Götterdämmerung

Evan Alexis Christ
Damen und Herren des Opernchores
Herren des Chores Cantica Istropolitana
Philharmonisches Orchester Cottbus
Date/Location
30 March 2013
Staatstheater Cottbus
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedCraig Bermingham
BrünnhildeSabine Paßow
GuntherAndreas Jäpel
GutruneGesine Forberger
AlberichThomas de Vries
HagenGary Jankowski
WaltrauteMarlene Lichtenberg
WoglindeCornelia Zink
WellgundeDebra Stanley
FloßhildeMarlene Lichtenberg
1. NornMarlene Lichtenberg
2. NornCarola Fischer
3. NornCornelia Zink
Gallery
klaus-billand.com

Mit der Premiere der „Götterdämmerung“ hat ausgerechnet das im allgemeinen nicht allzu bekannte Staatstheater Cottbus in der Lausitz das erste ganz große Ausrufezeichen im Jahr von Richard Wagners 200. Geburtstag gesetzt! Mit einer in einem Theater von dieser Größe selten, wenn überhaupt zu beobachtenden Langzeitvision, Kontinuität und Arbeitsintensität über ein ganzes Jahrzehnt (!) hat man in aller Ruhe seit 2003, als es mit dem „Rheingold“ losging („Die Walküre“ 2008, „Siegfried“ 2011), an Wagners „Ring“ geschmiedet. Es ist endlich mal ein runder geworden, im Gegensatz zu manchem, was man in letzter Zeit an großen Häusern wie etwa Hamburg und Paris erleben musste. Auch mit der „Götterdämmerung“ bewies Intendant und Regisseur Martin Schüler mit seiner Dramaturgin Carola Böhnisch, dass Wagners opus summum auch mit den beschränkten Mitteln eines Hauses der sog. Provinz überzeugend, ja emotional mitreißend darzustellen ist. Was man in Cottbus bescheiden eine semiszenische Aufführung nennt, zumal das recht große Orchester nicht in den hiesigen Graben passt und auf die Hinterbühne verlegt wird, kann mit szenischen Produktionen anderer und größerer Häuser absolut mithalten. Das hat auch schon die Inszenierung von „Tristan und Isolde“ im ebenfalls kleinen Mindener Theater im letzten Herbst gezeigt.

Dabei ist die Ausstattung von Gundula Martin für die Cottbuser „Götterdämmerung“ denkbar schlicht und einfach: Auf der Vorderbühne stehen lediglich ein paar schwarze Stühle, später für die Mannen und das Finale ein paar mehr. Am Ende bilden sie den in flackernder Glut und Bühnennebel schwadernden Scheiterhaufen für Siegfried, an dessen Seite Brünnhilde nach ihrer theatralisch adäquat inszenierten Welterlösung mit größter Emotion zusammenbricht. Von der Vorderbühne durch das Orchester hindurch nach hinten erstreckt sich ein Laufsteg, der zu einer eleganten cremefarbenen Sitzgarnitur führt, auf der sich zunächst Siegfried und Brünnhilde miteinander beschäftigen, sie später allein auf ihren nächsten Einsatz wartet, während vorn die Handlung weitergeht. Auch das sorgt schon für eine gewisse Spannung. Ein alter Panzerschrank, Relikt aus den Vorabenden, dient am rechten Bühnenrand als Stauraum für das rote Nornenseil, als Bar für die folgeträchtigen Drinks und als Versteck für Intriganten, Verfolgte und Feiglinge… Den Hintergrund dominiert ein riesiger rechteckiger Rahmen, der schon seitlich absinkt, das kommende Ende subtil, aber optisch dräuend andeutend. Die stets sinnvoll Stimmungen untermalende Lichtregie von Mirko Möller-Pietralczyk und die geschmacksicheren Kostüme von Nicole Lorenz, die mit ihrem Design gekonnt Mythos mit Moderne verbinden, tragen das ihre zu einer durchwegs geschlossen wirkenden Theatralik bei. Allein die albernen Stofftiere in der Mannenszene des 3. Aufzugs wirken allzu entbehrlich. Wie man aus dieser Beschreibung erkennt, hält sich Schüler bei aller szenischer Reduktion an den mythologischen Gehalt der Tetralogie und nimmt Wagners Regieanweisungen ernst, die, wie er in einem Interview mit der Lausitzer Rundschau am Vorband der Premiere sagt „besser als ihr Ruf“ sind. Wohl war! Für Schüler steht die Psychologie der Figuren im Vordergrund, da ja ein „riesiger Weltstoff“ behandelt wird.

