Lohengrin

Stefan Solyom
Chor und Orchester des Deutschen Nationaltheaters Weimar
Date/Location
7 September 2013
Deutsches Nationaltheater Weimar
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Heinrich der VoglerDaeyoung Kim
LohengrinHeiko Börner
Elsa von BrabantJohanni van Oostrum
Friedrich von TelramudBjörn Waag
OrtrudAndrea Baker
Der Heerrufer des KönigsUwe Schenker-Primus
Vier brabantische Edle?
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Die deutsche Bühne

Das do-it-yourself-Wunder

Sie warten; sitzen, kauern, lungern herum, wirken gelangweilt, lethargisch. „Wir warten auf das große Wunder“ verkündet ein neonblau leuchtender Schriftzug an der Rückwand des kahlen Holzkastens, den der Ausstatter Rainer Sellmaier für Tobias Kratzers „Lohengrin“-Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar gebaut hat. In der Tat: Sie werden am Ende ihr blaues Wunder erleben, wie sie es sich so wohl kaum haben träumen lassen. Doch nun, während der Ouvertüre, ist die Wundersehnsucht noch ungetrübt, und der Tatendrang erwacht. Erst einer, dann zwei, drei erheben sich, weil sie ahnen, dass man auf Wunder, um die an sich nicht selbst kümmert, ewig warten wird. Und wirklich: In den Kisten am Rand der Wände finden sich alte Kostümteile und Requisiten, die denen der Uraufführung ähneln (was hier, am Ort der Uraufführung, eine hübsche Pointe ist); es findet sich darin auch ein Foliant, womöglich eine alte Partitur des „Lohengrin“; und es findet sich auch einer, der die Sache dann mal in die Hand nimmt und einzelne Mitglieder der wartenden Gesellschaft zu den im Folianten verzeichneten Rollen aufruft: der Heerrufer – er ist hier der Castingdirektor und bald auch der Regisseur.

So etwas hat man natürlich schon häufiger gesehen, auch bei Wagner. Und hat immer wieder erlebt, dass so eine „Theater-auf-dem-Theater“-Regie zwar anfangs einen interessanten Verfremdungsrahmen erzeugt, sich aber irgendwann totläuft, weil die doppelte Optik dem Stück die unmittelbare Dringlichkeit nimmt und sich in unauflösbaren Inkonsequenzen verheddert. Letzteres widerfährt auch Tobias Kratzer. Der Schaden hält sich hier aber in Grenzen, weil Kratzer mit seinem doppelten Rahmen erkennbar ironisch spielt. Es geht ihm offenbar gar nicht darum, ein Konzept auf Biegen und Brechen durchzuziehen, sondern vielmehr um den Assoziationsreichtum, der dadurch entsteht, dass jede Geste, jede Aktion, jede Textstelle immer zwei Bedeutungsdimensionen hat: die direkte der „Lohengrin“-Handlung; und die indirekte jenes Kollektivs, das diese Handlung aufführt. Mit dieser Doppeldeutigkeit geht Kratzer bestechend intelligent und oft ausgesprochen witzig um.

Das fängt schon mit der Grundsituation an: Dass hier eine Gesellschaft das Wunder , das sie aus ihrer Lethargie und Depraviertheit erlöst, durch ein Theaterereignis selber stiftet, entspricht exakt Wagners Kunstphilosophie, die im „Lohengrin“ und in den „Meistersingern“ besonders klar Gestalt annimmt. Der Schwanenritter, der sich jeder ständischen Legitimation verweigert („Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam’ und Art!“), ist quasi das Kunstwerk auf zwei Beinen, die Bühnenfigur gewordene ästhetische Utopie. Folglich ist die Zerstörung des ästhetischen Scheins zugleich die Zerstörung der verheißenen Erlösung, und das macht Kratzer so konkret wie konsequent deutlich. Als erste sabotieren Telramund (schon beim Gotteskampf) und Ortrud dieses Kunstwerk, indem sie geradezu mit triumphierendem Hohn aus ihren Rollen aussteigen. Dann ist es Elsas fatale Frage, die Lohengrins ästhetische Aura bedroht.

