Parsifal

Daniel Barenboim
Chor der Staatsoper Berlin
Staatskapelle Berlin
Date/Location
28 March 2015
Staatsoper im Schiller Theater Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
AmfortasWolfgang Koch
TiturelMatthias Hölle
GurnemanzRené Pape
ParsifalAndreas Schager
KlingsorTómas Tómasson
KundryAnja Kampe
GralsritterPaul O’Neill
Grigory Shkarupa
Gallery
Die Welt

Blut mit Weihwasser ist der Cocktail der Stunde

Wenn’s der Wahrheitsfindung dient: Der Berliner „Parsifal“ von Dmitri Tscherniakov lässt die Finger von aller Wagner-Abstraktion und macht so allen Grals-Mumpitz vergessen.

Parsifal, ein Rucksacktourist. Ist denn früher keiner darauf gekommen?! In kurzen Hosen, frisch eingekleidet vom Tramper-Versand, hat der Reisende sein Mountainbike nur ganz kurz an die Seite gefahren, um ortsansässigen Schwänen nachzustellen. Die Gralsgemeinschaft derweil, ein hoffnungsloser Haufen ungewaschener Pudelmützenträger, hat ihr Kirchlein in einem missionsähnlichen Nonagon-Schuppen aufgeschlagen. Der sieht aus wie das entrümpelte Beisl im dritten Akt von Otto Schenks „Rosenkavalier“-Inszenierung. Man sieht: Hier geht einer vorsichtig, gralsdienlich, zahm zu Werke. Dmitri Tscherniakov ist es, der russische, einst von Daniel Barenboim entdeckte Regisseur, den weiland Patrice Chéreau rundheraus als Genie bezeichnete und der in Berlin in Gestalt der „Zarenbraut“ von Rimski-Korsakow eine meisterliche Inszenierung schuf. Seither ist Tscherniakov die Wunder-, ein bisschen auch die Ausputzerwaffe für Barenboims schwere Fälle.

Da dieser mit Bernd Eichingers Berliner Vorgänger-„Parsifal“ in Wirklichkeit nicht so zufrieden war, wie er vorher immer gesagt hatte, musste Tscherniakov nicht lange überredet werden. Er übernahm ein Werk, dessen robuste Feierlichkeit sich immer schon gegen allzu verwegene Deutungen zu verwehren wusste. Denn das ist das Wundersame an Wagners „Parsifal“: Er ist immun gegen halbgare Interpretationen.

Die Privatrituale in Tscherniakovs Gralsmannschaft haben merkwürdige Formen ausgeprägt: Zur Enthüllung des heiligen Kelches steigt Titurel (back in business: Matthias Hölle) zum Probeliegen schon einmal in einen Sarg. Aus Amfortas’ bluttränender Wunde wird roter Vampirsaft abgezapft, um ihn – vermischt mit Weihwasser – als Trank der Runde zu kredenzen.

Klingsor wiederum (zubeißend: Tómas Tómasson) hat in seinem Garten offenbar ein Mädchenpensionat aufgemacht. Voll herzig geblümter Glockenröcke (Kostüme: Elena Zaytseva). Der Lump selbst: ein alter Oberlehrer-Sack in Strickjacke und mit Sardellenscheitel, auf deren schmierige Striemen er mächtig stolz ist. Bei diesem Ex-Schurken braucht Parsifal keine großen Tricks anzuwenden, um den Speer zurückzugewinnen. Guck, noch mal guck, und weg war er …

Warum dem Toren Parsifal von Kundry ausgerechnet eine Spieluhr in Gestalt eines springenden Porzellan-Rössls verehrt wird, bleibt ungeklärt. Offen zutage dagegen liegt, dass das von Tscherniakov selbst entworfene Bühnenbild – zum Nachteil der Berliner Staatsoper muss es gesagt werden – zehn Meter gegen den Wind schreit: „Achtung, Bühnenwerkstätten!“

Woher soll die Frische kommen?

Wo Wagner in der Endlosschlaufe produziert wird wie an den beiden größeren Berliner Opernhäusern, da muss die musikalische Motivation anderswoher kommen. Barenboims flächiges, zuweilen flaches, grummelig raunendes, hier und da stumpfes „Parsifal“-Dirigat hat man schon inspirierter gehört bei ihm. Im Fall von René Pape ist sogar eine Schlüsselrolle des Werkes mit dem Sänger der Vorgängerproduktion identisch besetzt. Wie soll da Frische aufkommen?!

Freilich singt Pape einen überirdisch eloquenten, die Gralserzählung als Diavortrag so hinreißend gestaltenden Gurnemanz, dass man darüber allen Gralsmumpitz vergessen kann: ein heiliger Brummbär, ganz wunderbar! Wolfgang Kochs schwarzgewichster Bariton leiht den Leidenstönen des Amfortas lakritzblanke Schwere. Andreas Schager singt seinen Parsifal mit heißem Atem, indem er mit dem dünnen Stahl seines Tenors agil wedelt. Er wedelt sogar bedrohlich. Optisch erscheint er dabei als eine Mixtur aus Siegfried Jerusalem und Atze Schröder.

