Die Meistersinger von Nürnberg

Christian Thielemann
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Bachchor Salzburg
Sächsische Staatskapelle Dresden
Date/Location
13 April 2009
Großes Festspielhaus Salzburg
Recording Type
  live   studio
  live compilation   live and studio
Cast
Hans Sachs Georg Zeppenfeld
Veit Pogner Vitalij Kowaljow
Kunz Vogelgesang Iurie Ciobanu
Konrad Nachtigall Günter Haumer
Sixtus Beckmesser Adrian Eröd
Fritz Kothner Levente Páll
Balthasar Zorn Markus Miesenberger
Ulrich Eißlinger Patrick Vogel
Augustin Moser Adam Frandsen
Hermann Ortel Rupert Grössinger
Hans Schwartz Christian Hübner
Hans Foltz Roman Astakhov
Walther von Stolzing Klaus Florian Vogt
David Sebastian Kohlhepp
Eva Jacquelyn Wagner
Magdalene Christa Mayer
Ein Nachtwächter Jongmin Park
Gallery
Reviews
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Zwischen Bühne und draußen

In Salzburg lässt Christian Thielemann die Staatskapelle Dresden zu Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ aufblühen. Die Regie von Jens-Daniel Herzog führt in die Lokalpolitik.

Vielleicht hat die Welt wieder genau solche „Meistersinger“ gebraucht nach all denen, die uns ständig ungefragt, aber überdeutlich erklärt haben, was Richard Wagner eigentlich für ein schlimmer antisemitischer und protofaschistischer Finger war. Oft schien da leises Bedauern mitinszeniert, warum just ein solch unangenehmer Typ so großartige Musik geschrieben hat. Hier schafft Jens-Daniel Herzogs Salzburger Osterfestspiel-Inszenierung, die den Stoff quasi in die mittelfränkische Lokalpolitik zurückholt, Entlastung, weil der Blick, gestützt durch Mathis Neidhardts stimmungsvolle Bühnenbilder und Sibylle Gädekes treffsicher differenzierte Kostüme, wieder freier wird: hin zum privaten Elend unerfüllter Anerkennungs- und Liebeshoffnungen, aus dem die Oper ihr Mitgefühl wie ihre Desillusionierung bezieht und dessen Auswirkungen nicht weniger nachhaltig sind als die großer Volksreden.

Deren umstrittenste hält Hans Sachs ganz am Ende, um den Quäl- und Quergeist Walther von Stolzing womöglich doch noch für die dringend benötigte Auffrischung der Bildungsbürgergesellschaft einzufangen. Herzog macht daraus ein Privatissimum unter vier Augen, wobei der Mentor, verzweifelt-ausgehöhlt, schließlich als letztes Mittel seine nationalpatriotische Moral-Breitseite abfeuert. Verzweifelt, weil er hier erstens einen erotischen Rivalen anfüttern muss, der ihn, den keineswegs unattraktiven Middle Ager, bei der gewitzten und für die Selbstverwirklichung zu beträchtlichen Fiesheiten fähigen Eva (Jacquelyn Wagner hat dafür die entsprechend beherrschte, eher resolut zupackende als keusch mädchenhafte Stimme) ziemlich anstrengungslos ausgeknockt hat; und außerdem, weil er spürt, dass das ganze Kunstwesen bei diesen Meistersingern als sektschlürfendem, sich selbst mächtig gemeinnützig fühlendem Sponsorenverein à la Rotary letztlich doch keine wirkliche Perspektive hat.

Heimatlose Seele
Georg Zeppenfeld, der das singt, ist ein gedankenklar agierender wie artikulierender Sänger; keine sonore Gesetztheit, sondern Offenbarung einer tief verunsicherten, heimatlosen Seele – und damit das direkte Gegenbild zum genialischen, aber irrlichternd arroganten und auch körperlich schnell übergriffigen Walther. Klaus Florian Vogt spielt dessen jugendliche Generalschnurzigkeit hervorragend und widerspricht damit in gewisser Weise seiner samtig leuchtenden (manchmal etwas lässig artikulierenden) Hemisphärenstimme – aber man hört natürlich trotzdem gern hin. Das trifft auch für Pogner zu, bei dem Vitalij Kowaljow die Akzente zwischen weicher Pianissimo-Gefühligkeit und machtvollem Auftrumpfen nicht immer ganz sinnfällig setzt, und ebenso bei Sebastian Kohlhepps ungewohnt männlich-selbstbewusstem David. Großartig schließlich Adrian Eröds scharf, aber nicht karikierend artikulierender Beckmesser als verkümmerte Papierseele, hinter deren permanentem Verteidigungsmodus ähnliche Sehnsüchte spürbar werden wie bei seinen Konkurrenten.