Als sie diese Frage wirklich stellt, ist der Ritter entzaubert, und Kratzer kann den Anschlag der Mordbuben im ehelichen Schlafzimmer glatt weginszenieren. Denn erstens hat Telramund seine Rolle ja längst abgeworfen und veräppelt nun (und bis zum Schluss!) als „reale“ Figur das Verklärungstheater der Übrigen nach Strich und Faden. Und zweitens hat Elsa auch Lohengrin seiner „Rolle“ beraubt; wer also sollte da wohl wen noch erschlagen? Das alles aber ist nicht nur hochintelligent. Es ist als Theatererlebnis auch ausgesprochen spannend und amüsant, weil Kratzer ein brillanter Personenregisseur ist, der die beiden Ebenen eloquent bedient und sich keine Gelegenheit entgehen lässt, etwa die Eifersüchteleien der wahren und verhinderten Heldendarsteller, die Divergenzen zwischen deren realem und fiktivem Status oder die allzu kitschigen Verzückungsbemühungen des Chores quietschkomisch zu kommentieren.

Nur ganz am Schluss verheddert sich der Regisseur mit seinem Do-it-youself-Wunder heillos. Nach der von Kratzer gesetzten Logik müsste Lohengrin mit dem Verlust seines ästhetischen Zaubers ja wieder zum wenig bezaubernden Alltagsmenschen werden. Dass hinter diesem Alltagsmenschen dann aber quasi als Inkognito dritter Ordnung die ästhetische Supermacht des Gralsrittertums stecken soll, kann oder will Kratzer nicht beglaubigen. Damit aber verfehlt der den Fluchtpunkt der gesamten „Lohengrin“-Handlung. Da lässt er zwar bei der Gralserzählung die riesige Holzsilhouette eines Baumes herniederfahren, deren grün schimmerndes Projektions-Blätterdach offenbar als Anspielung auf die Facettenstruktur im Zuschauerraum des Nationaltheaters gedacht ist. Lohengrin also als verhinderter Weimarer Theaterdirektor? Das trägt, wenn es denn so gemeint sein sollte, weder als ironische Anspielung noch als Schluss des „Lohengrin“.

In der wirklichen Welt hat gerade Hasko Weber die Theaterdirektion in Weimar übernommen (mehr zu seiner Eröffnung mit „Faust“ hier), Hans-Georg Wegner als sein Operndirektor hatte den Mut, Tobias Kratzer die erste Musiktheater-Produktion anzuvertrauen. Er kann trotz aller Einwände stolz sein auf seinen jungen Regisseur, der ihm einen spannenden, gedankenreichen und unterhaltsamen Abend beschert hat, den das Publikum überwiegend mit Beifall bedachte. Ansonsten orientierte sich der Applaus offenbar an der Phonstärke der Sänger, was ein zwar evidentes, aber darum noch kein künstlerisches Kriterium ist. Andrea Baker als Ortrud und Bjørn Waag als Telramund entfalteten neben der enormen vokalen Durchschlagskraft zwar eine fesselnde Bühnenpräsenz. Aber da Wagners Musik nun mal keine Kraftsportveranstaltung ist, gebührt der Preis der eindrucksvollsten künstlerischen Leistung Johanni van Oostrums leuchtend klarer, einfühlsam phrasierter, ausdrucksvoll gestalteter, auch schauspielerisch enorm starker Elsa. Heiko Börners Lohengrin war zwar durch sein belegtes Timbre und eine mühsame Höhe beeinträchtigt, gestalterisch-interpretatorisch war aber auch seine vokale Leistung durchaus beachtlich. Uwe Schenker-Primus war ein ebenso machtvoller wie spielfreudiger Heerrufer-Regisseur, Daeyoung Kim ein anfangs etwas hohl orgelnder, später sehr charaktervoller König. Erwähnenswert auch die erstaunliche Bühnenpräsenz des kleinen Salim Bouslamti als Schwan und Gottfried.

Vor allem aber: ein nachdrückliches Lob für den Chor; Markus Oppeneiger und Fabian Wöhrle haben aus dem eigentlichen Opernchor, dem Philharmonischen Chor Weimar, dem privaten coruso Opernchor e. V. und dem Kammerchor der Hochschule Franz Liszt ein homogenes und auch schauspielerisch starkes Ganzes gebildet, das von Stefan Solyom, dem GMD des Hauses, vorzüglich koordiniert wurde. Eben die klare dynamische und zeitliche Strukturierung war die große Stärke seines Dirigats, die die großen Ensembles und auch viele kammermusikalisch transparente Orchestersätze zu Höhepunkten der Aufführung werden ließ. Allerdings klang da manches in seiner akkuraten Sauberkeit eher clean als verklärt, und manches Forte (nicht nur der Sänger) polterte arg derb.

