Der Ring des Nibelungen

Ádám Fischer
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
27 July 2003 (R), 28 July 2003 (W)
30 July 2003 (S), 1 August 2003 (G)
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
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Online Musik Magazin

Irgendwie uns betreffend

Den Lebenszyklus einer Bayreuther Produktion kann man, stark vereinfachend, modellhaft so beschreiben: Im Premierenjahr herrscht naturgemäß Spannung und Aufregung, und durch die für ein solches Mammutwerk zwangsläufig extrem knappe Probezeit bleibt manches noch unausgereift. Im zweiten Jahr wird Gutes belassen, weniger Gutes verbessert (oder gestrichen), kurz: Eine gewisse Gelassenheit legt sich über die Szenerie. Vom dritten Jahr an herrscht Routine vor. Substanzielle Änderungen sind, dem viel beschworenen Werkstattcharakter zum Trotz, selten oder aus der Notwendigkeit geboren – oder durch zunehmende Nachlässigkeit verursacht. Ist der Regisseur nicht präsent, droht das Regiekonzept zu verwässern, seine Eigenarten verlieren, Ecken und Kanten schleifen sich ab. Man müsste einmal genauer untersuchen, bei welchen Produktionen sich der Kern der Inszenierung gegen diese Verwitterungserscheinungen behauptet, vielleicht dadurch erst recht zu Tage tritt, und welche zu Allerweltseinerlei verkommen. Im letzten „Lebensjahr“ tritt dann noch einmal eine Belebung ein, das nahende Ende beflügelt zumindest musikalisch noch einmal (und vielleicht wird der Blick des Publikums milder). Das war mit gewaltigem musikalischem Impetus bei Alfred Kirchners von James Levine dirigiertem Ring 1999 der Fall.

Vergrößerung Das Rheingold, 2. Szene: Die Finanzierung des neuen Bürogebäudes der Wotan GmbH ist im Detail noch nicht geklärt. Jürgen Flimms „Jahrtausend-Ring“, der seinen Namen dem Inszenierungsjahr 2000 und weniger der Nachhaltigkeit seiner Wirkung verdankt, hat durch die beschriebenen Abnutzungseffekte einiges von seinem intellektuell belehren wollenden Habitus verloren, durchaus nicht nur zu seinem Schaden. Etliche der auf dem Papier logischen, in der Bühnenwirklichkeit ebenso umständlichen wie überflüssigen Querverbindungen, der „Alles-hat-mit-Allem-zu-tun“-Gestus, erscheinen inzwischen abgemildert. Dagegen treten handfeste theaterwirksame Elemente in den Vordergrund: Die großen klaren Bilder des „Feuerzaubers“ und später bei Brünnhildes Erweckung strahlen fast klassische Schönheit aus. Vom Rheingold bis zum Siegfried lässt sich die Unternehmensstory der „Wotan GmbH“ als Subtext zu einem stringent erzählten Mythos lesen, dominiert diesen aber nicht mehr so stark wie ursprünglich. Problematischer ist die Götterdämmerung, die einen Bruch markiert. Der mag zwar im Stück vorgegeben sein, wo den Nornen der historische Schicksalsfaden handfest reißt, aber Flimm gelingt es nicht, den Bogen von hier zu der Gibichungenwelt zu schlagen. Das zeigt sich im großen eschatologischen Finale, in dem Flimm eine in Alltagskleidung gewandete Menschenmenge nach hinten ins Licht abgehen lässt. Woher diese Menschen kommen, weiß man nicht; die Szene ist viel zu schwach motiviert. Das Ende betrifft irgendwie uns Zuschauer, behauptet Flimm, ohne den Grund dafür zu nennen. Einem viertägigen Bühnenfestspiel allein des ästhtischen Effekts wegen einen hübschen, aber unmotivierten Theatercoup aufzusetzen, bleibt aber eine Lösung mit fadem Beigeschmack.

Geändert hat sich das Gesicht dieses Ringes aber maßgeblich durch Umbesetzungen. Das betrifft in erster Linie Evelyn Herlitzius, die im Vorjahr als Brünnhilde debütiert hat und mit ihrer Bühnenpräsenz zur tragenden Figur der Tetralogie geworden ist. Mit ihre stimmlich wie körperlich mädchenhaften Erscheinung ist sie ein völlig anderer Typus als die Heroine Gabriele Schnaut, die ursprünglich diese Partie gesungen hatte. Der dritte Akt der Walküre ließ alle Inszenierungsleitlinien ringsumher vergessen: Hier fand eine große, anrührende Abschiedszene zwischen Vater und Tochter statt. Wie viel Herlitzius und wie wenig Flimm in der Personenregie zu finden ist, lässt sich schwer festmachen. Nicht nur durch diese Szene verschiebt sich das Gewicht der Inszenierung vom Welten- zum Individualdrama – mit den genannten Schwerigkeiten, die Götterdämmerung darin unterzubringen. Evelyn Herlitzius’ tadellos gesungene und hinreißend gespielte Brünnhilde war das eigentliche Ereignis dieses Rings. Erfreulich auch, dass hier endlich einmal eine Brünnhilde nicht gleich in höchsten Dezibelzahlen losschreit, nachdem sie aus zwanzigjährigem Schlaf erwacht…