Dass sich hier sängerisches Können rundum so frei und vielfältig entfalten kann, wäre freilich nicht ohne die sattfarbig funkelnde Dresdner Staatskapelle und Christian Thielemann möglich. Der vehemente Auftrittsbeifall vor jedem Akt erschien als klares Statement des Salzburger Publikums im derzeitigen Führungsdisput, und der Dirigent brachte im Gegenzug eine ebenso gelöst-gelassene wie quicklebendige, kundig zugeneigte Feinarbeit, die dem Stück und seiner gewitzten Instrumentation keine geliehene Mystik überstülpte, sondern es nachhaltig entkrampfte. Da erschien eine kaum je gehörte Fülle aufleuchtender Soli, kontrapunktischer Einreden und Kommentare, während das reduzierte Pathos bei den wenigen Kulminationsstellen wie dem Einsatz des „Wach auf!“- Chores (besetzt mit einer kraftvollen Dresdnerisch-Salzburgischen Ensemblemischung) umso beeindruckender war.

Herzogs liebevoll detaillierte Regie-Konstruktion indessen, die das Geschehen – mit etlichen Bruchstellen – zwischen Realszene und einer humorvoll persiflierten Bühnenwelt oszillieren lässt (wobei Sachs zum gehetzten, sozialpädagogisch ambitionierten Stadttheaterintendanten mutiert, der zwecks Stressabbau nächtens in der hauseigenen Schusterwerkstatt herumhämmert), ist intellektuell ziemlich verwinkelt, aber menschlich glaubhaft. Und letztlich gnadenlos: Erst wollen die Alten nicht, und als sie zögernd Öffnung signalisieren, hat die ungebärdige Brut erst recht keine Lust mehr – am Ende, nach Sachs’ Gardinenpredigt, weisen die beiden jungen Leute der Festgesellschaft ihre wohlgestalteten Hintern und verschwinden, Ziel unbekannt, in den Kulissen. Der umjubelte Volkstribun bleibt zurück wie ein geprügelter Hund, das Geschäfts- und Kunstleben aber wird wohl, nach kurzer Irritation, weiterlaufen wie ehedem. Thomas Bernhard, der in Salzburg groß geworden ist, hat das alles schon einmal aufgeschrieben: „Wir sind nicht mehr so sentimental, dass wir noch Hoffnung hätten.“

Gerald Felber | 17.04.2019

Münchner Merkur

„Meistersinger“ bei den Osterfestspielen: Uns kann keener

Christian Thielemann in seiner Lieblingsrolle als genießerischer Detailfummler, Jens-Daniel Herzog löst kaum ein Versprechen seiner Bildwelten ein: Salzburgs neue „Meistersinger“.

Alles hätten sie sich ersparen können und ein Stück weit auch uns. Klar, der Song ist neu, ungewöhnlich, eine Kampfansage ans verknöcherte Regelwesen. Doch so, wie hier Stolzings erstes Bewerbungslied erklingt, wie sich im Orchester Schwärmerisches mischt mit Augenzwinkern, wie bei aller Hingabe und Identifikation immer Distanz und Als-ob zu hören ist und vor allem, wie Christian Thielemann mit der Dresdner Staatskapelle Klaus Florian Vogt durch die fünf Wunderminuten segeln lässt, stellen sich zwei Fragen: Warum den Kandidaten nicht sofort in die Meisterzunft aufnehmen? Und was soll da noch kommen? Es sind gute vier Stunden, und die machen’s selbst Wagnerianern schwer.

Es bleibt ein Naturgesetz. Regie-Avantgarde und Salzburger Osterfestspiele, wo man für bis zu 490 Euro pro Karte gefälligst nicht belästigt werden will, das schließt sich aus. Daher ist der Inszenierungsansatz von Jens-Daniel Herzog bei den „Meistersingern von Nürnberg“ nicht ohne Hintersinn. Wenn der Vorhang zur Seite rauscht, sieht man Nürnbergs Katharinenkirche als spitzsäuligen Gotik-Traum, wie es orthodoxe Richard-Jünger lieben. Doch es gibt auch das Proszenium der Semperoper (die Produktion wandert nächste Saison dorthin), Stuhlreihen, wuselndes Technikpersonal in Schwarz und einen Regisseur. Theater auf dem Theater, mehr noch: Herzog will ein Ineinandergreifen, ein Überblenden von Opernhandlung und Bühnenbetrieb.

