Der Ring des Nibelungen

Kirill Petrenko
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
27 July 2015 (R), 28 July 2015 (W)
30 July 2015 (S), 1 August 2015 (G)
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
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Online Musik Magazin

Mit der Zeit klärt sich der Blick

Im nunmehr dritten Jahr endete die letzte Runde des viertägigen Bühnen-Festspiels in der Regie von Frank Castorf ohne nennenswerte Proteste (wie im Premierenjahr), stattdessen mit einem fast halbstündigen Beifallsorkan für die musikalischen Protagonisten. Das Regieteam war natürlich am Abend des dritten Zyklus dieser Saison nicht mehr vor dem Vorhang erschienen. Zu vernehmen war allerdings, dass sich die Publikumsreaktionen auf Castorfs Erscheinen nach dem ersten diesjährigen Ring-Zyklus zwischen Beifall und Buhs ziemlich die Waage hielten. Ist die Provokation dieser Ring-Dekonstruktion mittlerweile stumpf geworden? Oder klärt sich einfach der Blick?

Verwirrend ist Castorfs Inszenierung geblieben, verflogen scheint aber der Ärger über seine Verweigerung bloßer Illustration von Text und Musik. Mehr oder weniger verziehen scheinen auch die Ausflüge in Richtung Trash zu sein oder der Griff zu übermäßig plakativen Mittel wie der Kalaschnikow, mit der Fafner ohrenbetäubend erledigt wird. Vielleicht konnte nun dagegen umso mehr die assoziationsreiche Bilderfülle geschätzt und die mal fröhliche, mal bissige Ironie sogar genossen werden. Es wurde im Publikum mitunter geschmunzelt, sogar gelacht.

Man musste sich eben heraussuchen, welchem der überbordenden optischen Reize man nachsinnen wollte, den vielen Zitaten aus der Filmgeschichte zwischen Sergei Eisenstein und Quentin Tarantino oder den oft listig versteckten Anspielungen in zahlreichen Details: dem schwarzrotgoldenen Rettungsschirm etwa, unter den sich die Götter im Rheingold vor den unerbittlich fordernden Riesen flüchten; dem Rasputin-Bart Wotans, der ihn in der Walküre als wilden Despoten ausweist; den kopulierenden Krokodilen am Alexanderplatz als Kommentar zur gerade erwachenden erotischen Sinnesfreude zwischen dem Titelhelden und Brünnhilde im Siegfried oder Gutrunes so nostalgisch berührendem Isetta-Kleinwagen, der belegt, dass nun auch bei den Gibichungen das rosarote Wirtschaftswunder ausgebrochen ist. Diese sitzen auch keineswegs „hier am Rhein“, sondern betreiben eine Dönerbude im Kreuzberger Kietz. Virtuos spielt Castorf mit solchen Details und setzt wie beim Scrabble damit gedankliche Kommentare zu szenischen Bildern zusammen.

Genial sind die gigantischen Bühnenbilder von Aleksandar Denić, die die Grundidee vom Öl als dem Gold des jüngeren Industriezeitalters an zentrale Orte seiner Geschichte verlegt. In natürlicher wie in Profit schöpfender Gestalt erscheint es im Kontext der Bühnenhandlung quasi als Bindemittel zwischen den vier Teilen, vom Rohöl über Benzin bis hin zu Plastik.

Im Rheingold ist es eine Tankstelle in einem gottverlorenen Kaff an der Route 66, in der die Malocher Fasolt und Fafner dem ebenso aufschneiderischen wie bankrotten Wotan ihre Rechnung für Walhall präsentieren. Da bleibt dieser Halbweltexistenz nichts übrig, als den Loser Alberich über das Ohr zu hauen.

Die Walküre spielt sich als Revolutionstragödie im prä-sowjetischen Ölzentrum Baku ab, wo die Zwillinge Sieglinde und Siegmund die Grenzen der traditionellen Moral überschreiten und die Walküren als Suffragetten gegen den Ölbaron Allvater Wotan aufmucken, der sie (wie einst Lenin die Kronstädter Matrosen: als flimmernder Stummfilm im Hintergrund eingeblendet) autoritär auf Linientreue zwingt. Prompt leuchtet im selben Moment am Förderturm der Sowjetstern auf. Selbstverständlich verschwindet die verbannte Brünnhilde hinter einem brennenden Ölfass, um auf den „furchtlos freiesten“ Helden zu warten, der sie erweckt.

