Siegfried

Alexander Joel
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Date/Location
29 April 2017
Staatstheater Wiesbaden
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedAndreas Schager
MimeMatthias Schmidlechner
WotanJukka Rasilainen
AlberichThomas de Vries
FafnerYoung Doo Park
ErdaBernadett Fodor
BrünnhildeEvelyn Herlitzius
WaldvogelStella An
Gallery
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Siegfried als unschlagbarer Kraftbursche

Szenisch gelungener als zuvor. Und erst die Stimmen: Wiesbadens „Siegfried“ ist ein Fest des Wagner-Gesangs. Auch wenn nicht jede Szene Tatsachen entspricht.

Siegfried schneidet nicht mit Nothungs scharfer Klinge. In Wiesbaden öffnet er vielmehr mit einem Algorithmus jene Türen, die den Alten, Wotan und Alberich, verschlossen bleiben. Sie scheitern kläglich an Tor und Zaun zur Höhle Fafners, während Siegfried, der Nerd mit den filzig langen Haaren, mühelos den Zugangscode knackt. Der Kampf mit dem Drachen, der sich anschließt, ist ein Computerspiel, projiziert auf die Bühne im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden, mit Fantasyfiguren und leuchtendem Siegesschriftzug „Victory!“.

Mit „Siegfried“ ist dem Wiesbadener Intendanten Uwe Eric Laufenberg nach „Rheingold“ und „Walküre“ die werkdienlichste Regie innerhalb des neuen Wiesbadener „Rings des Nibelungen“ gelungen, der eigentlich eine Neueinstudierung von Laufenbergs Linzer Inszenierung ist. Das Handlungskaleidoskop, das die Emanzipation des jungen Helden gegenüber seinem Ziehvater Mime, den Kampf mit dem Drachen Fafner, das Brechen von Wotans Speer und Macht und das Erweckungserlebnis mit Brünnhilde umfasst, mag in seiner Vielgestaltigkeit dem eher impulsiv als streng konzeptionell angelegten Ansatz Laufenbergs entgegenkommen.

Videos legen Fährte

Der Bär, den Siegfried als Schreckgestalt für Papa Mime aus dem Wald mitbringt, ist ein ebenso pubertär wie er aufbegehrender Kumpel, der sich erst einmal ein Bier aus dem Kühlschrank des Männerhaushalts holt (Bühne: Gisbert Jäkel). Als Fafner, hier der überlebende Alleinherrscher der „Fasolt-Fafner-Bank“, erlegt ist, drängt sich ein Pulk von Fotografen um eine blonde Frontreporterin auf die Bühne. Das widerspricht zwar der Tatsache, dass Siegfried das Weibliche erst in Gestalt Brünnhildes kennen und fürchten lernt, sorgt aber immerhin für Aktion, um die der Alleserklärer Laufenberg nie verlegen ist. Ein szenischer Unfug bleibt die Aufführungszäsur im zweiten Akt, in der die Musik schweigt und die Übertitelungsanlage uns auf Wagners zwölf Jahre lange „Ring“-Schaffenspause an dieser Stelle hinweist.

Wenn die Tetralogie am 23. April mit der „Götterdämmerung“ vollendet wird und sich sogleich die erste von zwei zyklischen Gesamtaufführungen im Rahmen der Maifestspiele anschließt, dann verspricht Glanz allein schon die vokale Seite. Mit Ausnahme der jungen Sopranistin Sonja Gornik, an deren Stelle dann Evelyn Herlitzius ihre Bayreuth-Erfahrung ins Spiel bringen kann, war in der Premiere schon die Festspielbesetzung zu hören, allen voran der österreichische Tenor Andreas Schager in der Titelpartie.

Schager kann alles, hat Wucht, Schliff und satte Spitzentöne in der Kraftprobe der Schmiedelieder, zeigt punktuell Gespür für leichte Lyrismen und verfügt bis zur Schlussszene mit Gorniks höhenleichter Brünnhilde über schier unerschöpfliche Kondition. Das keine Grenzen kennende Auftrumpfen des Kraftburschen gelingt ihm mindestens ebenso plausibel wie die Andeutung des kalt kalkulierenden erwachsenen Siegfrieds der „Götterdämmerung“ – insoweit legt Laufenberg nach der Tötung Fafners (Young Doo Park) ebenso eine Fährte wie mit Hilfe der Videos von Falko Sternberg, die Gold und Macht, Reichtum und Massaker, Putin, Trump und Merkel zeigen.

