Parsifal

Claudio Abbado
Rundfunkchor Berlin
Tölzer Knabenchor
Berliner Philharmoniker
Date/Location
29 November 2001
Philharmonie Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
AmfortasAlbert Dohmen
TiturelHans Tschammer
GurnemanzKurt Moll
ParsifalRobert Gambill
KlingsorRichard Paul Fink
KundryLinda Watson
GralsritterFranz Supper
Markus Hollop
KnappenPhilip Mosch
Tom Amir
Christian Fliegner
Simon Schnorr
Gallery
Reviews
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Höllischer Karfreitag

Claudio Abbado dirigiert in Berlin einen konzertanten “Parsifal”

Zu den größten Geheimnissen der “Parsifal”-Musik zählt ihr paradoxer Umgang mit der Zeit: Was vier Stunden braucht, um sich zu entfalten, klingt im Idealfall doch, als sei es den chronometrischen Gesetzen der Dauer längst enthoben. Damit mag es – neben inhaltlichen Gründen – auch zusammenhängen, daß Wagners letzte Oper so schwer auf die Bühne zu bringen ist: Szenische und musikalische Zeit geraten sich ins Gehege. Die eine Sphäre zerstört die Illusion der anderen. Mauricio Kagel jedenfalls träumte davon, “die Sehnsucht Wagners nach dem Absoluten” einmal in der radikalsten Inszenierung der Musik verwirklicht zu sehen, die man sich vorstellen kann: auf vollständig dunkler Bühne, als ein “Triumph der reinen Vorstellungskraft”.

Daß der brütende Blick nach innen, die Versenkung ins pure Hören durch den optisch ausschweifenden Blick jedoch auch bereichert und gesteigert werden können, war nun in der Berliner Philharmonie zu erfahren. Die halbszenische Aufführung des “Parsifal” – “Probelauf” für die Salzburger Osterfestspiele – ließ dem Auge Freiheit und Beweglichkeit, ohne die Aufmerksamkeit störend auf allerlei Schwanenattrappen, heilige Brotkörbe oder Gralskelche zu lenken. Dennoch prallte die Sicht nicht, wie in mancher konzertanten Lösung, über Stunden an einem Massiv von zur Mauer sich formierenden Sängern ab. Ein wenig Platz mit ein paar Stufen im Rücken des Orchesters, ruhige Auftritte und Abgänge, sparsame, ganz aus der Musik erwachsene Gesten, eine wohldurchdachte, unaufdringliche Lichtregie und vor allem viel Raum: das läßt die “Parsifal”-Musik atmen, mehr braucht man optisch vielleicht wirklich nicht.

Gerade für die auf Sinnlichkeit und Transparenz zielende Interpretation Claudio Abbados mit den Berliner Philharmonikern erschien der Scharounsche Saal in seiner verwinkelten Weite nahezu ideal. Duftig und seidig durchströmte der Klang schon des Vorspiels den Raum, fast pastellfarben bisweilen in seiner nuancierten Klangbalance: Musik von großer Milde und Zartheit, weniger der Weihe. Schon das eröffnende Abendmahlsmotiv schien sehr persönlich, voller Streicherwärme zu sprechen. Und auch das Gralsmotiv erstarrte nicht in seinem Aufwärtsschreiten wie eine würdige religiöse Sentenz, sondern verflüchtigte sich mit einem betörend auf- und verblühenden Crescendo in eine Transzendenz hinein, wie man sie selbst in guten Aufführungen selten hört. Kehrseitig zu dieser sakralen Aura, die auch die Abendmahlsszene des ersten Aufzugs in ein allein der Musik geweihtes heiliges Amt verwandelte, entfesselte Abbado in der Gralsszene des dritten Akts die reinste Höllenmusik.

Ambivalenzen waren nicht vorgesehen. Jene wunderbar sanft und voll klingenden Glocken, die man für die Aufführung extra hat gießen lassen, leiteten hier über zu einem expressionistisch zerrissenen Ausbruch des Entsetzens, das sich im Laufe des Gralsrittermarsches ins Bruitistische vorwagte. So brachte Abbado das radikal moderne, auf Schönberg wie auf Debussy vorausweisende Potential der “Parsifal”-Musik in seinen Extremen zum Vorschein.