Doch auch hier gilt bei allen Einwänden: Dieser „Lohengrin“ war ein eindrucksvoller Opernauftakt des neuen Leitungsteams, der in Kostümen und Requisiten sinnreiche Anspielungen auf den Ort der Uraufführung parat hatte und diesem Ehre machte.

Detlef Brandenburg | 08.09.2013

der-neue-merker.eu

LOHENGRIN – „wir warten auf das große Wunder“

„Wir warten auf das große Wunder In grellen Neonbuchstaben steht dieser Satz auf der Bühne und brennt sich in die Netzhaut. Davor lungern in einem Holzverschlag, Rainer Sellmaier zeichnet für die Ausstattung verantwortlich, Chor und Solisten auf Holzkisten herum und warten auf den Einsatz. Ein Junge sitzt auf einem Dreirad, und da wir alle wissen, dass wir im Lohengrin sind, wird es wohl der verschwundene Elsabruder sein. Eben dieser Junge öffnet eine Kiste, findet darin ein Schwert und ein Buch, beginnt darin zu lesen, bis er es von einem Erwachsenen abgenommen bekommt, der ihm daraus vorliest. In der Kiste sind auch altertümliche Kostüme und Uwe Schenker-Primus verwandelt sich in den Heerrufer. Er verteilt weiterhin die Kostüme und nach und nach haben sich alle Solisten in die Figuren der romantischen Oper verwandelt. Das war‘s aber dann auch mit Romantik.

Wenn man die Partitur nicht liest…

Tobias Kratzer versucht es mit der altbewährten Methode des Spiels im Spiel, aber hier geht es nicht auf. Zwar versucht er immer wieder Situationen zu brechen, zu banalisieren, das Werk und seine Darstellung der Lächerlichkeit preiszugeben, es bleibt doch dieselbe Geschichte, die wir zu gut kennen. Sein Versuch herauszuarbeiten, das das „Volk“ einen Helden braucht, sich diesen Helden aus sich selbst schafft und dann mit diesem Helden nicht zurechtkommt, da sich der Held als zu sperrig erweist, gelingt ihm nicht. Sein großer Held Lohengrin ist, genau wie seine Elsa, einer von uns, willkürlich erwählt vom Spielleiter Heerrufer. Die Gegenspieler Telramund und Ortrud gehören nicht dazu, sie unterscheiden sich von Anfang an. Telramund im Businessanzug, Ortrud im Schneiderkostüm, ständig mit einem Kruzifix(?) herumspielend, eine Betschwester kurz vor der Verzückung.

Nun denn, so kann man es machen. Auftritt Lohengrin, jetzt sind sie alle gefordert, Der Sänger wird kostümiert und der kleine Junge bekommt ein paar räudige Flügel angesteckt und darf jetzt den Schwan geben, wer hätte das gedacht. Und dann kommt es endlich zu Gottesgericht, ach nein, es kommt nicht dazu, denn Telramund entledigt sich seines Kostüms und verlässt den Kampfplatz, sich lautstark als Sieger skandierend, desgleichen der Schwanenritter, der sich die kampflose Partie ebenfalls als Sieg anrechnet. Auch der zweite Aufzug bleibt voller Rätsel, Ortrud und Telramund beschließen die Herrschaft an sich zu reißen, werden dabei von dem kleinen Jungen belauscht, der daraufhin von den beiden ermordet wird, und den Rest des Aktes in einer der vielen Holzkisten verbringen darf. Man führt die Braut zum Münster, nein, zu einem Kreideviereck auf der Bretterwand, Ortrud sprengt die Trauung, Auftritt Telramund und hier zeigen sich wieder ganz deutlich die Schwächen der Regie, die Zauberei die Telramund gegen Lohengrin anbringt fand im ersten Akt nicht statt, dieser Lohengrin kam nicht auf der Brotsuppe daher geschwommen, kein Schwanentier zog hier einen Nachen auf die Bühne, Lohengrin war immer Teil des Ganzen.

