-Welt, die „Bühne“ stammt von Hans Schavernoch, die Kostümierung von Reinhard Heinrich – lehrt uns Besseres. Bevor das erste Kontra-Baß-Es ertönen kann, müssen wir betrachten: Im fahlen Bühnenlicht stehen stumm und ergriffen ängstlich-erschütterte Gruppen von (vielleicht) Menschen, letzte Reste von Rauch legen sich über eine Figur, einen offenbar Toten an der Rampe – Siegfried? Ein Bild wie von Fassbinder. So, schließen wir schnell, wird es am Ende aussehen. Und während die Überlebenden der Katastrophe langsam nach hinten sich entfernen, erlöscht das Licht; wenige Sekunden später beginnt das Vorspiel, entsteht eine neue Welt.

Aber die hat mit dem Vorausgegangenen nur noch den regungslosen Körper vorn gemeinsam. Ansonsten: ein grüner Laserstrahl zuckt von der Mitte hinten zum Portal links oben; ein zweiter, dritter, zahllose folgen, bilden raumbegrenzende Flächen, schaffen einen Quader-artigen Endlos-Tunnel. Auf dessen Boden wabert es – und zum ersten Einsatz taucht, ein sensationeller Effekt, aus dem Grün-grau wirklich eine Rheintochter auf, singt uns ihr Wagalaweia und verschwindet, das „Wasser“ schwappt regelrecht über ihr zusammen – das Wasser freilich nicht eines jungfräulich ökologisch sauberen Rhein-Oberlaufs, sondern eher eines versauten Kanalarmes. Der Regungslose indes erweist sich als Alberich, der sein Machtspiel erneut beginnt – zunächst einmal animalisch aufs Weibliche fixiert.

Das ist nicht mehr der „Fassbinder“. Dieser „Ring“, dämmert eine Erkenntnis, ist kein Ring, sondern eine Spirale: Zwar werden wir am Ende wohl an (fast) der gleichen Stelle ankommen, nur einen Wendel-Gang (oder viele) höher. Irgendwann war da mal etwas, aber nach der Katastrophe spielen wir auf und mit den Resten des Früheren, werden uns darin einrichten – und wo nichts mehr blieb, werden wir uns unser eigenes Ambiente schaffen. Dies freilich mit den Mitteln unserer Tage – high tech, versteht sich.

Das wird besonders deutlich in der zweiten Szene. Wo eben noch träges Wasser floß, wird jetzt eine „Straße“ sichtbar, ein grauer Landstreifen mit merkwürdigen Mustern. Das Erinnerungsvermögen wird bemüht: War es nicht in Peru, wo solche rätselhaften Strukturen, Überreste möglicherweise aus einer hochentwickelten Inka-Kultur, die Landschaft prägen? In diese „Straße“ senkt sich eine dreikantige Säule im Spiegelglas-Raster-Design, der Pfeiler eines offenbar nach Art eines postmodernen Eiffelturms konstruierten Hochhauses, eines ungeheuer kühnen und phantastischen Gebäudes.

Und so sind sie mit Recht baß erstaunt, sind vor Glück „trunken“, die da kommen, um den Stolz des Erfolgreichen über seinen Neubau zu teilen: die Mitglieder der Familie Wotan, die noch aus der Periode der Blumenkinder stammen, aber auch schicke Köfferchen aus Acrylglas benutzen. Eitel Sonnenschein in diesem Kreise, Wotan ist überaus zärtlich verliebt in seine junge Frau und zeigt es uns auch ohne Etikette.

Der Ziehsohn Loge freilich ist schon ein paar Jährchen weiter – ein Punky, vielleicht, aber ein körperlich wie geistig flinker; eher doch ein süßer Intellektueller, fast schon sadistisch meilenweit den jungen Emporkömmlingen überlegen. Die Riesen von der Baufirma erweisen sich tatsächlich als letzte Vertreter einer längst für ausgestorben gehaltenen Spezies anthropomorpher Saurier: überdimensionale Körpermaße, darum nur schwerfällig in ihren Bewegungen und offenbar ausgestattet mit nur verhältnismäßig kleinem Hirn.

