Die Walküre

Daniel Barenboim
Staatskapelle Berlin
Date/Location
25 April 2011
Staatsoper Unter den Linden im Schillertheater Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegmundSimon O’Neill
HundingMichail Petrenko
WotanRené Pape
SieglindeAnja Kampe
BrünnhildeIréne Theorin
FrickaEkaterina Gubanova
HelmwigeErika Wueschner
GerhildeMarie Danielle Halbwachs
OrtlindeCarola Christina Höhn
WaltrauteIvonne Fuchs
SiegruneLean Sandel Pantaleo
GrimgerdeNicole Angel Piccolomini
SchwertleiteAnaïk Morel
RoßweißeSimone Schröder
Gallery
nmz.de

Brünnhilde schläft unter tropfenden Infrarotlampen: „Die Walküre“ an der Berliner Staatsoper

Das 1901 in Berlin gegründete musikalisch-literarische Kabarett „Überbrettl“ von Ernst von Wolzogen, dem Halbbruder des Bayreuther Gralshüters und Herausgebers der Bayreuther Blätter, Hans von Wolzogen, brachte als eine seiner künstlerischen Innovationen farbige Schattenspiele mit Live-Gesang. Daran erinnern einhundertzehn Jahre später Schattenaktionen der Wälsungen hinter sich magisch öffnenden Schiebewänden in Hundings Hütte. In der „Walküre“-Inszenierung des belgischen bildenden Künstlers Guy Cassiers, für die Regie und zur Hälfte (mit Enrico Bagnoli) für das Bühnenbild verantwortlich, ist darauf u. a. als farbiges Lichtspiel ein offener Kamin á la „Schöner Wohnen“ zu bestaunen.

Da der Regisseur – wie schon im „Rheingold“ – weitgehend auf Requisiten verzichtet, zaubert Sieglinde für das ihr von ihrem Gatten aufgetragene Mahl eine quadratisch leuchtende Tischdecke auf den Boden.

Hatte Patrice Chéreau im Bayreuther „Ring“ von 1976 für Wotans große Szene im zweiten Aufzug ein Foucaultsches Pendel eingeführt, so ist es hier eine stehende, mit Laservideos bestrahlte Kugel, auf der „Fragmente von Wotans Erinnerung“ (Cassiers) projiziert werden: zunächst inhaltlich kaum erkennbare, vorbeifliegende Fotos, dann das Gesicht des Göttervaters selbst. Im Hintergrund – geradezu eine Hommage an den unseligen Bayreuther „Ring“ von Tankred Dorst – erhebt sich in dieser Szene eine Kopie des Marmorreliefs von Jef Lambeaux’ Menschlichen Leidenschaften, das aber Wotan bei seinem Abgang nachfolgt. Dann senken sich aus dem Schnürboden Speere herab, auf die ein veritables Waldweben projiziert wird, bei der Todverkündung ersetzt durch schwarzweiße Videostrukturen.

Im dritten Aufzug hängen anstelle der Speere, die dann auch dieses Bild abschließen werden, rote Plastikschnüre über einer kubistisch strukturierten Landschaft. Live-Projektionen eines vervielfachten, schwebend agierenden Tänzerpaars symbolisieren offenbar die auf ihren Transport nach Walhall wartenden Krieger. Die eingeschläferte Brünnhilde wird auf einem Podest hochgefahren und von gut zwei Dutzend Infrarotlampen warmgehalten, die als Verfremdungseffekt auf und um sie herabtropfen. Mit seiner Vorliebe für lange Schleppen erweisen sich die Kostüme von Tim van Steenbergen im Spiel als wenig vorteilhaft. Und der hochgewachsene Sängerdarsteller des Wotan wirkt wie ein Waldschrat.