Um in diesem Sinne mit so wenigen Requisiten einen ganzen Abend lang Spannung zu erzeugen und aufrecht zu halten, braucht man neben einem guten Wagner-Orchester und SängerInnen eine stringente Dramaturgie sowie eine darauf ausgerichtete, sauber ausgefeilte Personenregie. Dies hat das Regieteam offenbar voll beherzigt und die Figur des Hagen als „Macher“ der “Götterdämmerung“, der er bei Wagner in Prinzip ja auch ist – im 2. Aufzug schon allein von der Musik her – zum Roten Faden der ganzen Inszenierung gemacht. Noch bevor die drei Nornen im Prolog als alte Frauen orakelnd und dabei Äpfel schneidend auf die Bühne schleichen, dreht er eine Runde und schaut nach dem – in seinem Sinne – Rechten. Folgerichtig schneidet er den Nornen das Seil durch und verstaut es, leider unter zu großer Geräuschentwicklung, im Panzerschrank. Später agiert er auch aus der oberen Proszeniumsloge und immer wieder im Hintergrund. Kurz, Hagen ist hier als ultimativer Strippenzieher omnipräsent, er hält bis zum Finale die Fäden in der Hand.

Und damit wären wir bei der bemerkenswerten SängerInnen-Riege, die das Cottbuser Staatstheater für diese „Götterdämmerung“ aufbieten konnte und die offenbar in ihrer schauspielerischen Leistung weit über das hinaus gingen, was ein Regisseur nur vorschreiben kann. Hier war sehr viel Eigeninitiative am Werk. Gary Jankowski, bewährter Hagen schon in Lübeck und Fafner des ColónRing in Buenos Aires im vergangenen November, besticht durch eine unglaublich intensive und dominante Gestaltung mit ausdrucksstarker Mimik sowie durch seinen voluminösen klangvollen Bass, den er bei bester Diktion sehr gut phrasiert. Lediglich in den dramatischen Höhen trägt er bisweilen nicht ganz. Aber es gibt an diesem Abend auch eine Reihe von außerordentlichen Rollendebuts. So singt Sabine Paßow nach der „Walküre“- und „Siegfried“-Brünnhilde (Online-Merker Juli 2012) nun auch ihre erste „Götterdämmerung“-Brünnhilde und tut dies mit einer darstellerischen Intensität und stimmlichen Kraft ihres immer dramatischer werdenden Soprans, dass es einem bisweilen die während einer Live-Aufführung ohnehin nicht angebrachte Sprache verschlägt. Paßow versteht es wie wenige andere in dieser so anspruchsvollen Rolle, die stimmliche Aussage authentisch mit der theatralischen Gestik und Mimik zu verbinden, sodass ein sehr authentisches Rollenbild entsteht. Dabei verfügt sie bei völliger Wortdeutlichkeit über sichere und lang gehaltene Höhen. Ihr berückendes „Heilige Götter! Himmlische Walter!…“ soll nur als ein Beispiel für andere stehen. Im Juni wird Sabine Paßow im „Ring“ in Riga die „Siegfried“-Brünnhilde singen.