Durch ein Gulliloch in der „Straße“ erreicht man übrigens ziemlich bequem Nibelheim, wo das offenbar noch im Aufbau begriffene, auch kaum sonderlich innovative mining-Unternehmen Alberich & Co. madenartige Wesen (Nibelungen) im Goldabbau, aber auch einen gewieften Kunsthandwerker (Mime) als Goldschmied beschäftigt. (Doch die Phantasie des Chefs in puncto Verwandlungskünste erscheint eher schwach; ein Plastikrohr als Riesenwurm und ein durch die Luft fliegendes Wollknäuel als Kröte: damit ist in dieser sensationssüchtigen Show-Branche kaum ein Geschäft zu machen.)

Eines fällt auf: In dieser kurzen Zeit seit der Katastrophe haben alle Kreaturen eine merkwürdige Vorliebe für das Robben auf der Erde und das Klettern entwickelt – in Nibelheim beispielsweise will jeder mindestens zweimal durch die gesamten Verstrebungen der Tunnelkonstruktion steigen.

Und ein zweites: Da ist viel fast schon naive Kindlichkeit zu sehen – vor Sonnenglück blinde Rheintöchter, die verdutzt zu spät erkennen, daß Alberich längst anderes im Sinn hat als die Umarmung des Wassergezüchts; Götter, die alle unsere guten wie schlechten Menschen-Eigenschaften angenommen oder noch nicht überwunden haben. Und viel Angst. Kaum jemand, der mit seiner „Macht“ so recht viel anzufangen weiß; hinter jeder auftrumpfenden Geste werden, selbst beim arroganten Loge, existentielle Zweifel sichtbar.

Aus dem Orchestergraben indes klingen unerwartet „kammermusikalische“ Farben und Linien, zarte Emotionen und viel Verhaltenheit, viel zeitliche Ruhe. Da wird am „Ring“ nicht geschmiedet, sondern mit Sensibilität Filigran-Arbeit geleistet. So viel Schönheit da entsteht: ob das für die Vier-Tage-Woche ausreicht?

Donnerstag, 28. 7. 1988 Über die Inka-„Straße“ taumelt einer, der uns hier und da, normalerweise mit On the road-Gepäck und Abenteuer-Look, begegnet, einer von denen ohne festen Wohnsitz, der vor sich selber mehr flieht als vor anderen. Bevor er den längst nur noch rudimentären Stumpf einer vor der Katastrophe vielleicht einmal grünenden Welt-Esche erreicht, hebt sich vor ihm ein Teil der Straßenfläche, im letzten Moment schwingt sich unser Tramp hangelnd durch ein Loch des nunmehrigen Daches – hinein in die Wohnung der Familie Hunding, die sich hier ein recht modisches Sterling-Apartment eingerichtet hat. Kein kaputter Typ, aber einer, der es leid ist, herumzuirren, der wahrscheinlich mehr Angst (schon wieder!) hat, als er zugeben darf, der hier eine Chance sieht – und schon bald einiges mehr.

Szenen einer Ehe, fast wie von Strindberg: Hunding – ein Despot, der in tradiertem Rollenverständnis eines Familienoberhauptes von gestern seine Interessen zu obersten Maximen erhebt und seinen Willen brutal durchsetzt, kalt und ohne Ansätze von Kompromißbereitschaft oder Solidarität; der aber doch auch erkennen läßt, daß er an einer sich fügenden Frau hängt, sie schätzt; sie dagegen in ihrer stummen Unterwürfigkeit, aber auch mit kleinen Zeichen der Zuneigung in ihrer ergebenen Subsidiarität. Und Szenen der Liebe einer jüngeren, einer heutigen Generation, Siegmund und Sieglinde: ein schnell zündender Funke, ein scheues Sich-aufeinander-zubewegen, Blicke, Gesten, spontanes Einverständnis, große Emotion; immer wieder Innigkeit, Zärtlichkeit, diese ganz feinen, weichen, sensiblen Zeichen einer tiefen, aber vorsichtig gezeigten Zuneigung. Noch genauer, noch präziser, noch menschennäher kann Opernregie ihre Figuren kaum führen. Noch intensiver, überzeugender als in diesem taumelnden Hinausstürmen in die Freiheit der langen Straße und dem erfüllenden Hinsinken kann dieses Bild nicht kulminieren. (Ein wenig außerhalb der Partitur-Legalität, aber in einem genialen Einfall läßt Harry Kupfer die beiden noch zu Beginn des zweiten Aufzuges dort liegen und dann erst den Versuch der befreienden Flucht fortsetzen.)

