Siegfried

Donald Runnicles
Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
14 April 2002
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedSiegfried Jerusalem
MimeHeinz Zednik
WotanJames Morris
AlberichOleg Bryjak
FafnerKurt Rydl
ErdaHelene Ranada
BrünnhildeLuana DeVol
WaldvogelIngrid Kaiserfeld
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Reviews
operinwien.at

Alt-Herren-Runde

Wenn’s stimmt, dann sind der Mime und der Siegfried dieser Aufführung derselbe Jahrgang: zwei verdiente Tenöre, der eine “Held”, der andere “Charakter”, denen man beiden nicht verübeln kann, wenn sie sich langsam aber sicher auf die Pension vorbereiten.

Von Sängern, die die 60 hinter sich haben, noch dazu Wagner-geeicht, kann nicht mehr erwarten, dass sie mit samtweichen Stimmen Herzen zum Schmelzen bringen. Die Herausforderung ist in diesem Fall, dem Publikum noch jene bewundernde Achtung abzuringen, mit der es dann, das “Lebenswerk” einbeziehend, zur allgemeinen Huldigung ansetzt.

Bei Heinz Zednik ist das wahrscheinlich leichter. Der “Charakter” verliert sich auch mit 60 nicht, und wenn er – wie die Stimme – an Schärfe gewinnt, dann ist das eine zusätzliche Bereicherung. Wer weiß, wie lange er den Mime noch singen mag – sollte er ihn aber einmal nicht mehr singen, dann wird man seine Pointensetzung vermissen, sein zwergisches Getapse, seine unnachahmliche Kunst, Siegfried genau das Gegenteil von dem einreden zu wollen, was er meint. Schon am Beginn, wie er so am Amboss kauert, voller fingernagelnagender Verzweiflung, da lehrt uns Zednik auch das Mitgefühl mit dieser armen Kreatur, die doch dem Siegfried so utilaristisch gesinnt ans Leben will. Ja, da nützt man jede Gelegenheit, sich das einzusaugen, um das restliche Opern-Leben davon zu zehren. Schließlich könnte Zednik ja wirklich einmal, in fernster Zukunft, den Mime nicht mehr singen wollen (aber daran mag man lieber gar nicht denken).

Bei Siegfried Jerusalem fällt einem diese bedingungslose Hingabe an sein ebenfalls durch viele Jahre gepflogenes Künstlertum nicht immer so leicht wie bei seinem Siegfried. Seine Stimme ist nicht kraftlos, aber ausgezehrt, wie ein Marathonläufer ausgemergelt, nicht sein zehnter oder zwanzigster, sondern sein zweihundertster Marathon, unerbittlich dem Ziele zugezwungen, einer ohrenschmeichelnden musikalischen Ästhetik längst entwöhnt. Dass er einen trotzdem immer noch mitreisst und bis zum Schluss durchhält, ist fast schon ein Wunder.

Während sowohl Heinz Zednik und mit Einschränkungen Siegfried Jerusalem ihre langjährige Meisterschaft immer noch zu ausdrucksstarken Bühnenpersönlichkeiten “ummünzen” können, auch wenn die gesanglichen Qualitäten mehr oder weniger schmerzhaft-stark dahinter zurückbleiben – konnte man der Brünnhilde von Luana DeVol eine solche Gutschrift nicht in Rechnung stellen. DeVol’s gesanglicher Ausdruck litt bereits in der Mittellage unter einem irritierenden starken Tremolo, das bei einer Sängerin, die erst seit wenigen Jahren in den hehren Kreis der Wagner-Heroinen getreten ist, einigermaßen überrascht. Die blassen, nicht sehr durchschlagskräftigen Höhen sind auch kein besonderes Markenzeichen. Leider fehlt ihr auch das schauspielerische Talent, mit dem die Obgenannten das Opernhafte ganz im Wagner’schem Sinne zum Dramatischen überhöhen. Viel Reserven für eine fulminante Götterdämmerungs-Brünnhilde scheint es da nicht mehr zu geben.

Der Wanderer von James Morris schloss nahtlos an seinen eindrucksvollen Walküren-Wotan an: zusammen mit Helene Ranada als Erda zählte der Beginn des dritten Aufzugs zu den spannendsten und auch musikalisch befriedigsten des Abends. Der geifernde Alberich von Oleg Bryjak gefiel mir noch besser als im Rheingold. Der Waldvogel von Ingrid Kaiserfeld war noch nicht recht flügge. Donald Runnicles packte wieder alle Vorzüge aus, sorgte für einen schwungvollen ersten Aufzug, für einen packenden Beginn des dritten Aufzugs und brachte dann auch die etwas zäh komponierte Brünnhilden-Erweckung einigermaßen zur Geltung.

Was die Inszenierung betrifft, (Inszenierung Adolf Dresen; Bühnenbild/Kostüme Herbert Kappelmüller, Premiere 14.3.1993) so zählen der erste und zweite Aufzug zu den gelungeren Teilen des Wiener Rings. Das Bühnenbild des zweiten Aufzugs mit dem verlassenen Bergwerk als Neidhöhle und den von rechts weit in die Bühne reichenden Lindenästen hat sogar ein wenig Poesie. Dafür haut einen dann der helle Plastikmarmor des Brünnhildenfelsen wieder einen Klotz ins Aug. Sehr hübsch auch der Auftritt des großen, wilden Bären gleich zu Beginn, der fast den Türrahmen von Mimes Behausung sprengt. In Mimes Schmiede steht noch so ein abgefacktes Sofa herum, zerschlissen, wie von einer göttlichen Müllhalde aufgelesen – ansonsten sehr realistisch, frühes Industriezeitaler, Mime im Schlosseranzug. Die Totengerippe vor der Neidhöhle machen sich auch ganz gut. Siegfried griff auch mal nach einem Knöchelchen und warf es Mime nach… Der Drache hat einen ziemlich breiten Kopf, schaut mit seinen großen, runden Augen mehr aus wie die Frontpartie eines nach Kinderzeichnungen gefertigten Automobils. Man sieht ja nur den vorderen Teil, der sich aus der Neidhöhle herausreckt – ein wenig wie Kasperltheater, ein bisschen mit Augenzwinkern, aber ziemlich nahe an Wagner. Der erste Teil des dritten Aufzugs, diese Schlucht zwischen zwei schwarzen Bühnenwänden, ist trostlos, darüber ein Steg gespannt, auf dem Siegfried Wotans Speer in Stücke schlägt. Und den Felsen, der von Bühnennebel umflutet wird, den hatten wir schon.

Der starke Schlussapplaus feierte Morris und Runnicles, sackte bei DeVol einigermaßen ab und schwelgte bei Zednik (verständlicher Weise schon nach dem zweiten Aufzug) und bei Jerusalem in ungetrübter Dankbarkeit.

Dominik Troger | Wiener Staatsoper 14.4.2002

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 528 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Adolf Dresen (1993)
This recording is part of a complete Ring cycle.