Die Walküre

Marcus R. Bosch
Staatsphilharmonie Nürnberg
Date/Location
25 May 2017
Staatstheater Nürnberg
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegmundTilmann Unger
HundingJens Waldig
WotanAntonio Yang
SieglindeKatrin Adel
BrünnhildeRachael Tovey
FrickaRoswitha Christina Müller
HelmwigeMichaela Maria Mayer
GerhildeLeah Gordon
OrtlindeMargarita Vilsone
WaltrauteJudith Schmid
SiegruneIda Aldrian
GrimgerdeJoanna Limanska-Pajak
SchwertleiteKsenia Leonidova
RoßweißeIrina Maltseva
Gallery
deropernfreund.de

Stellvertreterkrieg auf Erden

Zu einem vollauf gelungenen, ja geradezu festlich anmutenden Abend geriet die „Walküre“, die am Staatstheater Nürnberg gerade eine erfolgreiche Wiederaufnahmeserie erlebt. Die Leistungen aller Mitwirkenden, Sänger, Dirigent und Orchester, waren über alle Zweifel erhaben. Am Ende verließ man das Opernhaus in hohem Maße beglückt. Wieder einmal wurde das hohe Niveau dieses Hauses offenkundig.

Im „Rheingold „ hatte Regisseur Georg Schmiedleitner in Zusammenarbeit mit Stefan Brandtmayr (Bühnenbild) und Alfred Mayerhofer (Kostüme) eine durch mannigfaltigen Raubbau an den essentiellen Ressourcen und Rohstoffen schwer geschädigte Umwelt vorgeführt. Der Zerstörungsprozess ist nun in der „Walküre“ noch weiter fortgeschritten. Während des gesamten Abends sieht man im Hintergrund eine Abfallhalde voll mit ausgemusterten Reifen. Es ist schon ein recht nüchternes Ambiente, das zudem eine apokalyptisch anmutende Endzeitstimmung ausstrahlt. Die Spuren des Stellvertreterkrieges, den die Menschen für die Götter auf Erden austragen, sind deutlich zu sehen.

Man lebt „in den Trümmern der eig’nen Welt“, um es einmal mit Wotan zu sagen. Von der Natur ist praktisch nichts mehr zu sehen. Im dritten Aufzug ist ein Landschafts-Werbeplakat mit der Aufschrift „Wir rufen dich“ nur noch bloße Makulatur. Wie eine Ruine wirkt Hundings nur noch im Erdgeschoß intakte Behausung. Dort lässt es sich mehr schlecht als recht leben. Von der das Haus prägenden naturalistischen Esche sind nur noch der obere – aus ihm zieht Siegmund am Ende des ersten Aufzuges das Schwert Notung heraus – und der untere Teil erhalten. An die Stelle des Quells, aus dem Sieglinde für ihren Bruder Wasser schöpft, tritt eine simple Wasserflasche. Am liebsten trinken die Handlungsträger in diesem Aufzug aber Bier. Der braune Gestensaft wird vom Regisseur auch mal für eine heitere Einlage genutzt. Rohheit und Gewalt, die sich auf dem Erdball inzwischen ausgebreitet haben, versinnbildlicht das aus blutigem Fleisch bestehende, nicht gerade appetitliche Mahl Hundings.

Fraglich ist, ob angesichts dieser Umstände die Welt überhaupt noch zu retten ist. Wotans Machtzentrale im zweiten Aufzug besteht aus einem ebenfalls sehr heruntergekommenen, karg anmutenden Raum mit Kommandosteg, Beobachtungsluken, Monitoren, Leitern und einer Ledergarnitur. Von dort hat der noch jung gebliebene Göttervater – Freias Äpfel haben bei ihm trefflich gewirkt – alles gut im Blick. Die Monitore, auf denen man neben Kampfflugzeugen auch die Gesichter von Siegmund und Sieglinde und sogar Hunding erblickt, führen ihm die Trostlosigkeit der von ihm heraufbeschworenen Verhältnisse vor Augen. Auch sein Gesicht erscheint bereits zu Beginn des ersten Aufzuges als riesige Projektion im Hintergrund. Das ist durchaus nachvollziehbar, schließlich ist Wotan der Spiritus Rector des gesamten Geschehens. Dann ist auf einmal nur noch sein allsehendes, immer größer werdendes Auge im Blickfeld. Immer wieder gerät die Kommandobrücke unter seinen Füßen in eine bedenkliche Schieflage – eine überzeugende Versinnbildlichung der aus den Fugen geratenen Welt. Bereits hier zeichnet sich das Scheitern von Wotans Plan zur Wiedererlangung des Rings ab. Die Menschen sind nur bloße Marionetten in der Hand des Göttervaters. Insbesondere sein Sohn Siegmund macht in seiner totalen Fremdbestimmtheit alles andere als einen freien Eindruck. Sein Kampf mit dem im ersten Aufzug blutbeschmierten, stark tätowierten und mit einem Hirschgeweih ausgestatteten Hunding wird mit Hilfe des Mediums Film dargestellt. Abschließend wiederholt sich das Ganze noch einmal real im Hintergrund der Bühne. Berührend, wenn in dieser Form auch ein alter Hut, ist das gegenseitige Abschiednehmen von Wotan und dem tödlich verwundeten Siegmund.