Dies waren die Höhepunkte einer sehr schlüssigen und ungemein packenden Aufführung. Ideal schien sie dennoch nicht gelungen. Denn das Orchester hatte nicht eben seinen besten Tag. Immer wieder hörte man kleine Wackler und Patzer, Einsätze, die nicht ganz auf den Punkt gerieten, leichte, aber doch zu häufige Koordinationsunsicherheiten. Sängerisch überragte Kurt Molls geschmeidige, hochartikulierte und liedhaft-intime Bewältigung der Gurnemanz-Partie die insgesamt fabelhaften weiteren Leistungen: Linda Watson sang eine elektrisierende Kundry, Albert Dohmen war ein eindringlich leidensfähiger Amfortas, Richard Paul Fink ein Klingsor von überzeugendem Format. Robert Gambills Parsifal verströmte heldenhaften Glanz. Nur im Forte fehlte es ihm bisweilen an Farbe.

JULIA SPINOLA | 1. Dezember 2001

Süddeutsche Zeitung

Philharmonische Erlösung

Claudio Abbado dirigiert Wagners “Parsifal” konzertant in Berlin

“Das metaphysische Adagio” nennt Ernst Bloch den “Parsifal”, das ?Höchstgeistige als Orgie des Sinnenrausches? Thomas Mann. Und als Gustav Mahler, ?keines Wortes fähig?, im Sommer 1883 aus dem Bayreuther Festspielhaus ins Freie hinaustritt, weiß er, ?dass mir das Größte, Schmerzvollste aufgegangen war, und dass ich es unentweiht mit mir durch mein Leben tragen werde?. Mahler ist dreiundzwanzig. Drei Jahrzehnte später beklagt Arnold Schönberg, dass Gustav Mahler, “der größte Musiker unserer Zeit, der in Wien Wagner-Aufführungen von unerhörter Schönheit gegeben hat”, ausgerechnet den “Parsifal” nie dirigiert hat. Der Traum, die Erfüllung und Krönung eines jeden Orchesterdirigentenlebens? Kaum ein anderes großes musikalisches Drama fordert die Kunst der vollkommenen Orchesterklangbalance heraus wie “Parsifal”.

Mahler, 1911 gestorben, konnte ihn gar nicht dirigiert haben, denn es gab die dreißigjährige Schutzfrist für Bayreuth, wo sich Cosima das ?Bühnenweihfestspiel? reserviert hatte. Gegen dieses Monopol wandte sich Schönberg vehement, schlug als Kompromiss vor, das Werk etwa an Festtagen zu gestatten. Und mindestens jede zweite Aufführung unentgeltlich jungen Künstlern zugänglich zu machen… Zukunftsweisendes Wort, und es ist im Sinne Claudio Abbados, der wie wenige die Entwicklung junger Musiker fördert. Und der jetzt das längst auf allen Opernbühnen der Welt gespielte Grals- und Erlösungsmysterium in der Berliner Philharmonie einem großstädtisch profanen Publikum beschert hat – in der Tat als “Festtag” einer wunderbar ausbalancierten, durch die Berliner Philharmoniker in höchster Klangkultur und musikalischen Spannung gebotenen Aufführung. Mit Sängern, die die konzertante, die halbszenische Wiedergabe in der Philharmonie zum Ereignis machten.

Die doppelte Erbschaft

Claudio Abbado verwaltet als Verdi- wie als Wagner-Dirigent sozusagen eine doppelte Erbschaft: Er stand als junger Musiker in Mailand, wie alle dort, im Banne Arturo Toscaninis und Victor de Sabatas, und er sieht sich – Schüler Hans Swarowskys in Wien – in der deutschen Tradition stehen, hat die musikalische Erinnerung, die Klangtiefenlektion Wilhelm Furtwänglers verinnerlicht. Sie scheint in jüngster Zeit für Abbados Gestaltungskunst wesentlicher zu werden.

So laufen seine Erfahrungen mit “Lohengrin” und “Tristan” fast zwangsläufig hinaus auf “Parsifal”. Schon das beklemmende Vorspiel, das Wagner in der Partitur mit “sehr langsam” und “sehr ausdrucksvoll” ausgibt, versteht Abbado gleichsam doppelt: nicht-deutsch und nicht-italienisch – ganz eigen. Die lang gezogene, von Klarinette, Fagott, Violinen und Violoncelli intonierte Melodie, im Metrum und Schrittmaß verwischt, kaum greifbar, lässt er die Musiker relativ zügig spielen, ruhig fließend. Und vollkommen abgestimmt in der Klangmischung, die sogleich mystischen Zauber verursacht: Man weiß nicht, woher der Klang kommt, wie er zusammengesetzt ist. Ein melodisches Schweben. Ausgerechnet Toscanini hatte in Bayreuth das langsamste “Parsifal”-Vorspiel aller Zeiten dirigiert, und Abbado folgt ihm ebenso wenig wie einer gewissen altdeutsch pathetisch weihevollen Tradition.

