Die Meistersinger von Nürnberg

Simone Young
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
November 2012
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Hans SachsJames Rutherford
Veit PognerAin Anger
Kunz VogelgesangBenjamin Bruns
Konrad NachtigallNikolay Borchev
Sixtus BeckmesserAdrian Eröd
Fritz KothnerBoaz Daniel
Balthasar ZornPavel Kolgatin
Ulrich EißlingerMichael Roider
Augustin MoserPeter Jelosits
Hermann OrtelMarcus Pelz
Hans SchwartzAlfred Šramek
Hans FoltzAndreas Hörl
Walther von StolzingJohan Botha
DavidNorbert Ernst
EvaChristina Carvin
MagdaleneZoryana Kushpler
Ein NachtwächterAlexandru Moisiuc
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Reviews
Die Presse

Wenige Meistersinger in Nürnberg

Wagners Werk wurde szenisch detailreich aufgefrischt, konnte aber musikalisch nicht überzeugen. Zu unausgeglichen ist die Besetzung. Ein kurzweiliger, aber keineswegs unvergesslicher Abend.

In nur viereinhalb Opernstunden verhilft ein älterer Schuster der modernen Gesangskunst zum Durchbruch und verzichtet auf eine sympathische Blondine. Dies tut er, wenn ich das Finale richtig verstanden habe, für Deutschland“: So lapidar konnte nur Loriot die „Meistersinger von Nürnberg“ zusammenfassen. Ursprünglich als Satyrspiel-Antwort auf „Tannhäuser“ gedacht, wurde das einzige nichtmythologische Werk des reifen Wagner trotz seiner Länge zur eher leicht zugänglichen „Volksoper“ – und kräftig für Nazi-Propaganda missbraucht. Brennende Fragen stellen sich bis heute: Ist Beckmesser eine Judenkarikatur? Und Sachsens Schlussansprache derb nationalistisch?

In der Staatsoper steht in dieser Saison nach „Parsifal“, „Holländer“ und „Ring“ im Juni ein neuer „Tristan“ auf dem Spielplan; alles überwiegend von Franz-Welser Möst betreut. Gleichsam als Ouvertüre zum Wagner-Jahr 2013 setzte man aber die 74. Vorstellung von Otto Schenks „Meistersinger“-Inszenierung als sogenannte „Wiederaufnahme“ an – und konnte damit musikalisch nur bedingt reüssieren. Am szenischen Rahmen lag es jedenfalls nicht, denn auch wenn die betont traditionell-historische Sicht auf ein Bilderbuch-Nürnberg, die Schenk und sein Ausstatter Jürgen Rose hier zeigen, schon bei der Premiere 1975 von vielen als veraltet empfunden wurde, verhindert sie keineswegs eine differenzierte Sicht auf die Charaktere.

Hausdebüt wurde nur Achtungserfolg

Wenn etwa Sachs nach dem Abgang Beckmessers im 3. Akt nicht wirklich plausibel räsoniert, dass der Herr Stadtschreiber hier zum „Dieb“ geworden wäre, wirkt das eher wie eine dringend nötige Gewissensberuhigung angesichts der Falle, die der Schuster Evchens ungeliebtem Freier stellt. Brachte James Rutherford hier eine interessante Schattierung ein und wusste er die Schlussansprache als nachdenkliche „Stimme der Vernunft“ vorzutragen, geriet sein Hausdebüt nur zum Achtungserfolg. Zwar spielte er recht sympathisch und hielt die Monsterpartie vokal durch – aber mit eher kern- und glanzlosen, leicht nasalen und wenig voluminösen Tönen, denen auch keine überragende Bühnenpräsenz beispringen konnte.

Adrian Eröds Beckmesser gewann daneben besonderes Format: Nicht mit üppigem Material, sondern mit der Präzision eines gestandenen Liedsängers und deklamatorischer Schärfe macht er den ehrgeizigen Pedanten überdeutlich, ohne dabei der Figur die nötige Größe zu nehmen. Wer mit Schadenfreude statt Rührung mit ansehen konnte, wie der Verprügelte am Ende des 2. Aktes noch eine Kusshand zum Fenster der Geliebten hochwarf, hat kein Herz. Wurde Eröd damit das darstellerische Zentrum des Abends, stand vokal Johan Botha als Stolzing im Mittelpunkt. Mimisch und gestisch lebendig, hielt er mit strahlend differenzierten, nur im Quintett vorübergehend in der Höhe nicht ganz sauberen Tönen problemlos durch.

Doch leider erklärte Simone Young am Pult des klangschön, aber keineswegs schlafwandlerisch sicher agierenden Staatsopern-Orchesters ausgerechnet Bothas Lautstärke-Gardemaß zur Norm: Viele der ungleichmäßig besetzten Kleinmeister hatten Mühe, mit ihren Pointen die oft wackelnden Klangmassen zu durchzudringen. Deutliche Buhs für die Dirigentin schon vor dem 3. Akt waren die Folge. Norbert Ernsts fast tadelloser David und der sichere Pogner Ain Angers ragten aus dem Ensemble heraus, in dem Christina Carvin (Eva) und Zoryana Kushpler (Magdalena) vor allem optischen Ansprüchen genügten. Höfliche Begeisterungsbekundung, nicht zuletzt für den Chor: ein kurzweiliger, aber keineswegs unvergesslicher Abend.