Dem gegenüber ist die musikalische Seite der zweiten Premiere des neuen „Ring“-Zyklus der Staatsoper weit befriedigender und runder geglückt. Im Schillertheater gibt es ein halbwegs verdecktes Orchester, da im vorne erweiterten Graben die Violinen, wie auch der Dirigent, fürs Publikum unsichtbar sind. Auf diese Weise erlangen die tieferen Instrumente akustisch deutlich an Gewichtung. Barenboim entlockt der Staatskapelle beim Zauber der Lenznacht faszinierende Piani. Er verblüfft außerdem mit Temporückungen, etwa mit dem auf die Hälfte reduzierten Tempo bei Sieglindes „Haltet ein, ihr Männer“, und gibt im Schlussakt viel Zeit zu melodisch breitem Ausmusizieren.

Iréne Theorin gestaltet die Titelpartie stimmlich rundum einwandfrei und szenisch heldenhaft und gleichzeitig nachvollziehbar menschlich: sichtbar wird auch ihre Verliebtheit in den Halbbruder Siegmund; Wotans Wort, „du folgtest willig der Liebe Macht“, wird hier auch in der Handlung signifikant.

Die als Sieglinde souveräne Anja Kampe setzt auch ihren hörbaren Atem als dramatisches Mittel ein. Der neuseeländische Tenor Simon O’Neill stemmt einen kraftvollen Siegmund, der in der Deutung des Dramaturgen Michael P. Steinberg – unter Berufung auf Wagners Vita, aber auch auf jene von Thomas Mann und auf dessen Erzählung „Wälsungenblut“ – als „Verkörperung einer komplizierten und ambivalenten jüdischen Phantasie“ gedeutet wird; aber davon ist in der zumeist arg beliebigen Personenführung nichts zu bemerken, es sei denn ein ungewohntes Detail: Siegmund schneidet sich nach der Todverkündung mit dem Schwert die Pulsader auf und färbt mit seinem Blut die Schläfe der schlafenden Sieglinde.

Bejubelt wurde René Papes Debüt als Wotan, – nicht ganz zu Recht: häufig nimmt der Bassist die Töne in der hohen Baritonlage zu tief. Zumeist obsiegt zwar der außerordentlich wohltönende, belcantistische Schöngesang Papes, aber die Spitzentöne der Partie verlegt der Bassist gern in die Kopfstimme, – auch dann, wenn das Piano im Sinne der dramatischen Gestaltung nicht angebracht ist. Am Ende des zweiten Aufzuges erweitert Pape die Partie um ein zusätzliches, drittes „Geh!“, welches er Hunding vor seinem verbalen Todesstoß zuhaucht.

Viel Zuspruch erhielten der sehr deutlich artikulierende, russische Bassist Mikhail Petrenko als Hunding , wie auch dessen Schutzgöttin, die dramatische, russische Altistin Ekaterina Gubanova als Fricka.

Das Walkürenensemble enthält namhafte internationale Solisten, ist aber doch recht inhomogen; nahezu unhörbar sind die vor ihrem Auftritt aus dem Off erschallenden Stimmen von Rossweiße und Grimgerde, da auf das vom Komponisten vorgeschlagene Sprachrohr verzichtet wurde. Hingegen werden die von Wagner vorgeschriebenen drei Schläge Wotans mit seinem Speer auf den Felsboden erstmals vom Schlagwerk, als Bühnenmusik, akustisch realisiert.

Die Koproduktion mit der Scala war im Dezember vergangenen Jahres bereits in Milano zu erleben. Zur Berliner Premiere, die mit dreiviertelstündigen Pausen annähernd Bayreuth-Länge erreichte, waren alle Verantwortlichen zugegen. Zwei Buhrufe, die störend in die Stille nach dem Schlussakkord gellten, fanden beim chaotisch uninszenierten Schlussapplaus, sobald das Regieteam auf die Bühne kam, ihre Fortsetzung.

