Lohengrin

Leif Segerstam
Choeur du Grand Théâtre de Genève, Choeur du Orfeus de Sofia, Orchestre de la Suisse Romande
Date/Location
17 May 2008
Grand Théâtre Genève
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Heinrich der VoglerGeorg Zeppenfeld
LohengrinChristopher Ventris
Elsa von BrabantSoile Isokoski
Friedrich von TelramudJukka Rasilainen
OrtrudPetra Lang
Der Heerrufer des KönigsDetlef Roth
Vier brabantische EdleBisser Terziyski
Wolfgang Barta
Phillip Casperd
Nicolas Carré
Gallery
Reviews
Neue Zürcher Zeitung

Der Schwan als Wappentier

Am letzten Wochenende war Genf eine Wagner-Stadt. Der Internationale Richard-Wagner-Verband hatte die Rhone-Stadt als Ort für seinen Jahreskongress gewählt und die vom Grand Théâtre termingerecht angesetzte «Lohengrin»-Premiere in sein Programm aufgenommen. So betrat man das Haus durch ein Ehrenspalier, und das Publikum war noch internationaler, als man es hier gewohnt ist. Der Herr, der zu Beginn vor den Vorhang trat, sprach allerdings nicht etwa zur Begrüssung der versammelten Wagner-Gemeinde, sondern rief zur Unterzeichnung einer Petition zugunsten des Musikunterrichts in den Genfer Schulen auf. Wie dieser Auftritt wirkte dann auch die Aufführung selbst – eine Koproduktion mit der Houston Grand Opera – etwas provinziell.

Das eigentliche Aushängeschild war einmal mehr der von Ching-Lien Wu geleitete Chor, verstärkt durch den Orpheus-Chor aus Sofia. Das Orchestre de la Suisse Romande dagegen erreichte unter der Leitung von Leif Segerstam – er ersetzte den ursprünglich vorgesehenen Klaus Weise – nicht seine gewohnte Transparenz und Homogenität, vielleicht eine Folge von Segerstams gedehnten, wenig strukturierten Tempi. Und wenn die Genfer Oper bekannt ist für die Ästhetik ihrer Ausstattungen, so kann die Neuinszenierung von «Lohengrin» auch in dieser Hinsicht nicht als repräsentativ gelten. Die Kostüme und Perücken, die der Ausstatter Robert Innes Hopkins Elsa und Ortrud verpasst hat, sind von seltener Hässlichkeit. (Die Männer werden insofern bevorzugt, als sie mehrheitlich kleidsame Uniformen tragen.)

Hässlich ist auch der Bühnenraum, doch das hat Methode. Der Regisseur Daniel Slater siedelt die Handlung in einem sowjetischen Satellitenstaat der 1950er oder 1960er Jahre an, wo ein Volksaufstand im Gang ist und König Heinrich (der stimmlich uneinheitliche Georg Zeppenfeld in Generalsuniform) zum Rechten sehen muss. Das tut er in einem als Parteizentrale kenntlich gemachten Raum von faschistoider Architektur. Als Stütze des Regimes bietet sich Telramund an, also gilt es Elsa zu eliminieren, wofür das Verschwinden ihres kleinen Bruders den Vorwand liefert. Doch die Beschuldigte ruft mit ihrem von Slater als Vision gedeuteten Gebet Lohengrin herbei, der nun zum Heilsbringer wird.

Slater verfolgt die politische Linie indessen nicht konsequent weiter. Nachdem er den langen Brautzug durch eine Tanzszene mit kreisenden Paaren ersetzt hat, zeigt er im isoliert in den Raum gestellten Brautgemach das Scheitern der Liebesbeziehung von Lohengrin und Elsa als privaten Konflikt. Dass Ortrud am Schluss über Telramunds Leiche erschlagen wird, erinnert zwar nochmals an den Machtkampf, dann aber erscheint, ganz traditionsgemäss, aus der Tiefe der Hinterbühne der kleine Gottfried mit einem riesigen Schwert. Auf die Taube dagegen wartet man vergeblich, und der Schwan ist zum Wappentier über dem linken Portal versteinert. So zerfällt Slaters «Lohengrin»-Interpretation in einen politischen und einen psychologischen Strang, wobei sowohl die Bewegung der Massen wie die Personenregie summarisch bleiben.

