Lohengrin

Christian Thielemann
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
26 July 2019
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live   studio
  live compilation   live and studio
Cast
Heinrich der Vogler Georg Zeppenfeld
Lohengrin Klaus Florian Vogt
Elsa von Brabant Camilla Nylund
Friedrich von Telramud Tomasz Konieczny
Ortrud Elena Pankratova
Der Heerrufer des Königs Egils Siliņš
Vier brabantische Edle Michael Gniffke
Tansel Akzeybek
Marek Reichert
Timo Riihonen
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Reviews
Hamburger Abendblatt

Klaus Florian Vogt brilliert im Bayreuther Lohengrin

Exzellente Besetzung begeisterte vor der Kulisse von Rosa Loy und Neo Rauch. Ein Ereignis war das Dirigat von Christian Thielemann.

Bayreuth. Der Bayreuther Lohengrin dürfte die bisher einzige Wagner-Oper sein, die auf dem Grünen Hügel in einem Gemälde gespielt wird. Auch im zweiten Jahr bezaubert die blaue Kulisse des Leipziger Maler-Ehepaares Rosa Loy und Neo Rauch das Festspielpublikum. Die Probleme mit der Personenführung bleiben hingegen bestehen, dadurch entstehen im zweiten Akt durchaus Längen.

Aber dieser Lohengrin ist vor allem ein Sängerfest, ein Triumph für den Tenor Klaus Florian Vogt und den Attendorner Bass Georg Zeppenfeld. Der Jubel will kein Ende nehmen; höchstens zwei oder drei Buhrufe für das Regieteam zeigen, dass kulinarische Inszenierungen ihren Platz im Publikumsherzen finden.

Eine Trafostation inmitten einer wildromantischen Landschaft verrät: Hier prallen zwei Systeme aufeinander. Die Einwohner Brabants sind Motten, sie werden gerade zwangsweise von König Heinrich und seinen Soldaten elektrifiziert, das erklärt die aggressive Stimmung. Neuzeit trifft auf Mittelalter, eine neue Führungsschicht, der Elsa angehört, verdrängt die eingesessene Elite mit Ortrud und Telramund. In diesem explosiven Gemisch landet Lohengrin mit seinem Elektroblitz wie ein Alien von den Sternen, ein Kosmonaut aus der Zukunft, der als Retter erscheint, in Wahrheit aber selbst erlösungsbedürftig ist. Denn er braucht dringend eine Frau.

Ein Sängerfest bei den Bayreuther Festspielen
Die nun folgende bekannte Intrige rund um das „Nie sollst Du mich befragen“ wird von Regisseur Yuval Sharon am Text entlang erzählt. Rosa Loy und Neo Rauch haben ihren gemalten Horizont so eng gestaltet, dass der herausragend gute Chor lediglich herumstehen kann, obwohl seine latente Gewaltbereitschaft die ganze Geschichte zum Tanz auf dem Pulverfass macht. Auch die Protagonisten werden als Tableaux in Historiengemälden aufgestellt.

Dafür entschädigt die exzellente und gut aufeinander abgestimmte Besetzung. Tomasz Koniecznys schwarzer Bassbariton zeichnet den Telramund als düsteren Schlagetot; die Vokalisierung des polnischen Sängers beeinträchtigt allerdings seine Textverständlichkeit sehr. Elena Pankratova ist als Ortrud an diesen brutalen, nicht sehr hellen Klotz gefesselt und manipuliert ihn mit wütendem Sopran, um ihre Rolle im System zurückzuerobern.

Georg Zeppenfeld singt den König Heinrich mit kostbaren lyrischen Akzenten und beweglichen tiefen Tönen. Camilla Nylund ist auf dem Grünen Hügel eigentlich die Eva in den Meistersingern. Als Einspringerin hat sie auch die Elsa für eine erkrankte Kollegin übernommen. Diese Elsa ist kein Opferlamm, die vom Erlöser zwangsbeglückt werden will. Während die Massen Lohengrin als Heilsbringer feiern, bleibt sie skeptisch. Camilla Nylund singt die Rolle mit ausgesprochen wandlungsfähigem Sopran als Prozess einer Emanzipation.

