Der Ring des Nibelungen

Marek Janowski
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
28 July 2017 (R), 30 July 2017 (W)
1 August 2017 (S), 3 August 2017 (G)
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
Reviews
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Wagners Ring virtuos dekonstruiert

Der Ring des Nibelungen hat eine besondere Bedeutung im Schaffen Wagners. Nach jahrzehntelanger Dichtung, Komposition und Orchestrierung krönte die Uraufführung des Gesamtkunstwerks und Zyklus 1876 die Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele im eigenen Theater.

Als der legendäre Theaterregisseur und Intendant der Berliner Volksbühne Frank Castorf im Jubiläumsjahr 2013 seine Ring-Inszenierung zum ersten Mal in Bayreuth vorstellte, stieß er beim Publikum auf lautstarke, geradezu hasserfüllte Reaktionen und Ablehnung. Aber in einer Gesellschaft des Spektakels scheint die Kritik unspektakulärer geworden zu sein. Mittlerweile haben sich die Gemüter beruhigt. Man klatscht artig zum Ende eines Aktes bzw. Opernabends, lobt lautstark die zum Teil hervorragenden musikalischen Leistungen von Orchester und Gesangsensembles. Und doch: in den Pausengesprächen wird deutlich, wie sehr Castorf an identitätsstiftenden Symbolen rüttelt, Wagners hehre Klang- und Mythenwelt auf-, bzw. durchbricht, eine auf der Opernbühne fremde, virtuose Theaterwelt mit seinen parallel nebeneinander laufenden Lesarten entfaltet und auf Widerstand stößt.

Es beginnt gleich im ersten Bild des Vorabends. Zu wunderbar changierenden, strömenden, harmonisch lieblichen Klängen präsentiert Castorf Alltag im Puff. Die in Wagners Regieanweisung neckisch spielenden Rheintöchter haben sich in süße Pornoqueens verwandelt, die an Marylin Monroe erinnern. Gesten und Mimik strahlen erotisches Begehren aus. Sie warten, hängen Wäsche auf, trinken Tee, spielen anspielungsreich mit Würstchen und Wasser am Pool. Alberich, grandios gesungen und dargestellt von Albert Dohmen, wirkt wie ein in die Jahre gekommener, ungepflegter Freier, der höchste Lust empfindet, wenn man ihn Schmerzen, Macht und Demütigungen spüren lässt.

Neben dem Geschehen vor dem von Aleksandar Denic grandios gebauten, mehrstöckigen Golden Motel auf der Route 66 übertragen Live-Kameras Einblicke aus den Innenräumen. Parallel spielen Szenen am Pool. Außerdem fügt Castorf als weitere Theaterfigur seinen quirligen, dramaturgischen Mitarbeiter Patric Seibert ein. Prügelknabe und Dienstbote in einer Person versorgt er das Ensemble mit Getränken, die Rheintöchter mit Kaffee und Kuchenhäppchen, muss mitunter von erregten Darstellern einiges einstecken und schüttet am Ende Benzin aus.

Detailverliebt, anspielungsreich in den phantasievollen Kostümen von Adriana Braga Peretzki und in der Personenführung ergeben Bilder und Musik ein mitunter humorvoll kommentierendes, immer auch Gewalt zeigendes, surreal montiertes Gesamtkunstwerk. Ohne das packende, energetisch aufgeladene Klangbild der Musik würden die Bilder leer laufen. Mit Wagners Komposition wird der Abend zu einem abwechslungsreichen, nie endenden Spannungsbogen, in dem die Wagnermythen dekonstruiert bleiben und romantische Gefühle keinen Platz haben. Castorf ungeübte Zuschauer empfinden seine Theatersprache als Bühnenverwirrspiel mit vielen, ungeahnten Überraschungen, das zugleich neugierig macht auf weitere Ideen und Bilder.

Viel Applaus erhielten Marek Janowski und das Festspielorchester. Dazu ein passend ausgewähltes, fantastisch singen- und schauspielendes Gesangsensemble. Neben Albert Dohmen als farbenreicher Alberich, gibt Andreas Conrad einen brillanten Mime, der die Sprache Wagners fesselnd vor Augen führt. Meisterlich textverständlich auch Roberto Saccà als Loge. Tanja Ariane Baumgartner ist eine vollmundige Fricka. Nadine Weissmann verkörpert glutvoll Erda als Geliebte Wotans. Besonderen Applaus erhielt Karl-Heinz Lehner für seine klangvolle, runde, niemals angestrengte Interpretation des Riesen Fafner. Iain Peterson ist ein wohlklingender, baritonaler Wotan, der geschmeidig und elegant seine Stimme zu führen weiß, die Fäden im Hintergrund knüpft und zugleich Vertragsbruch, Entführung und gewaltsamen Raub begeht – ohne sich die Hände schmutzig zu machen.

