Parsifal

Alexander Soddy
Chor und Orchester des Nationaltheaters Mannheim
Date/Location
14 April 2017
Nationaltheater Mannheim
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
AmfortasThomas Berau
TiturelPhilipp Alexander Mehr
GurnemanzSung Ha
ParsifalWill Hartmann
KlingsorThomas Jesatko
KundryHeike Wessels
GralsritterDavid Lee
Valentin Anikin
Gallery
Reviews
der-neue-merker.eu

60 Jahre Parsifal im Nationaltheater – „Zum Raum wird hier die Zeit“

Was den Mannheimer Opernfreunden ganz selbstverständlich erscheint, dass „ihr“ Parsifal das Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner ununterbrochen seit sechs Jahrzehnten als Reliquie den Spielplan des Nationaltheaters bereichert, scheint für Auswärtige eine Sensation. Zudem handelt es sich um die weltweit älteste noch gespielte Wagner-Inszenierung. Gingen vor Jahren die Mannheimer zur Absetzung der damals schönsten (von gastierenden Solisten immer wieder bekundet) Inszenierung „Die Meistersinger von Nürnberg“ in tumultuösen Protesten regelrecht auf die Barrikaden, wagte es seitdem kein Intendant das „Heiligtum“ Parsifal auch nur ansatzweise zu denominieren. Weshalb auch ? Fast jede internationale Opern-Metropole beherbergt einen derartig antiquarischen Thesaurus in der Requisite. Vom Banausentum der letzten Jahre müde, bemühen sich viele Häuser um die Renovation sehenswerter Produktionen von dereinst, welche zur Freude der Besucher ihre wundersame Renaissance erleben.

Gewiss mag diese Produktion des Jahres 1957 antiquarisch gelten, lässt sie dennoch so manche neuere Inszenierung durch ihre optische zeitlose Frische und Aussage recht blass aussehen und zieht alljährlich pilgernde Opernscharen aus aller Welt unvermindert in ihren Bann. Im Stil Neu-Bayreuths jeden störenden Ballast meidend, in klarer Aussage und Sicht auf das Wesentliche schuf der damalige Intendant und Regisseur Hans Schüler mit weitsichtigem Blick diese zukunftweisende Inszenierung. Paul Walter, ein Schöpfer-Genie unzähliger grandioser Bühnenbilder lieferte die modernen atmosphärischen Entwürfe im fast leeren Bühnenraum. Dia-Projektionen kreiren naturalistische Bilder, die abstrakten Rundbögen mit der grandiosen Tiefendimension des Gralstempels, das Dornengestrüpp im zweiten Akt, Klingsors Zauberreich mit den bühnenbeherrschenden Blütenkelchen, die stimmungsvolle Aue des dritten Aufzugs im blitzschnellen Szenenwechsel. Nach wie vor fasziniert zu ich schreite kaum die Bewegung der Bäume (wenn auch noch immer leicht ruckelnd). Öfters erneuert doch nach wie vor wunderschön anzusehen die stilistisch passenden Kostüme von Gerda Schulte sowie die in impressionistische Lichtreflektionen gesetzte Szenerie durch Alfred Pape. Licht und Musik spielen in dieser Inszenierung eine ganz besonders transzendentale Rolle, wie auf einem Gemälde erscheinen die Bilder.

Mit einem Wochenend-Festival und umfangreichem Rahmenprogramm feierte man den „Jubilar“ Parsifal u.a. dem Festvortrag des Kunsttheoretikers Bazon Brock, der festlichen Matinee mit Anekdoten und Gedanken zum Werk. Intendant Albrecht Puhlmann interviewte Zeitzeugen, die Ehren-Gäste: Franz Mazura, Thomas Jesatko und Waltraud Brunst (Mannheimer Morgen). Eine Installations-Performance des Video-Künstlers Sven Mundt im Foyer des NTM mit Gabriele Schnaut, Allan Evans, Friedemann Layer u.a. im Gespräch ist kostenlos zugänglich, sowie dem Ballett-Gastspiel der Züricher 3art3 Company mit dem abgewandelten Zitat Zum Fleisch wird hier der Körper.

Gewiss wurden im Laufe der Jahrzehnte Bühnenteile, Kostüme etc. saniert und so bedurfte es wiederum der Erneuerung des Bühnenhügels. Dank der Spende des Richard-Wagner-Verbands in Form einer Benefiz-Gala wurden notwendige Reparaturen erfolgreich finanziert.