Es gab ein ebenso bemerkenswertes Rollendebut für die in Cottbus engagierte Mezzosopranistin Marlene Lichtenberg als Waltraute, wobei sie in weiteren Rollendebuts auch die Erste Norn und die Flosshilde sang – drei Rollendebuts an einem Abend! Und alle gelangen sehr gut, die Waltraute gar aufregend gut. Lichtenberg versteht wie Paßow Aussage mit intensiver Mimik und perfekter Tongebung zu kombinieren und damit eine Waltraute von hoher emotionaler Intensität zu zeigen, die bei ihrem Auftritt und der Auseinandersetzung mit Brünnhilde quasi eine emotionale Achterbahn durchfährt. Dabei singt sie mit perfekter Diktion wunderschön verinnerlichte Stellen wie „ … dann noch einmal – zum letztenmal – lächelte ewig der Gott.“ sowie „Erlöst wär’ Gott und Welt!“ ebenso eindrucksvoll wie die fordernden Höhe auf „Walhalls Göttern Weh’!“ Dabei erzeugt die Sängerdarstellerin Klang auf jeder Silbe. Sie wird bei ihrer Professionalität und Disziplin im deutschen Fach sicher noch sehr weit kommen. Nachdem Peter Svensson noch den jungen Siegfried im letzen Jahr gesungen hatte, ist diesmal der US-Amerikaner Craig Birmingham als Siegfried engagiert, der sich mit einer Siegfried-artigen Optik und intensiver Spielfreude bestens in das Ensemble einpasst und somit einen großen Beitrag an der dramatischen Intensität des Geschehens hat. Er war zunächst Posaunist und Bassist (!) und zuletzt bis 2011 am Stadttheater Dortmund engagiert. Birmingham verfügt über einen kräftigen, nicht ganz heldischen, dunkel timbrierten Tenor, der etwas an jenen von Klaus Florian Vogt erinnert, also eher eine Tendenz zum italienischen und Mozartfach aufweist. Er führt ihn aber nicht immer mit der besten Technik, manches klingt gedrückt, die Höhen kommen nicht immer leicht, und allzu oft wird zu kraftbetont und auf Lautstärke gesungen. Auf Dauer kann das nicht gut gehen.

Von ausgezeichneter Qualität, nicht nur darstellerisch, sondern ganz besonders auch stimmlich ist das Geschwisterpaar der Gibichungen. Andreas Jäpel, auch klangvoller Alberich der Vorabende, verfügt über einen sehr kultivierten Bariton mit Liedgesangs-Qualität und kann den Gunther auch mit dem nötigen stimmlichen Volumen singen. Gesine Forberger ist eine agile Gutrune mit sicher geführtem und an den wenigen Stellen auch höhensicheren Sopran. Cornelia Zink singt eine gute Dritte Norn und Woglinde, Debra Stanley eine ebenso gute Wellgunde, während Carola Fischer als Zweite Norn stimmlich etwas abfällt. Thomas Ghazeli mimt den Alberich in seinem kurzen Auftritt als alten selbstverliebten Mann, stimmlich etwas zu rustikal und auf Lautstärke bedacht. Die Damen und Herren des Opernchores, „Cantica Istropolitana“ Bratislava und die Herren des Extrachores sorgen für eine starke und transparente Chorleistung, teilweise auch aus den Seitenlogen, unter der Leitung von Christian Möbius.

Evan Christ, der junge Cottbuser GMD, der Martin Schüler, als dieser zunächst nur das “Das Rheingold” machen wollte, bekniete, den ganzen „Ring“ zu machen, stand auch an diesem Abend wieder am Pult des Philharmonischen Orchesters des Staatstheaters Cottbus. Schon mit den Auftaktakkorden des Prologs wurde klar, dass es musikalisch ein guter Abend würde, und diese Erwartungen löste Christ mit seinen Musikern und stets äußerst engagierter Gestik, die sich unmittelbar in Musik umzusetzen schien, auch ein. Erstklassiges Blech, der Rezensent kann sich in jüngerer Vergangenheit kaum an eine „Götterdämmerung“ erinnern, in der die Hornrufe so gut gelangen, aber auch ein intensiver und wegen der Platzierung auf der Bühne sehr transparenter Streicherklang bei großartiger Dynamik in den dramatischen Passagen ergaben einen vorzüglichen Wagnerklang, der den großartigen sängerischen und schauspielerischen Leistungen auf Augenhöhe begegnete. Evan Christ hat mit diesem „Ring“ wohl sein Meisterstück abgelegt und sich für größere Aufgaben, durchaus auch ganz große, empfohlen. Er könnte einer dieser Garde aus guten Nachwuchsdirigenten im Wagner-Fach, wie A. Nelsons, C. Meister, P. Jordan und anderen, werden.