Den spezifischen Lohengrin-Silberglanz verströmt einzig Christopher Ventris’ geschmeidiger, bruchlos aus satter Mittellage aufsteigender Tenor. Soile Isokoskis sehr lyrische Elsa steigert sich zwar über die drei Akte hinweg, wirkt als Figur jedoch blass. Fulminant dagegen Petra Langs Ortrud. Ihr strahlkräftiger Mezzosopran balanciert Wohlklang und Expressivität optimal aus. Man hätte ihr einen adäquateren Telramund gewünscht als den forcierenden, dröhnenden Jukka Rasilainen.

Marianne Zelger-Vogt | 5.5.2008

Der Standard

Kein Schwan, aber Murmeltierbraten

In Genf trafen sich Wagnerianer aus allen Landen zu “Lohengrin” und allerlei mehr Als Wagnerianer hat man es dieser Tage nicht leicht. Regietheatrale Taugenichtse benutzen die Werke des heiligen Tonsetzers zum fröhlichen Ausschlachten, adäquate Sänger gibt es eh kaum mehr, und nur oft genug brettern hochgepuschte Dirigenten. Lautstärke-orientiert durch die Partituren. Das Grand Théâtre de Genève machte da in den letzten Jahren eine Ausnahme, es gab viel Wagner auf hohem Niveau plus zurückhaltende Regie. Beim neuen Lohengrin hatten konservative und progressivere Wagnermaniacs zu Recht einiges zu meckern, realisierte doch der Brite Daniel Slater das Stück im strengen Militärlook – wobei sich Braunhemden mit Fantasieabzeichenuniformen munter abwechselten. Das hatten wir schon.

Immerhin schafft Slater immer wieder Atmosphäre und kann vor allem das Frauenduo wirkungsvoll in Szene setzen. Wenn sich die Feindinnen Ortrud (phänomenal: Petra Lang) und Elsa (eindimensional: Soile Isokoski) begegnen, entsteht ein wahrer Sog düsterer Emotionen. Die militaristischen Herren wirken ob des Marschierens und Stechschreitens dagegen eher albern. Auch Lohengrin (ordentlich: Christopher Ventris) stolpert recht verloren durch die Gegend, selbige ist übrigens eine zerstörte Bibliothek – was wohl unmittelbar zur politisch korrekten und etwas plakativen Deutung “Soldateska zerstört Kultur und Geistesleben” führen muss. Apropos Schwan: Den gibt es bei Slater nicht, obgleich der Genfer See nur einen Steinwurf entfernt liegt. Statt des Schwans und einer überzeugenden Regie bot immerhin das Orchester unter Leif Segerstam einen fulminanten Hörgenuss ohne Übersteuerungen. Während der Pausen hörte man entnervte Kommentare auf Französisch, Englisch, Deutsch sowie Oberfränkisch. Denn rund um die Lohengrin-Premiere fand der Internationale Richard-Wagner-Kongress statt, und hierfür reiste auch halb Bayreuth an. Die geplante Nachfolgeregelung wurde reichlich, jedoch mit der Bitte um absolute Diskretion kommentiert. Offen und deutlich freute sich indes der Pariser Wagner-Verband, hier ist Eva Wagner-Pasquier Ehrenpräsidentin …

Die Hirtenweise

Der Chef der Genfer Wagnerianer, Georges Schürch, hielt sich bedeckt und reflektierte lieber in einem sehr ausführlichen Vortrag über den Einfluss der hohen Schweizer Berge auf den großen Komponisten. Schürch schürfte tief in Wagners autobiografischen Schriften und fand eine riesige Anzahl konkreter Stellen: Wagner kommt die Idee zur Hirtenweise im “Tristan” morgens auf einer Berghütte, ein erklettertes Gebirgsmassiv wird stracks zum Walkürefelsen, nach langen Wanderungen imaginiert Wagner den Tod von Tristan und Isolde in einem Luzerner Luxushotel – mit dem Hotelchef persönlich als Sterbebegleiter. Genie und Selbstironie liegen offenkundig zuweilen ganz nah beieinander. Ganz enthusiastisch bemerkte Wagner an anderer Stelle dann noch die Vorzüge eines guten Murmeltierbratens – na ja, wenn es denn unbedingt sein muss(te) …

