Lohengrin

Donald Runnicles
Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Date/Location
5 February 2017
Deutsche Oper Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Heinrich der VoglerSung Ha
LohengrinKlaus Florian Vogt
Elsa von BrabantManuela Uhl
Friedrich von TelramudJohn Lundgren
OrtrudElena Pankratova
Der Heerrufer des KönigsDong-Hwan Lee
Vier brabantische EdleRobert Watson
James Kryshak
John Carpenter
Stephen Barchi
Gallery
Reviews
konzertkritikopernkritikberlin.wordpress.com

Alles neu macht der allezeit populäre Lohengrin.

Denn im Vergleich zum Seiffert-Dasch-Lohengrin vom Dezember 2016 sind die Hauptrollen 2017 an der Deutschen Oper Berlin samt und sonders neu besetzt.

Ich beginne ausnahmsweise mit dem wolligweichen Bass Sung Ha. Der steht als König Heinrich steif wie ein Laternenpfahl auf der Bühne, klingt aber so wunderlich jung, dass kaum stört, dass seine hohe Lage leicht ist und seinem Vortrag die persönliche Note jenseits des 0815-Gestenrepertoirs für König Heinrichs fehlt. Aber das kommt schon noch. Sehr schön.

Als Lohengrin ist Klaus Florian Vogt längst nicht mehr der Schmalspurtenor mit Ministrantentimbre, als der er vor gut zehn Jahren Furore machte. Vogts fester, heller Tenorton hat ja jetzt das Standing für die repressiven Charakterzüge („Nie sollst du mich befragen“, 1. Akt, und besonders „Ihr hörtet alle, wie sie mir versprochen“, 3. Akt). Ein Ereignis ist, wie Vogt auf jegliches Portamento verzichtet. Das kann puristisch wirken, ja Legato- und mithin kunstfeindlich. Aber weil Klaus Florian Vogt auch die Laut- und Leisegrade variiert wie sonst nur die Soloklarinettisten der Berliner Philharmoniker, entsteht Wagnersingen von großer Genauigkeit und Ernsthaftigkeit. Allerdings: Seine allererste Aktion – „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!“ – quäkt Vogt in unerquicklicher Halbstimme.

Neben dem edlen Weißsilber, das Vogt in die edle Bornemann-Halle streut, hat es Manuela Uhl als Brabantermaid Elsa schwerer. Am schönsten klingt’s, wenn Uhl technisch unschwierig strömende Linien mit ihrem schwertönigen Sopran nachzieht, so das schwärmerische „Des Ritters will ich wahren“. Stichwort schwertönig: Uhls Sopran ist zähflüssig wie kühl gewordener Honig, aber voll dunklen Klangs. Die Kontrolle über diesen Klang scheint nicht ganz einfach, die Vollhöhe klingt unfrei, das Piano gerne flackrig verquollen. Frau Uhl legt während des gesamten Abends vermutlich nicht mehr als zehn Bühnenmeter zurück.

Der abgehärmte Telramund von John Lundgren verfügt über metallische Schallkraft, aber über wenig Farben. Als unglückliches Weichei, der von seiner Ehegemahlin in punkto Tatkraft locker in die Tasche gesteckt wird, ergeht’s ihm nicht besser als Wotan im zweiten Akt der Walküre bei Fricka. John Lundgrens Vortrag ist ziemlich straight auf Wagner’sche Dauererregung ausgelegt. Klasse Leistung, aber etwas mehr Entspannung, etwas mehr Kantabilität, John!

Die üppig perückte Elena Pankratova zeigt als Friesenzauberin Ortrud, was imposante Spitzen-A’s und -H’s sind, mit denen die Partie der Ortrud übrigens gespickt ist. Positiv ist das wohlig knisternde Feuer ihres Pracht-Soprans zu vermerken. Doch was mich schon an ihrer Bayreuth-Kundry störte, das höre ich auch heute, nämlich das Primat des Klangstroms über die wortverständliche Deklamation. Den Heerrufer singt Dong-Hwan Lee mit energisch vibrierendem Bariton.

Die Edelknaben, die sich putzig um Elsa kümmern, singen Andrea Schwarzbach, Cordula Messer, Saskia Meusel und Martina Metzler. Die blutbefleckten brabantischen Edlen, ein Security Service der unheimlichen Art, erfüllen John Carpenter, James Kryshak, Robert Watson und Stephen Barchi mit vokalem Leben.

Was Axel Kober im Advents-Lohengrin lieferte, war Übersicht und Schlankheit. Donald Runnicles wirft das alles über Bord. Sein Lohengrin stürmt voran wie ein junger Bulle. Die geteilten Geigen des Vorspiels klingen scharf, was sehr gut ist. Ansonsten fuhrwerkt Runnicles wie ein Bauer mit der Mistgabel im Lohengrin herum. Das ist nie geschmeidig, nie feinfühlig, nie lyrisch-erhitzt, immer aber voll hemdsärmeligen Schwungs, voll dramadrallen Krawalls. Ein Lohengrin, in dem ein Holländer-Sturm tobt. Ein wilder Rodeoritt, auch tempomäßig, ist das „In Früh’n versammelt uns der Ruf“ des Männerchors im zweiten Akt. Überhaupt haben die Aktionen des Chors eine fast brutale Richtungsenergie, die Runnicles mit vollendeter Kaltblütigkeit hinlegt. Das ist beeindruckend. Wieder sei’s geklagt: Holzbläsern beredtes Phrasieren zu entlocken, scheint in keinster Weise zu Runnicles‘ Prioritäten zu gehören.