Starke Spannungsbögen

Der Tag nach der Premiere der „Walküre“ im Januar war überschattet vom plötzlichen Tod Gerd Grochowskis, des Sängers der Wotan-Partie. Der zum Wanderer gewordene Göttervater ist nunmehr mit Jukka Rasilainen und dessen sanftem Lamento-Ton eindringlich besetzt. Einen höchst wandlungsfähigen und sogar tiefenscharfen Spieltenor bringt Matthäus Schmidlechner als Mime ein. Thomas de Vries als bassschwarzer Alberich und Stella An als luftig-flexibler Waldvogel ergänzen die großartige Ensembleleistung ebenso wie Bernadett Fodor, die als Erda mit einem Trauerzug von drei Nornen und acht verbliebenen Walküren auf den Trümmern des Walkürenfelsens erscheint.

Siegfrieds und Brünnhildes Schlussduett wird von Alexander Joel und dem Hessischen Staatsorchester trotz schwächelnder Hornstimmen gestisch beredt und mit so starken Spannungsbögen wie die gesamte Premiere begleitet und entfaltet sich in der Wahl der kompakten Tempi noch sängerfreundlicher als hinsichtlich der Lautstärke, die für Schagers unschlagbaren Siegfried freilich nie auch nur den Ansatz einer Herausforderung darstellt.

Axel Zibulski | 04.04.2017

Frankfurter Rundschau

Mit neidlichem Navi

Wiesbadens „Siegfried“ bietet einen prächtigen Heldentenor in einem Top-Ensemble, szenisch bleibt es beim Allerlei.

Im nächsten Teil, der „Götterdämmerung“, wird Hagen zu Siegfried sagen, er habe ihn gleich an seiner Kraft erkannt. Das klingt oft rhetorisch, nicht nur, weil Hagen verteufelt gut Bescheid weiß, sondern auch weil sich Siegfrieds sensationell sportliche Rheinfahrt schwer ins Bild setzen lässt. Diesmal könnte es plastischer werden. Andreas Schagers Stimme, eine Stimme, für die das Wort Heldentenor wahrlich erfunden wurde, sprengte jetzt vorerst noch als „Siegfried“-Siegfried das Große Haus des Wiesbadener Staatstheaters.

Dies tat Schager mit einen Lächeln. Auch jonglierte er mit Kohlestückchen und musste ohnehin keinerlei körperliche Rücksichten auf sich nehmen, während er fix das neidliche Schwert Notung wiederherstellte. Bei ihm hätte es ein paar Strophen länger dauern dürfen, und wer den Eindruck hatte, er haushalte nicht mit seinen Kräften, der irrte.

Der furchtlose Sänger für den furchtlosen Siegfried, Balsam für furchtsame Zuhörerinnen und ein Erlebnis eigener Art. Dass es den Wiesbadenern gelang, ihm eine Brünnhilde an die Seite zu geben, die ihm für den letzten Teil ebenbürtig zur Seite stand, war imposant. Sonja Gornik und Schager sind zudem ein ansehnliches Paar. Szenisch blieb das aber belanglos herzig – sie im Flatterkleid freudestrahlend zu Grane (nicht im Bild) hupfend, er in mannhafter Seligkeit –, allerdings gab es in diesen unwahrscheinlichen Momenten schon schlimmere Geschmacksverirrungen und gehört der „Siegfried“-Schluss zu den am übelsten zu inszenierenden Stücken überhaupt.

Das gilt auch für den „Siegfried“ insgesamt, ein langes, brüchiges Teil von der moralisch und intellektuell unerträglichen Wissenswette bis zum Tristan-und-Isolde-Finale. Leichter wurde es hier nun nicht dadurch, dass der Wiesbadener Ring schon bis hierher szenisch arg-, konzept- und auch ziellos wirkte. Intendant Uwe Eric Laufenberg konnte dafür auf seine vorangegangene Linzer Arbeit zurückgreifen, so dass er den Schnelldurchgang wagt. Das will aber eh kein Ring zum Grübeln sein. Das will sich, teils munter, teils bieder, von Szene zu Szene bewegen.