In der folgenden Walküre, dem ersten Abend des Rings, wechselt der Schauplatz nach Baku. Das meisterliche Bühnenbild Aleksandar Denics setzt die Zimmermannskunst und gigantischen Dimensionen der Festspielbühne wirkungsvoll in Szene. Die im Laufe des Abends lichter werdende Architektur von Ölförderstelle und Bohrturm erinnert zunächst eher an ein Kirchengebäude. Holzgezimmert spiegelt das Kunstwerk zugleich die ländliche Umgebung, hat mehrere Spielebenen und je nach Drehbühnenposition verschiedene Ansichten. Szenisch und musikalisch besonders eindrücklich ist die Liebesszene von dem kraftvoll singenden Christopher Ventris als Siegmund und einer wunderbar tiefgründigen, runden, klangvollen Camilla Nylund als Sieglinde vor dem gigantischen Scheunentor im ersten Aufzug. Atmosphäre kommt auf.

Castorf spielt im Laufe des Abends virtuos mit traditioneller Operndramaturgie. Wotan mutiert von russischem Patriarchen bzw. Zar Iwan zu Fahnen schwenkendem Revolutionär. Leichen dekorieren den rauschhaften Walkürenritt. Eingebettet in die historischen Daten 1917 und 1942 konterkarieren erneut, diesmal historische Filmdokumente das dramatische Operngeschehen – zugespitzt in der Versöhnungsszene von Wotan und Brünhilde im 3. Aufzug. Parallel verweist Castorf auf die Operation Edelweiss im Juli 1942, in der Hitler erneut die Sowjetunion angriff, um die Ölvorkommen in Baku zu sichern.

Während im Rheingold ein kultiviert singender Ian Peterson die Rolle des Wotan füllt, wechselt in der Walküre die Besetzung – passend zur szenischen Interpretation – zum bassbaritonal gefärbten, klang- und kraftvoll singenden John Lundgren.

Neben Camilla Nylund als Sieglinde erhält Georg Zeppenfeld als Hunding besonders viel Applaus. Sein bassbaritonaler, vollmundig warmer Stimmklang kontrastiert wohltuend zur Personencharakterisierung Castorfs, der Hundig auch gegenüber Sieglinde als gewalttätigen Kämpfer versteht, dessen Speer von einem abgeschlagenen Kopf gekrönt wird.

Siegfried, der zweite Abend der Ring-Tetralogie, thematisiert das politische und sexuelle Erwachsenwerden eines jungen Mannes, der die familiäre Bindung an seinen Ziehvater Mime als hemmend empfindet und sich befreit. Wieder einmal überwältigt das Bühnenbild Aleksandar Denics. Die Drehbühne ist zweigeteilt. Auf der einen Seite ein Mount Rushmore gigantischen Ausmaßes mit in Stein gemeißelten großen Köpfen des Marxismus-Leninismus: Marx, Lenin, Stalin und der lächelnde Mao. Mimes Felsenhöhle und Schmiedewerkstatt – auch im Rheingold – ist ein an der Längsseite geöffneter blecherner Wohnwagen, wie man ihn – laut humorvoller Einführung Dr. Friedrichs – in der 1930er Jahren in den USA zu bauen pflegte. Auf der anderen Seite die Leere des Alexanderplatzes in den Zeiten des real existierenden Sozialismus der DDR mit Weltzeituhr, großer Freitreppe und Revuetheater. Auf der Suche nach neuen Hindernissen und Abenteuern werden zahlreiche Bücherstapel durchgeblättert und verworfen, achtlos auf einen Haufen Altpapier gepfeffert, während Dramaturg Patric – anspielungsreich und humorvoll als an der Leine geführter Bär eingeführt – sie studiert und immer wieder liebevoll ordnet. Am Alexanderplatz begegnet Held Siegfried, etwas sehr kraftvoll interpretiert von Stefan Vinke, dem geschmackvoll kostümierten, im glitzernden Federkleid schillernden Waldvogel, den Ana Durlovski leicht schrill und kunstvoll trällernd vor Augen führt. Der musikalisch sinnliche Zauber der Szene entspinnt sich in kindlich verspielten Begegnen und Kennenlernen. Siegfried macht seine ersten sexuellen Erfahrungen. Es wird die Liebesbegegnung bleiben, an die er sich Zeit seines Lebens erinnert.

Sieht man einmal von den ablenkenden Nebenschauplätzen und drastischen Bildern ab, ist Castorfs Personencharakterisierung brillant. Siegfried zieht an Mimes Bart, als sein Lamento ihm zu lang wird, klopft an den Köpfen des Marxismus-Leninismus und wandert in ihnen herum. Faszinierend wie die Drehbühne auf der Suche nach Wahrheit und Freiheit wechselt bzw. in der Mitte, sozusagen zwischen den Welten stehen bleibt. Folgerichtig entwickelt sich die Suche des Protagonisten immer mehr ins grotesk Absurde. Existentialistisch, ironisch, zynisch bevölkern im dritten Aufzug Krokodile den Alexanderplatz, Dramaturg Patric Seibert füllt den Gasthoftisch mit unzähligen Gläsern roten Weins. Kein leidenschaftliches Begehren des Traumpaares Brünhilde und Siegfried. Lustlos und gelangweilt füttern sie die gierig schnappenden Tiere. Immerhin rettet der Held am Ende den fast aufgefressenen Kunstvogel aus dem Maul eines Krokodils.