Thielemann entdeckt die abgründige Seite Lohengrins
Der Lohengrin in Bayreuth war für Klaus Florian Vogt das Sprungbrett zur Weltkarriere. Jetzt kehrt er für einige Vorstellungen zu dieser Paradepartie zurück und begeistert mit den Entwicklungen, die seine Rolleninterpretation genommen hat. Da steht silberner Schönklang neben dunkel eingefärbten Bögen, überraschende Pianostellen berühren in ihrer Eindringlichkeit, raumgreifend große Bögen überstrahlen natürlich und unangestrengt das Orchester.

Das eigentliche Ereignis ist jedoch Christian Thielemanns Dirigat. Der Musikdirektor der Festspiele entdeckt die dunkle, die abgründige Seite der Lohengrin-Partitur und stellt sie ebenbürtig neben die Gralsmusik. Da schnarrt die Bassklarinette und die Pauke pocht den Trauermarsch, das ist so spannend und psychologisch grundiert, dass man lernt: Dieser Lohengrin kann für die Beteiligten jederzeit zum Horrormärchen werden. Aber eines, das man willig erträgt, sobald man Thielemanns mit allerzartester Raffinesse zelebriertes, berauschend trauriges Lohengrin-Vorspiel gehört hat.

Am Ende öffnet sich der gemalte Rundhorizont zu einem gigantischen Stausee mit Kraftwerk. Die Motten sind verstrahlt, dafür ist aber Gottfried wieder da, Elsas verschollenes Bruder, ein Grashüpfer, der Farbe in die Bude bringt.

Monika Willer | 27. 07. 2019

Der Tagesspiegel

Energie und Zauberfeuer

Sage noch mal einer, Bayreuth sei nicht wandlungsfähig. Während das Medienecho auf Tobias Kratzers wildverrückte Regie beim neuen „Tannhäuser“ überwiegend positiv ausfällt („genialisch“, schreibt die „FAZ“, „intelligent und herzzerreißend“ die „New York Times“), stößt das Dirigat von Maestro Valery Gergiev unisono auf Kritik. Gewöhnlich ist es auf dem Hügel umgekehrt: Das Regietheater kommt schlecht weg, und die Musiker werden gefeiert.

Auch dass die Festspiele auf den Facebook-Post der Dragqueen Le Gateau Chocolat, die ihrem Erschrecken über das sie ausbuhende Publikum Ausdruck verlieh, mit einem offiziellen Tweet reagierte, hat Neuigkeitswert. „George, we love you, als Mensch und Künstler!“: Bayreuth twittert, cool und auch noch schnell. Willkommen in der Gegenwart.

Unsauberkeiten der Holzbläser
Wobei es irgendwie auch schade ist, wenn diese aus der Zeit gefallene Wagner-Weihestätte sich normalisiert. Wenn Yuval Sharons maue „Lohengrin“-Regie mit statuarisch-biederen Tableaus auch im zweiten Jahr nicht mit Buhs quittiert, sondern freundlich durchgewinkt wird.

Wenn Christian Thielemann die himmlischen Geigen im „Lohengrin“-Vorspiel zu erden versucht und der aphrodisisch-hypnotische Zauber ihm einmal nicht gelingen will, vor lauter kammermusikalischer Transparenz. Auch Musiker schwitzen: Vielleicht liegt es ja an den 34 Grad Außentemperatur, dass die Unsauberkeiten etwa der Holzbläser und asynchrone Einsätze sich häufen an diesem Abend.

Nichts gegen Thielemann. Klänge modellieren, den Chor mit seinen fast magischen A-cappella-Einsätzen (Einstudierung: Eberhard Friedrich) danach in Watte betten, die Elemente mit züngelnd auffahrenden Streichern und wütenden Trompeten über energischen Bässen entfesseln und überhaupt tolle Crescendi auffahren – all das macht Thielemann im akustisch vertrackten „mystischen Abgrund“ des schallbedeckelten Orchestergrabens derzeit keiner nach.