Monika Kulczinski die Vorsitzende des RWV überreichte Intendant Puhlmann symbolisch eine Stofftasche mit dem Erlös der Benefizgala in der Christuskirche. Staunend raunendes, beifallsfreudiges Publikum würdigte die stolze Summe von 35.000 € zur Parsifal-Renovierung.

Doch sodann öffnete sich der Vorhang zur Jubiläums-Aufführung dieser ehrwürdigen Produktion deren Geburtsstunde ich selbst als blutjunger Opern-Eleve im Jahre 1957 miterleben durfte. Gewiss ich leugne es nicht, war der damalige Teenie in seinem ersten Opernjahr von der musikalischen Wucht Richard Wagners erschlagen ja regelrecht überfordert, doch sollte sich dies schnell ändern, der junge Spund kostete früh von Fafners Blut und verfiel dem Genre des Bayreuther Meisters bis dato mit Haut und Haaren.

Am Pult des hervorragend disponierten und prächtig musizierenden Orchester des Nationaltheaters pflegte GMD Alexander Soddy zunächst langsame Tempi welche er aber auch mit spannungsvollen Steigerungen zu erfüllen wusste. Intensiv zog Soddy eine durchgehende Transparenz der Partitur allen knalligen odervordergründigen Effekten vor. Von Anfang an setzte der umsichtige Dirigent auf ein integriertes Ineinanderfließen der Grundthemen des Werkes. Etwa schon beim Abendmahlmotiv wenn langsamere Themen sich wie eine Ursubstanz bilden, ambivalent außerhalb fühlbarer Zeiterfahrung in Wellen durch die Streicher ziehen, sich in regelmäßigen Triolen die Bläser zum Pathos des Gesamtklangs formieren. Autorität im Überblick doch gemessenen Schritts strukturierte Soddy das Bühnenweihfestspiel in Klarheit und Ruhe. Waren auch im Solisten-Miteinander wenige kleine Temposchwankungen zu erkennen, taten diese „Merkereien“ der vortrefflichen Gesamtleistung keinen Abbruch. Wunderbar gelangen die musikalisch zelebrierten Stimmungen des Karfreitagzaubers die Hoffnung schufen, welche die fein ausmusizierenden Streicher nuanciert im orchestralen Erlösungsmotiv des Nachspiels mit einer goldenen Krone versahen.

In dieser orchestralen Eibettung schienen sich die Solisten wohl zu fühlen und ganz besonders der vielversprechende Debütant Sung Ha als Gurnemanz. Der noch junge Sänger lieferte ein beachtenswertes Rollenportrait in überraschender Vokalkultur. Gewiss fehlte seinem ausdrucksstarken hellen, doch sehr voluminösen Bass die runde dunkle, sonore Stimmfärbung, die intensive Tiefenschärfe welche der bemerkenswerte mit vortrefflicher Diktion ausglich und mit einem Bravosturm des Publikums belohnt wurde.

Sehr eindrucksvoll gestaltete Thomas Berau die Leiden des Amfortas. In absoluter Artikulation verstand es der vortreffliche Bariton sein klangvolles, kerniges Material äußerst präsent auch zu den schmerzvollen Erbarmenrufen einzusetzen.

Einen starken Eindruck hinterließ ebenso Joachim Goltz als diabolischer Klingsor. Frei ließ der Bariton intensive Charakterzüge in sein ansprechendes Timbre mit einfließen und eroberte das Publikum im Sturm.

Keineswegs kränklich, eher jugendlich frisch präsentierte Philipp Alexander Mehr mit schönstimmigen Bass den Gralskönig Titurel.

Grundsolide ohne nennenswerte Höhepunkte interpretierte ein weiterer Debütant den Parsifal. Der Tenor Will Hartmann verstand es zwar als darstellerisch unbekümmerter Naturbursche zu punkten, doch fehlte seiner Stimme das wohliges Timbre, der Schönklang, der Höhenglanz.

Stimmen sind ja nun bekanntlich eine Geschmacksfrage und über Geschmack lässt sich streiten. Erlebte ich Heike Wessels bereits vor wenigen Jahren als Kundry, wurde ich heute mit ihrer Leistung nicht besonders glücklich. Ihr Mezzosopran entwickelt sich immer mehr zum Hochdramatischen, gewann an immensem Höhenpotenzial und beachtlichem Volumen. Ansprechend gestaltete die in Mannheim beliebte Sängerin wie der finale Bravosturm bezeugte die Momente im ersten Akt sowie die Erzählung Ich sah das Kind… im Duktus der mittleren angenehmen Stimmbereiche, doch nach Grausamer lehrte sie Parsifal und den Rezensenten mit gewaltigen Höhenschärfen das Fürchten.