Unter den Sängerinnen und Sängern ragen erneut Karl-Heinz Lehner als Fafner, Andreas Conrad als Mime und Albert Dohmen als Alberich heraus. Auch Thomas J. Mayer als dritte Wotanbesetzung bzw. Wanderer überzeugt, ebenso Catherine Forster als Brünnhilde.

Abschließend der dritte Tag, die Götterdämmerung. Schauplatz ist wieder Berlin. Die drei Nornen, die wunderbar klangvoll und homogen im Ausdruck von Wiebke Lehmkuhl, Stephanie Houtzeel und Christiane Kohl gesungen werden sind Töchter Erdas, weise Seherinnen und hohe Frauengestalten in schwarz-, rot-, goldenen Gewändern. Vertrieben aus ihrer Heimat am Weisheitsbrunnen der Weltesche haben sie in einer Hinterhofnische unter einer Feuertreppe Unterschlupf gefunden und ihre Kultstätte aufgebaut. Die Szene ist spärlich beleuchtet. Rote Irrlichter künden von den Seelen der Verstorbenen. „Dämmert der Tag? Oder leuchtet die Lohe?“ Am Ende ist der Schicksalsfaden gerissen. Die Nornen flüchten zurück zur Mutter Erda.

Nun müssen ein zum Anarchismus wechselnder Siegfried, eine golden schillernde Königin und liebende Brünhilde und der machtgierige Hagen das Schicksal in die Hand nehmen.

Castorf und sein Regieteam entfalten noch einmal ihre anspielungsreiche, mitunter ermüdende Theatercollage. Vor einem gigantischen, an den Reichtstag von Christo und Jeanne-Claude erinnernden, verhüllten Gebäude – das sich im dritten Aufzug als Fassade der New Yorker Börse entpuppt – betreibt Gunther eine kleine Dönerbude. Weiter zitiert Denic den Mauerbau aus Ölfässern, den Christo und Jeanne-Claude als Symbol der Energiekrise und des Strukturwandels in den 1990er Jahren im Gasometer in Oberhausen zeigten. Ein weiteres Bühnenbild zeigt die Fassade des DDR-Chemieunternehmens „Plaste und Elaste“ in Schkopau. Videos greifen kultisch-rituale Handlungen auf und verweisen auf die Operation Alberich im 1. Weltkrieg – ein taktischer Rückzug der deutschen Armee, um die Alliierten zu verunsichern. Freudig stürzt sich Gutrune auf ihr lang ersehntes Isetta-Geschenk, das Patric Seibert trotz aller gymnastischen Verrenkungen nicht zu stehlen vermag.

Zu den ruhigeren, humorvoll anrührenden Augenblicken zählt das instrumentale Zwischenspiel zu Beginn der dritten Szene des ersten Aufzugs. Der blecherne Wohnwagen hat sich in eine kleine, geheimnisvoll ausgeleuchtete Kasperle-Theaterbühne verwandelt. Zu den meisterlich inszenierten Farben und Motiven der Orchesterdichtung wird das lauernde Spiel von Schlange und rotem Vorhang gezeigt.

Solche Momente der musikalischen Bedeutungsentfaltung sind selten, zu selten für einen ca. sechsstündigen Opernabend. Zu häufig wird der Zuschauerblick gesteuert, nichts scheint dem Zufall überlassen. Ein grandioses Überwachungsopus. Mal mehr, mal weniger passend. Immer gelenkt. Auch die musikalisch eindrucksvolle dritte Szene der ersten Aufzugs zwischen Marina Prudenskaya als Waltraute und Catherine Forster als Brünnhilde bleibt nicht unkommentiert. Wotan betrachtet missbilligend das Geschehen. Auf einer Riesenleinwand zugeschaltet. Zu Siegfrieds Trauermarsch im dritten Aufzug läuft Hagen in Zeitlupenbewegungen durch einen lichten Birkenwald.

Unter den Gesangssolisten des Abends beeindruckt besonders Stephen Milling als Hagen. Sein Monolog im ersten Aufzug, reich mit Orchestermotiven untermalt, greift die Konsonanten der Dichtung auf, bleibt textverständlich ohne den vollmundigen, runden Stimmklang zu vernachlässigen.

Die anfänglichen, leichten Tempo-Abstimmungsprobleme zwischen Männerchor und Orchester fallen bei solch spielfreudigen, homogen artikulierenden Sängern nicht weiter ins Gewicht. Publikumsliebling fast aller Abende waren Marek Janowski und das Festspielorchester.

FAZIT

Die Castorf-Inszenierung des Rings von Richard Wagner ist ein faszinierendes Theatererlebnis, ein grandioses Überwachungsopus, das der musikalischen Bedeutungsentfaltung wenig Raum lässt.

Ursula Decker-Bönniger | Festspielhaus Bayreuth am 8., 9., 11. und 13. August 201

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320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 2.0 GByte (MP3)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth festival
A production by Frank Castorf (2013)