„Lohengrin“ im Jahr zwei wird jedoch vor allem ein Fest der Frauen. Die Regie propagiert das ja nur: dass die Männer ausgedient haben, Lohengrin mit seinem Pochen auf bedingungslosen Gehorsam in der Liebe genauso wie Telramund mit seiner Machtgier. Was alberne Banalitäten zur Folge hat, neben dem Luftduell der geflügelten Widersacher vor allem die wiederholte Fesselung der widerspenstigen Damen.

Neckische Blitze
Auch der Zusammenhang zwischen dem Regiekonzept nach dem Motto „Die Zukunft ist weiblich“ (Elsa und Ortrud sinken am Ende nicht tot zu Boden) und den die Inszenierung dominierenden gemalten Wolken-Prospekten von Neo Rauch und Rosa Loy erschließt sich erneut nicht. Ebenso wenig die Elektrifizierung von Trabant per Umspannwerk und sich wiederholt in neckischen Blitzen entladender Hochspannung.

2018 hatten Anja Harteros als Elsa und Waltraud Meier, die mit der Ortrud-Partie ihren Bayreuther Bühnen-Abschied gab, das Publikum nicht überzeugen können. Camilla Nylund und Elena Pankratova lösen diesmal Begeisterung aus, können sie das von der Regie so vordergründig Behauptete doch mit ihrem Gesang einlösen.

Camilla Nylund, die kurzfristig für Krassimira Stoyanova einsprang, ist eine verhaltene Elsa. Wobei die finnische Kammersängerin ihr fehlendes Volumen mit Ausdrucksintensität wettmacht. Die anderen poltern (allen voran Tomasz Konieczny als Telramund). Was für ein Kraftakt, mit leiser Stimme dagegenzuhalten. Die Frau, die zweifelt und daraus ihre Stärke gewinnt, die Tabus bricht und als Einzige zu fragen wagt: Nylunds feinsinniges Mezzoforte macht diese stille, zögerliche, letztlich unabwendbare Selbstbefreiung fast physisch nachvollziehbar.

Verführerisch giftender Gesang
Die Russin Pankratova – die Bayreuther Kundry von 2016 – verkörpert in gewisser Weise das Gegenteil. Mit souveränen Spitzentönen, bebender Wut und verführerisch vergiftetem Gesang wird sie zur veritablen Lady Macbeth. Das Duett von Elsa und Olga im 2. Akt zeigt die beiden auf Augenhöhe, mit zwei denkbar verschiedenen aber ebenbürtigen Arten weiblicher Selbstermächtigung.

Dabei gelingt es den Sängerinnen, ihre so unterschiedlichen Stimmen und Lautstärken wundersam in Einklang zu bringen. Kaum zu glauben, dass Yuval Sharon die beiden weitgehend sich selbst überlässt, noch dazu auf einer düster verschatteten Bühne. So kommt auch Klaus Florian Vogt nicht recht zum Zug. Der gefeierte Titelheld schon in Hans Neuenfels’ erst umkämpftem, dann kultigem letzten „Lohengrin“ in Bayreuth betört wieder mit glockenreinem Tenor und zeitlos jugendlicher Unschuld in der Stimme, durchsetzt sie jedoch mit dem schneidend autoritären Duktus des „Nie sollst du mich befragen“.

Und er sorgt bei seinem Outing als Parzifal-Sohn für den musikalischen Höhepunkt des Abends, mit einem atemstockenden Moment purer Schönheit, als die berühmte „Taube“ sich vom Himmel nähert. Aber warum darf dieser widersprüchliche Mann, der zwar aufrichtig liebt, aber alles falsch macht, nach seiner Landung im Schwanen-Ufo nur noch im Piloten-Blaumann auf der Bühne herumstehen, irgendwo, irgendwie?

CHRISTIANE PEITZ | 27.07.2019

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User Rating
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Media Type/Label
Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 518 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth festival
A production by Yuval Sharon (2018)