Die Walküre

Simon Rattle
Berliner Philharmoniker
Date/Location
20 May 2012
Philharmonie Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegmundChristian Elsner
HundingMichail Petrenko
WotanTerje Stensvold
SieglindeEva-Maria Westbroek
BrünnhildeEvelyn Herlitzius
FrickaLilli Paasikivi
HelmwigeSusan Foster
GerhildeJoanna Porackova
OrtlindeAnna Gabler
WaltrauteJulianne Young
SiegruneHeike Grötzinger
GrimgerdeEva Vogel
SchwertleiteAndrea Baker
RoßweißeAnette Bod
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der-neue-merker.eu

Walküre oder Wannsee war an diesem heißen Frühsommertag die Frage. Klar, dass die Wahl auf „Die Walküre“ fällt, und das zahlt sich aus. Noch nie habe ich Richard Wagners Wunderwerk so fabelhaft gehört wie nun in der Philharmonie unter Sir Simon Rattle. Andere, darunter viele jüngere Menschen, gewinnen offenkundig den gleichen Eindruck. „Ja!“, ruft ein begeisterter Zuhörer nach dem spannend herausmusizierten und großartig gesungenen 1. Akt.

Gemeinsam mit den hoch motivierten Berliner Philharmonikern, die auf der Bühne sitzend genau beobachtet werden können, gelingt dem Maestro eine exemplarische Darbietung, an der sich die „richtigen“ Opernorchester messen lassen müssen. Die Belange der Sänger sind ihm ebenfalls bewusst. Deutlich zeigt er ihnen die Einsätze an.

Rattle und die Seinen, die „Die Walküre“ schon 2007 in Aix-en-Provence konzertant aufgeführt hatten, gehen das Stück hier straff und rhythmisch präzise an, aber ohne Hast. Sie alle scheinen innerlich zu glühen. Schon das erste Vorspiel leuchtet und bringt fein dosierte Steigerungen. Im weiteren Verlauf kommt alles mit selbstverständlicher Konzentration und ohne falsches Pathos daher. Lyrik, Schmelz und Innigkeit kommen jedoch auch nicht zu kurz, und manche Tempowechsel öffnen förmlich die Ohren.

Konzertante Opernaufführungen sind inzwischen, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, in Mode. Nur wenige gelingen wirklich. Doch diese „Walküre“ wird zum großen Wurf.

Ein Kritikpunkt bleibt bestehen. Wenn Sängerinnen und Sänger nur an der Rampe stehen und ins Publikum schmettern, ist das im Grunde widersinnig. Eine Attitüde, die wohl auch ihrem konzertmäßigen Outfit zuzuschreiben ist. Eine dem Geschehen angepasste Bekleidung würde Besseres bewirken. Einige Dirigenten und Ausstatter gehen bereits diesen Weg.

Muss also Siegmund, der von Feinden verfolgte Wölfling (!), in Frack und Fliege gemächlich auf die Bühne schreiten und dann seinen Part statuarisch abliefern? Zwar nimmt Christian Elsner mit seinem wohlgeführten, eher lyrischen Tenor für sich ein. Doch etwas mehr Zuwendung hätte die schöne Eva-Maria Westbroek als Sieglinde gewiss verdient. Aufflammende Liebe sieht anders aus.

Erst nach geraumer Zeit, als von ihrem „Wellenhaar“ die Rede ist, wagt der gewichtige Elsner eine vorsichtige Berührung, widmet sich ansonsten aber fast nur seinem – schließlich mit warmem Applaus bedachten – Schöngesang.

Ganz anders die in einem schlichten schwarzen Kleid auftretende Frau Westbroek. Sie beglückt nicht nur mit ihrem nuancenreichen Sopran. Auch schauspielerisch gewinnt sie die Herzen. In Mimik und Gestik stellt sie die von ihrem Mann Erniedrigte ebenso glaubwürdig dar wie die glückstrahlende oder verängstigte Frau. Wie anrührend bringt sie, des noch unerkannten Bruders Stimme lauschend, das „mich dünkt, ihren Klang hört’ ich als Kind…“

Die Bösen haben es bekanntlich immer leichter. Der smarte Mikhail Petrenko als Hunding punktet mit viriler Ausstrahlung, bösartiger Attitüde und einem ebenso bösartigen Bass. Dieser gertenschlanke Sänger stürmt ins Geschehen und beweist Bühnenpräsenz plus Stimmgewalt. Ein Volltreffer.