Schlatz | 03 Feb 2017

klassik-begeistert.de

Ein ätherischer Lohengrin, der schwebt

Einen der Höhepunkte der Saison 2016/17 an der Deutschen Oper Berlin durften Klassik-Begeisterte in diesen Tagen verfolgen: Lohengrin, diese gigantische Oper Richard Wagners, in dessen Vorspiel der deutsche Literaturnobelpreisträger Thomas Mann („Buddenbrooks“) bildhaft das Wunder einer „blau-silbernen Schönheit“ erblickte.

Und ja, das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der feinfühligen musikalischen Leitung von Donald Runnicles arbeitete die kostbaren Feinheiten des am 28. August 1850 am Hoftheater Weimar uraufgeführten Meisterwerks – es dirigierte der Klaviervirtuose und Komponist Franz Liszt, der spätere Schwiegervater Richard Wagners – sehr filigran heraus.

In schimmerndem A-Dur enthüllten die Geigen die Welt des Grals, die Lohengrin wie einen Schein umhüllt. Crescendo und Decrescendo schafften eine Stimmung zauberischer Verklärung, die sich zu höchster Intensität verdichtete und den mystischen Hintergrund des Geschehens umschrieb.

Dieses Orchester spielte am Sonntagabend wie aus einem Guss. Jeder im Saal – außer jene Dutzend mit Bonbons und anderen Niedrigkeiten Beschäftigten – spürte, dass Mr. Runnicles und seiner Berliner Formation Wagner einfach liegt. Der Schotte hatte die Solisten und den – phantastischen Chor – gut in der Hand, die Tempi stimmten und die Klangwelt zwischen leisem Piano und Wagnerischer Forte-Wucht stimmte.

Der Musikkritiker Rolf Fath fasst hervorragend zusammen, was Runnicles und die Musiker wunderbar zelebrierten an diesem Abend: „Aus der romantisch-verklärten Atmosphäre (des Lohengrin-Motivs) entwickelt sich Elsas Traum-Erzählung, ihr Gesang auf dem Söller, Lohengrins Erscheinung, seine Ansprachen an den Schwan, die Brautgemach-Szene. Dagegen steht die Musik Ortruds und Telramunds, die zu Beginn des 2. Aufzugs in der düsteren Beschwörungsformel ‚Du wilde Seherin’ avancierteste Formen annimmt und auf die musikalische Sprache des ‚Rings’ verweist.“

Die Potsdamerin Agnita Breuer, eine charmante Dame aus der Schweiz, wie sie selbst sagt „reiferen Semesters“, brachte das Geschehen wunderbar auf den Punkt: „Ich fühle mich bei dieser Aufführung emotional hin- und hergerissen von der Musik und von der Kraft der Stimmen.“

Kommen wir, bei dieser einfachen, auf Sperenzchen verzichtenden Inszenierung mit historisierenden Kostümen zu den Sängern: Alles wurde überstrahlt durch den phantastischen, überragenden Tenor Klaus Florian Vogt als Lohengrin. Der 46-Jährige aus Heide in Holstein singt in der Form seines Lebens! Ihm nimmt man die Figur des Ritters Lohengrin voll ab. Kein Sänger auf dieser Welt kann diese Partie derzeit besser singen als der sympathische Vogt.

Der vierfache Vater singt den Lohengrin im höheren Register engelsgleich. Und er hat im Verlauf der letzten Jahre auch im tieferen Register nachlegen können. Herr Vogt, es verschlägt einem den Atem, wenn Sie, zum sicher hundertsten Male, „Im fernen Land“, singen, und der Zuhörer im Gefühl schwelgt, sie sängen dieses vollkommene Stück, in dem Lohengrin Herkunft und Namen nennt, zum ersten Mal.

Ihr zartes „alljährlich naht vom Himmel eine Taube“, die schwerste Stelle der Gralserzählung, macht Ihnen wirklich niemand nach. Und wie Sie „fühl ich zu Dir so süß mein Herz entbrennen“ in der Brautgemachszene zu Anfang des dritten Aufzuges hinhauchen – das ist ohne Worte. Die Steigerung danach zum Heldischen ebenso!

