Siegfried

Sebastian Weigle
Frankfurter Opern-und Museumsorchester
Date/Location
15 July 2017
Oper Frankfurt
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedVincent Wolfsteiner
MimePeter Marsh
WotanJames Rutherford
AlberichJochen Schmeckenbecher
FafnerPer Bach Nissen
ErdaMeredith Arwady
BrünnhildeRebecca Teem
WaldvogelKatharina Ruckgaber
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Reviews
bachtrack.com

Für ein bisschen Bayreuth: Siegfried in Frankfurt

So langsam kommt schon ein wenig Bayreuth-Stimmung auf. Zwar liegt die Frankfurter Oper keineswegs im idyllischen Grünen, sie steht am Rande des Bankenviertels. Hochhäuser kann man hier beim Überragen und Protzen beobachten, wenn man während der Opernpause ins Freie tritt. Die Euro-Skulptur von Ottmar Hörl glimmt dann über dem Willy-Brandt-Platz in den Sommerabend, zu ihren Füßen hocken rauchende Fahrradkuriere und knutschende Pärchen, dazwischen auch immer wieder Obdachlose. Eine – zugegeben – skurrile Festspielstimmung ist das, wenn sich das Frankfurter Ring-Publikum in den Pausen hier versammelt. Das stört aber, mit der staubigen Salzbrezel in der einen und dem Glasfläschchen Sprudelwasser in der anderen Hand, kaum jemanden. Zufrieden schlürft, kaut und plaudert man ein wenig, lästert, lächelt, nickt. Beim Zusehen wird schnell klar: Hier erlebt eine zu großen Teilen eingeschworene Gemeinschaft die Wiederaufführung des 2012 vollendeten Frankfurter Rings. Doch das Spektakel rechnet sich. Am vergangenen Freitag bespielte Siegfried – wie auch schon das Rheingold und die Walküre – ein ausverkauftes Haus.

Neben Publikumsinteresse trägt in Frankfurt außerdem das Bühnenbild, Jens Kilians schräge Scheibe, als optische Klammer durch alle vier Ring-Abende. Sie besteht aus konzentrischen Stahlringen, die sich zusammen, aber auch einzeln bewegen können. Durch Drehen, Kippen und Auffächern der Ringe enstehen damit auch im Siegfried eindrückliche Vorder- und Untergründe, Abgründe und Oberflächen. So schmieden Zwerg Mime und Findelkind Siegfried im ersten Akt unten das magische Schwert Notung, während Siegfried im letzten Akt dann oben Brünnhilde aus dem Feuerkranz befreit.

Lange Zeit bleibt die Bühne im Siegfried jedoch enttäuschend unverändert. In diesem (mit Pausen) fünfstündigen Gewaltwerk, das dramaturgisch die ohnehin undankbarste Oper des gesamten Zyklus darstellt, optisch so wenig passieren zu lassen, steht der Inszenierung von Vera Nemirova schlecht. Zwar bleibt ihre Absicht, durch Reduktion des szenischen Zierrats eine Konzentration auf die Figuren zu erzielen, erkennbar, leider jedoch unausgereift. So blicken wir in Mimes dunkle, von Neonröhren schwach erleuchtete Schmiedehütte, in der ein Amboss freilich nicht fehlen darf, hier auch nicht fehlt, aber doch eher mickrig ausfällt, ebenso das Hämmerchen, mit dem Mime und Siegfried am Schwert herumwerkeln.

Die Um-den-Kopf-Wette zwischen Wanderer-Wotan und Mime bringt dramatische Spannung auf die Szene: James Rutherford avancierte als stimmgewaltiger Wotan dabei schnell zum Publikumsliebling, der am Ende mit besonderem Applaus bedacht werden sollte. Von sattem Timbre und reichem Vibrato gekennzeichnet stand ihm die Rolle ausgezeichnet, er wusste ihr den passenden epischen Atem zu verleihen. Auch wenn sich Peter Marsh als Mime Rutherford gegenüber als weniger voluminös erwies, überzeugte er neben ihm durch klare Artikulation und jugendliche Flexibilität.