Als Ohren-Labsal erwies sich wiederum der herrlich klangschön und nuanciert singende Chor des NTM (Dani Juris). Bestens fügten sich die Sänger der Partien der Gralsritter, Knappen und der Blumenmädchen ins Geschehen. Wunderbar verlieh Julia Faylenbogen der Altstimme aus der Höhe strömenden Wohlklang.

Am Ende die typisch herzliche Mannheimer Begeisterung für alle Beteiligten, das Orchester sowie ein einzelnes hartnäckiges Buh für Soddy.

Gerhard Hoffmann | 09.04. 2017

der-neue-merker.eu (II)

Bewegende Momente im Zeitfenster

Die Frage, ob man Wagner wirklich versteht, entscheidet sich an „Parsifal“. Es ist ein Werk, das letzte Dinge in besonderer Weise anspricht. Es ist gerade die Zeitlosigkeit, die bei Hans Schülers Inszenierung überzeugt, die seit 60 Jahren auf dem Spielplan des Nationaltheaters Mannheim steht (Bühne: Paul Walter; Kostüme: Gerda Schulte).

Ein durchsichtiger Vorhang gibt im ersten Akt die Bühne frei. Man sieht runde Säulen, die schon fast eine anthroposophische und metaphysische Wirkungskraft besitzen. Die Assoziationen zu Wieland Wagners Neu-Bayreuther Stil sind hier unübersehbar, jeder dekorationsreiche Bühnenrealismus fehlt. Auffallend ist allein die subtile Lichtregie. Der Rundhorizont nimmt das Auge gefangen, handgemalte Projektionen lassen den Wald, die Gralsburg und Klingsors Zaubergarten in einer geradezu sphärenhaft-überirdischen Aura entstehen. Vor allem der zweite Akt mit den Blumenmädchen in Klingsors Zaubergarten ist Hans Schüler ausgezeichnet gelungen. Dabei hat der Chor der Blumenmädchen im Orchestergraben Platz genommen, die Statisterie befindet sich hingegen auf der Bühne. Im Halbkreis stehen die Gralsritter vor dem kranken Gralskönig Amfortas, dessen Wunde sich nicht schließen will. Der Verführungsszene von Parsifal durch Kundry kann Schüler durchaus ein magisch-erotisches Flair abgewinnen, dessen Intensität sich steigert. Im dritten Aufzug dominieren wiederum unheimliche Lichteffekte, die den Blick auf das Allerhöchste, den Gral, unmittelbar freigeben. Auf dem Bühnenvorhang sieht man schemenhafte Gestalten in einem Licht-Zeitfenster, das sich ständig bewegt. Die Wirkungskraft dieser Szene ist gewaltig – vor allem dann, wenn sich die Ritter im Gralstempel versammeln. Amfortas‘ Verzweiflung erreicht die höchste Stufe, in höchster Erregung fordert er den Tod. Parsifal erscheint und verkündet die Sühne seiner Schuld.

