Lohengrin

Rudolf Kempe
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
21 July 1967
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Heinrich der VoglerKarl Ridderbusch
LohengrinSándor Kónya
Elsa von BrabantHeather Harper
Friedrich von TelramudDonald McIntyre
OrtrudGrace Hoffmann
Der Heerrufer des KönigsThomas Tipton
Vier brabantische EdleHorst Hoffmann
Hermin Esser
Dieter Slembeck
Heinz Feldhoff
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Reviews
Die Zeit

Dreieinhalb Stunden gemessene Symmetrie

Wolf gang Wagners Versuch mit dem „Lohengrin“ Der Taxifahrer in der Bayreuther Opernstraße konnte es sich leisten, fünf Anmeldungen für den Zeitraum von fünfzig Minuten auf seinen Terminblock zu nehmen; er wußte: „Es geht heuer viel geregelter ab.“

In der Tat: während früher zwei, allenfalls drei Wagen gleichzeitig zwischen Festspielhaus und Restaurantbaracke vorfahren und Haute Couture, Charme und die Bräune südlicher Urlaubswochen entsteigen lassen konnten, haben jetzt fünf, sechs Limousinen Platz unter einem neuen, längs der ganzen Nordwestseite des Hauses errichteten Markisen-Baldachin, der dem alten Gebäude aus Fachwerk und Backstein das Air eines Appartementhauses an New Yorks Fifth Avenue verleiht.

Geregelter vollzieht sich jetzt auch die Vorfahrt der ganz Großen, deren Wagen den bayerischen oder gar den Bonner Stander führen, sie werden bereits unterhalb des Festspielhauses auf einen gesonderten Weg geleitet und haben es nicht mehr nötig, die Abfertigung gewöhnlicher Festspielbesucher abzuwarten.

Geregelt schließlich ist auch das Problem der wie immer zahlreichen schaulustigen Bayreuther, die ihre Stars jetzt nur noch hinter der Seilabsperrung auf die Distanz von drei Fahrbahnen bewundern dürfen.

Weniger gut geregelt scheint mir, wie das, was neu auf der Bühne des Festspielhauses präsentiert wird, auf attraktivem Festspielniveau gehalten werden soll.

* Er wolle, sagt Wolfgang Wagner, „dieses Bayreuth als Werkstatt, als Stätte einer sich ständig erneuernden Form des Musiktheaters, deren Wirkung auf das gesamte Theaterwesen der Gegenwart ausstrahlt, undoktrinär weiterführen“.

Ich frage nicht, ob Wolfgang Wagner so euphemistisch sein wollte, eine Ausstrahlung vom Musiktheater auf das ganze Theaterwesen der Gegenwart anzunehmen. Ich frage mich aber, ob und wohin seine diesjährige „Lohengrin“-Inszenierung die sich ständig erneuernde Form des Musiktheaters weiterführt.

Ein lichtblauer Rundhorizont: die Welt des Grals, die Welt des Wunders; davor rechts und links zwei bühnenhohe Tafeln, riesige bleigraue Gewächse, Lianen vielleicht mit ineinander verschlungenem Blattwerk: eine Märchenwelt; auf dem Boden über oktogonalen Stufen blau-gelbe Jugendstilmuster: die Welt surrealer Phantasie und unterschwelliger Intellektualität; später hohe, unregelmäßig gefärbte Klinkerwände, darauf ein paar goldene Rundbogen; die Zitadelle von Antwerpen, Symbole einer realen Welt; im dritten Akt vor den abgedunkelten Lianentafeln ein pagodenartiges Säulengebäude, darin ein rechteckiger Block mit einer Mulde vorn: das Brautgemach für eine Josefs-Ehe, Symbol einer Utopie – Wolfgang Wagner schwankt hin und her zwischen den Stilen und den Welten, er vermengt Märchen, Wunder, Realität und Utopie, und keine der Ebenen vermag das Bühnengeschehen zu tragen.

In rotes Leder gekleidet und mit glänzenden Kappen versehen sind die Mannen des Königs Heinrich, in blau-grünes Tuch die Brabanter; die Maiden der Elsa tragen wallendes Dunkelblau mit drei u-förmig ineinanderfallenden silbernen Bändern, dazu Mönchskapuzen oder lichtblaue Priestergewänder und helle Ballonmützen; im Brautzug erscheinen schließlich weißgekleidete Jungfrauen, von der Weltraumfahrt heimgekehrte Abkömmlinge schwedischer Lichterbräute.

Wann immer diese Scharen auf der Bühne stehen, stehen sie in Symmetrie, wann immer sie sich bewegen, schreiten sie gemessen und mit Würde, dreieinhalb Stunden gemessene Symmetrie.

Die Mannen sind hellseherisch: Wenngleich der Schwan – ein seltsames, halb realistisches, halb abstraktes Gebilde mit dem Kopf des General de Gaulle – hinter ihrem Rücken erscheint, erahnen sie sein und des Retters Lohengrin Kommen und jubeln auf, gemessen und in Symmetrie. Und sie sind beherrscht: Wenngleich in ihnen eine Welt zusammenbrechen muß, als Elsa die verhängnisvolle und alles verspielende Frage nach der Herkunft des Ritters stellt, zucken sie doch mit keiner Wimper.

