Parsifal

Paolo Carignani
Chor, Extrachor und Kinderchor der Oper Frankfurt
Frankfurter Museumsorchester
Date/Location
15 May 2006
Opernhaus Frankfurt
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
AmfortasAlexander Marco-Buhrmester
TiturelMagnús Baldvinsson
GurnemanzJan-Hendrik Rootering
ParsifalStuart Skelton
KlingsorPaul Gay
KundryJulia Juon
GralsritterHans-Jürgen Lazar
Gérard Lavalle
Gallery
Reviews
Frankfurter Rundschau

Viel Zeit, viel Mitleid

Ein Durchbruch: Wagners “Parsifal” mit Nel und Carignani neu an der Oper Frankfurt

Tja, der erste Akt des Parsifal! Natürlich gibt es in diesem Bühnenspiel noch ganz andere interessante Mysterien. Doch ein unter Opern-Insidern gerne berätseltes Mysterium im Mysterium ist die Frage, wie lange dieser Akt bei den berühmten Dirigenten denn so dauere. Beim frühen Boulez anderthalb Stunden, bei Toscanini gut zwei. Kurios der Fall Michael Gielen: Eigentlich einer von der schnellen Truppe, versuchte dieser Toscanini-Fan seinem Idol nachzueifern, schaffte aber bei aller Bemühung um Gravität nur gerade eben eins fünfundvierzig. So etwa auch die Dauer beim gereiften Boulez des ersten Bayreuther Schlingensief-Jahres 2004, so dass man registrierte: typisch Altersstil. Umso überraschender ein Jahr später, wie der dann noch reifere Boulez dann doch wieder mehr zu seiner jugendlich drahtigen Anderthalbstündigkeit hindriftete.

Paolo Carignani stellt sich der Aufgabe des Ruhe Bewahrens

Ach, wie entzücken den Wagnerkenner und Dirigenten-Charakterologen solche Zeitbeobachtungsspiele. Der Parsifal-Kopfakt bietet sich dafür durch eine exorbitante Länge an, die freilich noch um etliches hinter den Formaten des ersten Götterdämmerungs- und des finalen Meistersinger-Aktes zurückbleibt. Doch beim ersten Parsifal-Aufzug, dem gnadenlosen Sitzfleischprüfer, gibt es die berühmt-berüchtigte Gurnemanz-Erzählung, den Gottseibeiuns aller an Action Fixierten. Und überhaupt kommt’s nur zu einem Minimum von Handlung. Eher stellt sich der exaltierte Wagner das Problem, wie man einen Eindruck von raummusikalischer Großarchitektur herstellen kann durch raffinierte Dehnung und Erfüllung von Zeit. Baumaterial dieses ins Riesige ragenden Zeit-Doms ist also eine vielfältig modellierte und modifizierte Langsamkeit.

Dass ausgerechnet der Virtuose Toscanini hier als unerreichter Zelebrant von Langsamkeit figurierte, ist bezeichnend für den Parsifal-Stil, der fast gänzlich die Neurasthenien der Tristan-Musik abgestreift hat. Paolo Carignani, der Maestro des neuen Frankfurter Parsifal, ist sich dessen genau bewusst, und er stellt sich der Aufgabe “Ruhe bewahren!” mit Mut und Hingabe. So gestaltet er das erste Orchestervorspiel mit der rituellen Bedächtigkeit, die fürs Ganze ein minuziös umsichtiges Sezieren in liturgischer Zeitlupe verheißt. Dazu kommt’s dann aber doch nicht, weil mit dem Einsatz der Vokalstimmen eine andere Dynamik greift – die der atmenden Zusammenhänge und des sinnvollen Textvollzugs etwa. Auch meidet Carignani mit guten interpretatorischen Gründen die pathetischen Wallungen und Ausbremsungen eines Knappertsbusch. Somit kommt auch er im legendären ersten Akt gerade eben mal auf eins fünfundvierzig, und das ist ziemlich genau die aus der Differenz der Extreme sich ergebene Durchschnittslänge!

