Siegfried

Christian Thielemann
Sächsische Staatskapelle Dresden
Date/Location
18 January 2018
Semperoper Dresden
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedAndreas Schager
MimeGerhard Siegel
WotanVitalij Kowaljow
AlberichAlbert Dohmen
FafnerGeorg Zeppenfeld
ErdaChrista Mayer
BrünnhildePetra Lang
WaldvogelTuuli Takala
Gallery
Reviews
der-neue-merker.eu

SIEGFRIED und GÖTTERDÄMMERUNG – der „Thielemann-Ring“ ist vollbracht!

Nun, es ist also vollbracht! Der erste komplette Thielemann-Ring an seinem Stammhaus, der Semperoper Dresden, ging am Samstag mit der „Götterdämmerung“ zu Ende. Zwei Tage zuvor wurde „Siegfried“ quasi „vom Winde verweht“! Draußen tobte Sturmtief „Friederike“, im Haus selbst konnte man dem Orchester-Sturm namens „Christian“ lauschen. Der Maestro, der zu Beginn der Tetralogie ein wenig kränkelte („Absagen tut man aber nur mit dem Kopf unter dem Arm“, Originalzitat C.T.) fegte durch die Wagner’sche Partitur als gäbe es kein Morgen. Da bedurfte es schon stimmgewaltiger Sänger, die da bestehen konnten, nicht zuletzt weil Thielemann auch immer wieder mit spektakulären Ritardandi und Generalpausen aufwartete, die man in dieser Form nur selten hört. So etwa bei den „Schmiedeliedern“ des Titelhelden, für den Andreas Schager eine Idealbesetzung darstellt.

Über den Niederösterreicher ein objektives Urteil zu urteilen fällt mir sehr schwer, da mich eine gewisse Voreingenommenheit belastet. Immerhin habe ich den Sänger bereits vor neun (!) Jahren auf sein enormes Wagner-Potential hingewiesen und als einer der ersten „Schreiberlinge“ seine Heldentenor-Karriere vorausgesagt, nachdem er bis dahin ja eher im Operettenfach reüssiert hatte. Einen „Ruhm“, den ich gerne mit meiner Kollegin Sieglinde Pfabigan vom Heft-Merker teile.

Aber die Meinung des Publikums hier in Dresden bestätigte meine damalige Einschätzung: Jubel und Bravorufe für Schager, einige Fans reisten zu dieser Serie sogar nur seinetwegen an. Da fiel ihm auch kein Zacken aus der Krone, dass das Schlussbild im „Siegfried“ ein wenig enttäuschend ausfiel. Hier passte die Chemie zwischen Graben, Tenor und Brünnhilde nicht wirklich. Vielleicht war es nur die Inszenierung, die die beiden Hauptprotagonisten immer in weiter Ferne agieren ließ, auch noch als sich Brünnhilde endlich zum Bekenntnis ihrer Liebe durchringen konnte. In der „Götterdämmerung“ stimmte aber bei Schager einfach alles: Wie er in seiner Sterbeszene gegen die Klangmassen aus dem Graben die Oberhand behielt und dennoch nie ins Schreien verfiel, das beeindruckte noch einmal zusätzlich.

Hatte man nach dem „Siegfried“ noch Zweifel über die Besetzung der Brünnhilde, verschwanden diese aber in der „Götterdämmerung“ bald. Petra Lang mixte ihre starke schauspielerische Begabung und ihren Mezzosopran mit der für diese Partie notwendigen Tiefe ideal, sodass auch ein paar schrillere Töne die tolle Performance nicht trüben konnten. Alleine wie sie die Dynamik in „Starke Scheite schlichtet mir dort“ variierte, verdient Bewunderung, und all das begleitet von einem Orchester, das knapp vor dem explodieren steht.

Doch zurück noch zum „Siegfried“: Mehr noch als im Rheingold zeigte Gerhard Siegel, dass auch der Mime „gesungen“ und nicht nur deklamiert gehört – eine Klasseperformance. Über Vitalij Kowaljows Wanderer konnte man auch nur staunen und begeistert applaudieren, während man Albert Dohmen einen Regisseur wünschen darf, der ihm zu einem charakteristischeren Alberich führt, in gesanglicher Hinsicht füllt er diese Rolle an beiden Abenden nämlich total aus. Georg Zeppenfelds Fafner entzieht sich in sängerischer Hinsicht einer objektiven Würdigung, da er meist verstärkt ertönte, Tuuli Takals Waldvogel entsprach den Erwartungen. Und Christa Mayer punktete in diesem Zyklus in insgesamt drei Rollen: Nach der Fricka hörte man sie auch als Siegfried-Erda und als Waltraute am letzten Abend. Dies war auch ihr absolut stärkster Auftritt!

