Die Walküre

Christian Thielemann
Sächsische Staatskapelle Dresden
Date/Location
8 April 2017
Großes Festspielhaus Salzburg
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegmundPeter Seiffert
HundingGeorg Zeppenfeld
WotanVitalij Kowaljow
SieglindeAnja Harteros
BrünnhildeAnja Kampe
FrickaChrista Mayer
HelmwigeAlexandra Petersamer
GerhildeJohanna Winkel
OrtlindeBrit-Tone Müllertz
WaltrauteChristina Bock
SiegruneŠtěpánka Pučálková
GrimgerdeKathrin Wundsam
SchwertleiteKatharina Magiera
RoßweißeSimone Schröder
Gallery
nmz.de

50 Jahre Osterfestspiele Salzburg: Zum Jubiläum eine „Walküre“ als Re-Kreation und eine „WalküRe“ als erklärende Draufgabe

Was sonst noch passierte: Gundula Janowitz hat heuer ihre erste „Walküre“ erlebt – als Zuschauerin. Auf der Bühne stand sie in dieser Wagner-Oper natürlich schon häufig, nicht zuletzt in der Eröffnungspremiere der allerersten Osterfestspiele Salzburg am 19. März 1967. Damals gab’s Schneesturm.

Nach Bayreuther Vorbild – und zugleich in deutlicher Abgrenzung dazu – sowie als Pendant zu den 1920 von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal ins Leben gerufenen Salzburger Festspielen gründete Herbert von Karajan dieses besondere Festival. Dieser Tage feiert es sein 50jähriges Bestehen – in frühlingshaftem Sonnenschein.

Zum Auftakt der seit 2013 von der Sächsischen Staatskapelle Dresden bespielten und von deren Chefdirigent Christian Thielemann als Künstlerischem Leiter verantworteten Festspiele gab es (um diese wunderbare Wortkreation jenes Sprachraums noch einmal zu nutzen) heuer einen bekenntnishaften Blick zurück. Die Re-Kreation der Eröffnungsinszenierung, die Karajan nicht nur musikalisch, sondern auch als Regisseur betreut hatte, wurde zu einer bereits im Vorfeld umstrittenen Herangehensweise. Eine „Walküre“ im Bühnenbild von vor einem halben Jahrhundert ist da schon mal als „reaktionär“ bekrittelt worden, obwohl noch niemand wissen konnte, wie Regisseurin Vera Nemirova im Nachbau des historischen Bühnenbildes von Günther Schneider-Siemssen mit dieser Vorlage umgehen würde.

Gut möglich, dass Salzburgs Festspielpublikum für teuer Geld in ein theatrales Museum entführt worden ist – aber was, bitteschön ist denn gegen ein Museum zu sagen? Für einige wenige ist es ein Wiedersehen gewesen, für die meisten eine Begegnung mit legendärer Opernhistorie – und für Gundula Janowitz halt die erste „Walküre“ aus Zuschauerperspektive.

Das Schönste aber ist: Ganz Salzburg feiert dieses Jubiläum! Die Stadt ist mit Plakaten, Fahnen und Fotos geschmückt, beim ORF gibt’s eine Fotoausstellung des Kajaran-Archivs und im Salzburg Museum wird „WalküRE 1967 bis 2017“ präsentiert, eine anschauliche Geschichtsstunde zu Wagner, Karajan und Schneider-Siemssen. Alles dreht sich um die Re-Kreation eines Bühnenwerks.

All das dürfte es der Regisseurin Vera Nemirova nicht eben leicht gemacht haben, in der den gewaltigen Bühnenraum des Großen Festspielhauses ausnutzenden und von Jens Kilian wiederhergestellten Architektur eine eigene Handschrift zu finden. Die riesige Weltesche im ersten Bild, die assoziative Ring-Gestaltung einer abstrakten Landschaft, die Andeutungen von Verwobenheit und Abgründigem sind optisch schon vorhanden, bevor der erste Mensch darin auftaucht.