Szenen einer Ehe II: das Prinzip und die Ausnahme, das Recht und die Freiheit, Moral gegen Spontaneität. Eigentlich sind Wotan und Fricka einander herzlich zugetan, zeigen es immer wieder. Aber dann doch dieser von ihm zu spät ernst genommene und darum für ihn unvermeidlich desaströse Riesenkrach: Wotan läßt uns diesmal spüren, daß er weiß oder zumindest ahnt, viel zu weit gegangen zu sein. Szenen einer Familie: das aus unerforschlichen Tiefen gesteuerte, Innigkeit in Kampf umsetzende spielerische Mit- und Gegeneinander zwischen Vater (Wotan) und Tochter (Brünnhilde), die Verirrung in grenzenlose Wut und die Rückbesinnung: ein Spiel der kleinen Gesten und Blicke wieder, mit der ungeheuren Spannung und Intensität der wie zu lauerndem Stillstand gedehnten Pausen.

Wieder dieses Heute auf den Resten von Gestern. Noch sind die Walküren „geschäftig“ wie eh und je – aber in unserem Abrüstungszeitalter mündet das in leeren Aktionismus: Leiter rauf, Leiter runter; denn die ehedem zu befördernden Helden rollen nur noch als Denkmäler der zwanziger Jahre über die Bühne. Bühnen-Bewegung, lernen wir, steht in Zusammenhang mit innerer Bewegtheit.

Wieder dieses neue Ambiente in high tech: Das war schon zu ahnen, daß für den „Feuerzauber“ der Laser bemüht werde – ein schönes, irres Lichtspektakel, bravourös kalkuliert und mit einer gar nicht technokratischen Empfindungskraft angereichert zu einer ergreifenden Szene. Und so schläft nun Brünnhilde für zwei Tage (und runde zwanzig Jahre) in einem rotglühenden Würfel-Käfig.

Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, fair zu sein und nicht, was so fatal nahe liegt, Kupfer ständig an Chéreau zu messen. Und trotzdem: der „Jahrhundert-Ring“ (ausgerechnet die alles Szenische ignorierende Schallplatten-Industrie muß dieses schreiende Attribut als Vermarktungshilfe verwenden) ist in allen Köpfen gegenwärtig, in allen Diskussionen zitiert, in allen Ja-aber-Wendungen wichtigstes Kriterium. Wieso vergleichen wir nicht mit Wieland Wagner 1965, mit Wolfgang Wagner 1960/70, mit Peter Hall 1983? Wer mag sich noch erinnern, daß er bei Chéreau unsicher war oder gar buhte? Und hat nicht auch der Chereau-„Ring“ eine ganze Reihe jährlicher Metamorphosen durchmachen müssen? Er vertraue auf den „Werkstatt-Charakter“ von Bayreuth, hatte Harry Kupfer in einem Frühstadium der Proben gesagt. Sein Team besitzt, zu allem schon Erreichten, auch noch dieses Recht auf kommende Nacharbeiten.

Daß das von den Altwagnerianern so widerspruchslos geschluckt wird: statt der Felsenhöhle, zweier natürlicher Waldeingänge und einer durch das Schmiededach führenden Esse – die Reste einer ausgebrannten und halbverglühten Raketenstufe. In diesem Relikt einer friedlichen Kriegskultur der späten achtziger Jahre haben sich Mime und sein Zögling Siegfried eingenistet und betreiben ein Handwerk nach Art der vierziger: Schwerter schmieden. (Nur wenn es zur Sache geht, kippt Siegfried, als Intensiv-Material, drei Fässer Kerosin in den Glutofen, und das macht einen gar achtbaren Effekt.)