Den Schlüssel für Abbados sehr eigenständiges “Parsifal”-Klangbild liefert er selbst, im Textbuch-Vorwort zum neuen Zyklus der Berliner Philharmoniker unter dem Gurnemanz-Motto “Zum Raum wird hier die Zeit”. Abbado spricht von der “außerordentlichen Klarheit und Dichte” dieser Musik, mit ihrer Vergangenheitsoptik und dem “visionären Blick in die Zukunft”. So muss die überwältigende, auch von den größten Wagner-Gegnern tief bewunderte Orchesterpartitur des Werkes zum Zentrum der Aufführung werden. Klarheit der Linien, Dichte der Orchesterklänge, der Emotionen: Abbado erweist sich als fast musikhypnotischer Meister der Übergänge, der Klangverschmelzungen, der in langen Bögen gefassten Steigerungen, orchestralen Verwandlungen. Ein Vorecho? “Man hört da Orchesterklänge, die einmalig sind und ungeahnt”, das sagt ein gefallener Wagnerengel über den “Parsifal” – Debussy.

Abbados Dirigiergestik ist hier ideal mit ihrer, bei aller Klarheit, weichen Linienzeichnung im Raum. Dass er und die Berliner ebenso die Klingsor- Welt, die rhetorisch kühn gezackte, wild aufbegehrende Schmerzensharmonik des “Parsifal” durchdringen können, dafür bietet der zweite Akt entfesselt dramatische Beispiele. Und sogar die Blumenmädchen-Musik hat etwas nervös Lauerndes.

Der Raum, die Halbszene, die Sänger? “Manchmal frage ich mich, ob die Visualisierung des ,Parsifal? nicht eine Hypothek für die Wahrnehmung der Oper sei”. Dem Komponisten Mauricio Kagel schwebte im “Parsifal”-Jahr 1982 eine Bühne vor “als Podium zu einer Art szenischen Konzertes”. Und als habe kein anderer als Kagel die choreografische Personenregie geführt, so sahen in der Berliner Philharmonie die szenischen Andeutungen einer Handlung aus, eines figürlichen ?Beziehungszaubers?. Der von Kagel imaginierte “Triumph der reinen Vorstellungswelt” schien sich zu erfüllen.

Fast wie bei einer Schulaufführung: das breite Podium direkt hinter dem Orchester mit sechs leicht gebogenen Stufen. Auf- und Abgänge geschahen jedoch sacht, am eindrucksvollsten dem Gurnemanz, den Kurt Moll bewegend einfach, geradlinig spielte, grandios in sonorer Fülle und wortplastisch sang. Linda Watsons Kundry besaß Kraft und gleißende Spitzentöne, Robert Gambills substanzvoller Parsifal-Tenor Durchhaltevermögen. Machtvoll leidend der Amfortas von Albert Dohmen, gefährlich timbriert der Klingsor des Richard Paul Fink. Artikulatorisch blendend der Rundfunkchor Berlin, und die Knabenstimmen der Tölzer schwebten von den Emporen wie Engel hoch über dem Raum. Die Berliner Philharmonie bewährte sich als ideales Denk-Mal symbolischer Handlung.

Gottseidank, muss man sagen, hat Claudio Abbado, der die fünfeinhalbstündige Aufführung trotz seiner zerbrechlichen Kräfte gespannt und agil durchmessen konnte, den “Parsifal” dirigiert – anders als Gustav Mahler, einst dessen Vorgänger als Wiener Operndirektor. Hier, in Berlin, gelang Abbado so etwas wie die philharmonische Erlösung des als rituelles Weihefestspiel für die Opernbühne von Anbeginn an umstrittenen Gesamtkunstwerks. Und gelang ein weiterer Höhepunkt in Abbados Berliner Philharmoniker-Ära. Das Publikum in der Philharmonie dankte es ihm und den mitwirkenden Künstlern mit langen Ovationen.