Doch welch ein Personal hat diese Re-Kreation zu bieten! Angefangen mit Peter Seiffert, der als Siegmund durch die orchestral umstürmte Einöde huscht und im Schutz der Esche erst auf Anja Harteros als schwesterliche Sieglinde und dann auf Georg Zeppenfeld als seinen Widersacher Hunding trifft. Da herrschen spielerische Souveränität und sängerische Großleistungen, wie sie von Vitalij Kowaljow als stark sensiblen Wotan und Christa Mayer als selbstbewusster Fricka nicht minder umgesetzt werden. Und auch Anja Kampe als mutige Brünnhilde ist nicht nur eine sportive Darstellerin, sondern gestaltet mit einer Stimme von wunderbarem Format. So gelingen – neben der eher statischen Walküren-Darstellung – anrührende Szenen, sei es im verzweifelt begehrenden Ringen der Geschwister, sei es in der auch visuell verschriftlichten Familienaufstellung des Götter-Clans, und ganz besonders in der väterlichen Strafaktion des dann doch sehr menschlich unmenschlichen Götterhelden, der seine Tochter auf den vom Feuer umtosten Felsen in fernere Zeiten schlafen lässt.

Dazu darf die Staatskapelle als ein Hauptdarsteller in diesem überhaupt nicht angestaubt oder gar reaktionär wirkenden Opus noch einmal betörend auffahren. Und ein schon zu den Pausen kräftig gefeierter Christian Thielemann beweist sich eindrücklich als Bewahrer des Feuers, das er vom einstigen Karajan-Assistenten in eine Nachfolge trägt, die geradezu zeitlos zu sein scheint.

Diese „Walküre“ ist ein Gesamtkunstwerk. Gundula Janowitz hat eine gute Wahl getroffen.

Michael Ernst | 09.04.2017

Der Kurier

Meisterhafte Mogelpackung

Zum 50-Jahr-Jubiläum gab es in Salzburg, wie einst, Wagners “Walküre”: Musikalisch erstklassig, szenisch ein großes Missverständnis.

Ja, Ihr Rezensent muss zugeben: 1967, als die Salzburger Osterfestspiele von Herbert von Karajan gegründet wurden, war ihm Oper noch ziemlich egal und man hätte ihn an einem Babystuhl festzurren müssen, damit er eine fünf Stunden lange Wagner-Oper durchsitzt. Insofern kann er nicht sagen, ob Wotan damals von rechts oder von links auftrat; ob die Walküren ebenso nur herumstanden wie nun im Großen Festspielhaus; oder ob Hunding seiner Sieglinde auch derart zwischen die Beine griff.

Beobachter von damals (und es saßen zahlreiche von ihnen auch diesmal im Publikum) sagen jedenfalls, dass “Die Walküre” vor 50 Jahren viel düsterer, mystischer, geheimnisvoller war. In Kenntnis anderer Regiearbeiten Karajans (die szenische Komponente war ja nicht seine allergrößte Begabung) kann man getrost behaupten: Das Heutige hat so gut wie nichts damit zu tun.

Die Hommage

Aber kommen wir zum Anlass, der diese Präambel nötig macht:

1967 wurden die Osterfestspiele von Karajan gegründet. Mit einer Produktion der “Walküre”, inszeniert von ihm selbst, zum Glück auch dirigiert von ihm, mit Günther Schneider-Siemssen als Bühnenbildner. Nun, 50 Jahre nach der Gründung und fünf Jahre nach der Abwanderung der Berliner Philharmoniker, wurde von Jens Kilian das damalige Bühnenbild rekonstruiert.

Darin liegt schon der erste Fehler: Durch diesen Nachbau wird die Neuproduktion (oder Altproduktion?) der “Walküre” eine Hommage an den Bühnenbildner und nicht zwingend an Karajan.

Der zweite Fehler: Die damalige Aufführung (so wissen es viele Besucher von einst) war optisch in keinster Weise überragend oder sonderlich innovativ. Die Esche im ersten Aufzug sieht aus wie alle Eschen an der Wiener Staatsoper bis zum Bechtolf-“Ring”. Die Idee mit einem großen Ring auf der Bühne, der sich öffnen und schließen kann, ist hübsch, aber ebenso naheliegend. Und selbstverständlich ist so gut wie nichts daran authentisch: Die Materialien sind anders, die heutige Lichttechnik (zu Beginn etwa projizieren riesige Scheinwerfer eine Iris auf den Vorhang) hat es damals noch nicht gegeben, die Kostüme sind (in diesem Fall zum Glück) völlig neu.