Es war ein Abend der emotionalen Superlative, und zu großen Teilen auch der sängerischen. Was Sabine Paßow und Marlene Lichtenberg, aber auch Gary Jankowski und Andreas Jäpel sowie Gesine Forberger hier vorgeführt haben, war wohl genau die Kunst Wagners, die er zu Lebzeiten auf der Bühne den SängerInnen einzubläuen versuchte und die es manchmal nicht schafften. Noch ein ganz großer Moment sei abschließend erwähnt: Als der stumme Wotan in Person des Regieassistenten Hauke Tesch an die Leiche Siegfrieds tritt und nach einem langen Blickaustausch mit seiner Tochter Brünnhilde dieser die Hand zur Versöhnung reicht und diese sie nach sichtbarem innerem Kampf ablehnt, zog sich schlicht das Herz zusammen! Da war nur noch bei Harry Kupfer 1988 so bewegend. Der Rezensent hat selten so intensives, emotional einnehmendes und dennoch so einfach verständliches Wagnertheater erlebt. Man muss es so sagen, Cottbus war und ist bei diesem „Ring“ große Wagner-Kunst gelungen und kommt mit der Ästhetik der Produktion sowie der Qualität ihrer Akteure der Idee von Wagners Gesamtkunstwerk sehr nahe. Und es war einmal mehr der Beweis, dass Wagner aus den Figuren heraus lebt und nicht von Regisseuren allein…

Klaus Billand | Premiere 30. März 2013

operapoint.com

Aufführung

Nach den vorangegangenen Teilen des Rings in Cottbus in den Jahren 2003, 2008 und 2011 inszeniert Regisseur Martin Schüler auch das Ende der Ringtetralogie als halbszenische Version. Dabei findet das Orchester mitten auf der Bühne seinen Platz. Dahinter erhebt sich ein schräg gestellter Durchbruch, der eine Sitzgruppe beherbergt. Dieser Bühnenteil stellt szenenabhängig den Berg der Brünnhilde sowie auch Walhall dar. Die Protagonisten agieren hauptsächlich im Vordergrund auf dem zugedeckten Orchestergraben, wobei ein angedeuteter Pfad in den Hintergrund führt. Neben einem Tresor, aus dem einige Utensilien entnommen werden, kommen vor allem zahlreiche Stühle zum Einsatz, die am Ende den Scheiterhaufen bilden.

Sänger und Orchester

Die überzeugendste Leistung des Abends bietet Gary Jankoswksi als Prototyp Hagen. Sein Monolog atmet durch seinen kraftvoll zupackenden, erdig-nebulösen Baß die nötigen dräuenden Abgründe der Figur, die den Zuschauer auch in seinem ausdrucksstark diabolischen Spiel durchweg in seinen Bann ziehen. Hervorragend situiert zeigt sich auch Andreas Jäpel als ausgezeichnet zaudernd agierender Gunther. Sein eindrucksvoll geschmeidiger und selbst in den Höhen brillant strahlender Bariton empfiehlt ihn für weitere Hauptrollen. Sabine Paßow (Brünnhilde) demonstriert gesangliche Stärken vor allem im emotional aufgeladenen Zusammenspiel mit Siegfried. In späteren Auftritten, insbesondere bei längeren Monologen wie am Ende des 3. Aktes, flacht ihr Volumen schnell ab, und es kommt zu markanten Intonationsungenauigkeiten. Ein weiterer Stern am Himmel der Aufführung ist Marlene Lichtenberg, deren dunkel timbrierter Mezzosopran vor allem in der Rolle der Waltraute formidable Farbschattierungen sowie ein sich weit öffnendes Höhenvolumen offenbart. Craig Bermingham (Siegfried) verkörpert überzeugend den naiven, bubenhaften Helden, der sich leicht manipulieren läßt. Gesanglich zeigt er eine etwas unbeständige Leistung. So versucht er auch in den lyrischen Abschnitten stets am Limit zu singen. Dabei kommt es zu harten Überzeichnungen, scharfen Spitzentönen und flatternden Dissonanzen. Bariton Thomas Gazheli (Alberich) begeistert mit lupenreinem Duktus und schattigen Klangnuancen seiner wuchtigen Stimme. Gesine Forberger, Cornelia Zink und Debra Stanley bezaubern zudem mit leuchtenden Klangspektren als hinreißende Rheintöchter.

