Parsifal

Ádám Fischer
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
2 August 2006
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
AmfortasAlexander Marco-Buhrmester
TiturelJyrki Korhonen
GurnemanzRobert Holl
ParsifalAlfons Eberz
KlingsorJohn Wegner
KundryEvelyn Herlitzius
GralsritterClemens Bieber
Samuel Youn
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Online Musik Magazin

“Wahn! Wahn! Überall Wahn! Wohin ich forschend blick’, …”

Obwohl Die Meistersinger von Nürnberg erst im nächsten Jahr in einer neuen Produktion auf die Bühne des Festspielhauses gelangen, beschreibt dieses Zitat von Hans Sachs am besten, was der größte Teil des Publikums auch im dritten Aufführungsjahr des Parsifal von den Ergüssen Christoph Schlingensiefs hält.

Wer zum ersten Mal in diesen von Christoph Schlingensief verbilderten Parsifal geht, muss sich gleich am Anfang entscheiden, ob er den Assoziationen, die sich in einem überbordenden visuellen Konzept Raum schaffen, folgen will, oder nicht.

Lässt man sich auf dieses Abenteuer ein, das sehr wohl seine Reize hat oder haben kann, besteht allerdings die Gefahr (so ging es jedenfalls vielen), dass das Gehirn mit der optischen Reizüberflutung so beschäftigt ist, dass es die Informationen, die die Ohren senden, gar nicht mehr, oder zumindest nur bedingt verarbeitet. So ist es durchaus möglich, dass die Bilderflut an einem vorbeirauscht, ohne dass man Wesentliches der Musik überhaupt registriert. Und das ist eigentlich viel zu schade!

Zum einen ist der Parsifal ja genau das Werk, das Wagner für die einzigartige Akustik seines Festspielhauses komponiert hatte, und zum anderen ließ Adam Fischer, der die musikalische Leitung (planmäßig) von Pierre Boulez übernommen hatte, solch schillernde und leuchtende Parsifal- bzw. Klingsorwelten entstehen, die das Werk nun in ganz anderem Licht erscheinen ließen. Er gab der Musik den ihr jeweils nötigen Raum, ließ sie atmen, gestaltete große Spannungsbögen und gab dem Orchester – und auch den Sängern – die Möglichkeit, sich unverkrampft von der besten Seiten hören zu lassen. Die Einzigartigkeit dieser Musik in dieser Akustik wurde dabei auch wieder in den großen Chorszenen ganz besonders deutlich. Eberhard Friedrich hat mit seinem Festspielchor hier wieder einmal Maßstäbe gesetzt, wofür sie vom Publikum zu Recht und ausgiebig gefeiert wurden.

Alfons Eberz in der Titelrolle gelang es über weite Strecken, sein immenses stimmliches Potenzial zu kontrollieren und es dem Werk dienlich einzusetzen. Robert Holl als Druidenzottel (Gurnemanz) und Alexander Marco-Buhrmester als Amfortas brachten stimmliche Sicherheit ins szenisch Abstruse. John Wegner als schwarzer Woodoo-Häuptling (Klingsor) brillierte nicht nur in vokaler, sondern auch in sportlicher Hinsicht. Evelyn Herlitzius, die die Kundry dieses Jahr neu übernommen hatte, brachte durch ihre starke Bühnenpräsenz Spannung und Atmosphäre auf die Bühne. Auch wenn man sich an den entsprechenden Stellen noch mehr verführerische Farben in ihrer Stimme wünschen könnte, dominierte sie durch ihre Präsenz nicht nur als Verführerin, sondern auch als islamische Kämpferin. Das Altsolo, Titurel, die Ritter, Knappen und Zaubermädchen komplettierten das hörenswerte und musikalisch niveauvolle Ensemble.

Christoph Schlingensief und sein Team haben auch in diesem Jahr wieder tüchtig Hand angelegt und zahlreiche Veränderungen vorgenommen. Neben den Verdoppelungen von Personen gab es auch neue Projektionen und Filmeinspielungen, die vor allem den Religionskonflikt zwischen Christentum und Islam stärker betonten. Arabische Symbole und Zeichen – wie die arabische Übersetzung eines Textes von Friedrich Hölderlin aus dem “Hyperion” – ergänzten die ohnehin schon überbordende Szenerie.

Bedeutungsschwer mischt sich Klingsor im 3. Aufzug immer wieder ins Spiel ein, Amfortas schmust mit Kundry und diese auch mit Parsifal. Zu dritt halten sie gemeinsam den Speer, der eher einem Hirtenstab ähnelt und schreiten im Kreis um diesen herum. Am Ende streckt Parsifal Amfortas mit dem Speer nieder um danach selber mit Kundry durch diese Waffe zu sterben, derer sich Klingsor gleich bemächtigt. Nachdem der Hase verwest ist, öffnet sich in der Dunkelheit im Hintergrund eine Tür, aus der gleißendes Licht scheint. Den Stab haltend schreitet Klingsor in Begleitung von Kundry und Parsifal darauf zu.

Auch ohne Anwesenheit von Christoph Schlingensief machte sich das gepeinigte und “verarschte” (Zitat) Publikum mit kräftigen Buh-Rufen Luft. Allerdings gibt es immer wieder ganz Gescheite (und sogar Erfolgreiche), die selbst aus einem Kuhfladen lesen oder ihn als Kunst verkaufen können. Auch die finden ihre Zielgruppe mit dem dazu gehörenden Geschmack.

Spätestens nach diesen Erfahrungen ist wieder einmal zu vernehmen, dass die Laufzeit der Inszenierungen verkürzt werden soll, um öfter etwas Neues bieten zu können. Dieses ist in diesem Fall zwar nachvollziehbar, aber generell völliger Quatsch! Erstens ist das nur bei wirklich schlechten Produktionen sinnvoll, die es ja in Bayreuth nicht geben soll(te), und zweitens haben durch die ohnehin so langen Wartezeiten noch weniger Interessenten die Möglichkeit, eine Produktion überhaupt einmal sehen zu können.

FAZIT

Noch ein Jahr, dann ist dieses Kapitel der Festspielgeschichte in Bayreuth auch überstanden.

Gerhard Menzel | Rezensierte Aufführung: 19. August 2006

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 600 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth festival
A production by Christoph Schlingensief (2004)