Peter P. Pachl | 18.04.2011

boulezian.blogspot.com

Guy Cassiers’s production of the Ring continues, in its second instalment, to baffle, but the nature of my bafflement is different from any other Ring I can recall. If ever there were a work overflowing with ideas – the overflowing and the conflict being part and parcel of the experience – it is surely the Ring. Yet the Belgian director, making his first foray into the opera house, seems to have none at all, let alone any sympathy with the strenuous intellectual and emotional demands presented by Wagner’s score. I was highly critical of the Weimar Ring, released on DVD, but at least it tried to present some conceptual framework, however confused. The concern of the present production, already staged at La Scala, seems to be to present a pleasant backdrop for what otherwise might as well be a concert performance. (Of course a staged performance never quite feels like that, since one tends to be more frustrated than one would in the concert hall, which possesses its own, symphonic virtues.) Lack is keenly felt here. The production is not ‘traditional’ in the sense of Otto Schenk’s mindless, ‘restorationist’ production for the Metropolitan Opera; it merely seems empty, devoid of meaning, whether political or otherwise. Quite what two dramaturges, Michael P Steinberg and Detlef Giese, did to earn their crust I cannot imagine. Taking the politics out is one thing, and the urge to be something other than a second-generation epigone of Joachim Herz or Patrice Chéreau is comprehensible, yet surely something then needs to be put in place of Wagner’s revolutionary socialism.

Take the Ride of the Valkyries. I recall Deryck Cooke’s wise retort to Eric Blom’s jibe about ‘the most tasteless piece of music ever written’: namely, ‘what could have been the use of a tasteful Ride of the Valkyries?’ This seems to be it, or at least to approach it: a scenic backdrop of elegant black horses, not entirely dissimilar from what one might find emblazoned on a Baroque fountain. That is it. At a push, one might speculate whether a point were being made concerning representational culture, a feudal order on the verge of being overthrow; however, there is no real suggestion of that being the case. A little later, we see ‘tasteful’ video projections of a male nude, credited as a dancer, almost Old Master-ish; I have no idea why. It seemed as though it were intended to do anything but épater les bourgeois. The Staatsoper has, after all, moved for the period of the Unter den Linden house’s closure, to the bürgerlich security of Charlottenburg’s Schillertheater, but a few hundred yards from the Deutsche Oper. Whereas Das Rheingold had at least provided novelty, if questionable, in the form of dancers on stage, their brief filmed sublimation here suggested running out of already limited steam. Video projections of René Pape’s (Wotan’s) face occasionally surfaced during the first act, when Wälse was mentioned; otherwise, it was difficult to note any other feature to the production. Red poles descend from the ceiling during the third act: they are not unpleasant to look at, yet do not seem to signify anything. Tim van Steenbergen’s costumes tend to be expensive-looking but unflattering, Brünnhilde’s taffeta-style bustle a case in point. Make of that, perhaps in West Berlin terms, what you will.

The performance proved considerably superior. Daniel Barenboim led a warmly Romantic account, starkly contrasting with the startling Neue Sachlichkeit objectivism he had imparted to Das Rheingold. I assume contrast between the frigid world of the gods and the purely human love of the Volsungs to have intended; that, at any rate, is how it came across, to the benefit of the present drama if not to that of the cycle’s Vorabend. It may be of interest to note that Barenboim has insisted upon a semi-covered pit for the Schillertheater, in partial imitation of Bayreuth. I am not sure what good this does; it is difficult to tell whether the somewhat restrained – or constrained – result is a product of the less than sensational acoustic of the Staatsoper’s temporary home or a matter of deliberate intent. What I can say is that Barenboim’s reading proved full of momentary incident whilst maintaining the necessary longer line, an especially difficult task in the second and third acts. This seemed to me the best conducted Walküre I had heard since Bernard Haitink’s account with the Royal Opera at the Royal Albert Hall; no one I have heard live has managed the melos of the second act of this drama quite so flawlessly as Haitink, but Barenboim was far from disgraced by the comparison. The Staatskapelle Berlin’s performance was not faultless – as it had arguably proved for the previous night’s Wozzeck, also conducted by Barenboim – but a number of errors were more than compensated for by the rich and variegated tone that emanated from the pit.