Bereits zuvor hat der Obergott das Scheitern seines Planes erkannt. Dessen eingedenk hat er zahlreiche Papiere, die wohl die für Wallhall rekrutierten Helden betreffen, von dem Kommandosteg aus auf den Boden flattern lassen. Brünnhilde sammelt sie indes sofort wieder auf. Im dritten Aufzug werden die Todgeweihten von in Käfigen über der Bühne schwebenden Kindersoldaten dargestellt. Die Walküren wirken ziemlich erotisch und Brünnhilde, die auch mal ein „Hojotoho“ zu viel ausstößt, wird als Teenager vorgeführt, der den Kinderschuhen noch nicht so richtig entwachsen ist. In ihrem etwas naiven Verhalten ist sie das genaue Gegenteil der als schicke Designerlady auftretenden Fricka, die sich in Shopping-Touren und dem gewaltsamen Aufbrechen von Türen gefällt. Das Ross Grane ist in Schmiedleitners Deutung in Anlehnung an Peter Konwitschnys grandiose Stuttgarter Produktion der „Götterdämmerung“ ein Steckenpferd. Hier haben wir es mit einer ansprechenden Ironisierung im Wege der Minimierung zu tun.

Spätestens bei der packend inszenierten Todesverkündigung stellt sich bei Brünnhilde der Ernst des Lebens ein. Hier verliert sie auf einmal alles kindliche Gehabe, aus dem verspielten Teenager wird unvermittelt eine erwachsene Frau, die mit ihren menschlichen Halbgeschwistern großes Mitleid fühlt. Die Zuneigung Brünnhildes zu Siegmund wurde bereits zuvor klar ersichtlich: Liebevoll hat sie seinen Namen in roten Lettern an die Wand geschrieben. Im dritten Aufzug, nach Siegmunds Tod, sind sie dann blutverschmiert. Gelungen war das einfühlsame, große symbolische Kraft atmende Ende: Wenn zu dem mit naturalistischen Flammen erzeugten Feuerzauber ein kindliches Alter Ego von Wotans Wunschmaid den Gott von der Bühne führt, ist das als Reminiszenz an die Zeiten zu werten, als zwischen Wotan und Brünnhilde noch Eintracht herrschte.

Durch die Bank überzeugend waren die gesanglichen Leistungen. Tilmann Unger ist mit dem Siegmund im Heldentenorfach angekommen. Dass seine frische, bestens fokussierte und ausdrucksstarke Stimme einmal in diese Richtung gehen würde, war bereit zu seinen Zeiten am Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz abzusehen. Er sang den Göttersohn mit großer Kraft, Einfühlsamkeit und recht differenziert. Große Gefühle atmeten die Szenen mit seiner Schwester und Braut. Prachtvoll waren die sechs Sekunden lang ausgehaltenen fulminanten „Wälse“-Rufe. Neben ihm bewährte sich als Sieglinde die mit gut gestütztem, durchschlagskräftigem und nuancenreichem Sopran singende Katrin Adel. Jung und agil gab sich Antonio Yang, der vom „Rheingold“-Alberich zum Wotan gewechselt ist. Schon darstellerisch vermochte der intensiv agierende Sänger gut zu gefallen. Und dann erst stimmlich! Sein trefflich verankerter, sonorer Bariton, der eine solide italienische Technik aufweist, wurde insbesondere bei Wotans Abschied mit viel Gefühl eingesetzt. Auch seine Pianokultur und die Linienführung waren vorbildlich. An den große Kraft atmenden dramatischen Ausbrüchen des Göttervaters war ebenfalls nichts auszusetzen. Ein ausgemachtes Energiebündel voller Tatendrang und naiver Verspieltheit war die Brünnhilde von Rachael Tovey, die ihren Part mit kraftvoller, differenzierter und bestens sitzender Sopranstimme auch eindrucksvoll sang. Die tadellos und tiefgründig intonierende Roswitha Christina Müller gab die Fricka autoritär, stark und selbstbewusst. Jens Waldig war ein ansprechender Hunding. Einen guten Eindruck hinterließ das aus Leah Gordon (Gerhilde), Margarita Vilsone (Ortlinde), Judith Schmid (Waltraute), Ksenia Leonidova (Schwertleite), Michaela Maria Mayer (Helmwige), Ida Aldrian (Siegrune), Joanna Limanska-Pajak (Grimgerde) und Irina Maltseva (Roßweise) bestehende Ensemble der kleinen Walküren.

Insgesamt war es eine recht homogene, bestens aufeinander eingespielte Sängerschar, die sich unter der umsichtigen Leitung von GMD Marcus Bosch sichtlich wohl fühlte. Er machte es ihnen leicht, atmete mit ihnen mit und deckte sie an keiner Stelle zu. Zusammen mit der gut disponierten Staatsphilharmonie Nürnberg erzeugte er einen jeder lastenden Schwere und jeglicher Art von Pathos eine klare Absage erteilenden Klangteppich, der hörbar an Mendelssohn orientiert, vielfältig und differenziert war und sich zudem durch eine reichhaltige Skala an Farben auszeichnete. Lange ausgehaltene Spannungsbögen, Transparenz und eine dynamische Ausgewogenheit taten ihr Übriges, den Klangeindruck abwechslungsreich und interessant zu gestalten.

Fazit: Eine hervorragende Aufführung, deren Besuch jedem Opernfreund dringendst empfohlen wird!

Ludwig Steinbach | 27.3.2017

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 512 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (BR Klassik)
A production by Georg Schmiedleitner (2014)
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