Insofern ist der „Siegfried“ konsequent. Mime wohnt zwar laut Bildprojektion in einer Favela (Bühne: Gisbert Jäkel, Video: Falko Sternberg), aber das ist genau jene für den Wiesbadener Ring so typische Behauptung einer Welthaltigkeit, die dann doch bloß Dekoration ist. Ginge es hier ums freie Assoziieren – was zu befürchten steht –, müsste die existenziell wesentliche Umgebung sich vielleicht doch in irgendeiner Weise in den Figuren bemerkbar machen. Da ist aber nichts. Jenseits der diesmal recht uninteressanten Kostüme von Antje Sternberg – Mime und Siegfried mit Zottellanghaar und insgesamt ein wenig heruntergekommen – ist ein unriskanter und konventioneller gespielter 1. Aufzug nicht denkbar. Und dies, obwohl sich jetzt doch eine Idee herausmendelt. Während Mime – Matthäus Schmidlechner, markant und grell – analog bleibt, bringt Besucher Wotan – überzeugend auch Jukka Rasilainen, eingesetzt für den nach der „Walküre“-Premiere tragisch plötzlich verstorbenen Gerd Grochowski – neuere, neue und künftige Technik heran. Siegfried wird im Folgenden nicht nur ein schickes Zukunfts-Tablet verwenden, sondern auch Notung mit einer Tastatur ausrüsten, die unter anderem als Navi dient.

Etwa als Wotans Sicherheitsleute (aus welchem Film kommen die denn plötzlich her) den kleinen Waldvogel-Punk (Stella An) um die Ecke bringen. Es ist lustig, wenn Schager fleißig herumtippt, um flugs den Hochsicherheitstrakt zu knacken, an dessen Gitter Alberich, der unheimlich stimmschöne, sonore Thomas de Vries, eben noch vergebens rüttelte. Dahinter verbirgt sich nicht nur ein Computerspiel, sondern auch die FF-Bank, die Fafner (Young Doo Park) in Erinnerung an seinen Bruder gegründet haben muss. Aus der Höhle strömen Bankangestellte zum übergangslos servierten Sekt. Auch für Siegfried findet sich ein gutsitzender Anzug, schon gibt er einer aufgeweckten Reporterin sein erstes Interview. Warum auch nicht. Es bleibt folgenlos wie die technische Zeitreise. Dennoch zerfallen Mimes Ambos und nachher Wotans Speer wie üblich zu früh, Tücke des Theaterrequisits.

Ein schöner Einfall – aber gleich buht jemand vom Olymp hernieder, da ist man angesichts der Gesamtveranstaltung doch fassungslos – ist die Generalpause im Zweiten Aufzug. „Hier ruhte das Werk für 12 Jahre“, immerhin ein besonderer Einschnitt und lehrreich, einmal in diesem Moment innezuhalten. An einem ja nicht zuletzt sehr lauten Abend. Dirigent Alexander Joel geht so opulent vor, dass es trotz des erstklassigen Sängerensembles – und trotz der nervenstarken Blechbläser – zum Teil lärmiger, gar grobschlächtiger wird, als es im „Siegfried“ der Fall sein muss.

Judith von Sternburg | 03.04.2017

der-neue-merker.eu

Zum 2. Tag Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ am Hessischen Staatstheater legte Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg die Handlung des „Siegfried“ in gegenwärtige Zeitnähe und erzählte die Geschehnisse realistisch ohne unsinnige Verfremdungen in optisch ansprechender Ästhetik.

Die Bühnenausstattung (Gisbert Jäkel) zeigt Mimes Höhle in einer Mischung aus Küche und Rumpelkammer. Fafner hütet den Nibelungenschatz in einem hochgesicherten Bankhaus dessen Eingangscode Siegfried spielend per Tablet knackt, Direktor Fafner meuchelt, den Chefsessel einnimmt und die Belegschaft übernimmt. Nach Entnahme von Ring und Tarnhelm wurde der Trakt verschlossen, per Video die Waldszene mit rauschendem Bach wunderbar naturalistisch projiziert. Erda und Wotan führen ihren Dialog vor der ramponierten Walhalla-Statue in welcher Brünnhilde bis Siegfrieds Erweckung schlummert. Passend zum Konzept die zeitgenössischen teils eleganten Herren-Ausstattungen (Antje Sternberg), Brünnhilde in duftigem Weiß, Erda wallend in Blautönen. Beste Video-Adaptionen und ein stimmungsvolles Lichtdesign (Falko Sternberg, Andreas Frank) steuerten zur wirkungsvollen Bühnen-Atmosphäre bei.