Derlei wird bei ihm aber nicht hergestellt durch einen gemütlichen Einheitsfluss, sondern eher mit Stückelungen, die winzige Tempoveränderungen stärker als sonst ausspreizen. Schon im Vorspiel evozieren ja die kleinen, unterteilenden Dirigierbewegungen weniger formende Genauigkeit des breit ausladenden Erzählens als ein oft nachgebendes, zu Rubato neigendes und in den Konturen mitunter unscharf verfließendes Flimmern. Eindringlich geht’s vor allem da vonstatten, wo Gesang waltet, also beim großen Duett Kundry/Parsifal im Mittelakt mit exzellierenden Farbabtönungen.

Das klang wirklich enorm, auch im “sprechenden” Orchesterduktus. Überhaupt präsentiert Carignani einen viel “schöneren” Parsifal als etwa Gielen, und manchmal wird des wundersamen Blühens und der balsamischen Mildtätigkeit sogar zuviel verabreicht wie in den streicherseligen Piano-Wundern des dritten Vorspiels, das die Schilderung wüsten und einödischen Irrens nachgerade gänzlich eingebüßt hat.

Klarer schien das szenische Konzept verwirklicht. Christof Nel war am Hause von Bernd Loebe berufen, die ganz großen Brummer (Tristan, Frau ohne Schatten) zu inszenieren. Im Parsifal hat er nun sein Meisterstück gegeben. Eine Interpretation, die, kühn jüngere Traditionen verlassend, die Rezeption der Weihe- und Erziehungsoper in Neuland vorantreibt. Und dabei auf ein äußerst wichtiges, aber oft vernachlässigtes Grundmotiv Wagners rekurriert: auf die Reaktivierung und Restituierung des Mitleids. Nicht vergessen, aber fürs erste beiseite gelegt ist mithin die Gralsgemeinschaft als faschistoider Männerbund. In Nels Ritterschaft herrschen allerwegen Mitleid und Zuwendung in vielen auffälligen Details, nicht zuletzt bei der sorgenden Pflege um den moribunden Schmerzensmann Amfortas.

Dabei geht es durchaus aber auch etwas undurchsichtig und geheimnisvoll zu. Ein kollektives Trippeln und Rennen gemahnt an ein Trainingslager. Und am Ende des ersten Aktes formieren sich die Mannen lanzenbewehrt kriegerisch zum Aufbruch. Das alles geschieht hinter bühnenhohen Bretterzäunen, die eher an ein Camp denken lassen als an massive Burgarchitektur. In ruhevollem Rhythmus gleitet das wuchtige Brettergefüge drehbühnenbewegt an den Blicken vorbei, und lange bleibt der an diesem von Jens Kilian visualisierten Wandgeheimnis und seinen Lichtlücken haften, bis sich mit überraschender Plötzlichkeit ganz neue Raumbilder eröffnen, etwa der weißgedeckte Quadrattisch, an dem Titurel und Amfortas finster einander gegenüber sitzen oder, im Schlussakt, der aufgestellte Katafalk mit dem toten Altkönig und den feindselig ihre Speere wider den unwillig todeswunden Amfortas ausstreckenden Gralsmännern.

Nicht alles kann Nel taufrisch neu erzählen, aber Entscheidendes. So im zweiten Akt, nach dem putzigen Bordell mit den flugs aus einer grauen Reinigungskolonne zu rötlichen Grisetten mutierenden Blumenmädchen, den Verführungsversuch, hier als pas des trois mit dem Kundry zunächst wie eine Puppe manipulierenden Klingsor. So auch den ergreifend durch eine Gruppe von jugendlichen Frühlingsmenschen imaginierten Karfreitagszauber. Und vor allem den Opernschluss, deutlich markiert als “ökumenischer” Exodus des den Gral vor sich in alle Welt hintragenden König Parsifal, dem die Gemeinschaft zögernd folgt. Mitleid, eine auch ins Freie und Weite wollende Kraft.