…sollte man wenigstens das Libretto lesen

Gott sei Dank schwebt dann im dritten Aufzug die Brecht’sche Gardine ein, auf der in sauberer Schreibmaschinenschrift „Brautgemach“ steht, gut, dass wir es wissen, die Regie gibt nämlich eher den zweiten Akt der Fledermaus: „Ich seh, dass sich die Paare gefunden, dass manche Herzen in Liebe verbunden“ – zumindest wohnt der Chor in trauter Zweisamkeit der Brautnacht bei. Kein Wunder, dass Lohengrins Worte – Das süsse Lied verhallt, wir sind allein, zum erstenmal allein, seit wir uns sahn – zu kaum unterdrückten Gelächter im Zuschauerraum führte. Dann kommt die berühmte Frage und bei mir stellt sich die Frage „Was haben die beiden geraucht?“, denn kein Telramund mit seinem Kumpanen erstürmt das Brautzimmer und Lohengrin erschlägt auch niemanden, Telramund steht unbeteiligt am Bühnenrand und schaut zu. So kann auch kein Erschlagener vor den König getragen werden und so kann der gute Telramund auch weiterhin die Szene bevölkern.

Trotz allem verlangt Wagner jetzt, dass Lohengrin seine Identität preisgibt und danach wieder per Schwan nach Hause fährt. Tobias Kratzer gewährt und da einen kleinen Ausblick auf das Jüngste Gericht, quasi als Beweis für seine Identität wird die Leiche des Jungen aus der Kiste geholt und wir erleben die Auferstehung der Toten, ok, eines Toten.

Aber nicht nur der Knabe, auch der Stumpf der Gerichtseiche, der so poetisch am „Ufer der Schelde“ war, bekommt neues Leben, wenn auch nur durch eine Videoprojektion. Am Ende gehen alle nach hinten ab, der Schwan bleibt auf der Bühne und flattert mit den Flügeln.

Der krasse Gegensatz

Auf der musikalischen Seite sah es ganz anders aus. Der verstärkte Hauschor brillierte in reinem Wohlklang, Stefan Solyom führte das Orchester sicher durch die Partitur, unaufgeregt, stets den Stimmen dienend, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Satte Streicherklänge und wohlklingendes Holz bereiteten einen weichen Teppich für die Sänger. Heiko Börner, der die Titelpartie sang, teilte sich seine Kraft gut ein, um in der Graserzählung zu glänzen kochte er die ersten beiden Akte scheinbar auf halber Flamme und fiel gegen die beiden Baritöne des Hauses ab. Uwe Schenker-Primus, ein kerniger Heerrufer, voller Kraft sang seine Partie voller Souveränität. Bjørn Waags Telramund war eher von hellerer feingliedriger Stimmführung, die der Rollengestaltung durchaus zuträglich war. Daeyoung Kims Bass war mir persönlich zu verhalten, zu sanft für den König. Johanni von Ostrums Elsa überzeugte über weite Strecken durch schönen, warmen Klang, der durchaus jungmädchenhafte Töne zuließ. Es wird der Premiere geschuldet sein, dass sie die Kraft im dritten Akt etwas verließ. Andrea Baker überzeugte mit ihrer Ortrudinterpretation am meisten. Exzessiv, aber bei fast erschreckend deutlicher Diktion, steigert sie ihren Mezzo auch in schwierige Lagen und meistert sie.

Das große Wunder kam nicht

Der Versuch, das Werk aus sich selbst zu erklären, den Wunsch nach einer Führungspersönlichkeit zu gestalten und dann das Scheitern eben dieses Idols zu erklären gelang Kratzer nicht. Weder er, noch sein Ausstatter Sellmaier konnten erklären, warum auf das große Wunder gewartet wird, warum die gefällte Gerichtseiche am Ende wieder ergrünt. Sie blieben auch die Antwort auf die Frage des Wunders an sich, noch warum man ein Wunder in der heutigen Zeit braucht, schuldig. Bei einer eher schwachen Personenregie, helfen auch historisierende Kostüme nicht mehr weiter, das Wunder von Weimar ist eher im Orchester, dem Chor und den Solisten zu finden, die sich in dieser unausgegorenen Stückinterpretation wund spielen.