Exzellent ist auch der Wotan von Alan Titus, sonor und kontrolliert selbst in den extremen Höhen der Wanderer-Partie im Siegfried. Titus besitzt nicht den wilden, herben Ausdruck, mit dem John Tomlinson von 1988-1992 in Harry Kupfers Inszenierung auf der Bühne wütete, aber einem Bauherrn und Firmenbesitzer steht eine ruhige, gesangliche Interpretation auch besser zu Gesicht. Wolfgang Schmidt, der im hier besprochenen Zyklus beide Siegfriede sang (ansonsten mit Christian Franz abwechselte), glänzte als junger, draufgängerisch tumber Siegfried mit immenser Energie, strahlend bis zum letzten Ton, aber auch lyrisch im Waldweben. Der Götterdämmerungs-Siegfried liegt ihm weniger, da fehlt manches an Zwischentönen (die Sterbeszene gelang allerdings faszinierend). Hartmut Welker singt und spielt den Alberich souverän und nuanciert: Nicht nur Scheusal, sondern legitimer Konkurrent und Mitbewerber von Wotan.

Im Rheingold überzeugt ein geschlossenes Ensemble, mit Punktgewinn für Endrik Wottich als energischem Froh und Arnold Bezuyen als hintersinnigem Loge. Robert Dean Smith als Siegmung und Violeta Urmana als Sieglinde sind ein überzeugendes Wälsungenpaar, Philip Kang ein schlanker Hunding und Fafner, dem ein wenig Schwärze fehlt. Graham Clark brilliert einmal mehr als Mime im Siegfried. Recht wenig von der geheimisvollen Aura der Erda kann Simone schröder vermitteln, und die Fricka ist sicher auch schon stärker besetzt gewesen als in diesem Jahr mit Mihoko Fujimura; es bestätigte sich aber wieder die These, dass die Fricka vom Publikum immer bejubelt wird, egal, wie gut oder schlecht sie singt – wie auch die Waltraute in der Götterdämmerung, von Lioba Braun mit sehr enger Stimme gesungen. Überhaupt viel die Götterdämmerung gegen die starken Abende zuvor ab, nicht nur wegen der oben erwähnten schwächeren Leistrung von Wolfgang Schmidt. Yvonne Wiedstruck ist eine sehr blasse Gutrune, Peter Klaveness bei allem sängerischen wie schauspielerischen Engagement ein zu leichtgewichtiger Hagen.

Als Adam Fischer 2001 kurzfristig für den plötzlich verstorbenen Giuseppe Sinopoli als Dirigent einsprang, wurde er als Retter gefeiert; inzwischen ist seine „Schonzeit“ offenbar abgelaufen, was sich an mancher harschen Kritik abzeichnete. Anlass dafür gibt der hier besprochene 2. Aufführungszyklus dafür nicht, denn Fischer, alles andere als ein Notbehelf, zeichnet sich durch eine souveräne Orchesterbehandlung aus. Zwar erreicht er nicht die Auffächerung des Klanges wie bei Christian Thielemann oder einen Klangrausch wie einst bei James Levine, aber von diesen beiden Ausnahmedirigenten der jüngeren Bayreuther Geschichte einmal abgesehen braucht er sich vor keinem Kollegen zu verstecken. Das Rheingold lebte von einem ruhigen Grundtempo und hintersinnigem Witz im Detail. Fischer macht die vergleichsweise konservative Struktur der Komposition hörbar, hebt den Wechsel von rezitativischen und ariosen Teilen hervor. Allzu statisch sind die ersten beiden Akte der Walküre angelegt, die Steigerungen sind zu wenig am Gesamtaufbau orientiert und kommen zu spät, zu nebensächlich; da tritt die Musik auf der Stelle. Furios ist der dritte Aufzug sowie der gesamte Siegfried, der den Sängern allerdings mitunter immense Kraft abfordert, um gegen das Orchester anzusingen. Den gebrochenen, verschatteten Klängen der Götterdämmerung fehlte dann wieder ein voran treibendes Element, das die Musik auf ein Ziel hin führt. Trotz dieser Einschränkungen aber gelingt Fischer mit dem ausgezeichneten Festspielorchester eine insgesamt schlüssige, überzeugende Interpretation.

Ob aber im nächsten Jahr, dem letzten für diese Produktion, noch einmal eine finale Steigerung zu erwarten ist? Dieser Ring hat sich auf ordentlichem Festspielniveau etabliert, indem er für jeden etwas bietet; ein paar klassische Elemente, ein paar Provokatiönchen, ordentliche bis sehr gute Sänger und eine exzellente Orchesterleistung. Angriffspunkte bietet er kaum noch. Ein Ring fürs Festspielrepertoire. Irgendwo uns betreffend.

Stefan Schmöe

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Technical Specifications
256/256/192/224 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 1.5 GByte (MP3)
Remarks
Broadcasts from the Bayreuth festival
A production by Jürgen Flimm (2000)