The cast was generally strong. Simon O’Neill’s Siegmund slightly disappointed, though O’Neill certainly did not lack power. His metallic timbre is not to my taste and his stage presence might best be described as old-fashioned gestural. (On the other hand, it was not clear that any of the singers received any assistance from the director.) Anja Kampe proved an increasingly spirited Sieglinde, improving in each act, her performance culminating in a radiant ‘O höchstes Wunder!’ Mikhail Petrenko maintained the high standards I noted from him as Hunding in Aix – and Hagen there in Götterdämmerung too. Most Hundings have been blacker of tone, yet Petrenko’s malevolent stage presence and delivery of text are ample substitute for the accustomed sound. Ekaterina Gubanova presented an imperious, wounded Fricka: the woman within and the stern moralising presence without were placed in finely judged counterpoint. The excellence of her Lyubasha in Rimsky-Korsakov’s The Tsar’s Bride, which had opened in London just three nights earlier (!), was admirably maintained. Iréne Theorin, Bayreuth’s current Isolde, overcame the handicap of her strange costume to portray a Brünnhilde gaining in humanity throughout her two acts, Wagner’s Feuerbachian conception of the ‘purely human’ being finely served. I have heard Valkyries more beautiful of tone, but Theorin presented no particular reason for complaint and displayed considerably more dramatic commitment than the production might have led one to expect.

René Pape’s Wotan, however, proved somewhat frustrating. He had sung Wotan in the Scala Rheingold but, already booked to sing Boris in New York, had ceded to the excellent Hanno Müller-Brachmann for Berlin. Müller-Brachmann’s Papageno-baritone was unlikely, however, to prove suitable for the Walküre Wotan, though perhaps the voice of a fabled Sarastro erred in the opposite direction, the tessitura sometimes sounding awkward. There is a tendency to sound wan in higher notes, though there is ample – too ample? – richness in the true bass register. I heard Pape a few years ago as Don Giovanni, again in Berlin under Barenboim. Then he merely seemed miscast; that was less apparent on this occasion, though doubts remained. That said, Pape’s beauty of tone certainly came very much to the fore at times; there was painful bitterness to be heard too. A more serious concern was apparent straying of his attention, most persistently during his ‘Farewell’ scene, in which a good number of words were the victims of substitution. I am told that there had been a greater number of errors during the final rehearsal. A great hope for the role, surely the summit for any pretender’s career, has yet, it seems, to fulfil the promise in which many of Pape’s admirers have long believed.

Under the terms of the co-production with La Scala, Siegfried and Götterdämmerung will be seen first in Berlin and subsequently in Milan. Those final two evenings will be staged during the Staatsoper’s 2012-13 season, culminating in complete cycles scheduled for Holy Week and Eastertide of the composer’s bicentenary.

Mark Berry | Staatsoper Berlin, 17 April 2011

Berliner Morgenpost

Starkem Auftakt folgt lahmes Ende

Ritt nach Walhalla im Berliner Schiller-Theater: Guy Cassiers inszeniert mit der Staatsoper Richard Wagners Oper “Walküre” mit beeindruckenden Bühnenbildern. Doch der starke Auftakt hält nicht ganz, was er verspricht.

Das Schiller-Theater liebt Wagner. Es stellt sich akustisch der “Walküre” nicht in den Weg. Barenboim, vielstündig am Pult der Staatskapelle, nachdem er am Vorabend gerade “Wozzeck” dirigiert hatte, lässt von Anfang an die Aufführung hochdramatisch aufrauschen. Er ist am Pult eine Kraftnatur, die sich vor keiner Steigerung drückt. Noch in den populären “Walkürenritt” jubelt er selbst nach vier Stunden noch mit unerschöpfter Frische hinein. Er trägt offenkundig das gute, alte Dynamit im Blut, das nun einmal bei Wagner-Aufführungen unentbehrlich ist.

Musikalisch hält die Aufführung, was sie von Anfang versprach: ein Festtagsereignis zu werden. Das ist immer leichter gesagt als getan, zumal bei einem derart populären Werk. “Die Walküre” hat schließlich schon bei der Erstauslobung auf der Opernbühne den “Ersten Preis” unter den vier Werken der Tetralogie Wagners gewonnen. Und dabei ist es geblieben. Je gradliniger man sie der Tradition nachbetet, desto besser. Das ist zumindest die Ansicht der Herkömmlichkeit.