Dieser wächst in der Pubertäts-Groteske Siegfried zum prollig pöbelnden Rowdy heran, der seinen Ziehvater Mime zuerst ermordet und anschließend mit Plastikmüll zuschüttet. Überschüssige Energie reagiert er bei jedem sich bietenden Quickie ab. In Gestalt eines Sambagirls kann der Waldvogel davon ein Lied singen, später zeigt sich Brünnhilde beglückt. Einen Abend später wird Gutrune im Handumdrehen auch ihre Unschuld verlieren. Orte der Handlung sind nun: der Berg der versteinerten sozialistischen Utopien und die real existierende Trostlosigkeit am Alexanderplatz in der Hauptstadt der DDR.

Das Leitmotiv Öl erscheint in der Götterdämmerung als omnipräsentes Reklamelogo „Elaste und Plaste aus Schkoppau“, dem chemieindustriellen Stolz der DDR, bevor dann am Schluss die Fassade der New Yorker Börse ihre Hülle fallen lässt, dem Ort, an dem in der Gegenwart der Machtkampf ums Öl weiter geführt wird, vielleicht mit subtileren, aber nicht minder rigorosen Mitteln.

Castorf erzählt die Geschichte nicht kontinuierlich und nicht homogen in den Mitteln, sondern auf mehreren Ebenen der Wahrnehmung zugleich: als Interaktion auf der Bühne, in Filmeinblendungen als Ergänzung des sichtbaren Geschehens oder als ironische Brechung. Und durch eine Art Alien, eine hinzugefügte stumm agierende Figur, die witzigerweise auf keinem Programmzettel ausdrücklich auftaucht: Es ist Patric Seibert, hinter den Kulissen Regieassistent und auf der Bühne mal Tankwart, Bär, Assistent von Mime, Kellner oder der Mann am Dönergrill. Meist muss er sich irgendwie schubsen, prügeln oder anderweitig misshandeln lassen, am Schluss wird er noch von den Rheintöchtern in ihrem Mercedes totgefahren. In dieser Figur konzentriert sich immer wieder schlaglichtartig der bildliche Kommentar zum Geschehen und man verfolgt gespannt deren Geschichte. Auch die Kostüme von Adriana Braga Peretzki steuern in ihrer enorm kreativen Vielfalt einen ganz entscheidenden Beitrag zu diesem Konzept der assoziativen Kommentierung bei.

Sängerisch war dieser Ring 2015 zumeist sehr gut besetzt. Die Solistinnen und Solisten der Hauptrollen waren größtenteils unverändert. Wolfgang Koch war ein darstellerisch präsenter und stimmlich wandlungsfähiger Wotan und Wanderer, Catharine Foster eine kraftvolle, aber auch warm intonierende und weiche Linien formende Brünnhilde. Ihr Schlussmonolog wurde im Gegensatz zur unspektakulären szenischen Gestaltung musikalisch zu einem großen Moment. Claudia Mahnke ließ sich als Fricka im zweiten Akt der Walküre sängerisch sehr von ihrer intensiven Darstellung der keifenden Ehefrau mitreißen, war dagegen im zweiten Götterdämmerung –Akt eine berührend sensible Waltraute.

Das Gibichungenpaar war mit Alejandro Marco-Burmester und Allison Oakes (die auch die Freia sang) solide besetzt. Das Rheintöchter-Terzett glänzte stimmlich ganz außerordentlich, neben Mirella Hagen und Julia Rutigliano war diesmal Anna Lapkovskaja neu dabei, die auch im Verein mit Claudia Mahnke und Christiane Kohl zur gesanglich eindrucksvollen Nornenszene beitrug. Nadine Weissman konnte mit allzu flackriger Stimme als Erda nicht ganz überzeugen. Andreas Hörl war ein stimmlich etwas leichtgewichtiger Fafner, während Wilhelm Schwinghammer das kurze Aufflackern lyrischer Empfindung als Fasolt schön gestaltete. Mirella Hagen sang die Partie des Waldvogels unter dem über 14 Kilo schweren Kostüm noch einigermaßen leicht und duftig.