WOLFGANG SCHREIBER | 1. Dezember 2001

Berliner Zeitung

Alles wird verwandelt

Abbado und die Berliner Philharmoniker spielen konzertant “Parsifal”

Der beherrschende Eindruck beim Hören von Claudio Abbados Interpretation der “Parsifal”-Musik ist der des Fließens. Das kann in Wagners letzter Partitur Verschiedenes bedeuten. Im Abendmahlsthema, mit dem das Werk anhebt, sind beispielsweise die traditionellen Gliederungseinheiten, die den Takt in schwere und leichte Zeiten unterteilen, vom Komponisten durch Überbindungen von den unbetonten an die betonten Werte weitgehend zum Verschwinden gebracht, das starre Viertelmuster weicht Atemvorgängen. Daraus zieht Abbado die Konsequenz, den Höhepunkt des Abendmahlsthemas, die betonte, expressive Septime über dem Grundton, sehr dicht und gesanglich an den folgenden Ton anzubinden. So überspült das Melos im Fließen die Grenzen tickender Metrik, in der Weitung des Atems scheint aus Zeit wirklich Raum zu werden.

Dem stellt Abbado dann das Gegenteil des akkurat ausgeschlagenen Metrums in vollem Bewusstsein entgegen: Der Marsch der Gralsritter mit dem Glockenostinato wird ungemein exakt ausgeführt, die vergleichsweise rasch genommenen Viertel werden gerade nicht zu Bögen verbunden, sondern zu einzelnen Schlägen verkürzt. Nicht nur klingt das im Orchester ganz anders als gewohnt, reizvoll kernig und archaisch nämlich und damit sehr verschieden vom sonst so souverän abgeblendeten Mischklang, der Wagners Instrumentation prägt. Das knochige Taktschema charakterisiert die Gralszusammenkünfte als verfestigtes Ritual im Unterschied zum fließenden spirituellen Geschehen. Festlich im Sinne eines affirmativen Gestus klingt die Musik nur an solchen Stellen, sonst vermeidet Abbado das Auftrumpfen mit dem breiten Strich bravourös.

Und das ist die zweite Bedeutung des Fließens: Sie betrifft den Vortrag selbst. Die Gurnemanz-Erzählungen im ersten Akt etwa werden von Abbado dicht zusammengefasst, nichts darf sich isolieren, die vielen wichtigen Motive, die hier erstmals exponiert werden, ziehen fast flüchtig vorbei, müssen sich als Teilmomente der Form einprägen, nicht als etikettierte Bildchen. Das steht in Spannung zur komponierten Struktur, denn über weite Strecken stellt, wie Adorno beobachtet hat, Wagner die Leitmotive wirklich wie Bildchen zusammen, die sich dem musikalischen Verlauf kaum je anpassen müssen: Selbst die wenigen Variationen gerinnen oft zu identisch wiederholbaren Formulierungen. Abbado interpretiert als “Kunst des Übergangs”, was seiner Konstruktion nach zur Statik tendiert.

Was in den Gurnemanz-Erzählungen reizvoll ist, wird in der Szene zwischen Parsifal und Kundry problematisch: Das Fließen wird zwar hier und da zum Brausen, aber dennoch verhindert es jene Vertiefung des Ausdrucks, die erst die genau ausgeformte musikalische Phrase herstellt. Natürlich wird immer noch sehr diskret gespielt, es bleibt aber ohne rhetorischen Nachdruck, den die Momente brauchen, um sich voneinander abzuheben. In der Konsequenz, mit der Abbado seinen Ansatz hier verfolgt, führt seine Darstellung freilich heran an das Problem, das der Komponist selbst wohl mit dem zweiten Aufzug hatte: Der Widerwillen gegen den “alten Farbentopf”, zu dem er hier wieder greifen müsse, ist der gegen das rhetorische Wesen exaltierten Theatergesangs, vor dem sich der alte Wagner retten wollte in die absolutmusikalische Realität jener Symphonien und Quartette, die er nicht mehr schreiben konnte. Aber auch hier bildet der musikalische Fluss die Folie, vor der sich plötzliche Umschläge tief einprägen: An erster Stelle ist hier nach der zauberhaft luftigen Blumenmädchenszene Kundrys “Parsifal!”-Ruf zu erwähnen, der alles verwandelt. Hier wird die Musik mit einem Mal fast unheimlich ernst, streift alles Veranstaltete, das Flirten der Blumenmädchen, mit einer Wendung ab.

