Die Meistersinger von Nürnberg

Sebastian Weigle
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
25 July 2007
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Hans SachsFranz Hawlata
Veit PognerArtur Korn
Kunz VogelgesangCharles Reid
Konrad NachtigallRainer Zaun
Sixtus BeckmesserMichael Volle
Fritz KothnerMarkus Eiche
Balthasar ZornEdward Randall
Ulrich EißlingerHans-Jürgen Lazar
Augustin MoserStefan Heibach
Hermann OrtelMartin Snell
Hans SchwartzAndreas Macco
Hans FoltzDiogenes Randes
Walther von StolzingKlaus Florian Vogt
DavidNorbert Ernst
EvaAmanda Mace
MagdaleneCarola Guber
Ein NachtwächterFriedemann Röhlig
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Online Musik Magazin

Frischer Wind aus allen Richtungen

Katharina Wagners Meistersinger sind mutig frisch aber unverbindlich.

Es ist fast selbst ein Stoff, aus dem Opern sind: Die Komponisten-Ur-Enkelin trat ihr Regie-Debut am Grünen Hügel an und es galt sogleich als Bewährungsprobe für eine eventuelle Nachfolge der Festspiel-Leitung. Auf Katharina Wagners Inszenierung der Meistersinger für die Bayreuther-Festspiele 2007 lastete ein übergroßer Erwartungsdruck. Da rauschte es schon im Vorfeld durch den Blätterwald und flimmerte es durch die Online-Medien, wie wohl selten vor einer Opern-Premiere. Geunkt wurde allenthalben, Einigkeit bestand aber in der Hoffnung, dass mit der 29-jährigen Regisseurin nun endlich auch frischer Wind in das Fachwerk- und Butzenscheiben-Nürnberg der Bayreuther Meistersinger wehen würde. Frischluft-Zufuhr – das ist in der Tat geschehen und zwar gründlich. Und eins steht fest: An Ideen mangelt es der Inszenierung von Katharina Wagner nicht. Doch entstanden ist dabei ein stürmisches, allzu unverbindliches Sammelsurium an Bildern und Deutungen.

Die Inszenierung startet zunächst schwungvoll im natürlichen Duktus. Die Szenerie spielt in einem sorgfältig ausgeleuchtetem, holzgetäfeltem Raum, einen Gemeindesaal oder einem Forum in einem Konservatorium. Ringsum sind Sockel platziert mit Büsten der deutschen Meister von Bach über Goethe und Schiller bis Wagner. Hier bereitet der Student David das Fachkolloqium der Dichterfürsten und Literaturprofessoren vor. Er steht am Kopierer und vervielfältigt Texte aus diversen Reclam-Heftchen, nicht ohne mit einem Papierstau zu kämpfen. Schade, dass die weiteren Studenten zum Aufbau der Tischreihen dann stilisiert aufmarschieren müssen. Eine Regieanweisung, die die gerade so schön ungezwungen entwickelte Szenerie unnötig stört. Auch Eva und Magdalene im unglücklich entworfenem Zwillingslook mögen da nicht überzeugen. Beide Frauenfiguren bleiben denn auch im weiteren Verlauf unbeholfen und belanglos.

Walther von Stolzing gibt sich im ersten Akt zur Versammlung der Meister erfrischend rebellisch. Er springt auf den Tisch und kickt den hochrangigen Literaten die sorgsam gestapelten Reclam-Heftchen vom Tisch. Der dramaturgische Kniff: Die Regisseurin zeigt Stolzing als Maler. Das ist zunächst angenehm überraschend, sorgt jedoch im weiteren Verlauf mitunter für Reibungen mit dem Text und einige Umständlichkeiten bei der Inszenierung etwa beim Probesingen. Dennoch ist die Umdeutung vorteilhaft, denn mittels der Malerei lässt sich das Aufbegehren besser in Szene setzen. Stolzing hat stets einen Eimer mit Farbe griffbereit, mit der er ungehörig alles anschmieren kann. Allein mit Worten ließe sich freilich nicht so wirkungsvoll rumklecksen.