Aber einer stellt alle in den Schatten: der Norweger Terje Stensvold als Wotan. Mit echt väterlichem Stolz schaut er anfangs, amüsiert schmunzelnd, auf sein Lieblingskind Brünnhilde. Und um es gleich zu sagen: diese Rolle ist mit der zarten Evelyn Herlitzius, einer Kleinen im roten Mäntelchen, sehr passend besetzt. Endlich mal keine überreife und übergewichtige Brünnhilde, sondern ein mutiges Mädelchen, das nicht trompetet, sondern ihren hellen Sopran klug kalkuliert einsetzt. In Stimme und Darstellung ist sie eine Kindfrau, doch selbst wenn das Orchester Fortissimo spielt, lässt sie sich nicht unterkriegen. Dann wird zwar ihr Organ etwas schärfer, doch das tut ihrer insgesamt erstaunlichen Leistung (und ihrer guten Artikulation!) keinen Abbruch.

Und wie deutlich zerbricht alsbald Wotans Forschheit und Frohsinn gegenüber seiner Frau Fricka, der Lilli Paasikivi mit schillerndem Mezzo unüberwindbare Zielstrebigkeit verleiht. Da wird der Gott zum Weichei, der wider besseres Wissen seinen geliebten Sohn opfert, nur um Frickas Gezeter zu beenden. Nie sah und hörte ich das besser.

Schließlich Wotans Wüten gegenüber Brünnhilde, die sich seinem Willen widersetzt hatte. Gekränkte Eitelkeit, perfekt dargeboten. „Immer auf die Kleinen,“ möchte man/frau dazu sagen. Auch die Philharmoniker dürfen in diesem 3. Akt in die Vollen gehen, das Blech gleißt, die Streicher brillieren.

Die farbig gekleideten Walküren (Heike Grötzinger, Joanna Porackova, Julianne Young, Andrea Baker, Eva Vogel, Anette Bod, Anna Gabler und Susan Foster) schleudern, weiter hinten stehend, ihr „Heiaha“ in den Saal. Ein richtiges Inferno tut sich da auf.

Terje Stensvold ficht das alles nicht an. Sein Bassbariton bleibt in den langen, Atem fordernden Monologen ausdrucksstark und voller Glanz, selbst wenn er in den Sprechgesang fällt. Evelyn Herlitzius hält ebenfalls Stand. Betont schüchtern beginnt sie, den Vater von der Richtigkeit ihres Tuns zu überzeugen. Ein Kammerspiel inmitten des allgemeinen Aufruhrs. Großartig.

Schließlich Wotans herzerweichender Abschied, sein resoluter Ruf nach Loge. Noch einmal blickt er voller Schmerz auf sein (angeblich) vom Feuer umlodertes Lieblingskind.

Rattle lässt nun den Stab sinken, verharrt längere Zeit regungslos und das Publikum mit ihm. Dann schreit ein Mann „danke“, andere rufen Bravo. Schließlich stehende Ovationen für diese ergreifende „Walküre“.

Ursula Wiegand | Philharmonie: „DIE WALKÜRE“, konzertant, 23.05.2012

konzertkritikopernkritikberlin.wordpress.com

Walküre konzertant ist was für Masochisten, besonders im Mai, und besonders wenn man bis 8 in der Sonne liegen kann. Man erntet mitleidige Blicke von Bekannten. Man lehnt Einladungen ab, in der Luise „noch ein kleines Bierchen“ zu trinken. Man flucht. Ich seufze. Zu allem Überfluss wurde mir heute mal wieder das Fahrrad geklaut.

Und damit zur Sache.

Ladies first…

Eva-Maria Westbroek: Resonante Stimme, resolute Erscheinung. Hübsch ist die spontane Glut des strudelnden Klangstroms, Westbroek gebietet über einen reichen Sopran mit großer klanglicher Substanz. „Oh hehrstes Wunder“ gelingt strömend und leuchtend, kann das zur Zeit jemand besser? Trägt Schwarz.

Evelyn Herlitzius: Durchsticht das Orchester mit leicht geschärften Spitzentönen voll phonetischer Energie. Gute Diktion verbindet sich mit nervöser Agilität, das Vibrato ist gut integriert in die Linie, Herlitzius‘ Ton ist durchdringend klar auch in der Höhe. Gefiel mir als Isolde an der DOB aufgrund eines leichten Eindrucks von Pauschalität des Rollenporträts weniger gut. Heute aber doch alles in allem Weltklasse. Macht auch eine gute Figur, wenn sie einfach nur auf dem Stuhl sitzt. Trägt Rot.