Aber die Mannen sind sich ihrer Nationalität bewußt: Auf die Weise „Für deutsches Land das deutsche Schwert“ leisten sie sich eine spontane Reaktion und reißen ihre Spielzeugwaffen hoch. Trotzdem: mir erscheint zweifelhaft, daß mit diesen müden Kriegern eine drohende Schlacht gegen die Ungarn zu gewinnen sein soll.

Und ihre Dienstherren?

Der König Heinrich ist mir sympathisch. Er stapelt tief, legt wenig Wert auf prunkvolle Kleidung, übt stets Zurückhaltung, trägt, selbst bei einer solchen Haupt- und Staatsaktion wie einem Gottesgericht, die Alltagskleidung seiner Krieger, beherrscht mit kleinen Bewegungen seine Untergebenen und glaubt noch an Wunder.

Ein Bösewicht dagegen, ein Linksintellektueller in schwarzem Habit und mit Cäsarenfrisur der Telramund, der heimtückisch sich stets am Rande des Geschehens hält, der aber zugeben muß, daß er im Grunde ein Waschlappen ist, der beim Kampf umfällt, sobald man ihn nur kurz anstößt, der sich verzweifelt auf dem Boden wälzt, ein Wicht mit theatralischem Pathos. Ein züchtig deutsch Mädchen hinwiederum, keusch und zartfühlend, ist die Elsa. Gemessen ehrfürchtig verneigt sie ihr Haupt vor dem richtenden König, schüchtern und kaum vernehmlich haucht sie das Ehe-Ja, ganz liebend Weib, legt sie ihr Köpfchen an des Retters Lohengrin Brust, auf der brautbettlichen Steinmulde riskiert sie zögernd eine kleine Zärtlichkeit. Die Gotteslästerungen der zynischen Ortrud bringen sie nicht aus dem Gleichgewicht, aber vor dem Mann, der „aus Glanz und Wonnen“ kommt, erschrickt sie in scheuem Verantwortungsbewußtsein, und selbst in den Tod geht sie verklärt.

Zu soviel Edelmut muß es doch ein Pendant geben: Ortrud, die personifizierte Bosheit. Sie beginnt lauernd, entpuppt sich als keifende Hexe und endet als wilde Furie mit zotteligem Haar und in blutbunten Lumpen.

Über allem schließlich Lohengrin, der Ritter im langen, gralblauen, grob diagonal gestreiften und mit Federn besetzten Gewande, ein strahlender Held und tumber Tor, weltentrückter Künstler und allenfalls platonischer Liebhaber, ein sentimentaler Operettentenor, der die Wirkung seines Auftritts kennt und genießt, ein selbstloser Verteidiger der gottesfürchtigen Schwachheit, der keinen Schritt zuviel macht – die Mensch gewordene Gemessenheit.

*

Wieland Wagner hätte von all diesen Figuren gewußt, wer wann warum wie zu reagieren hätte.

*

Blieb also die Musik.

Für das Vorspiel brauchte Rudolf Kempe knappe acht Minuten, das heiß: ein ganz zügiges Tempo. Anschließend aber brach Gemächlichkeit, schließlich stoische Ruhe über Bühne und Orchestergraben herein, Gemessenheit wurde auch Kempes Prinzip, Leidenschaftslosigkeit und sommerliche Mattigkeit. Statt des drive dominierte die gedehnte Phrase, statt der Dramatik der Schmelz.

Dann wenigstens die Stimmen.

Überzeugt haben mich eigentlich nur zwei Sänger: Donald McIntyre als Telramund und Grace Hoffmann als Ortrud. Sandor Konya sei, sagte mir jemand, der sich das Urteil leisten könnte, zur Zeit der beste Lohengrin, trotzdem dächte ich, daß die Heimat seines Ritters, die Burg Montsalvat, ein bißchen zu weit im Lande des Lächelns liegt, der Elsa dagegen würde ich noch ein wenig mehr Weichheit in der Höhe wünschen, als Heather Harper zu bieten hatte. Karl Ridderbusch (König Heinrich) und Thomas Tipton (Heerrufer) blieben im Volumen hinter den anderen Protagonisten ein wenig zurück, ihre Mannen ersetzten das im Chor lässig.

Theoretisch, sagt Wolfgang Wagner, sei die Frage nach dem Engagement fremder. Regisseure in Bayreuth leicht mit ja zu beantworten. Aber, sagt Wolfgang Wagner, in bezug auf Wagner-Regie müsse man „ein gestandener Mann“ sein. Ich wüßte ihm ein paar Männer, die zumindest so „gestanden“ sind, wie die Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang es waren, als sie 1951 Neu-Bayreuth begründeten: Egon Monk, Peter Hall, Ingmar Bergman und Giorgio Strehler. Er kenne, sagt Wolfgang Wagner, seine Aufgabe, Bayreuth lebendig zu erhalten, und er werde sich dieser Verantwortung nicht entziehen.

Heinz Josef Herbort | 28. Juli 1967

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Aufron
GM, OOA
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Technical Specifications
320 kbit/s VBR, 44.1 kHz, 489 MByte (flac)
Remarks
A production by Wolfgang Wagner (premiere)