Obwohl sich Vincent Wolfsteiners Siegfried mit ungemein kräftig gesungenen, markanten Schmiedeliedern stimmlich an diese intensive Auseinandersetzung anschloss, blieb von der nachfolgenden Schmiedeszene ein ambivalenter Eindruck. Seltsam ungelenk wirkte Wolfsteiners Schmiedetanz mit den kümmerlichen Requisiten. Nichtsdestotrotz beeindruckten durchweg die Leichtigkeit, mit der er die Kraft-Partie meisterte, sowie seine ansonsten ausgezeichnete Bühnenpräsenz. Mit ihr setzte Wolfsteiner die Siegfried-Figur stimmlich gekonnt um als ungestüm-unbedarften Junghelden, der nie ins Pathetische verflachen zu drohte, sondern stets die tragische Brechung bereits anzudeuten vermochte.

Spannungsvolle Höhepunkte im zweiten Akt sind der Disput zwischen Wotan und Alberich sowie die heftige Auseinandersetzung zwischen Alberich (eindringlich: Jochen Schmeckenbecher) und Mime um die Beute, die Siegfried aus der Höhle herbeischleppt. Während in vielen Inszenierungen bereits das Waldvögelein an dieser Stelle als graziöse Tänzerin erschienen ist, schwirrte und sprang bei Nemirova ein kokett androgyner Alan Battes mit Federaccessoires durch die Szenen. Katharina Ruckgaber sang ihm dabei zwar wunderbar agile Soprantöne zu, konnte jedoch auch nicht verhindern, dass man des charmanten Zappelvögeleins – nach einer ersten Dankbarkeit über die optische Abwechslung – überdrüssig wurde.

Der dritte Akt schloss in seinem unentschiedenen Nachgeschmack an die ersten beiden an: Auf lustvoll feine psychologisch-gestische Ausarbeitungen der Sängern folgen immer wieder zermürbend schematische Ausführungen. So überzeugte Meredith Awady als Erda in aufwändig verwachsenem Fellkostüm mit einigen abgrundtiefen Tönen. Auch verloren weder Wotan Rutherford noch Siegfried Wolfsteiner zum Ende hin an Eindringlichkeit. Sowohl die Begegnung der beiden als auch das Finale Siegfried–Brünnhild orientierten sich jedoch etwas zu einfallslos an bewährten Vorbildern. Viel Bodenhaltung, Krümmung, Niederstürzen, jähes Umarmen und heftiges Zurückstoßen prägen den Liebeskampf. Abermals störte hier im Gesamtbild, trotz unermüdlichem Wolfsteiner und bemerkenswerter Rebecca Teem, die Diskrepanz zwischen großformatigem Gesang und gestisch-mimischer Kleinteiligkeit. Denn stimmlich überzeugte hier sowohl Wolfsteiner, dessen Kraft abermals unermüdlich schint, als auch Rebecca Teem. Ihr gelangen zarteste Töne ebenso wie gewaltvolle Ausbrüche und so changierte ihre Brünnhilde reizvoll zwischen mädchenhafter Scham und leidenschaftlicher Hingabe.

Eindrucksvoll spielte über alldem ein klangbewusstes Museumsorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle auf. Mut zum volltönenden Musizieren kennzeichnete seine Interpretation, auch wenn wenige Stellen zu eintönig gerieten. Am Ende des Abends: Euphorie für diese wenig überraschende Inszenierung. Aber das ist ja bei Wagner nicht ganz unüblich, denn bei Wagner geht’s eben auch immer um diesen Funken Bayreuth, auch in Frankfurt.

