Der Ring des Nibelungen

Ádám Fischer
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
27 July 2004 (R), 28 July 2004 (W)
30 July 2004 (S), 1 August 2004 (G)
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
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Aus und vorbei

Auch in seinem letzten Jahr konnte der Ring des Nibelungen – weder szenisch, noch musikalisch – den vom Produktionsteam selbst gesteckten hohen Zielen voll gerecht werden. Im Gegensatz zur Vorlage, der engmaschig und aus hochwertigsten Materialien gewebten Partitur Wagners, wirkte das akustische und bildliche Endprodukt im Festspielhaus oft wie ein mit heißer Nadel zusammengehefteter Flickenteppich aus der Restekiste. Qualitativ Hochwertiges war dabei genauso zu finden, wie belanglose Dutzendware oder gar Muster ohne Wert.

Ähnliches konnte man allerdings auch bei den anderen drei Werken beobachten, die in diesem Jahr in Bayreuth zur Aufführung kamen: der Neuproduktion des Parsifal, der erstmaligen Wiederaufnahme des Fliegenden Holländer und – allerdings in weit geringerem Maße – dem in der Titelpartie neu besetzten und dadurch wesentlich überzeugenderen Tannhäuser.

Zieht man nun im letzten Jahr des Ring-Zyklusses Billanz, ist festzustellen, dass das im ersten Jahr so engagiert angepeilte Ziel einen “eminent politischen” Ring in Szene zu setzen (siehe unsere Kritik aus dem Jahr 2000), gescheitert ist.

Besonderheiten im letzten Jahr

Gefeilt hat Jürgen Flimm bis zuletzt. Seine Personenregie gab den Figuren – vor allem im Rheingold – Profil und Charakter: Wotans zum Scheitern verurteilte Pläne, Frickas vorausschauender Realitätssinn, Alberichs rücksichtslose Zielstrebigkeit, die Ironie Loges (der beim Fluch Alberichs schon ahnt, dass die Zukunft nichts Gutes bringen wird) und vieles mehr. Bedauerlich war allerdings, dass nicht alle Solisten stimmlich überdurchschnittliches Material zu bieten hatten (z. B. die Riesen und der Mime im Rheingold), was die künstlerische Qualität – gemessen am internationalem Reservoir an Sängerpersönlichkeiten – doch recht bedenklich stimmt.

Musikalische Einbußen musste dieses Jahr vor allem die Walküre verkraften, da die Sieglinde erstmals mit Eva Johansson besetzt war. Sie suchte ihr Heil vor allem in übertriebener Lautstärke und extrovertierter Dramatik, was nicht nur auf Kosten der Intonation und Textverständlichkeit ging, sondern auch die Figur zu eindimensional erscheinen ließ.

Völlig überarbeitet hat Jürgen Flimm den zweiten Aufzug des Siegfried. Auch Erich Wonder hat das “Bauzelt” von Fafner entfernt und dafür eine leicht verschiebbare – schon etwas marode – Zuschauertribüne ins Zentrum der Spielfläche gestellt, an der ein Schild mit der Aufschrift “Fafnerblick” hängt.

Flimm erlaubte sich in seinem letzten Jahr sogar eine extravagante Regieeinlage. Er ließ den Waldvogel zum ersten – und zugleich auch letzten – Mal von einer Schauspielerin spielen, während Robin Johannsen diesem ihre helle und klare Stimme verlieh. Eigentlich gab es keine erkennbaren Gründe, warum sie den Part nicht auch spielte. Nur damit die Stimme von oben aus dem “Himmel” ertönte und damit für das Publikum so gut wie unverständlich war?

Jedenfalls nutzte die junge Schauspielerin Teresa Weißbach ihre Chance – so fragwürdig dieser Einfall auch sein mag – zu einer ausgeprägten Demonstration pantomimischen Spiels, das den kompletten zweiten Teil dieses Aufzuges dominierte. Teresa Weißbach, die ab dem 1. Oktober 2004 am Staatstheater Nürnberg als Desdemona auf der Bühne steht, hat schon des öfteren mit Regisseur Jürgen Flimm zusammengearbeitet und ist auch in seinem neusten Filmprojekt Kätchens Traum (einer modernen Version nach Heinrich von Kleist) zu sehen.