Hans Sachs beobachtet diesen Action-Painter interessiert. Er ist ein Intellektueller Marke Alt-68er. Sein Markenzeichen ist neben Nickelbrille und Zigarette die Tatsache, dass er barfuß ist. Wenngleich hier Sachs nicht der Schuster ist, geht es eben doch immer irgendwie um Schuhe, in diesem Fall um fehlende Exemplare. Als kreativer Barfüßler will sich Sachs von den anderen abgrenzen. Im zweiten Akt wird er dann emsig auf seiner mechanischen Schreibmaschine rumklöppeln. Ein Laptop wäre wohl zu modern gewesen – und er hätte ja auch den Nachteil, dass das Gerät beim Störmanöver zu Beckmessers Ständchen das nötige Klopfgeräusch nicht lautstark übernehmen könnte wie eben eine alte Schreibmaschine. Ist Sachs zu Beginn noch darin innovativ, dass er das künstlerische Potenzial von Stolzing erkennt, wird er sich alsbald als anerkannter Kunstschaffender zum Establishment zählen, der Schlips und Anzug nicht mehr scheut und im gestylten Loft mit Designer-Sofa an seinen Werken tippt. Auch der talentierte Stolzing passt sich nach ersten Erfolgen geschmeidig dem Mainstream an. Die umgekehrte Entwicklung hingegen durchläuft Beckmesser. Angeregt durch Stolzing mausert er sich zum avantgardistischen Künstler. Sein Gestammel auf der Festspielwiese wird damit umgedeutet als eigentlich wegweisende Dada-Kunst. Das lässt sich dramaturgisch machen, auch wenn die Partitur das Konzept nicht unbedingt trägt.

Doch zunächst wird es im zweiten Akt noch einige Turbulenzen geben. Im Outfit und Auftritt von Stolzing sind durchaus Anklänge an Katharina Wagners Kollegen Christoph Schlingensief zu erkennen, der ebenfalls anregend verstörend einst in Bayreuth einfiel. Stolzing trägt weiße Turnschuhe. Dass diese Fußbekleidung als Symbol des Aufbegehrens gegen Regelstarre gelten soll, wird deutlich vorgeführt, indem die weißen Treter im zweiten Akt immer wieder mal betont lapidar vom Himmel stürzen und sich Meistersinger und Studenten wie nebenbei davor ducken. Turnschuhe als Symbol für Rebellion und eine Schreibmaschine als Instrument der Kreativität – das sind erstaunlich überholte Bilder, so richtig frisch ist der Wind, der hier weht, dann doch nicht.

Dabei langt die Regisseurin ab dem zweiten Akt kräftig zu. Der Bühnenraum fungiert jetzt als Innenhof des Konservatoriums. Eine übergroße Skulptur in Form einer Schwurhand mahnt an die Vereinigung der Meister. Diese kippt Stolzing mit seinem jugendlichen Elan um. Launig beschmiert er das gestürzte Monument, lackiert dessen übergroßen Fingernägel und bepinselt auch gleich sein geliebtes Evchen. Nach diesen einfach gestrickten Einlagen mündet alles zur Prügelszene in eine ausgelassene Künstlerparty, zu der die Studenten aus großen Warhol-Suppendosen Farbe spritzen und die Herren Klassiker ihren Sockeln entsteigen und ausgelassen mitfeiern.

Foto Meistersinger Hans Sachs (Franz Hawlata) in seinem feinem Heim mit Designer-Sofa. Im Hintergrund sieht man, was die alten Herren Klassiker so in ihrer Freizeit tun. Freilich muss jetzt im dritten Akt noch draufgelegt werden. Sachs tippt in seinem gestylten Künstlerloft auf der Schreibmaschine. Beckmesser versucht sich jetzt als Avantgardist und schlüpft betont spontan in weiße Turnschuh. Alsbald treten wieder die Klassiker mit übergroßen Köpfen auf und tanzen bis auf die Unterhose entblößt und lechzend mit ebenfalls leicht bekleideten Damen Cancan. Ein Regieteam tritt auf die Bühne. Es will sich beklatschen lassen für den Einfall dieser Szene, doch auf Geheiß von Sachs stecken Bühnenarbeiter die Leutchen mitsamt den lüsternen Klassiker-Figuren in einen Alu-Container und zünden diesen kurzerhand an. Aus die Maus. Ruhe im Karton. Drastisch bebildert Katharina Wagner hier die Anfeindungen, denen das moderne Regietheater ausgesetzt ist. Doch gerät die ironische Wendung hier lediglich zu einem Effekt unter anderem und kann wohl kaum als plötzlich ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit dem Thema gelten.