Der Erfolg eines „Parsifal“ hängt nicht unbedingt von Kundry ab. Anja Kampe wurde als indisponiert angesagt. Mit brüchigem, in der Höhe inexistentem, aber vorerst rauchzartem Organ entlockt sie der Rolle im zweiten Aufzug so zwielichtig ungewohnte Herzeleide-Töne, wie man sie gern öfters hören würde. Barenboim dämpft und drosselt hier zugunsten seiner in Nöte geratenden Solistin. Sodass diese Wagner mit einem Mahler-Impetus singen kann. Es sind die berührendsten Momente der Aufführung.

Deren Randverdienst dürfte sein, im dritten Aufzug eine bereits in sich zerfallene, zerrüttete und demoralisierte Gralsgesellschaft zu zeigen. Gurnemanz, plötzlich rauschebärtig, gleicht einem ins Pennerlager hinübergewechselten Wildecker Herzbuben. Die Erlösung mithin kommt zu spät. Zumindest so verspätet, dass Verzückung und Taumel beim wiedergekehrten Speer kaum noch von Wahn und Paranoia zu unterscheiden sind. Kundry, als neue Versuchung für den geheilten Amfortas, wird von Gurnemanz erstochen.

Die Aufführung, ins Gegenständliche gewendet und aller Wagner-Abstraktion abhold, gibt sich vergleichsweise loyal gegenüber der Vorlage. Zumindest landet sie am Ende wieder exegetisch ganz beim Stück. Wenn das die neue Werkbezogenheit ist, die bisweilen herbeigeredet wird: Warum nicht? Es gibt Schlimmeres.

Kai Luehrs-Kaiser | 30.03.2015

BZ

Regisseur Tcherniakov sparte in der Wagner-Neuproduktion nicht an sexuellen Anspielungen und mystischem Zauber – und erntete dafür mit seinen Sängern Applaus.

Die „Parsifal”-Neuproduktion an der Staatsoper unter der musikalischen Leitung von Dirigent Daniel Barenboim ist auf gemischte, teils heftige Reaktionen gestoßen. In den Schlussapplaus mischten sich Samstagabend Buhrufe. Umstritten unter den Premierengästen war vor allem die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov.

Der russische Regisseur lässt Richard Wagners Bühnenweihfestspiel in einer Kirchenruine unter einer massiven Betondecke spielen. Er spart dabei nicht an sexuellen Anspielungen und mystischem Zauber.

Besonders gefeiert wurden die Sänger, allen voran Anja Kampe als Kundry, René Pape als Gurnemanz und Andreas Schager in seinem Rollendebüt als Parsifal. Bis zuletzt war der Einsatz der an einer Grippe erkrankten Kampe offen, wie Intendant Jürgen Flimm zu Beginn der Aufführung ankündigte. Sie meisterte ihren Auftritt jedoch mit Bravour und erntete Ovationen. 

„Parsifal” ist Teil der alljährlichen Festtage der Staatsoper, die in diesem Jahr dem Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez gewidmet sind. Boulez, ein Freund und musikalischer Weggefährte Barenboims, hatte „Parsifal” zweimal bei den Bayreuther Festspielen dirigiert, 1964 und 2004.

DPA | 28. März 2015

Online Musik Magazin

Auf dem Weg in den Wahnsinn

Richard Wagners Parsifal behält immer einige Geheimnisse für sich. Wie zum Trotz. Weil sich die Aufführung des bombastischen Bühnenweihfestspiels eben nicht für alle Zeiten auf den Grünen Hügel beschränken ließ, wie Richard es wollte und Cosima es, so lange es halt ging, durchsetzte. Als zentrale Messe für die Wagnerianer aller Länder, für die man eben zum heiligen Gral nach Bayreuth wallfahren muss. Um dort vor allem zu staunen und zu glauben. Die Zeiten, in denen den Gralshütern „treu bis zum Tod“ gefolgt wurde, sind aber selbst auf dem Grünen Hügel vorbei. Spätesten seit Christoph Schlingensief und dann Stefan Herheim sich jeder auf seine Weise am Allerheiligsten vergangen haben. Andernorts galt das ohnehin nie. Und doch hat oftmals nicht nur der Knabe Parsifal selbst keinen Schimmer, was ihm da in dieser Männergesellschaft an Ritual vorgeführt wird, in deren Abgeschiedenheit von der Welt (und der weiblichen Hälfte der Menschheit) er bei der Schwanenjagd eingedrungen ist.