Authentische Raumklangwirkungeines großen Werks

Auch sängerdarstellerisch hatte der spannende Abend eine gute Fasson. Stuart Skelton, schauspielerisch auf weite Strecken zum gutmütig-tolpatschigen Toren hingelenkt, unterstrich mit nicht sehr großer Stimme die lyrischen Facetten mehr als bramarbasierendes Heldischtun. Michaela Schusters etwas uneinheitliches Timbre maß sich der Zwittrigkeit der Rolle an und blieb bei den expressiven Ausbrüchen (Schluss 2. Akt) keineswegs ängstlich in der Reserve. Jan-Hendrik Rootering, zyklopisch von Gestalt und Stimme, hatte zumal im dritten Akt die sanftmütige Wildheit eines Auerochsen. Alexander Marco-Buhrmesters Amfortas zog alle Register fiebrigen Sündenpfuhlleidens, ohne die kultivierte Bariton-Contenance ausspracht zu lassen. Charakteristisch getroffen auch Titurel (Magnus Baldvinsson) und Klingsor (Paul Gay). Mit den groß besetzten Chören und dem somnambulen Altsolo (Bockyoung Kim) erzielte Carignani auch authentische Raumklangwirkung. Eine insgesamt wuchtige Aufführung, die mit dem Bayreuther Schlingensief/Boulez-Ereignis als neuerlicher Durchbruch für ein die Geister herausforderndes Werk unbedingt mithalten kann.

HANS-KLAUS JUNGHEINRICH | 25. April 2006

Die Welt

Die Welt ist ein Mahlwerk

“Die Bestimmung der deutschen Literatur”, schrieb der Frühromantiker Friedrich Schlegel, sei es, “durch Universalität zur Religion zur gelangen”. In einer Zeit, in der das Vertrauen zur christlichen Heilslehre brüchiger wurde, gehörte es für ihn zu den Aufgaben der Poesie, eine Kunstreligion zu errichten, die als neues Fundament der Glaubens dienen konnte.

Wie kein anderer hat der Spätromantiker Richard Wagner mit diesem ästhetischen Programm ernst gemacht und ist so zum wohl deutschesten Künstler seiner Zeit geworden. Und in keiner seiner Opern folgte er jenem Programm so entschlossen wie im “Parsifal”.

Fast termingerecht, nur gut eine Woche nach Karfreitag, hatte Wagners “Bühnenweihfestspiel” jetzt unter der Regie von Christoph Nel an der Frankfurter Oper Premiere. Doch die Inszenierung wird nicht vom Regisseur, sondern weitgehend vom Bühnenbild Jens Kilians bestimmt. Eine gigantische Trommel aus schwarzen, schmalen, hohen Stelen dreht sich auf der Spielfläche langsam wie ein alles beherrschender, alles erdrückender Mühlstein. Meist gewährt die kreisende Stelenwand den Figuren als Existenzraum lediglich einen schmalen, ständig vom Absturz in die Finsternis (des Orchestergrabens) begrenzten Streifen am vordersten Bühnenrand. Das Leben: die minimale Spanne vor dem unaufhaltsamen Zermahlenwerden.

Nur zu verständlich, wenn in dieser Mahlwerk-Welt die Sehnsucht nach Erlösung zu der Achse wird, um die sich alles dreht. Sobald von ihr die Rede ist, öffnet sich die Stelentrommel und gibt tiefe Räume frei. Wagner hat Parsifal zum Heiland seiner Kunstreligion stilisiert, der die Wunden der Menschheit zu schließen vermag. Der Australier Stuart Skelton spielt ihn zu Anfang mit einer obelixhaften Tumbheit, später als triumphalen Siegfried. Was so falsch nicht ist, da Parsifal als “reiner Tor” unter die Gralsritter tritt – denen der Gral durch “heil’ge Speisung” wie ein Zaubertrank besondere Kräfte verleiht.