Ist am Donnerstag in der Philharmonie Wagners während der Komposition des zweiten Aktes geäußerter Wunsch nach dem “unsichtbaren Theater” im auf szenische Andeutungen reduzierten Spiel der Sänger fast in Erfüllung gegangen, so war das Orchester umso sichtbarer.Es ist vielleicht das größte Wunder dieser Aufführung, wie Abbado die akustischen Besonderheiten des Bayreuther Festspielhauses nachzuahmen verstand: Zeichnet sich der Klang im abgedeckten Orchestergraben durch die perfekte Abmischung der Instrumente und weitgehende Verdeckung des technischen Zustandekommens aus, so hat Abbado den Berliner Philharmonikern ein Spiel abverlangt, in dem Ansatzgeräusche, die mechanischen Komponenten des Klanges, vollkommen eliminiert sind: Bruchlos wachsen die Töne aus der Stille heraus, vor allem die Blechbläser vollbringen ein schier unglaublich weiches piano, das die Verständlichkeit der Sänger in jedem Moment sicherstellt.

Hierin folgt in ebenfalls atemberaubender Weise der Rundfunkchor Berlin, dessen Männer vor allem ein faszinierend kerniges piano entwickelt haben. Weniger glücklich ist die Wahl des Tölzer Knabenchors für die Stimmen aus der Höhe gewesen: Nicht nur irritierte die klangliche Inhomogenität und die stets gefährdete Intonation, die Knabenstimmen bringen auch eine Direktheit in den Gesamtklang, die gerade in den Passagen, in denen sie mitwirken, von allen anderen Beteiligten vermieden wird. In den Hauptrollen war die Sängerbesetzung nicht unbedingt ideal: Robert Gambill als Parsifal und Linda Watson als Kundry bringen zwar stimmlich herausragende Leistungen gerade darin, jenseits des üblichen Gebrülls differenziert zu singen. Linda Watson aber liegen die jähen Brüche ihrer Partie nicht wirklich, sie bleibt stets eine Spur zu vorsichtig, wenn sie etwa das hohe H in “Ich sah ihn, ihn, und lachte” etwas von unten anschleift, statt es grell herauszuschreien. Gambill dagegen trifft das gewissermaßen Unbeschriebene der Parsifal-Figur zu Beginn gut, ist aber im dritten Akt dann wohl doch zu erschöpft, um bei Kundrys Taufe etwa einen anderen, innigeren Ton als den direkten seines arglosen ersten Auftritts anzuschlagen. Grandios dagegen die Fülle an Tönen, die Kurt Moll als Gurnemanz entwickelte: Die einzige Figur im “Parsifal”, die keine Idee verkörpern muss, wuchs bei Moll zur Instanz des Menschlichen schlechthin, zum weisen Zeugen des Geschehens, der es mit uns, den Hörern, verbindet und einem Evangelisten gleich vermittelt.

Es ist ein Wunder der Aufführung, wie Abbado die akustischen Besonderheiten Bayreuths nachzuahmen versteht.

1. Dezember 2001

Berliner Morgenpost

Von Schönheit besessen

Abbados «Parsifal» geriet zur grandiosen Vision

Ach was – Event! Diese konzertante, fünfeinhalbstündige Aufführung des «Parsifal» von Richard Wagner durch die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado gerät zur Unvergesslichkeit. Und dies nicht einzig durch die neu angeschafften, sonnenschirmähnlichen bronzenen Glockengebilde, für deren Ankauf das Orchester vielleicht sogar seine Fräcke hat hergeben müssen.

Es spielt im «kleinen Schwarzen», dem Dienstanzug der Nachmittagsstunden. Doch Abbado schließt ihm und Wagner nachdrücklich die musikalische Himmelstür auf. Es spielt wie von Schönheit besessen.

Die Philharmoniker haben wunderbare Helfershelfer dabei. Zum Rundfunkchor in all seiner Pracht gesellen sich hoch droben auf den Emporen in köstlichem Stimmgedränge die Tölzer Sängerknaben, und aus ihrer Mitte heraus erhebt sich die verzaubernde «Stimme aus der Höhe» von Elena Zhidkova, es ist die anrührendste, die man je hören durfte. «Halbszenisch» nennt sich die Aufführung, und sie artikuliert sich mit großer Ruhe in Würde. Gisela Pestalozza ist eine Kostümberatung zu danken, die den bildlichen Aufriss des Konzerts dezent unterstreicht. Das musikalische Entzücken gründet sich felsenfest auf dem Spiel des Orchesters.