Evan Christ führt das Philharmonische Orchester zu einer absoluten musikalischen Spitzenleistung, die vom düsteren Aufglimmen unheilvoller Tremoli bis hin zu strahlend gleißenden Klangfluten Wagners Klangkosmos mitreißend erschließen. Zudem ist der Chor derart hervorragend aufgestellt, daß es einen förmlich von den Stühlen reißt.

Fazit

Weißt Du wie das ward, singen die Nornen zu Beginn der Götterdämmerung. Nach dem letzten Akkord der Aufführung in Cottbus ist jedenfalls eines klar: Die semiszenische Umsetzung überzeugt durch packende Emotionalität und, auf Grund der Leistung aller Beteiligten, schließt sich mit der Cottbuser Götterdämmerung der Ring zu einem Reif aus purem musikalischem Gold.

Dr. Andreas Gerth | Premiere am 30. November 2012

Lausitzer Rundschau

Lachend über alle Untiefen balanciert

Wo steht geschrieben, dass die “Götterdämmerung”, der gewaltige Schlussstein in Richard Wagners “Ring”-Bauwerk, ein tragisches, tiefernstes Werk sein muss? Martin Schüler jedenfalls las das Stück nicht so. Am Ostersamstag hatte es am Staatstheater Cottbus Premiere.

Wie ein Artist auf dem Schlappseil balanciert er in seiner Inszenierung lachend über alle Untiefen populärer Ästhetik. Aber er fällt nicht, bricht sich bis zum letzten, endlich das ganze Drama auflösenden Akkord nicht das Genick. Bis dahin hat Schüler alle Bilder, die man kennt und liebt, zutage gefördert: das Märchenspiel und die Vorabendserie, die Gesellschaftsklamotte, Ritterfilme und den düsteren Western-Rächer. Schließlich darf auch Bakunin noch seinen anarchistischen Feuerzauber entfalten, und zum allerletzten Schluss kichert der junge Pierre Boulez aus der Proszeniumsloge herunter: Sprengt die Opernhäuser in die Luft, es wäre die eleganteste Lösung. Man kann ihn nicht sehen, denn das Cottbuser Theater-Walhall brennt mit einer solchen Rauchentwicklung, wie man die Burg der abgewirtschafteten Wotan-Clique wahrlich noch nie verdämmern sah.

Der böse Zeitgeist

Die Schwaden quellen aus Logen und Versenkungen – die hehren Bühnen-Götter sind dahin, es lebe die Game-Show, und wenn die ganze Welt verbrennt. Schüler hat den bösen Zeitgeist erfasst.

Der Textentwurf zur “Götterdämmerung” war der erste Teil, den Richard Wagner für seine opernrevolutionäre Tetralogie “Der Ring des Nibelungen” schuf. Ende 1848 war die Erstschrift abgeschlossen, am 21. November 1874 zog er den Schlussstrich unter die Partitur. Wie jüngst beim “Star-Wars”-Epos fand Wagner erst im Nachhinein zu den Anfängen seiner Geschichte. Mit dem Ton “Es” und dem Gold in der Tiefe des Rheins ließ er alles beginnen. “Rheingold”, “Die Walküre” und “Siegfried” entstanden vor der Musik zu “Siegfrieds Tod”; wie Wagner die “Götterdämmerung” anfangs nannte.

Am Ende lässt Wagner die große Opern-Geste und die äußerste szenische Reduktion aufeinandertreffen. Zuerst der Scheiterhaufen für den toten Siegfried, worin sich die Witwe Brünnhilde samt Roß Grane auch selbst verbrennt, danach die allein in die Musik und eine Bühnenanweisung zurückgenommene Hoffnung auf einen Neubeginn ohne Geldgier und Fluch. Den durch das Feuer gereinigten Ring haben die Rheintöchter bereits zurückbekommen.

Auf der Cottbuser Bühne stellte ein Gewirr von Stühlen die geforderten “starken Scheite” dar. Sie trugen den von den stimmgewaltigen Mannen – Sänger aus Cottbus und Bratislava – aufgebahrten Leichnam Siegfrieds. Brünnhilde entzündete das Feuer.