Die Festwiese verpufft
Als „NSDS“ beginnt das, als „Nürnberg sucht den Superstar“, wo Männer in Businessgrau (Besetzungsbüro? Ensemble?) Neues verhindern, backstage einen saufen und wo der regieführende Intendant ständig schlichten muss, obgleich er doch selbst die Säfte in sich steigen spürt. Pikanterweise steht eine Besetzungscouch im Büro. Die wird beherzt von der Sopranistin genutzt, sie macht sich – folgenlos – an den Chef heran. Irgendwann findet sich der Intendant in der theatereigenen Schuhmacherei wieder und der Zuschauer spätestens jetzt im Irrgarten von Herzogs Bilderwelten. Die sind ein hübsches, versiert bespieltes Setting, das vielsagend raunt, Möglichkeiten eröffnet, aber kaum ein Versprechen einlöst.

Möglich, dass die knappe Probenzeit manches behinderte. Herzog hat viel gearbeitet, mit der Statisterie, mit dem Semperopern-Chor und dem Salzburger Bach-Chor. Doch als die Stars dazukamen, blieb wohl nur der Rückgriff auf zigfach Erprobtes. Wer sich Herzogs Theaterchiffren wegdenkt, findet sich bei August Everding wieder. Und vorstellbar auch, dass Dominator Thielemann „Kommando zurück!“ forderte. Hektik in den Ensembleszenen gibt’s nicht, alle Blicke auf ihn, musikalische Präzision siegt übers Szenische. Gerade die Festwiese, Prüfstein jeder „Meistersinger“, verpufft. Keine fertige Uralt-Inszenierung wird da vorgeführt, woran die ersten Minuten der Aufführung denken lassen. Die Semperoper-Wände rücken zur Seite, die Belegschaft verlegt sich ins Freie und absolviert das Finale als bewegtes Oratorium.

Verschwenderisch gute Sängerbesetzung
Eine Enttäuschung also? Dafür gab’s eine verschwenderisch gute Besetzung. Georg Zeppenfeld wagt seinen ersten Sachs und setzt sich an die Pole Position aller derzeitigen Rollenvertreter. Die Tonkontrolle auch in Extremlagen, die uneitle Hinterfragung von Text, das Verbinden von vokaldarstellerischer Intelligenz und Klangschönheit, all das reiht Zeppenfeld ein in die ganz Großen dieses Fachs. Die Auseinandersetzung zwischen Sachs und Beckmesser im dritten Akt wird zum Höhepunkt. Ein Schlagabtausch zweier immens kluger Sänger ist zu bestaunen – auch Adrian Eröd findet für seine Figur ja viel mehr Zwischentöne als andere. Kein bloßes Deklamieren, kein Chargieren, Eröd singt den Beckmesser tatsächlich und lässt sich doch jede Silbe auf der Zunge zergehen.

Klaus Florian Vogt (Stolzing) klingt so frisch und frei, als habe er einen mehrwöchigen Urlaub hinter sich. Vitalij Kowalj deutet Pogner als tragische Figur an und gestaltet im Belcanto-Modus, Jacquelyn Wagner wirkt als Eva anfangs unterbelichtet, steigert sich aber. Sebastian Kohlhepps David ist mit gepflegter Lyrik so etwas wie Stolzings jüngerer Bruder. Levente Páll, vom Münchner Gärtnerplatz ausgeliehen, empfiehlt sich als Kothner für Größeres. Und unten führt Christian Thielemann mit der Staatskapelle vor, dass er das Stück im kleinen Finger hat. Karajaneske Entladungen stehen neben sängerfreundlichem Filigranwerk. Die Detailwut, das Auskosten und Verbremsen, das ständige Vorzeigen wundersamer Miniaturen, das Sich-Laben an Wagner, dieses „Uns kann keener“, all das könnte man auch geschmäcklerisch nennen. Doch andererseits: Wer sonst ist so tief eingetaucht in die Partitur? Am Ende wird Thielemann als Triumphator gefeiert – so lange es noch geht.

