Parsifal

Sylvain Cambreling
Chor und Orchester der Staatsoper Stuttgart
Date/Location
4 March 2018
Staatsoper Stuttgart
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
AmfortasMarkus Marquardt
TiturelMatthias Hölle
GurnemanzAttila Jun
ParsifalDaniel Kirch
KlingsorTobias Schabel
KundryChristiane Libor
GralsritterHeinz Göhrig
Michael Nagl
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Reviews
Stuttgarter Zeitung

Mit Calixto Bieito unter der Autobahnbrücke

Nach wie vor aktuell und provokant: Calixto Bieito erzählt in seiner Stuttgarter „Parsifal“-Inszenierung von den verrohten Mitgliedern einer Gralsgemeinschaft, sexuelle Übergriffe inklusive.

Acht Jahre alt ist Calixto Bieitos Inszenierung von Richard Wagners „Parsifal“. Und sie ist immer noch provokant, wie die Wiederaufnahme am Sonntag in der Stuttgarter Staatsoper zeigt. Denn Bieito, der ab der kommenden Spielzeit Hausregisseur am benachbarten Schauspiel wird, nimmt die verkrusteten und sinnentleerten Strukturen einer deformierten, nach religiöser Transzendenz suchenden Gesellschaft unter die Lupe.

In der postapokalyptischen Welt unter der kaputten Autobahnbrücke (Bühne: Susanne Gschwender) sind die Mitglieder der Gralsgemeinschaft verroht, gieren nach Nahrung und Gewalt, sind sexuell übergriffig. Die Gewalt richtet sich auch gegen den eigenen Anführer Amfortas, der das Ritual nicht mehr zelebrieren will und sich mit aller verbliebenen Macht gegen die Wünsche der Gruppe stellt. Markus Marquardt, in Stuttgart schon als Rigoletto gefeiert, schleudert bei seinem Rollendebüt vor allem in der oberen Lage kraftvolle Passagen in den Raum, ist mit markanter und zu vielen rauen Tönen fähiger Stimme eher ein Revolutionär als ein still und siech Leidender. Vielleicht wäre es klüger gewesen, ihn und Tobias Schabel die Rollen tauschen zu lassen. Denn Schabel ist mit seinem dunkel-eleganten Bassbariton ein zu stimmschöner Klingsor. Auch wenn er sich mit Spielfreude, makelloser Stimmführung und perfekter Sprachbehandlung in die Rolle stürzt, so ganz abnehmen will man ihm den bedrohlichen Charakter nicht, auch wenn er mit dem Flammenwerfer hantiert und den Blumenmädchen gegenüber kaum Hemmungen zeigt.

Projektionsfläche religiöser Wünsche

An dieser Stelle hat Bieitos detailreiche und von sorgfältiger Personenführung geprägte Inszenierung ohnehin eine Schwäche. Es fehlt der optische Kontrast zwischen der Welt der Gralsritter und dem Zauberreich Klingsors. Noch problematischer: Alle sinnliche Atmosphäre ist diesem zweiten Akt ausgetrieben, weshalb auch die Verführungsversuche am Titelhelden zum Scheitern verurteilt sind. Dieser Parsifal wird bei Bieito zur Projektionsfläche disparater religiöser Wünsche stilisiert. Aber Daniel Kirch taugt im Gegensatz zu seinem Rollenvorgänger nur bedingt dafür. Kirch braucht bis zum zweiten Akt, um sich freizusingen und zu einer einheitlichen Stimmführung zu finden, bleibt mit den eingedunkelten Höhen und einem oft monochromen Timbre aber einiges in Sachen vokaler Charakterisierung schuldig.

Auf ganz anderem Niveau agiert Attila Jun. Der Bass hat sein Porträt des Gurnemanz weiter verfeinert, besticht durch die Größe seiner Stimme, formt den Text plastisch und zeigt mit prägnantem Spiel, wie viel Gewaltbereitschaft in dieser Figur steckt. Glaubwürdig legt er auch die zunehmende Desillusionierung an, bis hin zur Selbstkasteiung. Christiane Libor wiederum, die in der Premierenserie noch mit der Höhe zu kämpfen hatte, ist jetzt eine Kundry von Weltrang. Nicht nur, dass sie über die brustige Tiefe für den ersten Akt verfügt. Ihre vollen und strahlkräftigen Höhen im zweiten Akt sind beeindruckend. Auch darstellerisch geht die Sängerin an die Grenzen.