Vom Seil des Schicksals

Zum Beginn der “Götterdämmerung” lesen die Nornen die gesamte Vorgeschichte noch einmal vom Seil des Schicksals ab. Sie holen es aus jenem leeren Tresor, der einstmals das Rheingold verschloss. Freias Äpfel der ewigen Jugend haben in den Händen der grauen Weiblein ihre Wunderwirkung auch längst eingebüßt. Die früher so herrische Obergöttin Fricka, Carola Fischer, ist inzwischen zur zweiten Norn hinabgesunken und schält Apfelschnitze aus dem einst kostbaren Obst.

Der noch im “Siegfried” so muntere Waldvogel, Cornelia Zink, nun dritte Norn, fristet ein trauriges Käfig-Dasein, bis ihm Hagen den Hals umdreht. Die erste Norn, Marlene Lichtenberg, hat als weltweise Erda auch schon bessere Zeiten erlebt.

Mit wenigen Requisiten und Besetzungs-Rückbezügen schlägt Martin Schüler in dieser Szene den Bogen in seiner Cottbuser “Ring”-Inszenierung, zurück bis zum “Rheingold” von 2003. Bei seiner “halbszenischen” Regie-Konzeption ist er übrigens von Anfang an nicht geblieben.

Die Nornen verschwinden, das Heldenpaar Siegfried und Brünnhilde betritt die Szene. Albern wie die Teenager hüpfen sie umeinander herum und wissen nicht, dass ihr Glück zu Ende ist, sobald Siegfried zur nächsten Heldenfahrt aufbrechen wird. Die bringt ihn mitten hinein in die Schickimicki-Welt der Gibichungen-Geschwister und ihres Halbbruders Hagen.

Andreas Jäpel und Gesine Forberger schlampampen als Gunter und Gutrune im Prosecco, singen beide hervorragend und exemplarisch textverständlich und vermissen nichts zu ihrer flachen Glückseligkeit.

Absturz in die Tragik

Hagen hat einige Mühe, der gezierten Schwester und dem feigen Bruder klarzumachen, dass ihnen Ehegesponse fehlen. Es folgt der Absturz in die Tragik. Siegfried wird Brünnhilde mittels einer bösen Droge vergessen und sie gewaltsam Gunter zuführen, um darauf dem Mordkomplott Hagens, Gunters und Brünnhildes zum Opfer zu fallen. Betrug und verletzte Ehre sind die vorgeschobenen, Hagens Gier nach dem Ring ist das wahre Motiv, ihn zu töten.

Siegfried stirbt einen wahren Heldentod. Für seinen letzten Gruß an die plötzlich wieder in seinem vergifteten Gehirn auftauchende Brünnhilde stemmt er sich noch einmal empor, Hagen hält den Speer in ängstlicher Bereitschaft. Craig Bermingham hat mit diesem Abschiedsgruß seine sängerisch wärmsten und intimsten Momente. Der blonde Bilderbuch-Siegfried wartete bis dahin fast ausschließlich mit kraftvoll strahlenden, etwas geradeheraus geführten Tönen auf. Den längsten, auch psychologisch interessantesten Weg in der “Götterdämmerung” muss Brünnhilde zurücklegen. Als fast übertrieben euphorisches Heldenweib verabschiedet sie Siegfried für seine Rheinfahrt hin zu “neuen Taten”. Noch die Schwester Waltraute, innig raunend Marlene Lichtenberg, fertigt sie liebesblind ziemlich barsch ab. Verwirrung, Zorn und Hass kommen in ihre Stimme, als sie Gunter hört, den getarnten Siegfried sieht und gefesselt verschleppt wird.

Für den Verrat gezeugt

Höchste Verzweiflung lässt sie endlich in einem großen Terzett Rache schwören. Und nach all diesen Ekstasen noch der kräftezehrende Schlussgesang. Sabine Paßow geht ihn behutsam an, innig und leise. Noch bis zum Schluss hat sie eine wunderschöne biegsame Wärme in der Stimme; weise geworden kann sie verzeihen.