Die Philharmoniker sind nun einmal unangefochten das Elite-Orchester Deutschlands, und das hört man Stunde um Stunde. Es geht mit Intelligenz, gemischt mit musikalischer Wollust, Abbado zur Hand, der die Aufführung immer wieder einem schier mystischen Entzücken entgegentreibt.

Nie zuvor hat man auch nur eine annähernd so homogene, betörend dahinsingende Blumenmädchenszene gehört. Unter die Ritter und Knappen mischen sich viele junge, vielversprechende Stimmen. Richard Paul Fink gibt einen jungen, energischen Klingsor mit schönem stimmlichem Nachdruck. Hans Tschammer ist als Titurel mit seinem leuchtenden Bass in Diktion und Prägnanz ein Vorbild für alle.

Aber was wären sie alle ohne den Mann an der Spitze: den Ekstatiker Claudio Abbado, der sich in Wagners Spätwerk geradezu wie besessen hineinwühlt. Er ist der Mann der großen musikalischen Vision, der Prachtentfaltung in den mächtig heraufprunkenden Chorszenen, des Lyrismus in den Naturstimmungen. Bei ihm klingt nicht einzig der Karfreitag verzaubert.

Viel davon gibt er an seine Sängerschar ab. Allerdings hat Kurt Moll anfangs durchaus einige Mühe, die riesige, spannungsreiche Erzählung des Gurnemanz auch wirklich eindringlich vorzutragen, doch später singt er sich frei und schließt zu seinen unvergesslichen Leistungen früherer Jahre auf. Albert Dohmen als Amfortas gewinnt der Leidensfigur dagegen erstaunlicherweise nur ziemlich blasse Konturen ab.

Linda Watson ist eine höchst damenhafte Kundry mit weit ausgreifender, glänzend gebildeter Stimme: eine «wilde Reiterin» sozusagen, in allen Wagner-Sätteln gerecht. Der Verführungsszene im Zaubergarten gibt sie gefährliche Süße und den großen hochdramatischen Schrei. Robert Gambill ist als Parsifal so etwas wie der Singheld des neuen Jahrtausends.

Er singt ohne Bombast; schlank, doch mit Nachdruck. Er liefert eine künstlerisch hochkarätige Leistung: ein Leichtathlet des Wagner-Gesangs, der bis in die letzte Reihe im Saal wie auf dem Podium davon überzeugt, dass diesem jungen Mann und keinem anderen der Gralskönigs-Thron gebührt.