Lilli Paasikivi: Als Ehefrau offenbar ein ganz harter Knochen. Laut eigener Homepage die „warme Stimme aus ‚cold Finland’“. Tatsächlich feuert Paasikivi total kaltblütig heiße Raketen ehelichen Unmuts in Richtung Terje Stensvold. Die Mezzosopranistin verfügt heute Abend über das charakteristischste Timbre und Vibrato, dazu kommen die plastische Artikulation und der Obertonreichtum ihres Mezzos. Selten habe ich einer Stimme mit solchem Genuss zugehört.

Christian Elsner: Als Sieglinde hätte ich mich heute Abend sowohl vom Optischen als auch vom Sängerischen her für Hunding entschieden und nicht für Siegmund. Lieber einen feschen Fiesling als einen harmlosen Halbgott. Elsner ist einer der Wagnertenöre, die bedeutende Anmut mit bedeutender Unsinnlichkeit verbinden. Astreine „Wälse“- und „Nothung“-Rufe. Aber „Ein Weib sah ich, wonnig und hehr“ klingt, als besinge Elsner die Uhr auf dem Potsdamer Platz. Na, er hatte schon tolle Momente… Technisch durchweg imponierend souverän.

Terje Stensvold: ein kantabler, jovialer, elegant und eloquent (vokal) agierender Wotan mit feinkörnigem, metallischem Bass ohne ausgesprochenes Bariton- bzw. Bassschwarz. Winkt ab („Ach, hör doch uff“), als Fricka zu zanken anfängt, schiebt den Mund hin und her („Ey, jetzt is aber langsam genug“), als Fricka ihn in die Zange nimmt. Ein Ereignis für sich ist es, als Stensvold auf seinem Stuhl halb lümmelnd, halb sitzend „Leb‘ wohl, du kühnes, herrliches Kind!“ etc. zu singen beginnt. Lässigkeit trotz Leistung, das ist cool.

Mikhail Petrenko: frische, junge, tintenschwarze Bassstimme, die noch an Geschmeidigkeit zulegen dürfte.

Simon Rattle, the perfect Wagnerite, gesteht: „Oh, that’s my favourite Hausanzug. It’s so inspiring. And the Hauptsache is, Magdalena likes it, too.“

Der dritte Akt mit seinem bezaubernden Einsatz der versammelten Walkürenriege (Joanna Porackova, Heike Grötzinger, Julianne Young, Andrea Baker, Eva Vogel, Anette Bod, Anna Gabler, Susan Foster) war immer eine meiner Lieblingsstellen bei Wagner. Man nimmt dafür sogar den lärmenden Walkürenritt in Kauf (kleiner Scherz am Rande).

Berliner Philharmoniker: überreicher Phrasierungs- und Artikulationsreichtum, fafnerhafte Unmutsgesten, Details, die selbst Strawinsky befriedigt hätten, Schmackes, der auch Strauss zufrieden gemacht hätte. Der erste Akt zieht sich a bissl, was vermutlich an Elsners sauber-sachter Siegmundstimme und dem spärlichen Einsatz des vollen Orchesters liegt. Herzzerreißende Bratschen in der Todesverkündigung. Die Kulminationsstellen sind zu ungeheuerlicher Plastizität gesteigert. Ein bis in die Grundfesten vibrierendes Orchester. Die letzte halbe Stunde gehört zum Schönsten, was ich seit langem hörte.

Geigen links, Mitte rechts Celli, rechts Bratschen, dahinter Bässe. Ganz hinten: links Trompeten, Mitte Posaunen, Hörner Mitte rechts. Nach der Todesverkündung sitzen Paasikivi, Westbroek und Elsner auf Stühlen auf der Passerelle über A rechts und schauen Rattle beim Dirigieren zu. Bläsersolisten: Andreas Blau, Wenzel Fuchs, Daniele Damiano, Jonathan Kelly. Sehr hübsche Bassklarinette, ebenso Basstrompete. Konzertmeister Stabrawa und Kashimoto. Streicher 15, 15, 12, 10, 8. Also weniger, als Karajan vermutlich in der Regel für Beethoven einsetzte.

Nach dem ersten und zweiten Akt sehr resolute Bravo-Brüller, quasi attacca an die Musik angeschlossen. Im dritten Akt bleiben einige Plätze frei – Tagesschau nicht verpassen??? Massiver Applaus. Rattle plauscht im Abgehen mit Eva-Maria Westbroek. Für mich der Auftakt für eine Reihe von Walküren. Im Herbst die Barenboim-Walküren, dann noch mal Barenboim im Staatsopern-Ring nächsten Frühjahr, und dann die Walküre im Rahmen des DOB-Rings unter Rattle.

Schlatz | 21. Mai 2012

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