Markus Thiel | 15.04.19

nmz.de

Bruch mit Traditionen: Die „Meistersinger“ von Salzburg

Theatrum Mundi in Salzburg. Wo sonst, wenn nicht in dieser zauberhaften Kulisse, wo Jedermann Theater zu spielen scheint. In Festspielzeiten gibt das Publikum allzu gerne den Hauptdarsteller, lässt sich bestaunen, feiern und nicht selten auch mal belächeln. Wie bei allen Diven, gehört stets auch eine große Portion Neid und Gehässigkeit mit zum Programm.

Zum Welttheater taugt bei den, wie es hier heißt, heurigen Osterfestspielen nicht nur das international wohlbetuchte Publikum, sondern auch die Eröffnungspremiere mit Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Die wurden als Theater im Theater präsentiert, mit Hans Sachs als regieführendem Intendanten, der auch mal als Beleuchter tätig war, seltener als Schuster, und so manchen Streit zu schlichten hatte. Dass dazu das Bühnenportal der Dresdner Semperoper an die Salzach verfrachtet und im Großen Festspielhaus nachgebildet worden ist, dürfte nur die kleinste Überraschung gewesen sein. Vor allem nämlich sollten „Die Meistersinger von Nürnberg“ – ausdrücklicher Wunsch von Christian Thielemann als künstlerischem Leiter an den eigentlichen Regisseur Jens-Daniel Herzog – mal ganz unpolitisch bleiben. Aber kann man Wagner entpolitisieren? Aber kann man Wagner entpolitisieren?

Mitnichten. Die „Meistersinger“ von Salzburg sind auf den dieser Oper innewohnenden rein menschlichen, den zwischenmenschlichen Kerngedanken reduziert worden. Kann es etwas Politischeres geben als Menschlichkeit? Menschliches Verhalten innerhalb der Civitas, wo Kunst und Kultur eine prägende Rolle zukommen, wo allerdings auch das Begehren von Anerkennung und Liebe tradierten Grundsätzen folgt, die – so ihr Ethos Bestand haben soll – immer wieder erneuert und aufgebrochen werden müssen?

Einem solchen Ansatz folgt Herzog in seinem Theater-Theater, das in Salzburg mit dem Abbild der Dresdner Oper ebenso wie mit dem Theater Nürnberg spielt. Möglicher Hintergedanke: Kapelle und Dirigent wirken in Dresden, Thielemann war einst GMD in Nürnberg, wo Herzog jetzt als Intendant auf Peter Theiler gefolgt ist, der wiederum die Semperoper übernommen hat. Soweit alles klar? Versteht sich, dass die „Meistersinger“ nun eigentlich keines weiteren Lokalkolorits als Zierrat mehr bedurften.

Die Eingangsszene in der Kirche wurde folglich rasch als bloße Kulisse erkannt, die Drehbühne gab mal Raum für Straßenszene und Prügelorgie, dann für Sachsens Arbeitszimmer, für Theatergarderoben mit Techtelmechtel und öffnete sich schließlich zur opulenten Fest(spiel)wiese. Es waren Leute von heute, die da im bewegten Bühnenbild Mathis Neidhardt und in Kostümen von Sibylle Gädecke zu sehen gewesen sind. Leute, die über die Rolle von festen Traditionen ebenso uneins schienen wie über ihr Verhältnis zum Fremden.

Letzteres geriet in Form des Adligen Walther von Stolzing in die enge Welt der Gilden, ein burschikoses, interessantes Wesen, das nicht nur Veit Pogners Tochter Eva sofort fasziniert hat, sondern auch dem Spielführer Hans Sachs (anfangs noch oft mit Regiebuch unterwegs) die Chance für innerbetriebliche Erneuerung zu bieten schien. Wären da nur nicht die Vorbehalte der Meisterschaft und insbesondere der eigennützige Widerstand des Sixtus Beckmesser zu überwinden. Der hat ebenso ein Auge auf Eva geworfen und übersah mehr und mehr, wie sehr er sich trotzig in eine Sackgasse verrannte.

Jens-Daniel Herzog hat die Figuren klug geformt, gab ihren Darstellern Gelegenheit, sich zu entfalten, verunglimpfte sie nicht und machte somit auch Beckmesser nicht zur billigen Karikatur. Für den Rest sorgten Wagner und seine Musik. Denn da steckt alles drin an Dramatik und Charakteristik von Geschehen und Personen.