Neben den von Wagner zugedachten Aufgaben (die Szene mit dem “Rohr” und dem Horn ist wirklich köstlich gelungen) hilft sie (Waldvogel !) als fesches, Lederhosen tragendes “Dirndl” zum Beispiel aktiv mit, den Riesenwurm mit dem Schwert zu bekämpfen. Sie nimmt das Schwert, dringt auf Fafner ein und zeigt damit Siegfried, wie er es anstellen muss, diesen zu erledigen. Nachdem Siegfried dieses nicht allein schafft, nimmt sie ihn an die Hand und zusammen bringen sie Fafner schließlich doch noch zur Strecke. Sie ist es auch, die Siegfried das Leben rettet und ihm das Schwert wieder in die Hände gibt, nachdem sie auch vom Schwert das Blut des Riesen gekostet hat. Dadurch bekommt der Zuschauer eine ganz neue Sicht auf diese Szene. Obwohl nicht notwendig – und eher fragwürdig – ist diese Passage sehr rührend gestaltet und sehr unterhaltsam. Auch zu Beginn des dritten Aufzuges führt sie höchstpersönlich Siegfried zu der Stelle, an der er auf seinen Großvater trifft.

Neu gestaltet war auch die Nornenszene des Vorspiels zur Götterdämmerung. Die Nornen schöpften nicht mehr – wie in allen Jahren zuvor – mit überdimensionalen Schöpfkellen Wasser aus der Bodenvertiefung, aus der kurz danach das Feuer für Siegfried und Brünnhilde flammt, sondern hören Tonbänder ab, die auf Rollwagen stehen und von denen sie offensichtlich ihre Weisheiten beziehen. Nachdem das (Ton-) Band gerissen ist, versiegt schließlich ihr “Weisheitsquell”. Eben diese drei Rollwagen tauchen übrigens später noch einmal bei den Bürokraten im Firmengebäude der Gibichungen auf (dieses Mal allerdings ohne die Tonbandgeräte). Wohlwollend betrachtet, könnte man es als eine Reminiszenz an die diesjährige Sonderausstellung “Ton-Spuren” ansehen, die im Hause Wahnfried an die “100 Jahre Bayreuther Festspiele auf Schallplatte” erinnerte und mit zahlreichen sehens- und hörenswerten Exponaten vom Edison-Phonographen bis zum modernen MP3-Player aufwartete (www.wagnermuseum.de).

Was bleibt

In Erinnerung bleibt sicherlich der plötzliche Tod von Giuseppe Sinopoli, der diese Ring-Produktion überschattete (er konnte nur den Premieren-Zyklus im Jahr 2000 leiten) und dessen Erbe Adam Fischer mit Herzblut und großer Hingabe übernahm. Während er im Rheingold das Orchester – oft sogar zu sehr – zurücknahm, gestaltete er ab der Walküre den Instrumentalpart wesentlich differenzierter und dramatischer und schlug einen – wenn auch immer emotional gezügelten – spannungsvollen Bogen bis zum leise verklingenden Schlussakkord der Tetralogie.

Unvergessen wird auch das jugendlich strahlende “Heldenpaar” Brünnhilde und Siegfried bleiben, dem Evelyn Herlizius und Christian Franz mit überragendem darstellerischen und stimmlichen Einsatz großes Format verliehen; ebenso der Hagen von John Tomlinson, der charismatischsten männlichen Sängerpersönlichkeit dieser Ring-Produktion in den ersten drei Aufführungsjahren. Für ihn, der ab 2003 die Titelpartie im Fliegenden Holländer übernahm, wurde in den folgenden Jahren leider kein adäquater Ersatz verpflichtet, wodurch die ganze Produktion eine völlig andere “Machtgewichtung” erfuhr und sich zum Ende hin schlaff und spannungslos dahinzog, vor allem, da die übrigen Gibichungen (Gunther und Gutrune) auch nur blass blieben. Graham Clark, der zunächst auch den Loge verkörperte, schuf mit seinem Mime im Siegfried ein Rollenportrait der Extraklasse. Mit überdurchschnittliche Leistungen warteten auch Hartmut Welker als großartiger Alberich und Robert Dean Smith als jugendlich strahlender Siegmund auf.