Miriam Zeh | 16 Juli 2016

bachtrack.com (II)

A magnificent scherzo: Siegfried in Frankfurt

Oper Frankfurt’s Ring Cycle gained a great stride with Siegfried, which utilized the “turntable” set to tell the story of the young Siegfried and his coming of age in a most intelligent and arresting manner. The stagecraft was magnificent overall, and the orchestra played with inspiration and authority under Sebastian Weigle. Vocal performance was mostly outstanding, with the title character leading an excellent ensemble of singers. Siegfried can be a difficult opera to get through, but the evening flew by with all the elements of the opera coming together.

As the curtain opened in Act I with a quietly brooding prelude, the turntable was lit in delicate hues of green and yellow of the deep forest. The set rotated to show a “basement” underneath which was Mime’s hut and workroom. Peter Marsh sang Mime with elegance and beauty, qualities not always associated with the role typically sung by a character tenor. With clear diction, Marsh acted the part with energy and glee. From his first vocal utterance calling out in company of a bear (a bear skin here), Vincent Wolfsteiner impressed with a strong voice and easy high notes. While it took him a while to warm up, he was soon in full control of this demanding role. His voice was clear with enough heft but he was never shrill, and while he grew tired at the end, his portrayal as a reckless youth was a pleasure to watch as he ran around the stage energetically.

The forging scene was visually stunning, with the center of the turntable set lit in bright red to indicate fire. As Siegfried sang and pounded, he was accompanied by the orchestra in an accented tempo, impressively spaced and timed. The strings, winds and brass all played magnificently. The set, turning, separating, and lit in magnificent combination of colors, together with the backdrop screen evocatively and brilliantly colored, contributed in large measure to the gripping and enjoyable music drama. The center of the turntable was Siegfried’s forging pit in Act I, the dragon’s layer in Act II, and Brünnhilde’s rock in Act III. They can be opened, closed, raised and lowered easily, facilitating an efficient stage action. The curtain was lowered only once, during the exquisitely played fire music, to lower a ring of fire from the ceiling to surround the sleeping Brünnhilde.

Siegfried is a series of dialogues, each character revealing him/herself in a chain of interactions. The production was ingenious in showing that Wotan/Wanderer and Alberich are two sides of the same coin, a greedy, conflicted, power-hungry and anxious character. Dressed alike in leather and black head cover, the two played cards while discussing Fafner and his gold, as if to test one another. Jochen Schmeckenbecher again showed in his brief appearance that Alberich is indeed one of the central characters of the Ring, with his masterful singing and acting.

Wotan/Wanderer is a vocally challenging role in the three Ring operas. As the character grows old in the story of the opera, the musical writing indicates that he sings in an increasingly higher tessitura. In Act III of Siegfried in particular, Wagner wrote a highly complex and demanding score after nearly 15 years of hiatus from Act II. James Rutherford seemed most comfortable in Siegfried, as his light-timbre bass-baritone suited the Wanderer. His extended Act I interchange with Mime was sung with good sense of lyrical passages, while he was a witty conspirator with Alberich in Act II. The two crucial encounters in Act III, first with Erda, to whom he revealed his final plan and desire of bequeathing the world to Siegfried, and finally with Siegfried, to give up his reign, were both sung splendidly and majestically; soaring lines made a thrilling arch and the voice rang out with authority.

The dragon was sung by Per Bach Nissen with appropriate gravity even though he was ridiculously dressed in a body suit showing the muscles and clad in gold chains. Meredith Arwady as Erda, in an animal fur outfit, showed off her deep and penetrating low notes. Wotan tenderly embraced sleeping Erda upon his defeat by Siegfried in a touching scene. The forest bird was sung off stage but was enacted on stage by Alan Barnes. For once, the use of a dancer in opera worked quite well, as he gracefully flittered around the stage showing Siegfried the ropes. Choreography was well coordinated with music, which made the dancing bird an integral part of the production. Rebecca Teem’s Brünnhilde was one weak link in this otherwise splendid evening, with her thin and shrill voice unfortunately failing to make the necessary emotional impact of the final duet with Siegfried.

Ako Imamura | 16 Juli 2016

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 535 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Vera Nemirova
This recording is part of a complete Ring.