Auch das sängerisch großartige Wälsungenpaar mit der emotional intensiv singenden Anja Kampe und dem hell strahlenden Johan Botha als Siegmund machte starken Eindruck, ebenso Kwagchul Youn als gewalttätiger Hunding in Nadelstreifen. Die Rheingold – Götter waren mit Lothar Odinius (mit hell timbrierten Tenor) und Daniel Schmutzhard (als belkantistsch singender Donner) sehr gut dabei.

Nicht zum Nachteil ergänzten einige Neubesetzungen das bewährte Ensemble. In der Partie des Loge war John Daszak mit seinem prägnant spitzen Tenor profiliert der zynische Ratgeber Wotans im Rheingold. Als Alberich war anstelle des beim Germanwings-Absturz ums Leben gekommenen Oleg Bryak (nirgendwo übrigens ein Gedenken an sein tragisches Schicksal !) Albert Dohmen eingesprungen. Im Rheingold noch etwas zurückhaltend, aber in der Götterdämmerung im Dialog mit seinem Sohn Hagen formte er seine Partie dramatisch und spannend aus. Als Hagen war Stephen Milling ein großer Gewinn – tief schwarz in der Stimme und knallhart im Vollzug seines fatalen Ziels. Der neue Mime, Andreas Conrad, musste unbegreiflicherweise am Ende von Siegfried ein paar Buhs einstecken, dabei war er ein eindrucksvoller Darsteller und der vokal heiklen Partie ohne jeden Fehl bestens gewachsen.

Mit größter Spannung aber erwartete man den neuen Siegfried, den Stefan Vinke erstmals in Bayreuth gab. Bewundernswert stand er seine Partie stimmlich kraftvoll durch. Als Jung-Siegfried wäre ihm etwas mehr Strahlkraft zu wünschen gewesen. In der Götterdämmerung meisterte er seine Partie großartig, kantabel und besonders in der Szene der Überwältigung Brünnhildes mit wandlungsfähiger Klangfärbung. Mit diesem Bayreuther Debüt hat sich Vinke in die Riege der Heldentenöre buchstäblich empor gesungen.

Nur begeistert kann man sich über Dirigent und Orchester äußern. Viel ist schon über Kirill Petrenkos Dirigat geschrieben worden – und alles trifft zu. Sein (mindestens absehbar) letzter Ring in Bayreuth wurde zum größten Triumph dieses Zyklus. Und mit welcher Demut nahm er den überwältigenden Beifall entgegen, dabei hatte wesentlich er zum Glück dieser Aufführungen beigetragen. Beinahe in jedem Takt konnte man die Musik neu erleben, waren Motive plastisch zu hören, dynamische Bögen spannend entwickelt und intensive Arbeit am Detail zu spüren. Phänomenal war das Piano und besonders in den Zwischenspielen die narrative Kraft der Musik überwältigend. Und gerade deswegen waren Musik und Szene nicht Gegensätze, obwohl Castorf die Musik gerade nicht illustriert. Aber seine Regie ist agogisch gut mit dem Orchester abgestimmt. Auf diese Weise tritt zu den vielen Dimensionen des Sehens mit der Musik eine ganz eigene Ebene des Erzählens hinzu. Das rundet alles zu einem Ganzen.

FAZIT

Hatte es im ersten Jahr vehemente Proteste gegen Castorfs Ring – Sicht gegeben und hatte man bereits im zweiten Jahr bereits eine gewisse Gewöhnung vernehmen können, so scheint sich im dritten Jahr vorsichtig Wertschätzung, ja Gefallen an dieser Produktion anzubahnen. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis dieser Ring Kultstatus gewinnt. Nach dem Abgang Kirill Petrenkos als Dirigent muss die musikalische Gestaltung ohnehin schon als historisch gelten.

Christoph Wurzel

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Premiere, PO
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Technical Specifications
224 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 1.3 GByte (MP3)
Remarks
Broadcasts from the Bayreuth festival
A production by Frank Castorf (2013)