Die Gibichungen zeigten sich mit Martin Gantner (Gunter), Stephen Milling (Hagen) und Edith Haller (Gutrune) optimal besetzt. Gantner brachte den „Siebenmandl“-Charakter des Gunter gut zur Geltung, Millings dröhnender Bass erregte von Anfang an die notwendige Aufmerksamkeit und Haller überraschte mit einer ganz feinen Charakterzeichnung, die durch die Decker-Inszenierung unterstützt wurde.

Damit soll noch abschließend kurz auf die Regiearbeit eingegangen werden. Ab Mitte der Walküre stach die wirklich gute Personenführung hervor, die durch einige eigenwillige Deutungen und Anspielungen einen auch zum Nachdenken brachte. Exemplarisch sei dies an der Rolle der Gutrune erläutert: Sie befindet sich zu Beginn nicht nur in einem reinen Bruder-Schwester-Verhältnis zu Gunter, sondern da ist wahrlich mehr vorgefallen. Die Annäherungen Hagens weist sie entschieden ab, aber nachdem sie von ihm vergewaltigt worden ist, dürfte das Verhältnis ein anderes geworden sein. Dann bleibt sie anfänglich in gehöriger Distanz zu Siegfried – vielleicht war es mit Hagen gar nicht so übel? Allein diese Gedanken, die mir durch den Kopf schießen, zeigen, wie viel Inhalt und Interpretationsspielraum in diesen vier Wagner-Abenden verborgen sind.

Abschließend noch eine Würdigung der Staatskapelle Dresden, die mit Feuereifer an die Sache gingen. Diese Leidenschaft bestätigte mir auch ein Mitglied des Orchesters am gemeinsamen Nachhauseweg: „Thielemann hat ja einen gewissen Ruf, ich liebe aber die Arbeit mit ihm. Denn bei ihm geht es immer um die Sache an sich, also um die Musik!“

Noch eine Anmerkung über den genius loci Richard Wagners: Ein Spaziergang am Vortag im Liebethaler Grund östlich von Dresden lässt einen erahnen, welche Naturerlebnisse Wagner zu einer solch romantischen, schaurigen Musik wie jener vor der Neidhöhle inspiriert haben mag. Steht man nämlich vor dem Wagner-Denkmal bei der Lochmühle (wo der Meister die ersten Lohengrin-Skizzen anfertigte), dann glaubt man fast, dass der „Wurm“ hinter der nächsten Ecke lauert. Da passt es auch dazu, dass der Weg an diesem Tag wegen Steinschlaggefahr gesperrt ist, was aber ihren Berichterstatter am Betreten nicht hindern sollte. Letzter (touristischer) Hinweis: Das Wagner-Museum in Graupa ist jedem Musikliebhaber ans Herz gelegt, didaktisch perfekt gestaltet, als Berater legte auch hier Thielemann Hand an.

Und so kann man nach einer Woche Dresden als Wiener Opernfreund nur hoffen, dass Thielemann zumindest unter der neuen Direktion häufiger an unserer Staatsoper engagiert ist. Und zwar mit Wagner, denn den beherrscht der Berliner wie kein anderer.

Ernst Kopica | Semperoper Dresden, 18. und 20. Jänner 2018

concerti.de

Thielemanns Triumph

Schlafwandlerisch sicher beherrscht er die Partitur, aber kein Moment besteht die Gefahr, dass sich auch nur eine Spur von Routine einschleichen könnte. Denn Christian Thielemann durchlebt Wagners Musik mit Leidenschaft. Solche Hingabe färbt unweigerlich auf die Musiker der Sächsischen Staatskapelle ab, die sich auch in der zweiten Halbzeit von Thielemanns erstem Dresdner „Ring“-Zyklus in Hochform präsentieren. Windet sich der Riesenwurm da direkt aus dem Trichter der Basstuba?