Ihr Gegenspieler Hagen, Gary Jankowski, ist zwar als Alberichs Sohn schon für den Verrat gezeugt und als Figur keiner Entwicklung fähig, stimmlich indes wurde Gary Jankowskis schwarzer Bass im Laufe des Abends immer flexibler und ausdrucksstärker. Ob er seinem heruntergekommenen Vater Alberich so treu sein wird wie dieser, Thomas Gazheli, das aufdringlich fordert, darf bezweifelt werden.

Martin Schüler hat sich für jede seiner Figuren einen deutlichen psychologischen Zuschnitt ausgedacht. Sie sind ausdrucksstark, manche allerdings zu eindimensional.

In die Urtiefen des Mythos

Den wahren Zauber der verborgenen Beziehungen, der verschlungenen Motive, der vielfach verschachtelten Geschichten und Vorgeschichten, entfaltet sowieso das Orchester. Seiner Hauptrolle als kollektivem Erzähler gemäß nimmt es den Hauptteil der Bühne ein.

Evan Christ führt das Orchester in die spannenden Urtiefen des Mythos, lässt Motive auseinander erwachsen, lauscht ihren harmonischen Umdeutungen nach, sehr spannend. Was fehlt, ist das brüchig alt Gewordene, Morbide, das der “Götterdämmerungs”-Klang auch hat. Insgesamt jedoch ist es ein langer glanzvoller Abend.

Irene Constantin | 01. April 2013

Junge Freiheit

Das Schreckliche schön dargestellt

Ehrenrettung des Wagner-Jahres: Mit der „Götterdämmerung“ schließt der „Ring“ des Staatstheaters Cottbus nach zehn Jahren

Es ist bezeichnend, daß die beeindruckenden Aufführungen von Wagners Werken in diesem Jubiläumsjahr jene sind, die szenisch oder konzertant erfolgen, und nicht die üppigen Inszenierungen, in denen die Theatermaschine zumeist aus vollen Rohren ins Blaue schießt. Ein steiler Höhepunkt sowohl in musikalischer wie darstellerischer Hinsicht wurde vom Staatstheater Cottbus mit einer halbszenischen Darbietung erreicht.

Der Intendant des Hauses, Martin Schüler, inszenierte 2003 „Rheingold“, wobei das Orchester auf der Bühne saß und fast alle Partien mit Ensemble-Mitgliedern besetzt waren. Die Hundertjahrfeier des Jugendstil-Theaters 2008 forderte die Weiterführung heraus. 2011 hatte dann bereits „Siegfried“ Premiere. Und nun kurz vor dem 200. Geburtstag Wagners wurde der Cottbuser „Ring“ mit der „Götterdämmerung“ gerundet.

Die Aufführung war für Cottbus ein phantastischer Erfolg und für die deutschen Bühnen insgesamt eine Ehrenrettung dieses so schäbig begangenen Wagner-Jahres. Leider kann eine zusammenhängende Vorstellung der Tetralogie dort aus technischen Gründen nicht realisiert werden.

So wie das Philharmonische Orchester des Staatstheaters in der Absicht des Intendanten und Regisseurs auf der Bühne als antiker Chor figuriert, wird der Zuschauer und Zuhörer im Nu in ein staunendes Kind zurückverwandelt. Denn unter Theatersnobs scheint sich dieses Ereignis noch nicht herumgesprochen zu haben. Die Akustik ist makellos. Das Orchester unter der Leitung des knabenhaft wirkenden Amerikaners Evan Christ schafft einen staunenswert runden Klang, der kleine Patzer in der Homogenität völlig untergehen läßt. Selbst das Blech, das in den mittleren Orchestern beim Wagner-Repertoire oft in ein räudiges Gebell verfällt, tönt hier wohl und voll.

Der Siegfried (Craig Bermingham) läßt sich vorab als indisponiert ankündigen. Er hat eine fabelhaft schöne Stimme, die etwas an Klaus Florian Vogt erinnert, und er weiß diese mit Gefühl und Modulation zu gebrauchen. Er ist eine Naturbegabung, keiner der groben Vokalsportler, wie sie sich landauf, landab über die Bühnen schreien. Daß sein Beitrag im Internettrailer des Theaters die gleichen technischen Mängel aufweist, läßt den Hinweis auf die Tagesverfassung nicht recht glaubwürdig erscheinen. Er ist ein Meister der Übergänge und Wandlungen, aber wenn ein Ton länger zu halten ist, wird der oft buchstäblich ermeckert. Das ist bemerkbar, aber es schmeckt nicht vor.