Mit ihr aber hat das von Guy Cassiers gelenkte Bühnengeschehen wenig zu tun. Sie erhebt sich weit über das Altbekannte. Sie dichtet vor sich hin und dies auf technisch fortschrittlichste Weise. Projektionen haben das große Wort. Sie weben und wirken unaufhörlich und mit den überraschendsten Effekten mit. Schlanke Bäume wachsen im Handumdrehen aus Himmelshöhen auf die Bühne herab und schließen sich zu einem undurchdringlichen Wald zusammen, der vor wechselnder Buntheit strotzt. Außerdem gibt es einen rotierenden Mond, der sich auch als Sonne vorstellen lässt. Sie kreiseln immerfort um sich selbst und machen den zeitweilig vor sich hin monologisierenden Handlungsablauf lebendig. Sie bringen Leben in die Götterbude, in der es anscheinend sonst vor Langweile qualmt.

Stets überraschende Bühnenbilder

Es geht immer delikat zu in diesem “Ring”, der weniger von einem Mann namens Wagner konzipiert scheint als von einem genialischen Dekorateur, der nicht nur die Erde, auch den Himmel zu bevölkern weiß, wenn die Götter wieder einmal fern von zuhaus abenteuern. Dann bevölkert sich der Himmel mit nackten Leibern in vagen, doch rätselhaft attraktiven Verstrickungen. Ein Tänzerpaar mischt sich leibhaftig unter das turbulente Treiben, das man bislang eher ahnungslos Walkürenritt nannte. Hier reitet am nächtlichen Himmel offenbar jede mit jedem.

Der großangelegte Berliner “Ring”-Zyklus wird in Gemeinschaft mit der Mailänder Scala erarbeitet. Die szenische Leitung liegt in den experimentierfreudigen Händen von Guy Cassiers, der gemeinsam mit Enrico Bagnoli auch die immer wieder überraschenden Bühnenbilder entwickelt. In Hundings Hütte blenden sie als Projektion klassizistischen Wohnkonform ein. Behaglich flackert das Feuer im Kamin. Nur passt der ungeliebte Hunding nicht hinein ins Behagen. Haus und Hof sind offenbar einzig Sieglindens eigen, einschließlich des Wunderbaums, in den Wotan sein Schwert versenkt hat, auf dass es sein Sohn eines Tages fände.

Sieglinde wird zur idealen Wächterin über das unglückliche Geschehen, dem sie als allererste zum Opfer fällt. Das ist doppelt und dreifach schade. Denn Anja Kampe erweist sich als wahrhaft genialische Interpretin, die feinste jedenfalls, die diese Aufführung zu bieten hat. Sie singt die vielgeliebte Partie mit wundervoll ausgeglichener Stimme, bald lyrisch bewegt, bald hochdramatisch angriffsfroh. Ihr Singen ist durchgehend auf den Idealklang geeicht. Das hört man selten.

Simon O’Neill ist Siegmund, ihr flüchtender Zwillingsbruder, der Mann mit der kräftigen Hand, Schwerter aus Bäumen zu reißen. Dieser Siegmund aber kann noch weit mehr. Es gelingt ihm mit seinen unglaublich langanhaltenden “Wälse”Rufen, selbst Barenboim und die Staatskapelle sekundenlang stoppen zu lassen.

Der Auftakt der Aufführung ist vollkommen. Nur hält sie über die Stunden hin nicht, was sie verspricht. Sie verdämmert allmählich, sie verliert an Schneid. Die Dekorateure werden auf immer undurchschaubarere Art abenteuerlustig, bis sie am Ende Brünnhilde unter roten Glühlampen, die Wasser tröpfeln, zur Ruhe betten. Irène Theorin, ihre Darstellerin, hat durchaus Besseres verdient. Sie besitzt einen forschen, durchdringenden hochdramatischen Sopran, der das Geschehen ringsum zu kommandieren versteht. Lieblichere Klänge sind ihr indes kaum zu entlocken. Mit Lyrik steht sie offenkundig auf dem Kriegsfuß. Doch sonst kann sie mit ihrer wohllautenden Stimmkraft Eindruck zu machen. Den ersingt sich allerdings auch ihre Gegenspielerin Fricka, verkörpert von Ekaterina Gubanova, ein Mezzosopran der Sonderklasse.