Herrlich golden tönen die Streicher, liebreizend die Holzbläser, stolz strahlt das Blech. Und was für unheilvolle, düstere Klänge steigen aus dem Graben auf, wenn im „Siegfried“ die Basstuba einsetzt! In den Tiefen grummelt es da so gewaltig, dass man meinen könnte, der den Nibelungen-Hort hütende Riesenwurm würde sich unmittelbar durch den Trichter des imposanten Instruments herauswinden. In den dynamisch klug disponierten Aufführungen erbeben allerdings nicht wie bei vielen anderen Dirigenten gleich beim ersten Crescendo die Wände. Thielemann lotet die Spitzen nuancenreicher aus, spart die mächtigsten Tuttiklänge für die dramatischen Kulminationspunkte auf. Sie sind zu „Siegfrieds Tod“ und in den letzten Takten von Brünnhildes Schlussgesang erreicht.

Der Mann an der Pauke versteht sich auf die geforderten vielen Zwischenstufen zwischen Forte und Fortissimo. Und wenn er ausholt, gehen einem die Schläge ins Mark wie in jener Szene der „Götterdämmerung“, in der Waltraute zu Brünnhilde auf den Felsen stürzt, um sie verzweifelt an den Fluch des Rings zu gemahnen. Der allein zwei Stunden währende erste Aufzug des letzten Abends vergeht in Dresden wie im Fluge, dies auch deshalb, weil Thielemann die Übergänge zwischen Szenen und Zwischenspielen fein ziseliert. In magischen Pianoklängen baut sich etwa nach dem Auftritt der Nornen (eine Klasse für sich: Monika Bohinec, Simone Schröder, Christiane Kohl) große Spannung im Graben auf. In solchen Momenten stört freilich jedes Nebengeräusch, sei es ein leises Rumpeln auf der Bühne bei der szenischen Verwandlung oder knisterndes Bonbonpapier aus dem Saal.

So erstklassig wird man den „Ring“-Zyklus so bald nicht wieder hören und sehen

Schade, dass keine Kameras die Produktion aufgezeichnet haben, so erstklassig wird man den „Ring“ als Ganzes so bald nicht wieder hören und sehen, zumal sich auch auf der Bühne ein ideales Ensemble versammelt. Ihm gehörten lang gediente, großteils bayreutherprobte Wagnersänger wie Albert Dohmen (Alberich), Gerhard Siegel (Mime), Christa Mayer (Erda, Waltraute) oder Edith Haller (Gutrune) ebenso an wie frische Kräfte noch jüngerer Generationen in den großen Partien: Vitalij Kowaljow (Wanderer), Stephen Milling (Hagen), Andreas Schager (Siegfried) und Petra Lang (Brünnhilde).

Insbesondere die phänomenale, vom Dresdner Publikum für ihre herausragenden Qualitäten gar nicht genug gewürdigte Petra Lang wird hier zur Sensation. Über die gebotene Durchschlagskraft und eine sichere Höhe verfügen gewiss auch Andere, aber keine Kollegin singt die Brünnhilde derzeit in allen Registern derart kultiviert, textverständlich und glutvoll in der Mittellage. Nicht nur manche Phrasen („Welch banger Träume Mären“) lassen da Erinnerungen an die große Heroine Martha Mödl aufscheinen, die wie Lang ebenfalls ursprünglich aus dem Mezzofach zur Hochdramatischen aufstieg, sondern auch die schonungslose Art, wie sich eine Sängerin hier mit Haut und Haaren für ihre Rolle verausgabt. Und auch Schager, der in wenigen Jahren schon an vielen Bühnen Siegfried, Parsifal und Tristan gesungen hat, auf den er sich gerade in einer Neuproduktion unter Daniel Barenboim an der Berliner Staatsoper vorbereitet, schont seine Kräfte nicht. Seinen ganzen Part singt er mit großem Strahl, und ein paar lustige Szenen beschert der agile, wendige Darsteller auch. Dies vor allem in der Schmiedeszene, wenn er wie ein jugendlicher Rabauke von heute übermütig, forsch und mit ungeduldigem Fingerschnippen den kauzig-mürrischen Ziehvater Mime foppt.

So wie die Sänger die emotionalen Achterbahnfahrten ihrer Partien allesamt bewegend durchleben, entsteht ohnehin in Wolfgang Gussmanns von Stühlen und Stuhlreihen (des Bayreuther Festspielhauses) bestimmten Kulissen zu Willy Deckers Inszenierung aus dem Jahr 2003 packendes Musiktheater. Der größte Beifall des Dresdner Publikums aber gilt dem genialen Dirigenten Christian Thielemann.

Kirsten Liese | 22. Januar 2018

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 527 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Willy Decker
This recording is part of a complete Ring cycle.