Klaus Geitel | 1. Dezember 2001

Tagesspiegel

Wo Freuds Krater klaffen

Claudio Abbado und die Philharmoniker: “Parsifal” konzertant

Bayreuth in Berlin, Ostern im Advent, Oper im Konzertsaal: Die legendären Kategorien von Raum und Zeit vermengen sich, durchdringen einander – oder sollen es an diesem Abend der erlesenen “langen Weile” (Dieter Schnebel) zumindest tun. Mystisches Wabern erstickt die Luft, Männerfantasien von Schleier wedelnden, duftige Röcke schwenkenden Blumenmägdelein spuken umher, freudianische Krater klaffen, mal wähnt man sich in einer Kathedrale, mal im Freudenhaus, mal ist die Messe, die hier bereitet wird, pechrabenschwarz, mal ganz weiß und karfreitäglich-kathartisch. Fünfeinhalb Stunden “Parsifal”, fünfeinhalb Stunden konzentrierte “Kunst-Weihe” in der Philharmonie: Gralshüterin Cosima, mit Verlaub, hätte ihre Freude gehabt. Ein Wechselbad von Ekel und ritueller Ergriffenheit, von Ungeduld und Hingabe. Ein Härtetest auch für den orthodoxen Wagnerianer.Dass man beim Verlassen der Philharmonie kurz vor Mitternacht trotzdem wusste, wer man ist und wo man war, hatte verschiedene Gründe. Zum einen durfte (im Gegensatz zu den Gepflogenheiten auf dem Grünen Hügel) nach dem ersten Akt heftigst applaudiert werden. Dieser Jubel steigerte sich am Ende, fast furchterregend, ins Orkanartige. Der Reminiszenzen nämlich kamen viele zusammen: Abbados Abschiedssaison bei den Philharmonikern; “zum Raum wird hier die Zeit” als Motto der Spielzeit; das vielgeliebte Scharoun-Gebäude mit dem ihm eingeschriebenen Humanismus und, last but not least, Wagners “Parsifal” als das prophetische Spätwerk, um mit Nietzsche zu reden, eines “morsch gewordenen, verzweifelnden décadent”.Zum anderen trug die heikle halbszenische Umsetzung des Abends bisweilen Züge Brechtischer Geisteshelle: Die Philharmoniker weit in die Horizontale gestreckt und faktisch im Dunkeln spielend (Bässe links, schweres Blech rechts), Sängersolisten und Chöre wechselweise auf den Podiumsstufen wie auf den obersten Emporen des Saals agierend, und eine Lichtregie (Yorck Koch), die das Ganze in Stimmungen tauchte. Gewiss, das Arrangement schwankte zwischen Abstraktion und Lächerlichkeit, zwischen eurhythmischer Selbsterfahrung und jener Werktreue, wie Inszenierungen Wolfgang Wagners sie praktizieren (nein, ein ausgestopfter Schwan fiel nicht aus dem nicht vorhandenen Schnürboden). Ein Sich-Verlieren im Strudel der Rituale jedoch, ein kulinarisch-lüsternes Sich-Identifizieren mit dem reinen Toren und Retter des Systems war auf diese Weise kaum zu befürchten. “Parsifal” – ein Machwerk nicht zuletzt der Theatermoderne? Diesen Beweis müsste die Regie bei den Salzburger Osterfestspielen wohl erst erbringen.Während sich die Solisten eher von der gemischten Seite zeigten (Robert Gambill als ansehnlicher, jedoch nur mäßig differenzierter und kaum je naiv-heldischer Parsifal, Kurt Moll als Gurnemanz aller Gurnemanze, Linda Watson als blasse, einfältige Kundry, Albert Dohmen als Amfortas, Richard Paul Fink als Klingsor, Elena Zhidkova als hinreißend timbrierte Stimme aus der Höhe), wussten die Chöre zu glänzen: die Herren des Rundfunkchors mit einer samtigen, elegischen Tongebung, die Tölzer Knaben mit herzzerreißenden Engelsstimmen.Auch die Philharmoniker hatten einen großen Abend, leuchteten in allen nur erdenklichen Farben des Holzes und breiteten fluoreszierende Streicherteppiche aus, wie Debussy oder Skrjabin sie nicht impressionistischer hätten komponieren können. Es waren diese Meditationsebenen der Partitur, die Claudio Abbado interessierten – wobei die letzte Durchhörbarkeit noch nicht erreicht schien, vieles in den Gurnemanz-Passagen, im Karfreitagszauber auch fad blieb und bloß nobel musiziert. Die Abstürze der Kundry, ihr “Lachen” und Kuss etwa implodierten eher, als dass sie in Richtung “Emanzipation der Dissonanz” ausuferten. Im dritten Akt schließlich riefen mächtige Tutti samt der eigens neu gegossenen Aluminium-Glocken mit morbidem Klang zum jüngsten Gericht. Bewusstsein statt Entseelung: ein Versprechen.

Christine Lemke-Matwey | 1. Dezember 2001

Die Welt

Ein Gralstempel namens Philharmonie

Spätes Debüt eines unreinen Toren: Claudio Abbado dirigiert 68-jährig in Berlin erstmals Wagners “Parsifal”

Schön. Der späte Debütant Claudio Abbado hat in der Berliner Philharmonie seinen ersten “Parsifal” dirigiert. Schön. Nicht anstrengend, affektreich, ambivalent, angstvoll, abgeklärt, ätherisch. Weder als Bühnenweihfestspiel noch als Weltabschiedswerk. Sondern klar, strukturiert, behänd. Das Berliner Philharmonische Orchester als Wunderharfe des breit gestreuten Fächerklangs und Hans Scharouns philharmonische Wabe als Gralstempelersatz, in dem nicht die Zeit zum Raum, aber doch sechseinhalb Stunden zu einem Fast-Wagner-Triumph werden.