René Pape enttäuscht als Wotan

Sie und Brünnhilde wischen den Jubel und Trubel der übrigen Walküren ganz einfach fort. Dass diese “Walküre” nicht richtig zu zünden versteht, dabei ist sie doch das populärste Werk des “Nibelungen-Rings”, hat leider René Pape auf seine Wotansschulter zu nehmen. Dabei ist er seit Jahrzehnten ein ausgewiesener, international respektierter Meister seines Fachs. Nur passt dieser Wotan dort nicht hinein. Er schleicht von Anfang an kopfhängerisch dahin auf der Verliererstraße, die Augen niedergeschlagen. Er hat den Job des Göttervaters schon verloren, bevor die Oper auch nur beginnt.

Das mag dramaturgisch stimmen, aufführunsgpraktisch ist die Überlegung nicht. Sie raubt ihr den Schneid, das Interesse, sie macht den Göttervater zur tiefstimmigen Heulsuse. Das haben weder Wotan noch René Pape verdient. Prompt wird am Ende Brünnhilde durch zwei gellende Buh-Rufe aus dem Schlaf gerissen. Der kostbare Schillertheater-“Ring” ist am zweiten Abend mit der “Walküre” schon im vertrauten Berliner Opern-Schmäh angekommen. Das hat er, selbst wenn er Wotan heißt, nicht verdient.

Klaus Geitel | 19.04.2011

Berliner Zeitung

René Pape war der am meisten beachtete Star der “Walküre”-Premiere bei den Staatsopern-Festtagen.

Schließlich hat der Bassist aus Dresden sich Zeit gelassen mit diesem Rollendebüt. Nur nicht zu schnell den Wotan singen, hatte er sich gemahnt. Und inzwischen sein Repertoire um lyrische Bassbariton-Partien erweitert.

Die Geduld hat sich ausgezahlt. Pape lässt seinen tiefen, wuchtigen Schokosahne-Bass funkeln, kann sich aber auch immer zurücknehmen. Sein Wotan ist kein Wutan, kein stürmender Rächer, sondern ein gebrochener Göttervater. Der hat sich in Schwüren und Verträgen verheddert und muss seinen Sohn Siegmund töten und Lieblingstochter Brünnhilde in die Verbannung schicken.

Eine interessante Interpretation, die Pape da mit Regisseur Guy Cassiers gefunden hat. Aber ansonsten lässt Cassiers seine Sänger im Raum stehen. Seine Personenregie ist extrem statisch, nur der Aufmarsch der Walküren im dritten Akt hat einige Dynamik.

Dafür bringen Daniel Barenboim, die Staatskapelle und die Solisten die Musik zum Strahlen. Simon O’Neill und Anja Kampe überzeugen als das verliebte Geschwisterpaar Siegmund und Sieglinde. Auch Ekaterina Gubanova als Wotan-Gattin Fricka, Irène Theorin als Brünnhilde und Mikhail Petrenko als eifersüchtiger Hunding werden zu Recht bejubelt.

Sehr beeindruckend ist auch das Bühnenbild, für das Cassiers auch verantwortlich zeigt. Riesen-Pferde begleiten das Hojotohooo der Walküren, spannende Licht-Effekte lassen Wälder wachsen und Bäume lebendig werden. Nur der Feuerzauber zum Schluss erinnert eher an eine Höhensonnen-Himmelfahrt.

Und mit den Kostümen (Tim van Steenbergen) hat man auch ziemlich danebengegriffen. Die Damen sehen allesamt aus, als hätte Harald Glööckler ein Silvesterknallbonbon entworfen.

Doch schon wegen Papes Wotan lohnt es, auf ein Opernticket zu sparen. Und es gibt sogar noch Restkarten!