Alexander Hauer | Premierenbericht vom 7.9.2013

Thüringer Allgemeine

Inszenierung glänzt durch Spielfreude

Tobias Kratzers Inszenierung der Wagner-Oper am Weimarer Deutschen Nationaltheater schürft nicht tief, ist aber ein großes Vergnügen. Sie zeichnet sich vor allem durch Spielfreude aus.

Glückwunsch: Es ist ein Schwan! Und er fliegt! Zugegeben, den Schwung unter den Schwingen empfängt das Zaubertier auf der Weimarer Bühne nur kraft Fantasie; aber anders könnte es auch nicht sein. Denn davon handelt Tobias Kratzers “Lohengrin”-Inszenierung zum Spielzeitstart: wie die Fantasie Welten verwandeln kann. Und sei es nur auf Zeit.

Das ist, wenn man es pathetisch ausdrückt, eine Inszenierung über die Wunderkräfte des Theaters selbst, und sie ist gelungen. Auch deshalb, weil der junge Regisseur und sein Kostüm- und Bühnenbildner Rainer Sellmaier keine Last mit der elend alten Rittertümelei haben: Sie spielen damit – und lassen damit spielen.

Zu Beginn hängt das Volk der Brabanter, angeödet von sich und der Welt, auf der kahlen Bühne herum, des Neonschriftzugs “Wir warten auf das große Wunder” hätte es zur Verdeutlichung kaum bedurft. Was dann zum überirdischen Geigenflirren der Ouvertüre geschieht, ist kein Wunder: Jemand – es ist Klein-Gottfried (Salim Bouslamti), ein Kind, wer sonst – entdeckt eine Kiste mit Kostümen, Schwertern, einem Sagenbuch. Ein Erwachsener erinnert sich, greift das Spiel auf, wandelt sich vom Holzfällerhemdenträger zum Heerrufer im Wappenwams (glänzend: Uwe Schenker-Primus).

Am Ende des 1. Aktes sind die Brabanter keine Schar heutig-grauer Mäuse mehr, sondern Ritter, Helden, minnige Maiden, als wären Moritz von Schwinds Wartburg-Gemälde lebendig. Das Wunder vollzieht sich in den Köpfen: Plötzlich haben alle wieder Lust am Leben – im Spiel.

Das macht Spaß, auch dem Publikum, das schon nach dem 1. Akt jubelt und Bravos spendet. Tief schürfen lässt sich in einer Inszenierung, die allein um Spielfreude kreist, allerdings nicht. Den Finsterlingen fehlt der Abgrund: Ortrud und Telramund sind bloß Spielverderber. Nie geht es um Leben und Tod, stets geht es nur um die Illusion. Und ob Elsa das Recht hat, ihrem Gatten Lohengrin zuwiderzuhandeln und seinen Namen zu erfragen, das interessiert den Regisseur gleich gar nicht.

Das ist ein bisschen wenig – aber ein Vergnügen ist es doch. Denn die Inszenierung hat Charme, Witz und Ironie; die Personenregie, selbst im Chor, sprüht vor Ideen; und musikalisch macht dieser “Lohengrin” richtig Freude. Die Staatskapelle unter Stefan Solyom legt sich mit enormer Energie ins Zeug, das Blech überzieht genüsslich, wo der ironische Ton der Inszenierung dazu einlädt; aber wann immer nötig, nimmt sich das Orchester sehr sensibel zurück. Das tut der Textverständlichkeit gut, die von den Sängern mustergültig gepflegt wird.

Bjørn Waag spielt die Rolle des Zynikers Telramund hingebungsvoll und würzt seinen klaren Bariton mit angemessener Schärfe. Andrea Baker, zu Recht umjubelt, ist eine furiose Ortrud von gewaltigem Stimmvolumen. Heiko Börner tat sich bei der Premiere mit der Titelrolle nicht leicht; sein Tenor wirkte in den Höhen eng und überanstrengt, gewann aber an Ausdruckskraft. Schier wunderbar ist Johanni van Oostrum als Elsa mit ihrer leichtgängigen, selbst nach vier Opernstunden mühelos schönen Stimme, die das Lyrische so glaubhaft beherrscht wie das Abgleiten in finale Verzweiflung.

Am Ende landet der Schwan, wo er einst abhob: in der Realität. Aber: was für ein Flug!

Frauke Adrians | 09.09.13

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160 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 231 MByte (MP3)
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In-house recording
A production by Tobias Kratzer (premiere)