Einer der erfreulichsten Lichtblicke in der Besetzungspolitik war das Engagement von Mihoko Fujimura, die im dritten Aufführungsjahr die Partie der Fricka übernommen hatte. Da sie in diesem Jahr auch die Waltraute in der Götterdämmerung gestalten durfte, bot sich ihr erstmals die Gelegenheit, ihre überreiche Palette an gestalterischen Fähigkeiten zu präsentieren. War sie als Fricka die nüchterne, realistisch denkende und handelnde Ehe- und Geschäftsfrau, konnte sie als Waltraute ihr großes Gefühlsspektrum, alle Ängste, Sorgen und Hoffnungen zum Ausdruck bringen, die die Waltrautenszene bietet und erfordert.

Mit ihrer sinnlich warmen, ruhig dahinströmenden Stimme durchmisst sie nicht nur mühelos die tiefe Lage, sondern führt diese auch bruchlos und geschmeidig in eine überaus strahlende Höhe. Damit widerlegt sie – wie im Übrigen auch Evelyn Herlizius – die immer wieder vorgebrachte These, eine raumfüllende und üppige Stimme bedinge einen ebenso gestalteten Körper.

Ansonsten wird man konstatieren müssen, dass es auch bei dieser Ring-Interpretation in erster Linie um persönliche Einzelschicksale geht, die – und das kann nun wirklich niemanden verwundern – in einem gesellschaftlich-politischen Umfeld eingebunden sind und diesem nicht entrinnen können, auch wenn am Ende das Prinzip Hoffnung steht – zumindest musikalisch. Von einem speziell “politischen” Ring kann jedenfalls keine Rede sein.

Was sich dagegen eingeprägt hat, ist – analog zur motivischen Technik der Partitur – das stringente Arbeiten mit optischen Verweisen: ob es Sieglindes Brautschleier ist, den Siegfried immerzu in seinem Koffer mitführt, oder der hinzuerfundene “junge Hagen”, der mit seinem Vater (Alberich) vor der Behausung Fafners campiert, wodurch jedem verständlich wird, warum Hagen dann später in der Götterdämmerung beim ersten Zusammentreffen mit Siegfried bereits soviel Vorwissen besitzt. Vor allem Bühnenbildner Erich Wonder hat im Laufe der Jahre seine überbordenden Einfälle an Prospekten und Requisiten auf ein erträglich Maß eingeschränkt, obwohl so manches bis zuletzt nicht recht passen wollte.

Inzwischen ist Jürgen Flimm vom Kuratorium der Salzburger Festspiele ohne Gegenstimmen zum neuen Künstlerischen Leiter des Festivals gewählt worden. Als Nachfolger von Peter Ruzickas wird. Flimm, der mit Beginn der Ära Ruzicka vor drei Jahren bereits die Leitung des Schauspiels in Salzburg übernommen hatte, sein Amt im Oktober 2006 antreten (der Vertrag läuft vorerst bis 2011).

Was soll man nun von der 10. Ring-Produktion seit der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele 1951 erwarten, die im übernächsten Jahr unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann stehen wird und für die – nach dem Ausscheiden des ursprünglich vorgesehenen Regisseurs Lars von Trier – noch kein Inszenierungsteam benannt werden konnte? Zunächst folgt aber im nächsten Jahr mit der Neuproduktion von Tristan und Isolde ein vergleichsweise überschaubares Projekt (Dirigent: Eiji Oue, Inszenierung: Christoph Marthaler, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock).

Gerhard Menzel

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192 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 1.2 GByte (MP3)
Remarks
Broadcasts from the Bayreuth festival
A production by Jürgen Flimm (2000)