Nein, kein Wermutstropfen verbittert diesen Abend. In Cottbus wird der Mut Wagners geteilt, das Schreckliche schön darzustellen. Sabine Paßow ist eine Brünnhilde mit Leib und Stimme. Das gleiche gilt für Hagen (Gary Jankowski), Gutrune (Gesine Forberger) und Gunther (Andreas Jäpel). Zu den ergreifendsten Szenen gehört der Dialog zwischen Brünnhilde und Waltraude, deren Not von der gebürtigen Südtirolerin Marlene Lichtenberg mit wunderbarer Anmut dargestellt wird. Von der Rangbrüstung herab singend, kündigt sie ihr Kommen. Ein Siegfried mit Topfhelm schleift seine Geliebte an den Haaren einem anderen Mann zu. Selten ist diese Szene mit dieser urtümlich intimen Brutalität dargestellt worden. Eine subtile Lichtführung auf die Szene läßt einen die Abwesenheit einer Kulisse vergessen. Die silbernen Brustpanzer und Helme werden in der Marmorverkleidung des Zuschauerraums reflektiert.

In dem Licht erklärt sich der Sinn des Werks

Als Siegfried zum Rhein fährt, läßt er sich mit einem Seil aus der Loge herab. Die Mannen stürmen durch die Saaltüren auf die Bühne, während die Frauen von den Seitenbalkonen auf die Szene blicken. Die gutmütig-wilde Manneskraft, die sich in den rassigen Slawen-schädeln der Mitglieder des slowakischen Opernchors „Cantica Istropolitana“ aus Preßburg kundgibt, vermag kein Maskenbildner besser auszuformen, als es durch die Natur bereits geschehen ist. Es gibt Theater von Menschen für Menschen, voller Schönheit und Glanz.

In diesem Licht klärt sich auch der Sinn des Werks. Wagners Forderung, die Bühne zu einer Stätte sittlicher Erziehung werden zu lassen, wurde hier einmal ernst genommen. Schicht für Schicht lösen sich die Schalen um den scharfen grünen Kern dieses Werks. Die Inszenierung löst sich völlig in der Dramatik von Musik und Handlung auf, ohne originelle Rückstände. Alles ist derb und sinnlich, aber nicht übertrieben. Die Bewegungen sind sängerfreundlich und befinden sich im Einklang mit dem musikalischen Fortgang. Wieviel unfreiwillige Komik ist möglich, wenn sich Siegfried von Brünnhilde anfangs verabschiedet, und wie übermütig, herzlich und innig wurde das hier dargestellt.

Während des Trauermarsches wirft sie sich auf Siegfrieds Leichnam. Dann erscheint der Wanderer Wotan als stumme Rolle, zieht den Hut und läßt sich neben der Tochter auf die Knie nieder. Als er die lederbehandschuhte Rechte zu ihr ausstreckt, weicht sie kopfschüttelnd zurück. Denn die alten Götter sind gerichtet: „Alles weiß ich, alles ward mir nun frei.“ Wie selten doch kann das Publikum diese Worte Brünnhildes am Schluß einer Vorstellung teilen. Das bürgerliche Witwenkostüm mit engem Rock, Kappe und Schleier gibt ihrer Figur die finale Würde. Den Rheintöchtern, die selbst schon von der Gier Alberichs angekränkelt scheinen, verweigert sie den Ring vorerst noch. Denn: „Das Feuer, daß mich verbrennt, reinige vom Fluch den Ring.“

Wenn die Naturwesen jubelnd den Ring emporrecken, kommen die Zeilen aus dem Gedicht „Die Not“ in den Sinn, das Wagner im Revolutionsjahr 1849 verfaßte. Darin heißt es: „Denn über allen Trümmerstätten / blüht auf des Lebens Glück: / Es blieb die Menschheit frei von Ketten, / und die Natur zurück. (…) Der Freiheit Morgenrot – / entzündet hat’s – die Not!“ Und ein ergriffenes Publikum applaudiert stehend.

Sebastian Hennig | 10. Mai 2013

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320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 591 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Martin Schüler (premiere)