Der Speer erhält bei Hans Schüler seine ursprüngliche Wirkung zurück, er ist bei vielen Szenen präsent – auch im zweiten Akt, wenn Klingsors heiliger Speer von Parsifal im Zeichen des Kreuzes aufgefangen wird. Alexander Soddy dirigiert Opernchor und Bewegungschor des Nationaltheaters Mannheim sowie das Nationaltheater-Orchester Mannheim mit ausladenden Tempi, aber nicht so „betonbreit“ wie der unerreichbare Hans Knappertsbusch. Tatsache ist, dass sich der unbeschreibliche Zauber dieser Musik vor allem im dritten Aufzug erst mit einem zeitlupenhaften Tempo entwickeln kann, der alle Sinne erfasst. Die Diatonik der Gralswelt hat Alexander Soddy als Dirigent gleichwohl im Griff, auch wenn manche Details noch präziser sein könnten. Die dämonische Chromatik des Zauberers Klingsor im zweiten Aufzug könnte noch schärfer herausgearbeitet werden, Thomas Jesatko als Klingsor agiert hier zwar nicht mit rabenschwarzem Bass oder der unheimlichen Aura eines Franz Mazura, vermag seiner Rolle aber durchaus starkes Profil zu geben. Gespenstisch wirkt die Gralszene mit Philipp Alexander Mehr als ehemaliger Gralskönig Titurel. Will Hartmann vermag als Parsifal deswegen zu überzeugen, weil er trotz stimmlicher Strahlkraft den inneren Wandlungsprozess des Titelhelden auch gesanglich nachvollziehbar macht. Sehr gut gestaltet auch Thomas Berau als Amfortas seine leidenschaftlichen Klagen. Heike Wessels ist eine gesanglich machtvolle Kundry, die ihren Spitzentönen im zweiten Aufzug die notwendige schneidende Schärfe und das runde Volumen verleiht. Alexander Soddy arbeitet mit dem Nationaltheater-Orchester Mannheim den Zusammenhang zwischen Leitmotiv und musikalischem Satz durchaus plausibel heraus, wobei die thematischen Zusammenhänge nicht verwischt werden. Rhythmische Prägnanz besitzt das Abendmahlsmotiv, schwebende Unbestimmtheit artikuliert sich in den Synkopen. Der Bewegungsimpuls wird bei dieser Interpretation glücklicherweise nie außer Acht gelassen, die Klangaura der Themen kann sich so gut entfalten. Dies gilt auch für die geheimnisvolle Schichtung der klanglichen Phänomene, die mit dem Bühnengeschehen gut korrespondieren. Pulsierende Elemente lösen sich in den Bläserakkorden auf. Gelegentlich wünscht man sich bei dieser Wiedergabe allerdings noch mehr Durchsichtigkeit des Klangbilds – dies würde nämlich noch besser zu Hans Schülers Inszenierung passen, die der Bühne ja hinter durchsichtigen Schleiern einen ungeheuren Raum gibt. Obwohl es sich bei „Parsifal“ ja eigentlich um eine eher statische Partitur handelt, sollte man die suggestiven Effekte nicht vergessen. Das Fließen dieser Musik kommt bei der Mannheimer Aufführung manchmal zu kurz, denn Wagners Musik erinnert zuweilen an ein Meer, dessen Endlosigkeit den Hörer gleichsam bestürzt und fesselt. Grals- und Glaubensmotiv erhalten bei Alexander Soddy durchaus eine klare Bewegungskontur. Der Motivkern setzt hier eine eigenartige Dynamik frei, der den Sängern allerdings entgegenkommt. Dies spürt man auch bei Sung Ha als Gralsritter Gurnemanz. In weiteren Rollen gefallen David Lee als erster und Valentin Anikin als zweiter Gralsritter. Die Knappen Iris Kupke, Julia Faylenbogen, Uwe Eikötter, Pascal Herington zeigen ebenso klare Präsenz wie die opulenten Blumenmädchen Iris Kupke, Estelle Kruger, Iris-Marie Sojer, Nikola Hillebrand, Katharina Göres und Julia Faylenbogen. Als Altstimme aus der Höhe überzeugt zudem Julia Faylenbogen.

Die kreisläufige Abwärtsbewegung des Glaubensmotivs zeigt zu Hans Schülers Inszenierung eine besondere Verbindung auf. Auch die Anklänge zu den „Meistersingern von Nürnberg“ sind bei dieser insgesamt doch gelungenen Wiedergabe unüberhörbar. Die harmonische Spannungskurve verläuft hier auch in Terzen, die die skalenförmige Bewegung vorantreiben. Hans Schülers Inszenierung kommt den Intentionen Wagners stark entgegen. Es ist eine Inszenierung, die auch nach 60 Jahren nichts von ihrer unmittelbaren Magie eingebüßt hat.

Das Publikum reagierte am Karfreitag begeistert.

Alexander Walther | 14.4.2017 im Nationaltheater

concerti.de

Abstraktion aus Tradition

Ein Bühnenweihfestspiel ganz im Wieland-Wagner-Stil feiert 60. Geburtstag

In der bei Insidern durchaus bekannten Wagner-Stadt Mannheim hat man in den letzten Jahren nicht nur einen szenisch grandiosen, zeitlos modernen, musikalisch allerdings nur sehr unterschiedlich gelungenen neuen „Ring“ unter Achim Freyer und Dan Ettinger erleben können – man kann auch alljährlich einen 60 Jahre alten „Parsifal“ bestaunen. Das was bei den Salzburger Osterfestspielen derzeit mit dem Pseudo-Remake der Karajan-„Walküre“ praktiziert wird, das ist am Mannheimer Nationaltheater in einer viel konsequenteren Weise schon seit vielen Jahren selbstverständliche Karfreitagstradition: die szenische Darbietung einer historisch gewordenen Wagner-Produktion, eines „Parsifal“ ganz im Stile Wieland Wagners.