WALTER WEIDRINGER | 22.11.2012

operinwien.at

Ein Sachs der leisen Töne

Die Wiener Staatsoper spielt nach fast fünf Jahren wieder einmal Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Mit einer Wiederaufnahme und neuem Programmheft wurde die aus dem Jahre 1975 stammende Produktion von Otto Schenk (Ausstattung: Jürgen Rose) „aufgefrischt“. Besprochen wird die 2. Aufführung dieser Serie.

Als langjähriger Staatsopernbesucher ist man mit dieser Inszenierung natürlich vertraut, und viele Stammbesucher sind sehr dankbar dafür, dass es sie noch immer gibt. Sie hat sogar die Ära Holender überstanden, wahrscheinlich weil Christine Mielitz ihre „neuere“ Deutung an der Volksoper herausbringen durfte. Aber diese Produktion ist Geschichte – während das „Bühnen-Nürnberg“ in der Staatsoper samt „virtuell“ duftendem „Sambucus nigra“ an der Fassade von Sachsens Werkstatt immer noch das Besucherauge erfreut und die lauschige Stimmung von Frühlingsabenden evoziert.

Doch der Abend entwickelte sich insgesamt weniger erfreulich, als es diese einleitenden Worte vermuten lassen. „Meistersinger“ ohne einen persönlichkeitsstarken Sachs sind leider nur eine „halbe Sache“ – noch dazu wenn der Gegenspieler als Beckmesser Adrian Eröd heißt. Eröds hervorragender, detailreich charakterisierter Beckmesser, ein wenig philisterhaft und pedantisch, der sich aber eigentlich nach Liebe und „Poesie“ sehnt, benötigt ein starkes Gegenüber, einen Adressaten für die deklamatorisch ausgefeilte Textbehandlung, die sich der Sänger zurechtgelegt hat.

Wenn Hans Sachs aber schon im ersten Aufzug unter den Meistern als einer unter vielen erscheint, dann wird es schwierig, Sachs als das Gravitationszentrum des Werkes zu verankern. Vielleicht ist James Rutherford nicht ganz fit angetreten. Er hatte während der Festwiese ein weißes Häferl unter seinem Tribünensitz stehen, nachdem er ein paar Mal angelte, um mit dem Inhalt seine Kehle zu befeuchten. Er blieb den ganzen Abend über ziemlich einförmig und ökonomisch im Gesang, schien auf den Schluss hin zu sparen, wo er sich dann ein paar kräftigere, aber nicht wirklich kräftige Töne gönnte. Vielleicht ist seine angenehm lyrische und eher helle Stimme für diese Rolle an einem großen Haus doch (noch) eine Spur zu leichtgewichtig und in der Tiefe zu wenig tragend. Außerdem ist Rutherford (in der Wiederaufnahme am Mittwoch mit Hausdebüt) für einen Sachs noch sehr jung und singt die Partie noch nicht sehr lange. Er nuanciert sie zu wenig deutlich, singt über viele mögliche Pointen hinweg. Der Auseinandersetzung mit Beckmesser im zweiten Aufzug fehlte weitgehend diese Selbstsicherheit, um überzeugend humorvoll zu wirken, um da und dort einmal kräftig „Laut zu geben“. Keine Frage, Rutherford sieht mit Bart und dank seiner Statur durchaus aus wie ein Sachs, aber an diesem Abend fehlte es mir noch an der überzeugenden Ausformung der Bühnengestalt in Spiel und Gesang: ein Sachs der (zu) leisen Töne.

Mit Simone Young am Pult war es vielleicht nicht einfach, denn ohne einer zuträglichen Dosis an Pathos, einer guten Portion Humor und viel Gefühl für Zwischentöne werden die „Meistersinger“ zu einer orchestralen Dauerberieselung, die schlussendlich nur noch Langeweile auslöst. Young schien die Zügel sehr straff zu halten und zog ihr „Konzept“ durch. Das Orchester war teilweise zu laut und klang im üppigen Blech überraschend grobschlächtig. Im Zuge einer Wiederaufnahme hätte man sich eine feinfühligere Wiedergabe erwartet, die die Schönheiten und humoristischen Zwischentöne dieses Werkes, die frühlingsstimmigen Berauschungen und den festlichen Meisterglanz herausarbeitet und nicht „planiert“.

Johan Bothas Walther von Stolzing ist schon fast eine Legende – in der Volksoper, in der Staatsoper, auf den großen Opernbühnen der Welt. Bothas Tenor vereint nach wie vor lyrische Flexibilität mit einer raumfüllenden Strahlkraft – und man sollte dabei bedenken, dass man dergleichen schon vor zehn Jahren mit Begeisterung über Bothas Stolzing geschrieben hat. Begeisterung erweckte auch Norbert Ernst als David – vor knapp fünf Jahren hat er an der Staatsoper in dieser Rolle debütiert. Die Stimme ist in der Höhe metallischer und kerniger geworden und besitzt nach wie vor eine kecke Gewandtheit, die den aufstrebenden „Lehrbuben“ auszeichnet.

Rundum auf gutem Niveau agierten die Meister mit dem stattlichen Ain Anger an der Spitze, der einen würdigen Pogner spielte und sang. Seine Tochter, Christina Carvin, überzeugte mich weniger, ihr Sopran war mir zu flackrig und etwas herb timbriert, in den Spitzentönen mit Risiko zur Schärfe. Zoryana Kusphler war eine schon zu solide Magdalene.

Der starke Schlussapplaus dauerte knapp über zehn Minuten lang und bezog alle Mitwirkenden ein, bei Young etwas weniger stark.

Dominik Troger | Staatsoper 25.11.2012

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Technical Specifications
128 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 248 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (Ö1)
A production by Otto Schenk (1975)
Possible dates: 21, 25, 29 November 2012