Der Höhepunkt der Frankfurter Inszenierung ist die Verführungsszene zwischen Kundry (Michaele Schuster) und Parsifal. Christoph Nel gibt ihr, anders als Wagner, nicht mythologische, sondern psychologische Dimensionen. Er läßt Kundry zunächst wie eine Bauchrednerpuppe auf dem Schoß des Teufels Klingsor (Paul Gay) sitzen. Klingsor führt ihr beim Liebeswerben um Parsifal die Arme, er dirigiert sie wie eine Marionette, und Gay verleiht ihm ein dazu passendes zuhälterhaftes Lächeln. Doch mehr und mehr erwacht in Kundry echte Leidenschaft für Parsifal, sie tritt aus ihrer puppenhaften Steifheit heraus, und es ist großartig zu beobachten, wie Gays Klingsor hin- und hergerissen wird zwischen der Hoffnung auf Parsifals Niederlage und der Eifersucht auf die erregten Gefühle Kundrys.

Um irgendeinen Makel an den Qualitäten des Frankfurter Orchesters zu entdecken, bräuchte es bessere Ohren als die meinen. Paolo Carignani hat es auf einen wunderbar zarten, wahrhaft verklärenden Ton eingestimmt. Nicht nur die genannten Sänger, auch Alexander Marco-Buhrmester als Amfortas und Jan-Hendrik Rootering als Gurnemanz sind eindrucksvoll.

Uwe Wittstock | 25. April 2006

Stuttgarter Zeitung

Kein Ankommen, keine Antworten

Christof Nel inszeniert Richard Wagners “Parsifal” an der Oper Frankfurt

Landschaft mit entfernten Verwandten: Vor kreisender Lattenwand, durch deren Ritzen Lichter, Schemen, Aussichten auf tiefste Räume blitzen, tappt einer. Ist es nicht Gurnemanz, der, die Haare kinnlang, schon immer die Geschichte von Klingsor erzählt hat? Und dort hinten die matten Ritter, sind es nicht die Monsalvat-Helden? Lange zur Opernfamilie auch gehört Amfortas, der, den Wundverband um den Bauch gewickelt, angeschleppt wird, ein siecher Gralskönig. Verwandt sind einem die Gestalten, doch fremd, immer fern. Richard Wagners Rätselwerk, der “Parsifal”: heilige Messe, Lustgrottenthriller, Karfreitagswunder. Szenische Lösungen bleiben vorläufig – aufgehoben ist alles in der Musik.

Christof Nel, wahrlich kein dekorativer Regisseur, hat in Frankfurt nicht versucht zu zeigen, was unschaubar ist. Erstaunlich geradeheraus, mit genauem Blick auf den musikalischen und den Libretto-Text, erzählt er von Elend und Erlösung, vom Laster der Lust – und dreht sich dabei stets im Kreise, linksherum. Die Doppeldrehbühne der Frankfurter Oper, mit 38 Metern Durchmesser die größte Europas, ist fast Markenzeichen der Intendanz von Bernd Loebe: die Regisseure nutzen sie extensiv und häufig. Nicht immer gelingen ihnen schöne Durchblicke wie in dem von Jens Kilian gestalteten “Parsifal”-Grundriss, einem grauschwarzen Bretterzaunrund, durch das eine breite Schneise geschlagen ist, die wiederum im Kreis einer kleineren Drehbühne mündet. Nicht immer gehen die szenischen Lösungen mit der Musik zusammen. Den Choralgesang “Nehmet vom Brot” am Ende des ersten Aktes singen die Ritter in einer Reihe rampennah vor der Zaunwand: weniger ideal für die Verblendung der Stimmen kann eine Aufstellung nicht sein.