Wie stark die Bayreuther Beneblungsstrategie nachwirkt, zeigte sich sogar bei der Osterfestspiel-Premiere der Berliner Staatsoper, die noch immer mit dem Schillertheater vorlieb nehmen muss. Selbst die sonst eher vorwitzig respektlosen Berliner hielten sich an das fragwürdige Applausverbot nach dem ersten Aufzug. In der „richtigen“ Kirche wird halt auch nicht geklatscht. Auch Daniel Barenboim schenkte sich diesmal jede Begrüßungs-Huldigung und zeigte sich erst nach getaner Arbeit mit der Staatskapelle. Dirigiert hatte er in einem mittleren Tempo, manchmal mit recht lospolternden Paukenschlägen oder instrumentalen Einzelstimmen, jedenfalls ohne es aufs Analytische oder allzu Weihevolle anzulegen. Dafür verhalf er seinem exzellenten Sängerensemble durchweg zu seinem Recht. Das musste sich ohnehin zusätzlich auf Kindheits-Traumata, die Dämonisierung und Tabuisierung des Sexuellen, Obsessionen Einzelner und Gruppen-Rituale konzentrieren, als sich vor allem im überirdischen Zelebrieren zu ergehen.

Der pubertäre Knabe Parsifal platzt in kurzen Hosen, mit voller Wanderermontur und Armbrust bei einer spartanischen, mies gelaunten Männertruppe in heutigen Winterklamotten herein. Die pflegen hinter dicken Gewölbemauern (vielleicht weit hinter dem Ural) Rituale, die (nicht nur für den Knaben) unverständlich bleiben. Da macht ein alter Herr im langen Ledermantel Probeliegen im Holz-Sarg und freut sich dann doch, als er lebendig wieder herausklettert. Seinem verwundeten Sohn wird Blut abgezapft, als wäre er der Heiland der Christen und jeder von der Truppe will was davon abhaben. Klingsor lebt in der Gegenwelt. Es ist der gleiche Raum, nur jetzt in sterilem Weiß. Ein Filzlatschen-Mann mit Strickjacke und mehr als einer Psychomacke, nennt jede Menge Kinder und Mädchen in hübschen Blumenkleidern mit Lutscher und Puppen sein Eigen. Fritzl lässt grüßen.

Als Parsifal Kundry hier wieder begegnet bricht es aus ihm heraus. Das „Amfortas! Die Wunde!“ wird bei Schager zu einem Anfall von Selbsterkenntnis und schmerzhaft erfahrenem Erwachsenwerden. Andreas Schager, der spätestens als Siegfried der Ringproduktion in Halle zur Spitzenriege der Wagnersänger durchstartete, erweist sich spätestens hier als ein phänomenaler Parsifal, dessen ungebrochene Strahlkraft bis nach Bayreuth hallt, wo er für den nächsten Parsifal schon gebucht ist. Auch Kundry, Anja Kampe, ist eine moderne Frau von heute. Sie ringt (trotz schwerer Grippe) überzeugend mit sich und ihrem Schicksal. Wolfgang Koch kämpft als Amfortas handfest um seinen Tod. Tómas Tómason ist Klingsor und Matthias Hölle der Titurel mit der Sargvorliebe.

Natürlich liefert Rene Pape den standfesten First-Class-Gurnemanz schlechthin. Bei dem Russen Dmitri Tcherniakov (Regie und Bühne) sorgt er dafür, dass am Ende alles bleibt wie es ist. Und das mit tödlicher Konsequenz. Den einzigen wirklich menschlichen Moment, beendet er skrupellos und vor Aller Augen. Als sich nämlich am Ende Kundry und Amfortas zu einem Happyend-Kuss umarmen, und Parsifal sich schon darüber freut, dass Männer und Frauen vielleicht doch zusammen passen, ja einander brauchen, da ersticht der eigentliche Gralshüter Gurnemanz diese Frau kaltblütig von hinten. Schnell wird klar, dass Parsifal da nicht mitspielt. Und so rutscht der bärtige Rest dieses unverbesserlichen, fundamentalistischen Haufens auf Knien in den offenkundigen Wahnsinn. Wohin auch sonst. Das Publikum reagierte auf so viel Düsternis kontrovers.

FAZIT

Das Sängerensemble dieser Parsifal-Produktion ist exzellent. Neben René Pape als Gurnemanz und Anja Kampe als Kundry ist vor allem der erste Parsifal von Andreas Schager überzeugend. Daniel Barenboim und Regisseur Dmitri Tcherniakov (beide haben 2008 Prokofiews Der Spieler und 2014 Rimski-Korsakows Zarenbraut gemeinsam erarbeitet) bleiben mehr oder weniger hinter den hochgesteckten Erwartungen bei dieser Neuproduktion zurück.

Joachim Lange | Premiere an der Staatsoper im Schiller Theater am 28. März 2015 im Rahmen der Festtage 2015

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 574 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast
A production by Dmitri Tcherniakov (premiere)