Atmosphärisch verblüffend getroffen folgt schließlich die Festwiesen-Szene als große Fernsehshow. Nach dem Auftritt von Sachs als düster verbrämter Redner in Sachen Nationalstolz startet rasch eine Volksmusik-Gala, in der sich der zum Schlagerstar gewandelte Stolzing mit seinem Preislied genüsslich in Pose singt. Der ironische Verweis auf Florian Silbereisen und seine Shows gelingt mühelos. Beckmesser hingegen tobt jetzt als Rebell, doch tut er dies höchst lächerlich mit Nackedei und Gummipuppe aus einer Kiste und Papierschlangen-Penis, den er aus der Hose zieht. Diese Inszenierung ist eben gründlich. Hier wird alles und jeder bloßgestellt, selbst der, der zwischenzeitlich zum neuen Held zu werden schien. Was schließlich zurückbleibt nach einem langen Opernabend voller Ideen, Deutungsangeboten und Klamauk ist nichts als Leere.

Was es dem Publikum nicht gerade einfacher macht, ist ein Sängerensemble, das nur teilweise überzeugt. Den Glanzpunkt bildet zweifellos Klaus Florian Vogt als Stolzing. Mit lyrischem Tenor verströmt er durchgehend sinnlich funkelnden Wohlklang. Anspruchsvoll präsentiert sich auch Michael Volle als stimmlich und spielerisch bissig zupackender Sixtus Beckmesser, der freilich in dieser Inszenierung auch die interessanteste Rolle zu gestalten hat. Aufmerken mit gehaltvoller Darstellung lässt zudem Norbert Ernst als Lehrjunge David. Franz Hawlata hingegen ist mit enger, trüber Stimme der Partie des Hans Sachs kaum gewachsen. Amanda Mace als Eva umgarnt den Stolzing eher in schrillen Tönen, ohne jede Verzauberung, und bleibt in der Rollengestaltung blass. Auch Carola Guber als Magdalena tut sich nicht sonderlich hervor. Der Chor unter der Leitung von Eberhard Friedrich singt sich ambitioniert mit nur gelegentlichen Ungenauigkeiten durch die turbulente Inszenierung und läuft erst auf der Festspielwiese zur Hochform auf. Dirigent Sebastian Weigle gestaltet mit dem bestens disponiertem Festspielorchester zwar einen durchaus gut strukturierten, forsch voranschreitenden Orchesterpart, der streckenweise jedoch die Sänger unachtsam überfährt. Der musikalische Zusammenklang von Bühne und Orchester ließe sich noch erheblich verbessern.

Schon während der letzten Takte des Abends beginnt es im Publikum zu brodeln. Das Bayreuther Publikum erspart auch dem Sänger-Ensemble nicht die Buh-Rufe, behält sich die meisten aber für die fast hastig vor den Vorhang eilende Regisseurin vor. Doch Katharina Wagner erntet ebenso kräftigen Applaus für ihre ambitionierte und durchaus mutige Arbeit. Die Chancen für die Regisseurin auf eine Übernahme der Festspielleitung werden mit dieser Produktion wohl genauso unbestimmt bleiben wie die Inszenierung selbst: kann sein, kann aber auch nicht sein.

FAZIT

Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen – Katharina Wagners Inszenierung bietet zahlreiche Ideen und Deutungsangebote, findet aber keine eigene Linie. Ein heraufbeschworener oder auch herbeigewünschter Skandal am Grünen Hügel blieb aus – trotz Klassikern in Unterhosen und fehlendem Fachwerk. Von einer wegweisenden Inszenierung kann aber auch keine Rede sein. Das Sängerensemble konnte zudem nur teilweise überzeugen.

Meike Nordmeyer | Rezensierte Aufführung: 4. August 2007

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Premiere
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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 612 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast from the Bayreuther Festspiele
A production by Katharina Wagner (premiere)