Lohengrin

Marc Soustrot
Chor und Extrachor der Oper der Bundesstadt Bonn
Orchester der Beethovenhalle Bonn
Date/Location
25 November 2001
Opernhaus Bonn
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Heinrich der VoglerHans-Georg Moser
LohengrinAlfons Eberz
Elsa von BrabantEva Johansson
Friedrich von TelramudOleg Bryjak
OrtrudJulia Juon
Der Heerrufer des KönigsGerd Grochowski
Vier brabantische EdleErik Biegel
Josef Michael Linnek
Pieris Zarmas
Johannes Flögl
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Reviews
Online Musik Magazin

Viel Klang von der Rückseite der Macht

Ein riesiges Pendel hängt hinab im Zentrum der Bühne, doch schlägt es kaum aus. Abstrakte Raumteile gliedern da den Raum, auf mehreren Achsen drehen sich diese Teile, geben den Blick frei und nehmen ihn auch wieder. Personen tauchen auf den Kreisen aus dem Nirgendwo auf und verschwinden ebenso. Reduzierte Bühnensprache von allem Ausstattungs-Kleinkram befreit – so gibt sich die Bühne des Bonner Lohengrins.

Die Personenführung in diesem interessanten variablen Aufbau ist recht bewegt, zumindest was die Hauptfiguren angeht. Die Männer- und Frauengruppen des Chors treten dennoch in Blöcken und Reihen auf und ab und lehnen sich, wenn sie zu warten haben auf den Lauf der Dinge und den Verkündigungen lauschen, derweil weihevoll auf ihr Schwert. Kniefall und Hand-auf-die-Brust sind passend dazu die häufigen Gesten der Solisten. Ganz so befreit von den überkommenen Üblichkeiten ist die Inszenierung von Philippe Arlaud eben doch nicht. Sie neigt sehr zu der oft bemühten weihevollen Monotonie. Die Lichtregie sorgt dazu für einfach bestimmte Farbigkeit.

Eindrucksvoll wandelt sich das Bühnenbild zu Beginn des zweiten Aufzuges. Zu sehen ist der Herrschaftspalast von hinten. Unter den rückwändig abgestützten Bögen stehen Ortrud und Telramund gleichsam im Hinterhof der Macht. Sie schäumen vor Selbstmitleid und Wut über ihre Schmach. An die Rückwand der Macht gelehnt sind sie aber eben noch ganz nahe dran. Ein Leichtes ist es daher für Ortrud, Zugang zu den Gemächern von Elsa zu erlangen.

Die Auseinandersetzung zwischen Telramund und Ortrud bildet die eindrucksvollste Szene der Aufführung durch das herausragende Solistenpaar. Oleg Bryjak als Telramund entwickelt ausgezeichnete Diktion bei vollem Ton. Er weiß seine starke Stimme gut zu führen und das Schwanken von Verzweiflung und Gerissenheit packend hörbar zu machen. Julia Juon verfügt als Ortrud über metallische Stimme mit Strahlkraft und enormer sicherer Höhe. Sie kann beeindruckend facettenreich ihren Part entwickeln und die Bösartigkeit der Ortrud hinausschleudern. Die beiden Sänger bilden in sängerischer Hinsicht das Hauptpaar des Abends. Die Szene, die sie sich da liefern, geht unter die Haut.

Zuvor hatte das Sängerensemble noch nicht besonders zu überzeugen gewusst. Hans-Georg Moser erfüllt die Partie des Heinrich passabel aber auch mit Mühe. Eva Johansson als Elsa lässt zunächst noch Unstimmigkeiten hören. Sie blüht im Laufe des Abend aber auf in ihrer Partie. Tritt sie im zweiten Aufzug zu Telramund und Ortrud erklingt sie bereits ganz anders als zu Anfang und beeindruckt mit zarten Tönen. Beim Liebesduett im dritten Aufzug gibt sie eine starke und überzeugende Elsa.

Der Auftritt des Lohengrin gerät dagegen weniger einnehmend. Im weißen Frack und weißen Schuhen tritt Alfons Eberz mit recht unbeholfenen, ja hölzernen Bewegungen auf die Bühne und erinnert in dieser Figur unfreiwillig an die bemühte Festlichkeit einer Fernsehgala. Eberz glänzt mit starkem Metall in der Stimme beim Forte, anspruchsvoll zu führen und zu gestalten vermag er seinen Part leider nicht. Sehr beachtlich erklingt Gerd Grochowski als Heeresführer. Große Leistung erbringen die Damen und Herren des hochengagierten Opernchors.

Die Sänger werden vortrefflich getragen vom Orchester unter der Leitung von Marc Soustrot. Ausgezeichnet zusammen erklingt das Spiel der Instrumentalisten, ein gelungenes Auskosten und Ausspielen der Partitur entwickelt das Dirigat von Soustrot. Bei zügigen Tempi vor allem im dritten Aufzug werden Sentimentalitäten gänzlich vermieden. Das Orchester lässt die Aufführung zu einem glänzenden musikalischen Ereignis werden.

FAZIT

Das eigentliche Paar der Aufführung bilden Ortrud und Telramund, sie liefern packende Auftritte. Zunehmend stimmig erklingt auch Elsa. Sehr gelungen ist der Part des Orchesters, so lohnt sich der Bonner Lohengrin in musikalischer Hinsicht.

