Tannhäuser

Otmar Suitner
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
19 July 1964
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
HermannMartti Talvela
TannhäuserWolfgang Windgassen
Wolfram von EschenbachEberhard Waechter
Walther von der VogelweideArturo Sergi
BiterolfHubert Hofmann
Heinrich der SchreiberHermann Winkler
Reinmar von ZweterGerd Nienstedt
ElisabethLeonie Rysanek
VenusBarbro Ericson
Ein junger HirtElse-Margrete Gardelli
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Die Zeit

Die szenische Novität von Bayreuth besteht dieses Jahr in einer teilweisen Revision des wiederaufgenommenen „Tannhäuser“ von 1962. Geblieben, ist der Goldgrund für alle Bilder. Zum Unterschied von Emil Preetorius, der als erster diese Bildidee in der Westberliner Städtischen Oper verwirklicht hat, verzichtet Wieland Wagner nach wie vor auf einen dramatisch sinnfälligen Farbwechsel zwischen Venusberg und maienhafter Frühlingslandschaft im ersten Akt. Zeichen und Stil müssen einen elementaren Weltenwechsel ersetzen.

Höhlenartiger, realistischer ist die Venusgrotte geworden. Als zentrierende Chiffre beherrscht jetzt eine Sängerharfe die Bildmitte. Venus und Tannhäuser sind als Verlängerung der Vertikalen nach unten statuarisch arrangiert. Im Schlußbild hat Wieland Wagner seinen früheren Devotionalienkitsch durch mehrere Reihen von blassen Heiligenscheinen (?) ersetzt. Das Wiedererscheinen der Venus ist im Zuschauerraum zu – denken.

Die beste Neuerung des Regisseurs ist das kreisförmige Arrangement des Sängerkrieges. Leider nur variiert wurde das „Schweben“ vieler Personen. Nicht nur Elisabeth und Tannhäuser verlieren durch Rückwärtsgänge viel von ihrer menschlichen Plastizität. Auch das symbolistische Schreiten der Pilgerchöre ist in eine Choreographie hochstilisiert worden, die keine Beziehung mehr zu der als Fernchor unter Meister Pitz wundervoll entspannt gesungenen Musik besitzt. Ebenso diskrepant sind die „gotisch“ verzückten Haltungen einziehender Gäste zu der klaren Marschmusik. Versuche, während des Sängerkrieges Änderungen in der Choraufstellung gleichsam unbemerkt vom Zuschauer vorzunehmen, blieben ungekonnt und irritierten.

Die beträchtlichste Neuerung ist im Bacchanale der Ersatz von Maurice Béjarts „Ballett des Zwanzigsten Jahrhunderts“ durch eine Gymnastikgruppe, die nun wieder unter Gertrud Wagners Leitung steht. An die Stelle eines vielleicht schockierenden, aber gekonnten massenhaften Geschlechtsaktes sind gruppenhafte Gliederverrenkungen gesetzt worden, deren Kunstferne sich wohl nur ein Familientheater leisten kann.

Eine Verlegenheitsbesetzung am Dirigentenpult: Otmar Suitner (Dresden) schlug sich mit den Anfangsschwierigkeiten der Bayreuther Orchesterakustik herum. Bei zunächst sehr langsamem Tempo wirkte der Klang dünn. Obwohl Suitner sein Heil in Tempomanipulationen suchte, gelang ihm keine persönliche und entschiedene Interpretation der für Neu-Bayreuth kompilierten Partitur.

Wolfgang Windgassen sang am Tage nach dem Tristan auch den Tannhäuser. Sein Stehvermögen ist bemerkenswert. Daß er den „Erbarm- dichmein“-Rufen stimmlich nicht ihre dramatische zentrale Bedeutung zu geben vermochte, daß ihm dann auch die Rom-Erzählung zerfiel, bezeichnet die Grenzen Windgassens. Hans Beirer hat kürzlich erst wieder in Berlin bewiesen, daß er ein besserer Tannhäuser ist.

Unter einem bedauerlichen Unstern stand Leorie Rysaneks Rückkehr nach Bayreuth (Elisabeth). Sie hatte ihren Tag der Detonation. Darunter litt die mit Überdruck gesungene Hallenarie. Die Sopranistin „schmiß“ auch das A-cappella-Oktett. Mächtige Töne in extremen Lagen ließ als Venus Barbro Ericson hören. Dagegen bestätigte sich als echter Gewinn Martti Talvela, als Landgraf der würdige Nachfolger Greindls. Mochte Eberhard Wächters schöner Bariton für den Wolfram schon zu dramatisch sein, so wertete Arturo Sergis jugendlich-dramatischer Tenor die Partie des Walther von der Vogelweide im Ensemble bemerkenswert auf.

Johannes Jacobi

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GM, OOA, TOL, HO, OD
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Technical Specifications
558 kbit/s VBR, 44.1 kHz, 655 MByte (flac)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth Festival
A production by Wieland Wagner