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden ging unter der Leitung von Alexander Joel hoch konzentriert und motiviert zu Werke. Ein Wagner wie er gespielt werden sollte: da flirrten die Streicher, zirpten die Harfen, es summte und brauste in behänder und präziser Leichtigkeit, die Schmiedelieder polterten in klirrender Form. Joel gelangen wunderschöne eindrucksvolle Momente doch konnte er sich leider nicht immer auf seine akkuraten Bläserfraktionen verlassen, da ging so manches Instrument auffallend besonders im dritten Aufzug eigene wenig schmeichelhafte Wege, auch Siegfrieds Horn war leicht verstimmt. Wirkte so mancher Passagen-Ablauf orchestral dominant überforciert, gelang dennoch trotz meiner Einwände, ein orchestral qualitativ solventer Gesamteindruck.

Als Siegfried unserer Tage dürfte Andreas Schager gelten, sein Tenor verfügt über ein unermessliches Kräftereservoir und sang die anspruchsvolle Partie vom ersten bis letzten Ton in ungebrochener Strahlkraft, dass es dem Hörer Angst und Bange wurde. Sehr beweglich agierend, frisch frei drauflos schmetternd, in vorbildlicher Artikulation dürfte man den smarten, sympathischen Sänger als Ideal-Jung-Siegfried bezeichnen. Bleiben für mich trotz mächtigem, metallischem Höhenpotenzial, der kräftigen klangvollen Mittellage bezüglich der Legatokultur und Piani einige Wünsche offen, stimmen bedenklich ob jene vokale Tour de Force den Stimmbändern auf Dauer dienlich sei?

Großartig in agiler Spielfreude gesellte sich zum Ziehsohn der jugendliche Mime, man könnte beide für Zwillinge halten und Matthäus Schmidlechner führte sein schlank geführtes, hell strahlendes farbenreiches Material in nuancierte Charakterregionen ohne die sonst gewohnten larmoyanten Untertöne. Auch ihm durfte man, wie allen Herren eine in jeder Lage vortreffliche Wortbehandlung testieren.

Seine immense Bühnenpräsenz als Wanderer unterstrich Jukka Rasilainen mit markig, kernig und strahlkräftigem geführtem Bass-Bariton sehr differenziert während der Rätselszenen des ersten Aufzugs, auftrumpfend mit seinem Widersacher Alberich und nuanciert verletzbare Momente im Dialog mit Erda.

Schier volumenreicher, metallischer mit mächtigem Bariton ausgestattet bot Alberich (Thomas de Vries) seinem Erzfeind klanglich-bedrohliche Paroli. Als Bankdirektor Fafner im Dialog mit Wotan noch per Lautsprecher verstärkt durfte Young Doo Park im kurzen Gespräch mit Siegfried seinen herrlich strömenden schönstimmigen Bass in natura entfalten.

Die mit Sicherheit schönste weibliche Stimme des Abends durfte man von Bernadett Fodor (Erda) vernehmen. Kultiviert sonor im Tiefenbereich, klangvoll im vokalen Aufstreben des dunkelsamtigen Oberbereichs erinnerte die exzellente Sängerin den ruhelosen Gott daran, dass das göttliche Endspiel verloren ist.

Zwar süß anzusehen, als gerupft-schwarzes Punkvögelchen lispelte sich (Stella An) vibrant und höhenschwach über die Runden.

An der erweckten Maid scheiden sich jedoch die Geister, denn Sonja Gornik lehrte als optisch-attraktive, entzückende Brünnhilde nicht nur Siegfried das psychische sondern auch den Rezensenten das vokale Fürchten. Noch etwas schlaftrunken matt wirkte ihr Sopran zu Beginn, schöpfte allmählich Kraft aus ihrer durchaus angenehmen Mittellage, intonierte jedoch zunehmend forcierte gewöhnungsbedürftige, schlichtweg überforderte Höhenflüge.

Enthusiastische Begeisterung für Sänger und Orchester, wenige Gegenstimmen für das Produktionsteam.

Gerhard Hoffmann | 02.04.2017 Premiere

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 534 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording from the Internationale Maifestspiele 2017
A production by Uwe Eric Laufenberg (2017, Linz 2014)
This recording is part of a complete Ring.