Rienzi

Simone Young
Chor der Staatsoper Hamburg
Philharmoniker Hamburg
Date/Location
13 January 2013
Laeiszhalle Hamburg
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Cola RienziAndreas Schager
IreneRicarda Merbeth
Steffano ColonnaWilhelm Schwinghammer
AdrianoKatja Pieweck
Paolo OrsiniEike Wilm Schulte
RaimondoJongmin Park
BaroncelliMartin Homrich
Cecco del VecchioMoritz Gogg
FriedensboteSolen Mainguené
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Hamburger Feuilleton

»Begreift nicht das Mißlingen der wohlberechnet schönen Tat?«

Simone Young leitet die Aufführung und mehr nicht – Wagners Frühwerk »Rienzi« in der Hamburger Musikhalle
Dass Rienzi als eines der schwä­che­ren Werke des kom­ple­xen Bay­reu­thers gilt, ist rela­tiv unum­strit­ten. Dass es gleich­wohl viele der musi­ka­li­schen Spe­zia­li­tä­ten der spä­ten Meis­ter­schaft schon rudi­men­tär anlegt, ist eben­falls bekannt. Das gigan­tisch ange­legte Stück, das Mate­rial für zwei Abende bie­tet – in einer spä­te­ren Fas­sung hat Wag­ner es tat­säch­lich zwei­ge­teilt – hat aber auch eine der undank­bars­ten Rol­len in der Wir­kungs­ge­schichte. Redu­ziert auf den dräu­en­den Ouvertüren-Stoff mit sei­ner sug­ges­ti­ven, ja sog­haf­ten Durch­schlags­kraft, steht das Werk als Pro­to­typ der Ver­bin­dung zwi­schen Faschis­mus und Wag­ners Musik. Kaum eine Reichs­par­teis­tags­er­öff­nung ohne das dräu­ende Vibrato der Strei­cher, dem der junge Adolf Hit­ler nicht wider­ste­hen konnte und sich fortan als Inkar­na­tion des römi­schen Volks­tri­buns sah. Die­ses Stigma als »des Füh­rers Lieb­lings­oper« hängt dem wag­ner­schen Früh­werk bis heute an, nach 1945 wurde es sehr sel­ten aufgeführt.
Nun ist 2013 ein Wag­ner– wie Verdi-Jahr – der Bay­reu­ther wurde wie sein ita­lie­ni­scher Rivale 1813 gebo­ren – und auch die Ham­bur­ger Staats­oper möchte das Ihre dazu­tun. Sie rich­tet sich auf einen drei­wö­chi­gen Schwer­punkt mit allen Haupt­wer­ken des Meis­ters ein, inklu­sive Ring, und nennt das mar­ke­tin­gras­selnd »Wagner-Wahn«. Die­ser Rienzi ist dem Gan­zen zeit­lich vor­an­ge­stellt. Die Dis­tanz vom Haupt­werk ist die Ein­zige, die die GMD Simone Young sich von die­sem Werk gönnt, sie sieht den Rienzi »als große Ver­hei­ßung« und »Vor­ah­nung«. Viel Ver­trauen in das 1842 urauf­ge­führte Stück spricht lei­der nicht daraus.
Fol­ge­rich­tig gibt es näm­lich den Rienzi kon­zer­tant, keine Insze­nie­rung und ebenso fol­ge­rich­tig auch keine Hal­tung zu Werk und Wir­kung auf der Bühne. Einen Pro­gramm­heft­text mit der neu­es­ten Wag­n­er­for­schung und ein paar Kom­men­ta­ren bei­zu­le­gen, genügt nicht. Das ist sehr schlicht gedacht. Und das es hier­zu­lande keine Regis­seure geben soll, die sich dem Werk stel­len kön­nen – so ließ Simone Young tat­säch­lich ver­lau­ten – ist schlicht und ein­fach eine Zumu­tung und Belei­di­gung für einen kom­plet­ten Berufs­stand. Das sieht man in Bay­reuth gott­lob anders, da darf Mat­thias von Stegmann zusam­men mit Chris­tian Thiele­mann es am 7. Juli immer­hin ver­su­chen. Natür­lich ist das kein Reper­toire­stück für ein Opern­haus, mit einem ent­schie­de­nen Regie­zu­griff und einem damit ver­bun­de­nen Kom­men­tar wäre der Staats­oper und ihrer Lei­tung die Auf­merk­sam­keit gewiss, nach sie allent­hal­ben strebt.
