Tannhäuser

Franz Welser-Möst
Chor und Orchester der Oper Zürich
Date/Location
30 May 1999
Opernhaus Zürich
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
HermannAlfred Muff
TannhäuserPeter Seiffert
Wolfram von EschenbachThomas Hampson
Walther von der Vogelweide?
BiterolfRolf Haunstein
Heinrich der Schreiber?
Reinmar von Zweter?
ElisabethInga Nielsen
VenusStefania Kaluza
Ein junger HirtMartina Jankova
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Die Welt

Fräcke und Abendkleider in Zürich

“Tannhäuser” 2000: Peter Seiffert debütierte an der Spitze einer Traum-Equipe

Chapeau, Herr Pereira! So also sind die Premieren beschaffen, die Sie als Intendant ihrer Zürcher Opern-Gemischtwarenboutique der Luxusklasse – unter Umständen – für die Mortier-Nachfolge bei den Salzburger Festspielen empfehlen. Dabei ist das Rezept so einfach, man muß es nur möglich machen; es braucht dafür vor allem Chuzpe, Glück und Besetzungsgeschick. So verfügt man dann unversehens, bis auf den kernig autoritären, in vielen Ensemblejahren unerschütterlich gewordenen Alfred Muff als Landgraf, im Orchestergraben wie auch auf der Bühne über lauter Debütanten für eine an sich gar nicht für Anfängerwagemut vorgesehene Oper namens “Tannhäuser”.

Diese ist zudem hübsch plaziert, zwei Tage nach der 150. Wiederkehr des Auftauchens des politischen Asylanten Richard W. in Zürich. Auch die Szene stimmt zum Nachdenken ein über Liebeswahn und christliche Heilsgewißheit, erotische Lust als Künstlerfreimut, Frauenverehrung als Glaubensfrage, den einzelnen nebst der Masse. Und sie stört nicht beim heftig sich entfaltenden Vokalglück. – Da wäre die Kategorie “hoffnungsvoller Nachwuchs”: Die erfüllt Martina Jankov als wollbemützter wie siberstimmiger junger Hirt, der – helvetische Anspielung – vor lauter Frühlingswonne in einen Apfel beißt. Dann der Programmpunkt “Etabliert, aber noch nicht berühmt”: So wie Stefania Kaluza als Frau Venus in Üblichrot, im dritten Akt auch noch mit mariablauem Umhang, heftig mezzogurrend, verführerisch, aber ihren Minnesänger dann doch nicht kirre machend; außerdem verlegen in der Seitenkulisse entsorgt, der Komponist wollte es so, der Regisseur führt es aus.

Die Hauptaufmerksamkeit gilt aber einem “Tannhäuser”-Novizen-Quartett, wie man es sich besser komponiert, idealer miteinander harmonierend kaum denken kann. Franz Welser-Möst, noch Chefdirigent der Zürcher Oper, mit Ambitionen auf ein amerikanisches Orchester (Philadelphia oder Cleveland?) outet sich als intelligenter Romantiker, läßt es fließen hin, mit feinem Holzbläser- und Hörner-Unterfutter; darüber zarten Streicherschmelz. Ballungsmomente werden klug gesetzt, Lyrisches schmiert nie, Rhythmus regiert. Akustisch bleibt niemand unerlöst.

Thomas Hampson singt den Wolfram. Gekleidet in Edelgrau, Samtschwarz, Flaschengrün, ein Beau als Troubadour, vokal aus dem vollen schöpfend, der Melodie hingegeben; aber auch Dramatiker. Daß der nur vom Abendstern erhört wird, mag man kaum glauben. Inga Nielsen ist Elisabeth. Eine Spät-Jugendstil-Gestalt, aber kein ätherisches Püppchen, Liebende, nicht Heilige. Ihr Timbre schimmert opak wie ihr Porzellanteint, bekommt auch in den Ausbrüchen, die sie sich beherzt leistet, keine Risse.

Doch dominiert wird der Abend von Peter Seifferts erstem Tannhäuser, den man getrost als führenden Rollenvertreter für das nächste Jahrtausend ausrufend mag. Was für eine Wohltat, die mörderische Partie so belkantistisch, so gerundet ausgeformt zu hören. Keine Drücker, keine gequetschten Noten, kein stilles Verröcheln, nur Wagner-Balsam für gequälte Tenor-Fans – bis hin zum letzten, lang gehaltenen “Elisabeth”-Ruf. Peter Seiffert, nicht der stärkste Darsteller einer, charakterisiert vornehmlich durch Singen, ist Aufmüpfiger mit gebrochenen Saiten. Am Ende stirbt er gefaßt, aber enttäuscht. Die Welt bleibt ihm den wahren Tannhäuser schuldig.

Ebenso Jens-Daniel Herzog, ehemals Oberspielleiter der Münchner Kammerspiele, der auch am Zürcher Schauspiel erfolgreich wirkte, mit seinem flott durchgestellten Wagner-Abend, der keine Geheimnisse hat. Herzog verrät in seinem ersten Operngehversuch nie die Konvention. Ein inneres Wollen offenbart er ebensowenig. Bernhard Kleber zitiert in seiner präfaschistischen Halle, dem Nessel-Panorama einer Straße nach nirgendwo vor allem Lehrmeister Erich Wonder. Originelles szenischen Leben gewinnt das auch durch die Fräcke und Abendkleider von Ann Poppel nicht. Sind so künftige Salzburger Festspielproduktionen bestellt? Alexander Pereira, dem man immer wieder Gleichgültigkeit gegenüber der Regie nachsagt, hat Herzog jedenfalls schon vor dieser Premiere erneut verpflichtet.

Manuel Brug | 02.06.1999

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Technical Specifications
192 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 248 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Jens-Daniel Herzog (premiere)
Peter Seiffert’s first Tannhäuser