Fafner hat für den zweiten Aufzug seine „Neidhöhle“ in das Innere einer zerborstenen Betonanlage mit verbogenen Stahlträgern, niedrigen Gangresten und riesigen Turbinenrohren verlegt. Runde hundert Kilometer ist es von Bayreuth bis Wackersdorf – und eine feine Gruppe der Premierenbesucher mochte nun doch nur unter Protest (sie hat höflich damit gewartet bis zum Aktschluß – bei Chéreau, schon wieder dieser Vergleich, war einmal ein Aktbeginn von minutenlangen Tumulten gefährdet!) zur Kenntnis nehmen, wie unsere Erde nach einen GAU auch wohl aussehen könnte. Dieser „Ring“ verliert mit der Steigung der Spirale immer mehr die Harmlosigkeit anfänglicher Wasserspielereien, behält seine Menschennähe, wird aber immer härter, immer drohender, immer aufregender.

Wieder, oder gar noch stärker als an den voraufgehenden Abenden: die Kletter-Lust; Siegfried wie Mime, aber auch der Wanderer (und selbst der eifersüchtig allenthalben wachende Alberich, der hier doch noch gar nichts zu suchen hat) – sie klettern die Rakete vorn hoch und hinten wieder herunter und umgekehrt, als kriegten sie es bezahlt. Wir versuchen halt, das ist jetzt schon gut zu begreifen, uns aus dem Desaster langsam wieder hochzuhangeln, und müssen doch einsehen, daß wir immer auch wieder herunter müssen. Und da Mime eher dem märchenhaften Rumpelstilzchen als einem abgefeimt auf Langzeit kalkulierenden Betrüger entspricht, lernen wir bald, wohin die Einsamkeit in der Nachkatastrophenzeit führt: zur Abnormität auf jeden Fall. Wenig später scheinen die dem Boden verhafteten Bewegungsarten – Robben, Knien, Liegen, Rollen sowie alle Kombinationsmöglichkeiten – die Hauptattitüden der von Katastrophen-Spätfolgen noch nicht freien Lebewesen aller Gesellschafts- oder Existenzformen geworden zu sein.

Eine zunächst außerordentlich plausible Eigenwilligkeit des Regisseurs: Siegfrieds Weg zum Walküren-Felsen wird deutlich sichtbar vom Wanderer/Wotan gesteuert. Der läßt den zur Nachrichten-Vermittlung über Hort und Helm und Ring und Braut dressierten Waldvogel von seinem Speer flatternd in der Luft tanzen. Im letzten Moment freilich scheint der Göttervater es sich, um wieder auf Wagner, selber einschwenken zu können, besser überlegt zu haben – schließlich muß er dem wilden Siegfried den Weg zu versperren suchen und als Unterlegener sich seinen allgewaltigen Speer „in Stücken“ zerschlagen lassen. Daß die zwei Seelen in Wotans Brust noch bis hierhin wirken, wird uns der Wanderer-Darsteller in Zukunft freilich noch etwas präziser zeigen müssen.

Die Ausstellung „Das Bayreuther Festspielorchester“ zeigt, natürlich, die Reste von gestern, allerhand seltene Originalinstrumente also, etwa das alte Glockenklavier aus dem „Parsifal“ oder die Spezialtrompeten aus „Lohengrin“ oder „Tristan“, Besetzungslisten, historisches Inventar und Photos die Menge; trotz diverser Katastrophen – ahnungsloser Verkäufe vor allem, aber auch Zerstörung oder schlichter Abnutzung – blieb eine gute Menge erhalten. Die alten Orchesterstimmen, mit herrlichen geschwungenen Titeln und manchem eher unbeholfenen Autogramm am Ende in der Benutzerliste, lassen freilich auch erkennen, daß Bayreuther Orchestermusiker nicht nur zu streichen, blasen oder schlagen verstehen, sondern gelegentlich auch einen beißenden Humor besitzen: Die alten Stimmen sind durchweg „ergänzt“ mit ironischen Kommentaren und sarkastischen Karikaturen, die nicht nur freudiges Engagement der Gestreichelten und Gepeitschten verraten. Auch hier ist der 88er „Ring“ einige Schneckengänge weiter, arbeitet man mit modernstem Material – die Korrepetitoren und Assistenten hatten einige Tage zu tun, Daniel Barenboims Artikulations- und Phrasierungsanweisungen in die neuen Stimmhefte zu übertragen.