Simone Young geht das Sah­ne­stück der Ouver­türe rela­tiv breit in den Tempi an, spä­ter am Abend gibt es aller­dings das Eine oder Andere zu ent­de­cken, das schon auf die spä­tere Meis­ter­schaft des Kom­po­nis­ten ver­weist. Sie hat gut daran getan, die Par­ti­tur zu ent­schla­cken, wenn­gleich das kein ori­gi­nä­rer Ein­fall ist, hier im wei­te­ren Ver­lauf des Wer­kes ein wenig aus dem Blech her­aus­ge­nom­men und dort im Gro­ßen und Gan­zen gestrafft.
Nicht immer gelingt der grosse Bogen, der die Wagner-Welt sonst in Atem hal­ten kann, das sei aller­dings auch der Unaus­ge­go­ren­heit einer frü­hen Arbeit zuzu­schrei­ben. Einen hüb­schen Effekt machen aller­dings die im Text ste­hen­den lon­tano–Stel­len, bei denen Teile des Chors und der Blech­blä­ser aus­ser­halb des Saa­les plat­ziert sind, die zumin­dest eine Ahnung einer räum­li­chen Umset­zung auf­kom­men las­sen. Auf­fal­lend glän­zend dis­po­niert ist der Chor unter der Lei­tung von Janko Kas­te­lic, der an die­sem Abend Gewal­ti­ges zu stem­men hat. Die­ser Kraft­akt offen­bart aller­dings erneut die Schwä­chen des Wer­kes, viel ist da gewollt und groß­mäch­tig, sei­ner sze­ni­schen Wucht beraubt, bleibt das Getöse, in des­sen Ruch Wag­ner häu­fig steht.
Die Beset­zung der Solis­ten ist respek­ta­bel, ein viel­be­ach­te­ter New­co­mer singt die Titel­par­tie, an sei­ner Seite steht eine erfah­rene Wagner-Spezialistin. Ansons­ten hat sich die GMD vor­wie­gend aus dem fes­ten Ensem­ble des Hau­ses bedient, das sich bis auf den voll klin­gen­den, aber bedau­er­li­cher­weise völ­lig unver­ständ­li­chen jun­gen Bas­sis­ten Jong­min Park, wohl auf­ge­stellt zeigt, in der kur­zen Par­tie des »Frie­dens­bo­ten« hat die junge Solen Mainguené , Sti­pen­dia­tin des Opern­stu­dios, einen effekt­vol­len und kan­ti­le­nen­rei­chen Auftritt.
Rienzi Andreas Scha­ger ist in der Tat doch noch nicht so ganz die kom­mende große Wagner-Hoffnung. Zwar ist er in der Titel­rolle von gros­ser Stand­kraft, singt mit hoher Wort­ver­ständ­lich­keit und sicher im obe­ren Regis­ter, offen­bart aber in den Mit­tel­la­gen ein merk­li­ches Vibrato, das zwei­feln lässt. Zumal es im Hit­stück, Rien­zis Gebet, mit sei­ner imma­nen­ten klang­li­chen Italo­phi­lie doch deut­lich an jenem Schmelz zu feh­len scheint, der einen Hel­den­te­nor zu einem Hel­den der Opern­bühne wer­den lässt. Aber Poten­tial ist sicher­lich da, zumal die Sta­tik der kon­zer­tan­ten Auf­füh­rung ihm mit­un­ter nicht aus­rei­chen mochte – hie und da ent­fleucht ihm doch die eine oder andere unge­steu­erte und unin­sze­nierte Geste, mög­li­cher­weise fehlt es für den 42jährigen, dem da tat­säch­lich an einer räum­li­chen Umsetzung.
Ricarda Mer­beth als Rien­zis Schwes­ter Irene hin­ge­gen ist ein ech­ter, ein fei­ner Dra­ma­ti­scher Sopran, deren prä­zi­ser und metal­lisch schim­mern­der Ton direkt auf Bay­reuths Hügel ver­weist, wo sie unter Chris­tian Thiele­mann vor eini­gen Jah­ren eine her­aus­ra­gende Eli­sa­beth gab. Ihr Leu­mund als Wagner-Sängerin ist ebenso unta­de­lig wie ihr Ham­bur­ger Auftritt.
Was hätte alles pas­sie­ren kön­nen, hätte man mehr gewagt: Eine Insze­nie­rung, eine Stel­lung­nahme, gar ein Bekennt­nis. So waren es gut gespielte Noten. Muss Thea­ter, muss vor allem Oper nicht mehr kön­nen? Das Wagner-Jahr ist ja noch lang, auf ein Neues …

