Parsifal

Daniel Barenboim
Chor der Staatsoper Berlin
Staatskapelle Berlin
Date/Location
2 April 2018
Staatsoper Unter den Linden Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
AmfortasLauri Vasar
TiturelReinhard Hagen
GurnemanzRené Pape
ParsifalAndreas Schager
KlingsorFalk Struckmann
KundryNina Stemme
GralsritterJun-Sang Han
Dominic Barberi
Gallery
konzertkritikopernkritikberlin.wordpress.com
Andreas Schagers Parsifal fand ich in den vorangegangen Jahren wenig biegsam, Phrasierung und Deklamationsstil hart. Heute bin ich zufrieden. Entweder Schager ist besser oder ich höre aufmerksamer. Die helle Klarheit der Tenorstimme durchdringt jedes Orchester. Die Stimme ist schlank. Ermüdung scheint der Tenor (derzeit) nicht zu kennen. Nur Ausdrucksintensität ist seine Sache eher nicht. Schager ist auch um inwendigen Ton bemüht, auch wenn das Piano nicht sinnlich blüht (Auch deine Träne ward zum Segenstaue/du weinest, – sieh! es lacht die Aue!). Tonhöhen vagieren gerne ein bisschen. Andere Stellen sind mustergültig, von kontrollierter Phrasierung, metallisch, verhalten und doch dezidiert männlich (Nur eine Waffe taugt).

Nina Stemme ist eine wundervolle Kundry. Das Klangmaterial der Stimme ist immer noch hervorragend. Ihr Ausdruckscharakter vermeidet alles Hysterische. Stemme gibt dem ruhigen, souveränen Vortrag den Vorrang vor gefährlicher rhetorischer Intensivierung. Was nicht mehr nach Zwanzigjähriger klingt (hörbares Bemühen um Piano und Attacke, nachlassender Schmelz der hohen Lage – aber als Kundry muss man selten aufs b“ oder h“ rauf) wird mehr als wettgemacht durch die reiche, meisterhaft geführte Stimme. Die tiefe Lage ist fabelhaft. Gegen den in diesen heil’gen Hallen noch sehr lebendigen Geist der Waltraud Meier zieht Nina Stemme sich sehr gut aus der Affäre. Darstellerisch bleibt sie blasser, ist vielleicht mit der Produktion noch nicht hinreichend vertraut.

Mit Amfortas Lauri Vasar habe ich nach wie vor Probleme. Die Stimmschönheit steht außer Frage und es gelingen tonschöne Passagen (Recht so! habt Dank!), doch der gaumigen, unstet-körnigen Stimme fehlt Härtung. Die hohen Töne des Monologs im 3. Akt misslingen. Als Mozart-Figaro ist und bleibt er allerdings super.

Klingsor Falk Struckmann ist ein alter Wagnerkämpe. Die raue Stimme hat Schlagkraft und Autorität. Struckmann deklamiert energisch. Ja, die harte Tongebung steht wirklicher Stimmschönheit entgegen, doch ist Struckmann ein suggestiver Darsteller, der als onkelhafter Gebieter über einen Mädchenharem überzeugt. Der Titurel von Reinhard Hagen beeindruckt mit der bissigen Autorität des greisen Königs. Zurecht viel Applaus.

Und damit zu René Pape. Im 3. Akt macht ihn Tscherniakow zum Tattergreis und Zipfelmützenträger. Klasse, wie Pape Gurnemanz‘ Unruhe vor Nicht so! die heil’ge Quelle selbst spielt. Pape singt die epischen, von Lyrismus durchtränkten Rückblenden des ersten Akts als klangschön strömende Proklamation. Exemplarisch René Papes Meisterschaft beim Karfreitagszauber: Reichtum und gediegene Schönheit des vibrierenden Bassklangs, bewegende Lebendigkeit der Deklamation, Reife und Überlegenheit des Vortrags wären einen eigenen Artikel wert. Auffallend die Zurückhaltung bei der Deklamation, um die Linie nicht zu zerstören. Als Kritikpunkte seien bei so viel Lob erwähnt: das heftige Ausstellen von Akzenten (dies des Grals Gebiet) samt Eindunkeln der Vokale (Grols) zwecks Zugewinn an Pathos. Doch womöglich lässt sich Ersteres auch unter dem von Wagner geforderten energisch sprechendem Akzent subsumieren. Sei’s drum. Ungewöhnlich die Darstellung nacherlebender Trauer bei er starb – ein Mensch, wie alle! Ein außerordentlicher, ein unübertroffener Gurnemanz.

Die Gralsritter singen Jun-Sang Han und Dominic Barberi (mit schwarzem, körnigem Bass: Das wähnest du, der doch Alles weiß?), die Knappen Natalia Skrycka (Seht dort die wilde Reiterin!), Sónia Grané, Florian Hoffmann, Linard Vrielink. Die adretten, als vordergründig harmloses Blümchenrudel auftretenden Blumenmädls werden von Elsa Dreisig (deren Sopran man meist heraushört), Adriane Queiroz, Anja Schlosser, Sónia Grané (hört man auch wegen der sehr hellen, blumengleich rankenden Stimme), Narine Yeghiyan und Natalia Skrycka gesungen.

Womöglich wird Daniel Barenboim nicht mehr allzu viele Parsifals dirigieren. Irgendwann geben auch Chefdirigenten auf Lebenszeit den Dirigierstab ab. Am diesjährigen Festtage-Parsifal kann man herummäkeln. Die Gruppenkoordination im Orchester ist weniger zuverlässig als gewohnt, auch im Vorspiel zum ersten Akt (auch innerhalb der Streicher). Die Chöre klingen inhomogen, was mit der heftigen Bewegtheit der Chorszenen zusammenhängen mag. Insgesamt scheint Barenboims Zugriff lockerer. Dies war auch schon in Tristan und Isolde zu hören. Doch die Staatskapelle Berlin wirft ihr Phrasierungsgenie, ihre Intensität in die Waagschale. Weiche Streicher, eindrucksvolle Posaunen, warme Holzbläser dominieren. Barenboims Sinn für Zusammenhang, für Prozess, für das Atmen der Musik, für das Anfüllen der Details mit leisesten Regungen, für den gebrochene Ton, der die Partitur durchzieht, dürfte unübertroffen sein. Die Kiesker der Hörner sind dem wunderbaren Langsam- und Leisespielen geschuldet und somit Ausweis besonderen Ausdruckswagnisses (und der Belastung durch das Festtage-Programm).

Schlatz | 31. März 2018

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Media Type/Label
HO
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Technical Specifications
128 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 226 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Dmitri Tcherniakov (2015)