Die Schlüsselfrage der Nornen, „Weißt du, wie das wird?“, hat Harry Kupfer auf der Pressekonferenz natürlich – „Warten Sie noch bis heute abend!“ – nicht beantwortet. Derweil schreiten wir auf der Spirale weiter.

Eben diese Nornen: die Schicksalspinnerinnen sind längst hochtechnisiert – im Antennen-Waid ihres Informationsnetzes sitzen die gesichtslosen Alten und verkabeln sich selber, bis die Strippe reißt. Information allein reicht nicht aus. Brünnhildes Steingemach dagegen: über eine Steigeisentreppe klettert (!) man durch einen verlassenen Schacht in eine früher vielleicht einmal als Schutzraum vorgesehene Fels-Kaverne. Die Gibichungenhalle wiederum: als säße man in der fünfzigsten Etage, halb Manhattan unter sich, und der albern-stolze Gunther möchte einem am liebsten zeigen, daß alles ihm gehört. Diese simple Type zu entlarven als feiges Würstchen, kann eigentlich kaum Probleme machen. Gutrune wiederum, dieses Muster an putzsüchtiger Unselbständigkeit, muß zu jeder Reaktion geschubst werden. Da ist es für den (eigentlich zu vordergründig) finsteren, nicht wirklich bedrohlichen, eher zum glatten Schurken stilisierten Hagen nicht allzu schwierig, die Fäden in die Hand zu bekommen.

Die Waltrauten-Szene: wieder dieser unterirdische Bunker; in dessen vergammeltem Labyrinth läßt Kupfer später den mit dem Tarnhelm unkenntlich gewordenen Siegfried in perfekter Krimi-Manier auftreten. Die Rheintöchter schließlich: soweit ist die Verschmutzung der grünen Rheinbrühe gediehen, daß die Nixen sich in das Röhren- und Zylindersystem einer Kläranlage zurückgezogen haben. Nur der vorzeitliche graue Inka-Boden bleibt.

So nimmt das Schicksal seinen Lauf. Auch die zu Werktätigen modifizierten Gibichungen-Mannen, ob sie nun nachkatastrophisch knien oder vorrevolutionär Transparente ohne Aufschrift schwenken, halten die Entwicklung nicht auf. Daß der meuchlings erstochene Siegfried zu den ersten Rhythmen des Trauermarsches selber noch über die Bühne wankt, gehört zu jenen kühnen Freiheiten und präzisen Reaktionen des Regisseurs, die zeigen, wie viel weiter ins Utopische wie Tiefenpsychologische seine kluge Phantasie reicht. Wenn schließlich Wotan an den Erdriß tritt, in der Siegfrieds Leiche zu versinken scheint, und seinem herrlichen Wälsungen-Sproß die Trümmer seiner Macht, den zerbrochenen Speer ins Grab nachgleiten läßt, hat Kupfer mit einer Geste der ganzen Geschichte einen neuen Akzent gesetzt: vier Abende, vierzehn Stunden lang sahen wir der Tragödie – nicht des Helden, sondern dieses Wotan zu.