Matthias Schumann

tamino-klassikforum.at

Umjubelter Rienzi in der Hamburger Laeiszhalle am 13.1. 2013
Lag es an einer gewissen Unbekanntheit des sehr anspruchsvollen Werkes, dass die schöne Laiszhalle nicht ganz ausverkauft war? Oder war es Wagners eigene, spätere Geringschätzung seiner dritten Oper , wenn er sie als „Schreihals“ betitelte? (Was das beinahe durchgängige Volumen der Musik anbetrifft, lag er dabei auch gar nicht einmal so falsch). Oder ist es am Ende das Schicksal dieser Oper, als Lieblingswerk Adolf Hitlers zweifelhafte, wenn auch gänzlich schuldlose Berühmtheit erlangt zu haben?
Wie immer es auch sei – gelohnt hat sich der Besuch der konzertanten Aufführung allemal. Die eigentlich ganz „unwagnerische“ Musik – eine imposante Mischung aus Verdi XXL, Weber und stellenweise sogar Bellini’schem Melos – und eine ebenso unwagnerische Nummernaufteilung machen aus diesem in der Tradition der Grand Opéra stehenden Frühwerk ein beeindruckendes Opernerlebnis.
Zunächst einmal müssen Chor und Orchester der Hamburgischen Staatsoper sehr lobend erwähnt werden; gerade für den Chor bedeutet diese Oper fast durchgängig Schwerstarbeit im Fortefortissimo, auch an kniffligen Höhen (2 x das hohe H im Schlussbild des 2. Aktes!!) wurde nicht gespart. Hier bewies der Opernchor wieder einmal sein hohes Niveau.
Simone Young dirigierte gewohnt souverän, erfreute das Publikum aber außerdem mit zahlreichen gymnastischen Einlagen und schien der Fraktion „Lauter – ich höre ja die Sänger noch“ anzugehören, was gerade bei einer solch hochwertigen Besetzung recht schade war.
Andreas Schager in der Titelrolle überzeugte besonders in den ersten Akten mit einer gut geführten, schlanken, aber metallisch-strahlenden Tenorstimme; beim Gebet des Rienzi konnte er nicht umhin, einige Phrasen zu zeratmen, was aber angesichts der enormen Gesamtleistung absolut verzeihlich war. Ricarda Merbeth als Rienzis Schwester Irene präsentierte sich als Wagnersängerin par excellence. Flammende, Brünnhilden-gleiche Höhen meisterte sie ermüdungslos und gab der inhaltlich wie musikalisch sehr heldisch angelegten Rolle das nötige Feuer. Die wirklich großartige Katja Pieweck in der Rolle des Adriano Colonna war an stimmlicher Schönheit und Leidenschaft kaum zu übertreffen – als Hamburger „Lokalgröße“ im besten Sinne wurde sie auch entsprechend und völlig verdient gefeiert. Wilhelm Schwinghammer als Steffano Colonna sowie Eike Wilm Schulte als Paolo Orsini überzeugten stimmlich wie auch interpretatorisch in hohem Maße, zuerst als treue Gefolgsleute Rienzis, dann erbitterte Feinde, die das Volk gegen ihn aufstacheln. Schade, dass Jongmin Park als päpstlicher Legat Raimondo Orvieto nur eine kleine Partie zu singen hatte. Von diesem jungen vielversprechenden Bass hätte man gern mehr gehört.
Insgesamt war der Abend sehr lohnend, hochinteressant und kann mit bestem Gewissen weiterempfohlen werden.

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HO, PO
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320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 396 MByte (MP3)
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