Nels Stärke liegt bei der Zeichnung der Protagonisten, scheitert aber am sich der Individualisierung widersetzenden Gurnemanz-Sänger Jan-Hendrik Rootering, der routiniert, wenig bewegt und bewegend agiert und singt. Sein verquollener Bass verliert bereits in leichter Höhe Klang und Volumen, die Ds im Karfreitagszauber wackeln und verdünnisieren sich in unzauberischer Karfreitagswunderbeschwörung. Nel setzt ganz auf sein junges Quartett, die Gegenspieler Kundry und Parsifal, Amfortas und Klingsor. Im Zentrum des Abends Michaela Schusters “Höllenrose”, die Wanderin zwischen den Welten, die hier wie aus der Geschichte gepurzelt aus dem Omatäschchen Balsam fummelt, um den Königswundbrand zu lindern. Ihr ist alles wissende Verwunderung, verlegener Eigensinn. Hoch aufgerichtet sitzt sie an der linken Seite und sieht vor ihrem inneren Auge wohl Schauerliches. In Schusters Miene, den schimmernd-traurigen Augen liest man alles, was sie singend verschweigt: Müdigkeit vom ewigen Weg, Sehnen und Erlösungshoffnung. Das zieht sich in einem die Kehle zuschnürenden Augenblick zusammen, wenn sie, alt geworden, vor dem zurückgekehrten Parsifal kniet, den Gurnemanz tauft und salbt. Wie ein kleines Kind schaut sie zum Speerbringer auf, nestelt an ihrem Kleid: ich auch, ich auch, Erlösung, schreit der stumme Körper.

“Liebe – Glaube -: Hoffen?”, Christof Nel hat das Fragezeichen in Wagners Satz inszeniert: “Es gibt kein Ankommen. Suche heißt der Weg. Eine Antwort auf die Frage nach dem Ende der Leiden existiert nicht.” Am Ende schwankt Parsifal, trotz hell erblondeter Dürer-Locken ein früh resignierter Jüngling, den Gralskelch hoch erhoben, den Rittern einsam davon. Stuart Skeltons kraftvoller, aber noch etwas unsteter, im Forte entkernter Tenor passt zu diesem taumelnden Toren, der wissend, allzu wissend geworden ist. Amfortas, von Alexander Marco-Buhrmester fabelhaft sicher, aber wenig schmerzzerrissen gesungen, hat sich inzwischen ermattet die Wunde mit dem wieder erlangten Schwert schließen lassen. Paul Gay gibt dem Klingsor junge stimmstarke Figur, Abgründiges liegt noch außerhalb der Möglichkeiten des Rollendebütanten. Aber als schattenhafter Kundry-Lenker wird er zum hoffmannschen Coppelius: zu Beginn der Szene mit Parsifal führt er der auf seinem Schoss sitzenden widerwilligen Verführerin lockend die Arme – eine brillante, zwingende Idee.

Die Inszenierung hätte durch eindringlichere musikalische Spannungsschübe aus dem Graben sicherlich gewonnen. Das bestens disponierte Frankfurter Museumsorchester bekam vom GMD Paolo Carignani wenig die Erzählstrecken überwölbende Tragkraft, fast wirkungslos die dramatischen Aufgipfelungen der Verwandlungsmusiken – symptomatisch für den stimmungsmatten Abend die monochrom flachen Glocken: da ist man inzwischen klangreicheres Getön gewöhnt.

Götz Thieme | 25. April 2006

Neue Zürcher Zeitung

Hinter Gittern

Selbst ein Bühnenweihfestspiel ist nicht gefeit gegen profane Nöte: Finanzknappheit zwang die Frankfurter Oper vor zwei Jahren dazu, die geplante Neuinszenierung von Richard Wagners “Parsifal” zu verschieben und das Werk bloss konzertant aufzuführen. Jetzt ist die szenische Realisation zustande gekommen – eine “Parsifal”-Deutung, die sich betont nüchtern gibt und optisch wie musikalisch auf klare Strukturen setzt. Konkret gezeigt wird zunächst, dass die Handlung in einer abgeschlossenen Welt spielt, zu der die Frauen keinen Zutritt hatten. Während des Vorspiels zieht eine Gruppe von Männern aus dem Zuschauerraum Richtung Bühne, die Frauen bleiben nach Umarmungen winkend zurück.