Wie Sie das Piano darbieten: mit einer Ruhe, Gestütztheit und Gelassenheit; wie Sie „Erhebe Dich, Elsa!“ hauchen, und mit welcher Strahlkraft Sie in den Höhen im Forte agieren, sucht seinesgleichen. Der Musikenthusiast Hans-Georg Mertens aus Minden, Nordrhein-Westfalen, maß Ihnen nach der Aufführung eine „schwebende, ätherische Stimme“ zu – und drückte schon die leise Befürchtung aus, diese Stimme könne jenes unverwechselbare Timbre verlieren, sollten Sie anfangen, Partien wie Wagners Tannhäuser zu singen.

Die Bravo-Rufe für Klaus Florian Vogt wollten kein Ende nehmen an diesem Abend – schon nach dem ersten und zweiten Aufzug und dann vollends nach der Aufführung. Da ist es vollkommen unverständlich, dass in der etwas übersättigten Musik-Stadt Berlin noch ein paar Plätze im Parkett leer blieben in der Deutschen Oper.

Liebe Berliner: Für so einen Weltklasseauftritt reisen viele Menschen wie Herr Mertens mit dem Zug durch ganz Deutschland – und zehntausende Wagner-Fans beneiden die Deutsche Oper Berlin und die Staatsoper Berlin für die guten Beziehungen zu Klaus Florian Vogt.

Geradezu rührend verhielt sich Klaus Florian Vogt nach der Aufführung. Am Künstlerausgang erfüllte er – wie immer – jeden Autogrammwunsch. Viele Frauen drängten sich um ihn – ja er ist ein „Womanizer“. Unvergesslich aber blieb, wie der Team-Player Vogt die schwer angezählte Sopranistin Manuela Uhl stützte: Die war von mindestens 50 Wagner-Liebhabern nach der Aufführung ausgebuht worden, hatte aber gleichzeitig auch Beifall bekommen.

Beim zweiten Vorhang kam die Uhl dann nicht auf die Bühne. Und was machte Klaus Florian Vogt? Er hakte sie ein und kam mit ihr gemeinsam auf die Bühne. Großer Applaus und Bravo-Rufe waren dem Bühnenpaar gewiss.

Die Leistung von Manuela Uhl war in der Tat schwankend an diesem Abend: Es gibt zweifelsohne viele Sopranistinnen, die die Elsa besser singen können. Aber Manuela Uhl hatte weite Phasen, da spielte sie die Gattin Lohengrins so unbekümmert naiv und sang mit großer Leidenschaft und Strahlkraft.

Und dann waren da wieder Phasen, da saßen sogar Töne nicht, da lag sie ein paar Mal einen halben Ton daneben oder sang den richtigen Ton von unten an. Manuela Uhl wird ab März an der Sächsischen Staatsoper in Dresden unter der Leitung von Tomas Netopil die Herzogin von Parma in der Oper Doktor Faust von Ferrucio Busoni singen. Dann kann sie vor allem ihr größtes Manko ausbügeln: Wagner klar und deutlich auf Deutsch zu singen.

Ganz großartig an diesem Abend sang Elena Pankratova als Ortrud. Ja, so hört sich auf stimmlich höchstem Niveau ein „Falscher Fuffziger“ an. Herrlich! Zum Erschaudern schön. Dafür gab es zurecht den zweitmeisten Applaus an diesem Abend. Die Bühnenpräsenz, das Verschlagene, das Teuflische: Formidabel, Frau Pankratova! Die Höhe umwerfend klar, die Tiefe berauschend düster. „So eine bösartige Ortrud habe ich zuletzt 1963 mit Astrid Varnay in der Inszenierung von Wieland Wagner an der Deutschen Oper Berlin gehört“, sagte der Klassik-Begeisterte Hans-Georg Mertens.

Einen sehr guten Abend legte auch der hinterhältige Friedrich von Telramund, gesungen von John Lundgren, hin. Klar und heldisch in der Höhe, profund in der Tiefe – Bravo!

Gut war der Ersatz des öfters absagenden Albert Pesenforfer als König Heinrich der Vogler: Sung Ha, Ensemblemitglied des Nationaltheaters Mannheim. Da sind die Berliner natürlich väterlichere, männlichere Könige im „Lohengrin“ gewohnt. Herr Ha muss als Bass noch reifen wie ein guter Rotwein. Ein sehr guter König singt und gibt sich royaler.

Einen nicht ganz so langen Reifungsprozess dürfte Dong-Hwan Lee, der den Heerrufer des Königs sang, noch vor sich haben. Eine sehr schöne, volle virile Stimme mit ganz viel Potenzial hat dieses Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin.

Ja, und dann der Chor und der Extra-Chor der Deutschen Oper Berlin, einstudiert von Raymon Hughes: Das war eine phantastische, frische, hingebungsvolle Stimm- und Spielleistung. Die Sänger trafen fast alle Spitzentöne; vor allem die Tenöre, darunter zwei besonders begabte, geben wirklich alles. Das macht Freude – behalten Sie ihres Sangesfreude, liebe Sängerinnen und Sänger.

Andreas Schmidt | 6. Feb. 2017

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 450 MByte (MP3)
Prelude to act 3 is missing.
Remarks
In-house recording
A production by Kasper Holten (2013)