Wohl in Kenntnis all dieser Problemzonen wurde in Salzburg zuletzt betont, dass diese Re-Kreation ohnehin eine Neu-Kreation sei. Da jedoch soeben an der Oper in Lyon ebenso alte legendäre Inszenierungen gezeigt wurden (jedoch aus ihrem politischen Kontext gerissen), sei festgestellt: Wer in der Mottenkiste kramt, muss das besonders behutsam und klug machen, sonst trägt er dazu bei, dass die Kunstform Oper endgültig dort landet, wo sie mancherorts (mit Billigung der Radikal-Traditionalisten) bereits ist: im Museum.

Die Inszenierung

Aber zurück nach Salzburg: Der vielleicht größte Fehler an dieser Kreation ist die Regie von Vera Nemirova. Sie scheint einerseits in Ehrfurcht vor Karajan zu erstarren (wofür es inszenierungsmäßig kein Grund gibt) und setzt auf biederstes Stehtheater. Manche Regieeinfälle wiederum (das Steckenpferd von Brünnhilde etwa) sind läppisch. Man weiß, dass Schneider-Siemssen auf seine Projektionen, die er mithilfe von bemalten Glasscheiben erreichte, sehr stolz war. Nun sind ebenso Projektionen zu sehen: Namen, Stammbäume etc. – das kennt man leider schon von so vielen Aufführungen. Die Personenführung ist uninteressant, teils inexistent. Wenn es magische Momente gibt, dann sind diese der Ausstrahlung der Protagonisten geschuldet. Wunderbar ist etwa die Todesverkündung.

Diese Aufführung ist insgesamt also ein bissl alt, sehr altmodisch, in Teilen neu und vor allem irgendetwas dazwischen. Eine Mogelpackung.

Die Sänger

Allerdings eine musikalisch und sängerisch beeindruckende. Mit dieser Besetzung mit zahlreichen Debütanten ist den Osterfestspielen ein veritabler Erfolg gelungen.

Peter Seiffert ist ein Siegmund mit strahlender Höhe (und nicht sonderlich markanter Tiefe), dem man seine durchaus schon lange Karriere nicht anhört. Sein Tenor ist nach wie vor frisch, heldisch, zu schönen Kantilenen fähig. Die “Wälse”-Rufe hält er so lange wie einst Johan Botha oder zuletzt Jonas Kaufmann auf CD, die Winterstürme gestaltet er wie ein Schubert-Lied. Anja Harteros ist als Sieglinde eine Wucht. Sie singt diese Partie traumhaft schön, dennoch hochdramatisch, als wollte sie beweisen: Ich kann auch Wagner. Und wie! Ein fabelhaftes Wälsungen-Paar also.

Vitalij Kowaljow singt den Wotan mit seinem kompakten, in allen Lagen sicheren Bass bis zum Finale ausreichend kraftvoll und berührend. Anja Kampe ist als Brünnhilde eine einzige Freude: Sie spielt exzellent, ist in den Hojotoho-Rufen durchschlagskräftig, singt die Partie aber gleich bei ihrem allerersten Mal so schön, wie man es schon lange nicht mehr gehört hat. Sie bekam den meisten Applaus.

Georg Zeppenfeld singt den Hunding wortdeutlich und prachtvoll – als Erscheinung ist er in dieser Regie etwa so gefährlich wie ein Chihuahua von einem Hunding. Auch Christa Mayer als solide Fricka könnte in einer anderen Inszenierung darstellerisch präsenter sein. Diese Besetzung ist jedenfalls nicht nur eine Möglichkeit, sondern teilweise ein Versprechen für die Zukunft.

Der Dirigent

Bejubelt wurde auch Dirigent Christian Thielemann, der die Sächsische Staatskapelle Dresden höchst sensibel dirigiert und “Die Walküre” als romantisches Meisterwerk mit Mut zum Pathos zelebriert. Seine Pianissimi sind beeindruckend, die zahlreichen gesetzten Generalpausen dramaturgisch plausibel, die Tempi sehr getragen, Wotans Abschied etwa nimmt er extrem langsam.

Thielemann agiert auch äußerst sängerfreundlich und trägt die Protagonisten über die schwierigsten Passagen. Das Orchester spielt zumeist präzise, klanglich gäbe es Möglichkeiten nach oben.

Die musikalische Umsetzung ist auf der Höhe unserer Zeit – im Gegensatz zur optischen, die so zu keiner Zeit gut gewesen wäre.

geko | 09.04.2017

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 538 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (Ö1) from the Salzburger Osterfestspiele
A production by Vera Nemirova based on Herbert von Karajan’s staging 50 years ago.
Also available as telecast