Die überschreitet bisweilen Sylvain Cambreling, wenn er Kulminationspunkte wie die Ekstase des zweiten Akts überreizt. Andererseits sucht der Stuttgarter GMD immer wieder mit analytischem Blick die Nähe zur Szene, was sich vor allem in den Strukturierungen und Tempomodulationen zeigt. Zweifel bleiben aber, vor allem wegen des wenig sinnlichen Karfreitagswunders und weil dem Staatsorchester nicht immer der magische Mischklang gelingen will.

Markus Dippold | 26. Februar 2018

onlinemerker.com

DAS LEIDEN DES GRALSKÖNIGS

Der Regisseur Calixto Bieito (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Valentin Schwarz) hat Richard Wagners Meisterwerk „Parsifal“ in eine apokalyptische Landschaft verlegt, die Zivilisation ist hier vernichtet, es herrscht Ascheregen und die Menschen vegetieren obdachlos dahin. Es geht hier natürlich auch um die Wiedergeburt einer Seele bis zur Erlösung, das war Wagner sehr wichtig. Und es handelt sich um ein Bühnenweihfestspiel, keine normale Oper.

Natürlich kommt dieser Aspekt bei Bieitos Inszenierung zu kurz – trotzdem arbeitet er die verletzte Grundsituation deutlich heraus. Klar wird, dass der Gralskönig Amfortas leidet. Denn der Zauberer Klingsor hat dem von einer „teuflisch schönen Frau“ Verführten mit einem heiligen Speer eine Wunde geschlagen, die nicht heilen will. Bei der Gralsenthüllung bricht die Wunde des Königs jedes Mal von neuem auf. Deshalb knüpft sich alle Hoffnung an die Ankunft des“reinen Toren“, der „durch Mitleid wissend“ werden soll. Da Parsifal von seinem Schicksal nichts ahnt, klärt ihn die Seherin Kundry darüber auf. Die Gralsgemeinschaft ist zwar der Auflösung nahe, doch Parsifal rettet zuletzt den Gralskönig Amfortas.

Die Menschen sind bei Calixto Bieito allerdings in ihem eigenen Leid gefangen, es herrscht Tod und Verzweiflung. Dem Zuschauer begegnen hier immer wieder in suggestiver Weise bedrückende Bilder einer zerstörten Zivilisation, was an Figuren aus Cormac McCarthys Roman „Die Straße“ erinnert. Dort ist der Vater nicht mehr in der Lage, seinem Sohn einen Glauben an die Zukunft zu vermitteln. Der Spielort zeigt eine Ruine, eine zerstörte Brücke. Man begegnet einer Gemeinschaft von Männern, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihrer Existenz einen religiösen Sinn zu geben. Es werden aber keine Rituale mehr durchgeführt, weil diese Gemeinschaft in einer schweren Krise ist. Diesen Aspekt arbeitet die Inszenierung deutlich heraus. Die Gegenstände entstehen hier aus einer Notwendigkeit des Handelns heraus.

Das Staatsorchester Stuttgart musiziert unter der impulsiven Leitung von Sylvain Cambreling wie aus einem Guss. Dies zeigt sich bereits beim Gralsmotiv, dessen Intensität ständig zunimmt. Die Musik entschädigt in weiten Teilen auch für den fehlenden „Weihegehalt“ der Inszenierung Calixto Bieitos, was sich zudem beim Motiv der reuevollen Demut am Ende des ersten Aktes offenbart. Schon beim Vorspiel fällt der Klangfarbenreichtum auf, mit dem das Staatsorchester Stuttgart hier unter Cambrelings Leitung musiziert. Die Wechsel von As-, Ces-Dur nach d-Moll werden durchaus geheimnisvoll gestaltet. Das Motiv des Glaubens mit seiner sequenzartigen Umkehr überzeugt bei diesem subtilen Dirigat auch in klangfarblicher Hinsicht. Dass der Quell der musikalischen Inspiration bei diesem Alterswerk angeblich nicht mehr so verschwenderisch strömt, ist eine krasse Fehleinschätzung, die der Dirigent Sylvain Cambreling mit dem vorzüglich musizierenden Staatsorchester Stuttgart offenbart.