Meike Nordmeyer | Premiere im Opernhaus Bonn am 25. November 2001

General-Anzeiger

Die ganze Welt ist eine Drehbühne

Der französische Regisseur Philippe Arlaud, der im nächsten Jahr in Bayreuth debütieren wird, versucht sich in Bonn nicht sonderlich beeindruckend an Wagners “Lohengrin”

Philosophie auf der Opernbühne interessiere ihn nicht, hat der Regisseur Philippe Arlaud in einem Interview gesagt, “das wirkt wie eine Schlaftablette”. Ihm gehe es um “Tränen, Blut und Sperma, um die Flüssigkeiten des Lebens”. Das klang viel versprechend. Bei der Bonner Premiere von Wagners “Lohengrin” blieb davon nicht allzuviel übrig: statt Blut eher Blässe, statt Tränen viel Triviales und statt Sperma allenfalls Special Effects.

Arlauds Bonner Regie-Tat erweckt aus ganz anderen Gründen besonderes Interesse: Der Franzose steigt im nächsten Jahr mit dem “Tannhäuser” zu Bayreuther Inszenierungs-Ehren auf. Da muss freilich noch einiges an Handwerk hinzukommen, denn dass Arlaud sich nach wie vor besser in seinen Spezialgebieten Bühnenbau und Licht-Design auskennt, merkt man in Bonn an vielen Episoden der puren Hilflosigkeit. Und dass er nach Bayreuth schaut, macht die Post-Wieland-Wagner-Stilisierung der Bühne nicht sonderlich aufregend deutlich.

Man hatte ohnehin den Eindruck, dass in Bonn aus unerfindlichen Gründen die Erfindung der Drehbühne gefeiert wurde; das Ding ist ständig in Bewegung, führt wechselnde Randbebauungen vor, die mitunter vom Charme einer Tiefgarage zeugen. Die ganze Welt ist eine Drehbühne oder so ähnlich, und der wackere Schwanenritter samt Hinterlassenschaft bewegt sich auf unsicherem Grund.

Solche Einsichten werden nur noch getoppt von der simplen Erkenntnis, dass die Drehscheibe den Spielraum unnötig einengt – die Chormassen knubbeln sich ziemlich entsetzlich auf der Bonner Bühne. Aber mit dem Chor, der im “Lohengrin” nun einmal eine wichtige Rolle hat, kann Arlaud ganz wenig anfangen: lauter unbeholfene Auftritte nach Strickmuster-Rezept: eine Gruppe links, eine Gruppe rechts. Tröstlich zumindest, dass die mit peinlichem Gestik-Vokabular ausgestatteten Choristen ganz trefflich und prägnant singen (Einstudierung Sibylle Wagner).

Historiendrama, Märchen, Kunst-Allegorie, politische Fabel – von den vielen “Lohengrin”-Möglichkeiten entscheidet sich Arlaud für keine. Der Schwan schwebt in Menschenfigur vom Bühnenhimmel herab, ein bisschen schaut er aus wie ein Engel, und das mag den französischen Regisseur noch am ehesten interessiert haben: der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Christen- und Heidentum. Ortrud, die heidnische Zauberin, kommt in Giftgrün daher – Vorsicht, Schlange – und schwingt das Schwert heftig gegen das Kreuz. Das hätte in seiner Naivität und seinem romantischen Kitsch vielleicht bei Gounods “Margarete” Platz, aber Arlaud geht noch ein Schrittchen weiter: Im Finale erhebt sich Ortrud vom Boden und zupft grimmig ihr Grüngewand zurecht: Die Dame lässt vom Bösen nicht.

Diese Dame singt allerdings ganz hinreißend, sie ist so etwas wie der vokale Mittelpunkt der Bonner Aufführung: Julia Juon mit der kühlen Dämonie, mit der kalkulierten Leidenschaft in ihrer Stimme fordert die Aufmerksamkeit ein, die die Inszenierung nicht erreicht. Ihr Partner in der Intrige ist Oleg Bryjak (Telramund), der nach anfänglichen Engen im zweiten Akt durchaus Format bekommt.

Ungleich engelhafter, aber von nicht minderer vokaler Präsenz gibt sich die (Bayreuth-erfahrene) Elsa der Eva Johansson, in schöner Abstufung der lyrischen und dramatischen Momente. Ähnliches gilt für den Lohengrin des Alfons Eberz: Es überrascht, mit welcher Stilsicherheit sich dieser eher schwere Heldentenor dem lyrischen Fach genähert hat; er singt gleichwohl einen zupackenden Lohengrin mit einem winzigen Hauch von Süße.

Mit Generalmusikdirektor Marc Soustrot soll es kurz vor der Premiere Auseinandersetzungen um diese Lohengrin-Wahl gegeben haben. Eberz hat sich auf der Bühne beeindruckend zur Wehr gesetzt. Soustrot selbst führt das Orchester der Beethovenhalle zu wahren Wagner-Aufschwüngen, das Vorspiel gerät in seiner Unstofflichkeit geradezu beglückend. Allenfalls die Neigung zu extrem langsamen Tempi, zum Auskosten aller schönen Stellen geht gelegentlich auf Kosten der genauen Übereinstimmung von Chor und Orchester.

Und da bleibt noch ein kleines Rätsel: Den Heerrufer – markant: Gerd Grochowski – macht Arlaud zu irgendeinem mephistophelischen Maître de Plaisir, der ein bisschen gelangweilt auf der Bühne herumlungert. Da geht es uns so wie König Heinrich (Hans-Georg Moser), der am Schluss ziemlich ratlos dem Geschehen zuschaut.

Ulrich Bumann | 26.11.2001

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Technical Specifications
192 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 283 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Philippe Arlaud (premiere)