Der eigentliche Hammer schlägt kurz, schnell, aber volltreffend zu: Während wir durch die „Fenster“ beobachten, wie draußen die Wolkenkratzer zusammenbrechen, die Ruinen versinken, der GAU also Realität wird, während die teilnehmenden Mannen (und Frauen) ängstlich nach hinten sich verkriechen, drängt von den Seiten eine High Society auf die Bühne – und betrachtet, das Champagnerglas in der Hand, wie, vielleicht, die Tagesschau von einem anderen Weltuntergang berichtet, in Beirut vielleicht oder in Tschernobyl, im Persischen Golf oder im Süden Afrikas, auf dem Mond oder zwei Häuser nebenan. Ob wir uns erkannt haben? Ob wir gemerkt haben, daß uns, vor lauter Sensationsgeilheit, nicht bewußt geworden ist, daß wir selber dort oben stehen. Und ein kleiner Junge nimmt seine Schwester bei der Hand und zeigt ihr mit der Taschenlampe den Weg hinaus aus dem Desaster. Selbst der Vorhang fällt schräg – denn so verquer ist offenbar inzwischen diese Welt. Nur Alberich wartet am Bühnenrand – auf sein nächstes „He he! Ihr Nicker!“ unter dem nächsten Regisseur.

Wen haben wir gehört? Einen – beim Wotan, wer hätte das noch einmal für möglich gehalten – sensationellen, in Stimme wie Erscheinung nahezu vollkommenen, dieses Jahr noch – leider – nur im „Siegfried“ als Siegfried begeisternder Siegfried Jerusalem; ein weit in die einsame Höhe des kaum Übertreffbaren reichendes Geschwisterpaar: Peter Hofmann (Siegmund) und Nadine Secunde (Sieglinde); eine Erda mit der ganz großen Ruhe und dem exzellenten Timbre: Anne Gjevang; einen Alberich auf dem Weg zu den Höhen von Neidlinger und Kelemen: Günter von Kannen; einen jugendlichen Wotan, der seine zentral gedachte tragische Rolle noch festigen kann und zum Wanderer ausdehnen muß: John Tomlinson; vor allem in der „Walküre“ eine nicht nur argumentativ, sondern musikalisch gestaltend überzeugende Fricka: Linda Finnie; einen fast schon in die Nähe zur Perversion geratenden, aber im Intellektuellen wie in der tenoralen Färbung fast schon schneidend-beißenden Loge (aber nur schwach bleibenden Mime): Graham Clark; eine im Spiel längst souveräne, in der Höhe und in der Kraft aber denn doch erst Erwartungen auslösende Brünnhilde: Deborah Polaski. Dazu viel achtbares Gestriges wie versprechendes Morgiges. Und ein unter Daniel Barenboim nahezu perfektes Orchester. Mit Barenboims Tempi freilich könnte mancher seine Schwierigkeiten haben. Oftmals führt sein nachdenkliches Verharren und die hochsensible Lyrik die Sänger an die Grenzen des Leistbaren – aber die Eindringlichkeit der Szene profitiert außerordentlich, und der Farbenreichtum gerade auch der solistischen Orchesterpassagen tritt um so stärker hervor, wie auch die Kraftentfaltungen plötzlich viel spontaner wirken. Mit diesem „Ring“ könnte man sich sehr gut anfreunden.

Sind wir eine oder viele Spiralwindungen höher gekommen oder tiefer? Haben wir hinzugelernt? Was? Nur wieder dieses Goetheschen „strebend sich bemühen“? Geben wir uns damit zufrieden, beim nächsten Mal allenfalls andere Fehler zu machen? Was wissen wir nun mehr über diese Welt? Basteln wir mit an der Entropie? Bleiben wir, Schopenhauer weit in den Schatten stellend, im tiefsten Pessimismus? Haben wir wirklich keine Chance, gegen ein böses Urprinzip etwa – und versuchen sie doch zu nutzen?

Was taugt zu einem kleinen bißchen mehr Glück? Harry Kupfer hat es auf eine wunderbare und überzeugende Weise mit der Menschenwürdigkeit versucht, mit echter menschlicher Zuneigung, Sorge, Liebe, Aufopferung, mit Herz und Sich-öffnen, und dann erst mit Technologie und postmodernem Pragmatismus. Seine Philosophie ist schlüssig – aber auch seine Welt muß wieder zu Bruch gehen. Hat der nach ihm Kommende etwa mehr Chancen? Wir hoffen es, mit dem Unbekannten. Wenn da nicht der Fluch eben weiterhin über dem „Ring“ stünde.

Heinz Josef Herbort

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