Neue Trilogie kommt

Der Wagner-Kongress ist mittlerweile weitergezogen, aber die Genfer Oper plant in der kommenden Saison Großes – jenseits des Meisters. Frankreichs Regisseur Olivier Py wird im Herbst gleich drei Opern am Stück in Szene setzen: Die “teuflische Trilogie” besteht aus Hoffmanns Erzählungen, La damnation de Faust und dem Freischütz. Man darf gespannt sein. Den auch nicht gerade zahmen Rake’s Progress setzte er in Paris unlängst recht belanglos in den Sand. Vielleicht sollte er sich von der Bergwelt rund um Genf inspirieren lassen. Manchmal entstehen aus solchen Begegnungen ja durchaus große Dinge

Jörn Florian Fuchs | 20.05.2008

Financial Times

I blame the guard of honour formed by Geneva’s Grenadier Society outside the Grand Théâtre. It was there to mark the first time the International Wagner Congress had met in Switzerland but perhaps it raised expectations of conventional pageantry.

Were these delegates really behind the aggressive, wholly unjustified booing that greeted Daniel Slater, the producer, at curtain call? Either that or sterling efforts by Geneva’s intendant Jean-Marie Blanchard to promote theatrically valid stagings have failed to convince the home audience.

Slater’s solid approach might have passed for radically provocative 15 years ago, but no longer. In fact, it strongly recalls Robert Carsen’s much-revived version for the Paris Opera, but there is no swan and Lohengrin is a muddied traveller, not a knight in shining armour. Otherwise, the setting is the same mid-20th-century military regime in the aftermath of internal strife. The population is war-weary, shabby and desperate to subscribe unquestioningly to the hopes a Messiah such as Lohengrin can offer.

Robert Innes Hopkins’ excellent set – a vast, pillaged library with sooty walls – could easily have come off Anna Viebrock’s drawing board. The atmosphere is clearly east of the Iron Curtain.

Pulling off a merger of Carsen and Viebrock is an achievement of sorts but it doesn’t earn medals for total originality. Yet within this derivative shell, Slater’s stage craft is admirable. Like Carsen, he is adept at moving the chorus around, thereby avoiding the oratorio drift of so many Lohengrin stagings. But he also tightens the dramatic screws of the myth: Elsa’s nervous appearance before the King is amplified by Ortrud, power-dressed in a forbidding turquoise tailleur, sitting erect at a library desk and smugly enjoying the awkward silences; Lohengrin’s surprise entry is a genuine coup de théâtre; and though the post-nuptial waltzing during the Act III Prelude jars with common time, it provides a vital breathing space of exuberance before the union founders on mutual misunderstanding.

Aided by Simon Mills’ sophisticated lighting – stark neon but also crepuscular mystery – Slater turns on the visual poetry. The one detail that needs to be jettisoned is Friedrich’s copious, grand guignol haemorrhaging after Lohengrin turns the knife on him. It set off audience tittering and spoiled a superbly structured scene.

Jukka Rasilainen’s Friedrich is the only weak link in the cast. He conveys spineless villainy well enough but tends to shout. Petra Lang’s Ortrud doesn’t always hit notes dead centre but she is spellbinding as the conniving spouse from hell, regal in deportment and incisive in gesture. Christopher Ventris (pictured above) is a handsome Lohengrin, a tuneful but increasingly muscular tenor voice that has just enough hurt vulnerability to make us wince at his cruel indictment of poor Elsa’s needling curiosity.

The biggest treat, however, is Soile Isokoski’s shimmeringly beautiful singing. She may be a trifle mature for Elsa but her creamy, ethereal soprano is simply peerless in this role. When he took a curtain bow, conductor Leif Segerstam, last heard in Geneva in 1975, looked thrilled and well he might. His rounded, supremely musical account had the Suisse Romande orchestra playing to the best of its abilities.