Pilgerfahrt zu einer Kultaufführung

Die Inszenierung von 1957 spiegelt den Geist des damals stilbildenden Regisseurs und einstigen Bayreuther Festspielleiters Wieland Wagner wider. Abstraktion und Konzentration statt Dekoration, jede Bewegung der Sängerdarsteller mit Sinn, Ziel und Gewicht, keine beliebigen Gänge, um Zeit zu füllen. Genau unter diesen Prämissen hat der damalige Mannheimer Intendant Hans Schüler den „Parsifal“ im Bühnenbild von Paul Walter gestaltet. Ein angedeuteter Hügel, kaum eine Handvoll weiterer Bühnenelemente und Requisiten, ein riesiger Rundhorizont, handgemalte Scheinprojektionen, die den Wald, Klingsors Zaubergarten und den Gralstempel auf eine faszinierend schlichte, aber dennoch raffinierte Weise auf die Bühne bringen und imaginäre Räume für szenische Rituale schaffen. Im Laufe der Jahrzehnte ist aus dem Bühnenritual des Mannheimer „Parsifal“ eine Kultaufführung geworden, zu der alljährlich Wagner-Freunde aus Nah und Fern anreisen.

Reduktion auf das Wesentliche

Farblich bleibt im Bühnenbild Paul Walters alles dezent, die Kostüme Gerda Schultes sind eine Mischung aus historisierend und archaisch, auf jeden Fall einfach, aber teilweise wirken sie fürs heutige Auge dann doch ein wenig plump und billig. Die Kostüme sind nicht annähernd so gelungen wie die Regie, deren Konzept bis heute trägt, weil sich Grundsätzliches bis heute durch mündliche Übermittlung vom früheren Regieassistenten auf dessen Nachfolger und von Sängern der Erstphase und deren Nachfolgern bis zu heutigen Mitwirkenden erhalten hat. Es ist ungemein faszinierend, wie es diese Produktion schon vor ihrem Beginn schafft, allein durch die Erwartungshaltung des Mannheimer Publikums, das zu einem beträchtlichen Teil diese Inszenierung nicht das erste Mal erlebt, eine Konzentration zu erzeugen, die geradezu idealtypisch zum aufs Wesentliche reduzierten Bühnengeschehen passt.

Generalmusikdirektor Alexander Soddy begeistert

Und dann kommt in diesem Jahr eine unerwartete Komponente hinzu: Der neue junge Mannheimer Generalmusikdirektor Alexander Soddy erweist sich im ersten Aufzug als begnadeter Wagner-Interpret, der sich viel Zeit nimmt für die Details und die Klangfarben und dabei auch wunderbar zurückhaltend das teilweise hervorragend verständlich singende Ensemble begleitete. Und das Mannheimer Orchester spielt auf Spitzenniveau. Da konnte man nur begeistert sein, allerdings gerieten die nachfolgenden Akte nicht ganz so zwingend. Der zweite hatte noch sehr starke Phasen, jedoch verlor Soddy dann etwas den Spannungsbogen. Der dritte wurde zunehmend unkonzentrierter. Und das Sängerensemble repräsentierte zwar durchweg hohes Niveau, war aber doch wenig homogen. Der junge Koreaner Sung Ha überzeugte bei seinem Rollendebüt als Gurnemanz nicht nur zeitweise in der Diktion und seinem sehr choreografisch durchgestalten Spiel, jedoch wirkte er immer wieder innerlich geradezu unbeteiligt. Will Hartmann war als Parsifal im zweiten Akt ein Ereignis in Erscheinung und Gesang, hatte sich aber dabei schon zu stark verausgabt, sodass sein dritter Akt weniger Freude bereitete. Heike Wessels als Kundry war musikalisch-gestalterisch sicher die überzeugendste Besetzung des Abends, ihre Stimme wurde aber in der Höhe unangenehm scharf. Thomas Berau als Amfortas und Joachim Goltz als Klingsor waren beide hochkarätige Stützen eines Abends, der bewies, dass auch Traditionspflege im immer schnelllebiger werdenden Operngewerbe eine Zukunft haben kann. In Mannheim ist das sicher so.

Demnächst wird das historische Bühnenbild dieser Inszenierung generalüberholt und erneuert. Und so dürfte diese Inszenierung noch viele Jahre weiter leben. Auf dass weiterhin Karfreitag die große Wagner-Gemeinde nach Mannheim reist. Und man wird in Mannheim wohl zusätzlich überlegen, ob man nicht zwischenzeitlich mal einen anderen „Zweit-Parsifal“ als zeitweise Alternative ins Auge fassen will. Damit hätte das Mannheimer Haus ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.

Reinald Hanke | 12. April 2017

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 579 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Hans Schüler (1957)