18. April 2011

Seenandheard-International.com

Guy Cassiers’s production of the Ring continues, in its second instalment, to baffle. So far, so unusual, one might say, but the nature of my bafflement is different from any other Ring I can recall. If ever there were a work overflowing with ideas – the overflowing and the conflict being part and parcel of the experience – it is surely the Ring. Yet Cassiers seems to have none at all. I was highly critical of the Weimar Ring, released on DVD, but at least it tried to present some conceptual framework, however confused. The concern of the present production, already staged at La Scala, though Siegfried and Götterdämmerung will be staged first in Berlin, seems to be present a pleasant backdrop for what otherwise might as well be a concert performance. It is not ‘traditional’ in the sense of Otto Schenk’s mindless ‘restorationist’ production for the Metropolitan Opera; it merely seems empty, devoid of meaning, whether political or otherwise.

Take the Ride of the Valkyries. I recall Deryck Cooke’s wise retort to Eric Blom’s jibe about ‘the most tasteless piece of music ever written’: namely, what on earth would be the point of a tasteful Ride of the Valkyries? This seems to be it, or at least to approach it: a scenic backdrop of elegant black horses, not entirely dissimilar from what one might find emblazoned on a Baroque fountain. That is it. At a push, one might wonder whether a point were being made concerning representational culture, a feudal order about to be overthrown, but there is no suggestion that this might be the case. A little later, we see ‘tasteful’ video projections of a male nude, credited as a dancer, almost Old Master-ish; I have no idea why. Video projections of René Pape’s (Wotan’s) face occasionally surfaced during the first act, when Wälse was mentioned; otherwise, it was difficult to note any other feature to the production. Red poles descend from the ceiling during the third act: they are not unpleasant to look at, yet do not seem to signify anything. Costumes tend to be expensive-looking but unflattering, Brünnhilde’s taffeta-style bustle a case in point.

The performance was considerably better. Daniel Barenboim led a warmly Romantic account, considerably contrasted to the surprising Neue Sachlichkeit objectivism he had imparted to Das Rheingold. I assume a contrast between the frigid world of the gods and the purely human love of the Volsungs was intended; that, at any rate, is how it came across. It may be of interest to note that Barenboim has insisted upon a semi-covered pit for the Schillertheater, in partial imitation of Bayreuth. I am not sure what good this does; it is difficult to tell whether the somewhat restrained – or constrained – result is a product of the less than sensational acoustic of the Staatsoper’s temporary home or a matter of deliberate intent. What I can say is that Barenboim’s reading proved full of momentary incident whilst maintaining the necessary longer line, an especially difficult task in the second and third acts. This seemed to me the best conducted Walküre I had heard since Bernard Haitink’s account for the Royal Opera at the Royal Albert Hall. The Staatskapelle Berlin’s performance was not faultless, but a few fluffs were more than compensated for by the rich, variegated tone emanating from the pit.

The cast was generally fine. Simon O’Neill’s Siegmund was slightly disappointing. His metallic timbre is not to my taste and his stage presence might best be described as old-fashioned gestural. (On the other hand, it was not clear that any of the singers received any assistance from the director.) Anja Kampe proved an increasingly spirited Sieglinde, improving in each act, her performance culminating in a radiant ‘O höchstes Wunder!’ Mikhail Petrenko maintained the high standards I noted from him as Hunding in Aix – and Hagen there in Götterdämmerung too. There have been many blacker-toned Hundings, but Petrenko’s malevolent stage presence and delivery of text are ample substitute for the more ‘traditional’ sound. Ekaterina Gubanova presented an imperious, wounded Fricka: the woman within and the stern moralising presence without were placed in finely judged counterpoint. Iréne Theorin overcame the handicap of her costume to show a Brünnhilde gaining in humanity throughout her two acts. I have heard Valkyries with more beautiful of tone, but Theorin presents no particular reason for complaint. René Pape’s Wotan, however, proved somewhat frustrating. There were times when his fabled rich beauty of tone came very much to the fore and there was bitterness too. However, his attention sometimes seemed to stray, most persistently during his ‘Farewell’ scene, in which a good number of words were the victims of substitution. I am told that there had been a greater number of errors during the final rehearsal. A great hope for the role has yet, it seems, to fulfil his promise.

Mark Berry | Schillertheater, Berlin, 17.4.2011

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 511 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Guy Cassiers (2010 Milano)