Markus Marquardt kann als Amfortas die leidenschaftlichen Klagen des Königs mit seinem sonoren Bariton gut verdeutlichen. Das eindrucksvolle Motiv des Leidens kommt auch bei Gurnemanz‘ Worten „Er naht, sie bringen ihn getragen“ in ausdrucksvoller Weise zum Vorschein, weil Attila Jun als Gurnemanz über viele klangfarbliche Facetten verfügt. Der von Christoph Heil und Johannes Knecht in kompakter Weise einstudierte Chor und Kinderchor der Staatsoper agiert mit bestechender harmonischer Durchsichtigkeit. Der Gesang der Männer verleiht dem Schreitmotiv mit der langgezogenen Kantilene Entschlossenheit und formale Kraft. Auch das Motiv der Zerknirschung arbeitet Cambreling mit dem Staatsorchester mit den schnellen Modulationswechseln von es-Moll nach Fes-Dur und Es-Dur nuancenreich heraus.

Es tut sich bei dieser Aufführung also ungeheuer viel im Orchestergraben, dessen elektrisierende Funken sich auf die weitere Sängerriege übertragen. Davon wird nicht nur der strahlkräftige Parsifal von Daniel Kirch angesteckt, sondern auch der durchaus dämonische Klingsor von Tobias Schabel. Christiane Libor als Kundry fasziniert mit feurigen Spitzentönen und gesanglich bewegender Mittellage trotz manchmal fehlender Legato-Bögen. Ihre Sopranstimme ist hell und zuweilen sogar jugendlich, wirkt aber nie oberflächlich. Die unheimlich zuckenden Rhythmen des Klingsor-Motivs übertragen sich im zweiten Akt in erstaunlicher Weise auf Kundry, die das Unruhe-Motiv geradezu verinnerlicht. Gerade die sich ständig selbst verletzenden Blumenmädchen, die auch von Parsifal misshandelt werden, erhalten bei Cambreling und dem Staatsorchester Stuttgart dennoch einen geschmeidigen Linienzug der Orchesterkantilene, dessen Intensität ständig zunimmt. Wie Christiane Libor aus dem Verzweiflungsmotiv schließlich das Lockmotiv gestaltet, ist nicht nur vom Timbre her bemerkenswert. Auch darstellerisch gewinnt sie im zweiten Akt immer mehr an Profil. Bei der Passage „Ich sah – ihn – und – lachte…da traf mich sein Blick“, bei welchem die Singstimme vom hohen H auf das tiefe Cis springt, setzt sich Kundrys innerer Wandlungsprozess konsequent fort. Cambreling lässt den Schluss des zweiten Aktes wie ein ohrenbetäubendes Gewitter hereinbrechen.

Ein weiterer Höhepunkt dieser Aufführung ist die gewaltige Dekorationsumwandlung im dritten Akt. Kundry klettert wie von Sinnen an dem kaputten Brückengerüst hinauf. Die Totenklage dröhnt durch den Raum, deren Bassstimme im gleichen Rhythmus ununterbrochen weitergeführt wird. Und auch die Intervallschritte dieses Motivs kommen nicht zu kurz. Matthias Hölle als Titurel begeistert mit des Basses Grundgewalt, im dritten Akt wird das nach Erlösung rufende Titurel-Double (Otto Quenzer) von den wildgewordenen Männern der Gralsgemeinschaft im Bad erschlagen. Die Entweihung des katholischen Mysterienfestspiels könnte bei Calixto Bieito nicht gründlicher sein.

Darin aber besteht auch die Problematik dieser Inszenierung. Die Errettung Titurels und seines Sohnes Amfortas durch den als Engel erscheinenden Parsifal ist trotzdem ein überzeugender Regieansatz. Das gleiche gilt für die sich plötzlich öffnenden Saaltüren im Zuschauerraum, wo der Kinderchor mit Engelsflügeln erscheint. Es sind diese großen Gegensätze, die hier oft nicht logisch erscheinen und sich dann doch wie ein Mosaik zusammenfügen. Durch mehr dramaturgische Einheit könnte diese Inszenierung dennoch noch mehr an Glaubwürdigkeit gewinnen. In weiteren Rollen fesseln bei dieser musikalisch weit überdurchschnittlichen Aufführung Heinz Göhrig und Michael Nagl (1. und 2. Gralsritter), Josefin Feiler, Esther Dierkes, Torsten Hofmann, Moritz Kallenberg (1., 2., 3. und 4. Knappe) sowie die Blumenmädchen Josefin Feiler, Esther Dierkes, Fiorella Hincapie, Mirella Bunoaica, Aoife Gibney und Stine Marie Fischer. Stine Marie Fischer ist auch die Stimme aus der Höhe. Vor allem für die Sängermannschaft und für Orchester und Dirigent gab es große Ovationen.

Alexander Walther | 04.03.2018

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 516 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Calixto Bieito (2010)