Die Meistersinger von Salzburg
Wie dieses Wechselspiel aus Orkan und Kammerspiel umgesetzt werden sollte, zeichnete sich schon in den ersten Takten des strahlenden Vorspiels ab. Luzide überwältigend im Ganzen, ergreifend im Detail, auf emotionale Kontraste setzendes Holz, von samtigen Streichern mit dem strahlenden Blech verwoben – Thielemann, Staatskapelle und Wagner sind und bleiben ein vortreffliches Triumvirat auch und gerade in den „Meistersingern“. Zumal ihnen hier eine wahre Luxus-Besetzung zur Verfügung stand.

Seinen ganz großen Auftritt hatte Georg Zeppenfeld, vor zwei Jahren zu den Osterfestspielen der Hunding in Wagners „Walküre“, in seinem gefeierten Rollendebüt als Hans Sachs mit bezwingender Menschlichkeit, schier jugendlicher Spielfreude und vor allem mit prachtvollem Glanz in der Stimme. Es sind unvergessliche Momente der Freude, wie sie aus baritonalen Tiefen in leuchtende Höhen schwingt, stets unangestrengt wirkt und in wirklich jedem Moment absolut textverständlich bleibt. Dass er seinen Widerpart Sixtus Beckmesser nicht vorführt und desavouiert, mit wissender Reife auf Eva verzichtet und sich als Alt-Meister für Neues zu öffnen vermag, das steht bleibend als grandiose Sänger-Darsteller-Leistung.

Ebenfalls neu in seiner Rolle ist Sebastian Kohlhepp als David gewesen, ein sichtlich erwachsen gewordener Geselle, der mit charaktervollem Organ bestach und sich keineswegs hinter den ganz großen Namen etwa von Vitalij Kowaljow als noblem, prachtvoll präsentem Veit Pogner, oder von Klaus Florian Vogt, dem lyrisch feinen Stolzing, verstecken musste. Hier wurden wirklich sämtliche Meistersinger von wahren Meister-Sängern dargestellt, bis hin zum Nachtwächter von Jongmin Park gab es an keiner Stimme was zu deuteln. Vital und stellenweise feurig agierten zudem der Dresdner Staatsopernchor sowie der Bachchor Salzburg.

Besonders gefallen haben auch Jacquelyn Wagner sowie Christa Mayer, die ihre Partien als Eva und Magdalene aus dem üblichen Schattendasein geholt und sehr selbstbewusste, liebenswerte Persönlichkeiten dargestellt haben, die sie mit klangschönem Stimmmaterial zu versehen wussten.

Ein blaues Auge geholt hat sich lediglich Adrian Eröd, freilich auch dies nur nach der furiosen Prügelszene und in seiner Figur als Beckmesser, die er mit eigenem Charakter sowie mit baritonal glänzender Leichtigkeit ausstattete.

Theater auch um die Osterfestspiele?
Welttheater also, man könnte gar von Weltklasse-Theater reden. Wären da nicht die grauen Schatten über der weiteren Zukunft der Osterfestspiele Salzburg. Zeichnet sich da etwa ein Ende der sächsischen Mitwirkung ab?

Eigentlich undenkbar angesichts der geradezu frenetischen Begrüßung des künstlerischen Leiters und „seines“ Residenzorchesters schon vor dem ersten Ton in Salzburg. Die Sächsische Staatskapelle und Christian Thielemann prägen die 1967 durch Herbert von Karajan gegründeten Festspiele seit 2013 und haben sich die Herzen dieses Publikums geradezu im Sturm erobert. Nach jeder der beiden „Meistersinger“-Pausen schwoll der Beifall im ausverkauften, knapp 2.200 Plätze fassenden Festspielhaus nur noch mehr an, um sich nach mehr als fünfeinhalb Wagner-Stunden in einem rund zwanzigminütigen Schlussapplaus zu entladen. Will man darauf verzichten und die anstehende Nachfolge des noblen Intendanten Peter Ruzicka zum Zankapfel geraten lassen?

Dieses Theater-Thema wurde – vorerst – beredsam mit ausdrücklichem Stillschweigen bedacht.

Michael Ernst | 16.04.19

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Media Type/Label
Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 652 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (Ö1)
A production by Jens-Daniel Herzog (premiere)
Salzburger Osterfestspiele 2019