Fast-Triumph: weil sich die Magie von Abbados allererstem “Tristan”, die Gewalt seines “Boris Godunow” oder die dunkle Glut seines “Simon Boccanegra” am gleichen Ort – um die herausragenden Beispiele seiner konzertant voraufgeführten Salzburger Osteropern zu nennen – nicht einstellen wollte. Oder doch erst im dritten Akt, wenn Leidenschaften geschlagen sind, sich nur noch Erlösung und Karfreitagszauber ereignen und wenn Abbado endlich gelöst und frei, dabei spannungsvoll musiziert, hin zu jener “Kunstwölbung aus archaisch, gregorianischem Gesang”, die Ernst Bloch in den Gralsszenen dingfest machte.

Ein Fortissimo kennt Abbado selten, der “nazarenischen Harmonik” (Dieter Schnebel) misstraut er. Auch die Siedegrade des zweiten Aktes und der darin blühenden Höllenrose Kundry hält er gering. Abbado, kein reiner Tor, wie die jüngsten Gerichtsquerelen um seine Biografie beweisen, pflegt die Kunst des Übergangs und der differenzierten Synkopierung. Und das “Parsifal”-Orchester, in seiner diffusen Farbpalette komponiert für den gedeckelten Bayreuther Orchestergraben und seinen Klang ohne direkte Resonanz, macht bei einer konzertanten Aufführung auf dem Podium immer gute Figur. Zu suspekt ist uns das weihevoll Pathossatte, Mysteriös-Mythische. Auch jetzt scheint der Auftakt mit dem Abendmahlsmotiv in As-Dur, Violinen und Celli mit gemischter Bläserkolorierung, nicht zu orten. Aber man sieht konkret, woher er kommt. Was folgt, ist eine endlose Streicher-Bogenwoge, zartes Holz, aufatmenlos weiche Bläser.

Fast-Triumph. Berlin ist Wagner-Stadt. Und, seltsamerweise, weil doch so antiklerikal, die “Parsifal”-Metropole. Für Christian Thielemann und Daniel Barenboim, die anderen beiden Generalmusikdirektoren, ist dieses Stück nicht nur Bekenntnis, sondern auch Talentbeweis. Der eine dirigiert es erzählerisch-süffig, dabei glorioleüberglänzt, der andere dramatisch-zupackend, wuchtig und zart zugleich. Claudio Abbado weiß diesem denkwürdigen Berliner Drei-“Parsifal”-Jahr (Simon Rattle immerhin wird den seinen ab 8. Dezember in Covent Graden dirigieren) mit trocken-philosophischer, zum Ende hin synergetischen, resümierenden Werksicht schließlich noch Eigenes hinzuzufügen. Doch war es den Aufwand wert (der sich – wie gewohnt – bei den Osterfestspielen und auf Tourneen vor allem für die Beteiligten, nicht für die Stadt, monetär auszahlt)? Musste dafür die Philharmonie in allerbester Konzertvorweihnachtszeit zehn Tage geschlossen werden und mussten – wohl auch wegen der so fehlenden Einnahmen – die Preise zwischen 80 und 230 Mark liegen?

Die Kundry der schmiegsamen Linda Watson war gut, aber die kalkulierte Raffinesse von Waltraud Meier und die frauliche Fülle von Violeta Urmana (ebenfalls im November an der Lindenoper) sind einfach besser. Ein Genuss ist der gelöste, inzwischen sogar baritonal grundierte Parsifal des ehemaligen Mozarttenors Robert Gambill; ebenfalls der leidzerrissen störrische Amfortas von Albert Dohmen. Nie missen wollen wir den allerschönsten Gralsgeschichtenerzähler: den ewig guten, wunderlieben Kurt Moll, dessen Gurnemanz so Institution geworden ist wie nur noch das Sandmännchen.

Eine Fehlentscheidung waren die extra gegossenen, viel zu lauten, lampenschüsselartigen Gralsglocken, ebenso – statt Damen – die schrägen Tölzer Knaben aus der Höhe (neben dem gerundeten Rundfunkchor Simon Halseys). Auch auf die altbackene Halbszenik von Kai-Bernhard Schmidt mit Rotlicht für die Gralsenthüllung, bunten Blumenmädchentüchern und gestelzter Gebärde hätten wir dieses Mal getrost verzichtet.

Ein Abschiedstriumph, eine Denkwürdigkeit wie das Verdi-Requiem oder Mahlers 9. Sinfonie, ist dem scheidenden Chefdirgenten des Berliner Philharmonischen Orchesters nicht geglückt. Doch ein großer Abend. Dem – vorerst – nur noch drei Programme folgen.

Manuel Brug | 1. Dezember 2001

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