Francis Carlin | May 8, 2008

ConcertoNet.com

Il serait difficile, pour Lohengrin, de réunir plateau plus homogène. Christopher Ventris, plus à l’aise que dans Parsifal, a l’exacte voix du rôle – on passera sur le vibrato serré -, avec du velours et du métal. Une émission haute, toujours aisée, lui permet en particulier d’assumer sans gêne l’arrivée et le départ du héros, dangereusement situés dans le passage, et de chanter sa partie avec les nuances indiquées sur la partition. Le duo nuptial réserve ainsi de superbes moments où le chanteur a des phrasés de Liedersänger. Il trouve en Soile Isokoski une Elsa digne de lui : la chanteuse finlandaise joue admirablement des couleurs de sa voix, à la fois ronde et fruitée, selon les moments, ne chantant pas le rêve comme « Euch Lüften » ou la scène de la chambre. Sans mièvrerie, sans hystérie, elle aspire seulement à la lumière du bonheur. Face à elle, l’Ortrud de Petra Lang a la froide détermination de Lady Macbeth, ni mégère ni sorcière, subtilement venimeuse, d’autant plus terrible qu’elle contrôle parfaitement une voix qui ne crie jamais et des registres impeccablement soudés. Autre Finlandais, Jukka Rasilainen, s’il est moins raffiné que sa diabolique épouse et ne rend pas toujours la noblesse déchue du personnage, chante Frédéric là où beaucoup se contentent, pour paraître plus noirs, de vociférer un emploi à la tessiture meurtrière, constamment éclatée il est vrai – c’est l’un des rôles wagnériens les plus difficiles et les plus sacrifiés. Aux côtés du roi Henri de Georg Zeppenfeld, noble de voix et de style, le Héraut de Detlef Roth a belle allure, ne sacrifiant pas le chant à une déclamation péremptoire. La qualité de l’ensemble doit aussi beaucoup à la direction de Leif Segerstam, qui remplace Klaus Weise initialement prévu. Est-ce la présence de Marek Janowski à la tête de l’Orchestre de la Suisse romande ? Le chef finlandais obtient une très belle pâte sonore, avec des timbres à la fois clairs et fondus – on a rarement trouvé du côté des cordes genevoises des sonorités aussi veloutées, qui font merveille dans le Prélude. Il préserve surtout l’équilibre entre les pupitres, les cuivres n’étouffant jamais le reste de l’orchestre – le Prélude du troisième acte, à cet égard, est exemplaire. Cela dit, cette direction s’avère parfois plus symphonique que théâtrale : la fin du premier acte, par exemple, semble un peu en deçà de l’explosion jubilatoire que l’on attend.

Daniel Slater, en revanche, a raté sa production. Bibliothèque mise à sac, procès truqué : on met de l’ordre dans un pays frère en proie à la guerre civile. Rien ne manque à cette dictature stalinienne – mais certains uniformes peuvent aussi bien rappeler l’Espagne franquiste que les régimes sud-américains d’hier. Le Héraut a des airs de chef de la police. Le frère d’Elsa ressuscité apparaît à la fin en uniforme, de quoi rassurer les militaires. On ne reprochera pas au metteur en scène d’avoir opté pour une lecture politique, même si celle-ci, au demeurant fort peu appréciée du public de la première, sent le déjà vu, mais de ne pas l’avoir inscrite dans une vision cohérente. Si Robert Carsen avait pris un parti voisin, il avait montré, fidèle à Wagner, l’incommensurable fossé séparant ce monde de celui de Lohengrin, ce qui expliquait aussi l’échec du couple. Ici, le réalisme contamine tout, quoique l’épée du Chevalier, lors du duel, ressemble à Excalibur : le duo nuptial se mue en un face-à-face bourgeoisement emprunté de deux malheureux un peu niais alors qu’on prétend nous montrer deux êtres qui, à cause de leur inexpérience, ne peuvent conduire à son terme « une expérience initiatique ». Du coup se posait également le problème du cygne : rien ne le remplace, l’anti-héros attend, au fond, assis à une table, vêtu d’un manteau de cuir bien peu reluisant. L’œuvre, elle, perd décidément de son mystère, de sa poésie et de son sens, victime d’une lecture éclatée et sans relief, pas indigne non plus, ainsi que d’une direction d’acteurs superficielle : les chanteurs se cantonnent dans des gestes très convenus, le chœur – vaillant mais parfois un peu dépassé – semble livré à lui-même.

Didier van Moere | Geneva Grand Théâtre 05/02/2008

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Media Type/Label
Premiere, PO
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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 479 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast
A production by Daniel Slater