Jens Kilian hat um die Bühne einen riesigen schwarzen Bretterzaun errichtet, der sich bald schneller, bald langsamer dreht und zwischendurch immer wieder zum Stehen kommt, während sich der Raum in die Tiefe öffnet. So genutzt, ist die Drehbühne mehr als ein Mechanismus. Zum einen nimmt sie den Rhythmus der Musik auf, zum andern macht sie anschaulich, wie die Welt der Gralsritter hermetisch in sich selber kreist. Ob von Parsifal ein Neubeginn zu erwarten ist? Wohin er am Ende, als Nachfolger des Amfortas, mit der Gralsschale schreitet, bleibt offen.

Schwarz-Weiss-Kontrast

Bühne und Kostüme (Ilse Welter) werden von hartem Schwarz-Weiss-Kontrast bestimmt. Gedämpfte Farbtöne sind der büssenden Kundry und Gurnemanz vorbehalten, feurig rot leuchten die grotesk aufgebauschten Kleider der Blumenmädchen. Wo Natur sichtbar wird – mit den Frauen, Kindern und Sträusschen auf der Blumenwiese -, wirkt sie wie eine Traumvision. Ganz anders als Hans Hollmann in seiner jüngst wieder aufgenommenen, nebulös stilisierten Zürcher Inszenierung setzt Christof Nel die Handlung bildhaft konkret in Szene, mit Gralsschale, langer Abendmahlstafel, sterbendem (menschlichem) Schwan, blutendem Amfortas und kämpfenden Riesen im Klingsor-Schloss. In aller Deutlichkeit gezeigt wird dabei – dies ist die zweite Konstante in Nels Inszenierung -, dass die Gralswelt entgegen den Aussagen von Gurnemanz durchaus von Gewalt bestimmt ist und dass diese immer wieder auf Kundry zielt, die als Büsserin von den Knappen bedrängt, als Verführerin von ihrem Meister Klingsor gelenkt wird und schliesslich stirbt.

Am Entwurf des Rollenbildes dürfte die Psychologin Martina Jochem wesentlichen Anteil gehabt haben, doch seine vielschichtige plastische Ausgestaltung ist das Verdienst der darstellerisch und stimmlich gleichermassen intensiven Michaela Schuster. Der Regisseur erzählt in kontinuierlichem, spannungsvollem Fluss. Einzig Parsifals Einzug im Klingsor-Reich fällt unnötig hürdenreich aus. Doch vor allem versteht sich Nel auf die Vergegenwärtigung von Situationen und Figuren. Distanz und Nähe, Motorik und Gestik: Alles ist bei ihm genau bemessen. Und wenn Parsifal – der mit einer angenehm hellen, dem Schlussakt jedoch nicht ganz standhaltenden Tenorstimme aufwartende Stuart Skelton – etwas weniger profiliert wirkt als seine Mit- und Gegenspieler, so kann man dies auch mit dem Anderssein des durch Mitleid wissend werdenden reinen Toren rechtfertigen.

Atmosphärisch geschlossen

Bei Alexander Marco-Buhrmesters Amfortas aber sitzt jede Geste, jeder Ton seines kraftvollen kernigen Baritons. Markant auch die Stimmen des Zauberers Klingsor (Paul Gay) und des noch im Sterben unerbittlich herrischen Königs Titurel (Magnus Baldvinsson), natürlich ebenmässig der Erzählduktus von Jan-Hendrik Rooterings Gurnemanz. Sie alle haben in Paolo Carignani einen Begleiter, der den Orchesterpart ruhig fliessen lässt, die weiten Spannungsbögen kontinuierlich aufbaut, die Solistenstimmen nicht zudeckt, sondern trägt. Und der Klang des Frankfurter Museumsorchesters, mehr erdig-körperhaft denn luzid-schwebend, fügt sich mit dem Bühnengeschehen zu einem Ganzen von dichter atmosphärischer Geschlossenheit.

Marianne Zelger-Vogt | 25. April 2006

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Technical Specifications
192 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 328 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Christof Nel (2006)