Tannhäuser

Christian Thielemann
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
21 August 2012
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
HermannGünther Groissböck
TannhäuserTorsten Kerl
Wolfram von EschenbachMichael Nagy
Walther von der VogelweideLothar Odinius
BiterolfThomas Jesatko
Heinrich der SchreiberArnold Bezuyen
Reinmar von ZweterMartin Snell
ElisabethCamilla Nylund
VenusMichelle Breedt
Ein junger HirtKatja Stuber
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Online Musik Magazin

Alkohol ist auch keine Lösung

Auf der Bühne des Bayreuther Festspielhauses steht ein Kunstwerk. Der Niederländer Joep van Lieshout hat ein U-förmiges, zweistöckiges, nach allen Seiten offenes Gebäude installiert. Es zeigt den in sich geschlossenen Energiekreislauf einer geschlossenen Gesellschaft, deren höchstes angebetetes Gut destillierter Alkohol ist. Dementsprechend steht der „Alkoholator“ (ein den Trank spendender Tank) im Mittelpunkt. Grüne Schläuche mit Nahrung führen zu Schlafstellen in der zweiten Etage, braune und gelbe Schläuche mit nicht schwer zu assoziierendem Inhalt in die Wiederverwertung: Vakuumkessel, Biogasanlage usw. Eine zweifelsohne beeindruckende, vielleicht sogar großartige Arbeit. Aber stünde sie nicht besser auf der dOCUMENTA (13) in Kassel? Als Bühnenbild zu Wagners Tannhäuser trägt sie jedenfalls eher zur Verwirrung als zur Erhellung bei.

Gewiss geht es im Tannhäuser um gesellschaftliche Regeln, Zwänge, Widersprüche, Ehrlichkeit und Unehrlichkeit – aber dem allen die Droge Alkohol aufzupfropfen, erklärt sich weder aus der Musik noch aus dem Text. Aber wo immer sich mehr als 5 Personen auf einer Bühne versammeln, ist das Gesellschaft, und die muss kritisiert werden. Ob der Kritikpunkt den Kern des entsprechenden Werkes trifft, ist dabei offensichtlich Nebensache. Dass das Dionysische als Gegensatz und gleichzeitige Notwendigkeit zur Existenz des Apollinischen auf seiner metaphysischen Ebene nur durch die Wirkung des Alkohols ertragen werden kann… – ist eine These. Aber ist das das Grundproblem Tannhäusers und der Wartburggesellschaft? Auch die Frage „Wieviel Droge braucht der Mensch?“ taucht im Laufe des Abends immer wieder in schriftlicher Form auf. Die Antwort darauf bleibt die Produktion – wie so vieles – schuldig.

Nun ist die Inszenierung von Sebastian Baumgarten in ihr zweites Jahr gegangen. Und da sie im ersten Jahr bei Publikum und Presse so deutliche Ablehnung erfahren hat, wurde von Seiten der Festspiele zwischenzeitlich viel erklärt, beschrieben und verdeutlicht. Mit dem Erfolg, dass das Publikum jetzt vielleicht ein bisschen besser weiß, warum es das ganze Brimborium immer noch ablehnt, denn nur wenige Erklärungen überzeugen wirklich und oft genug erklärt sich die szenische Umsetzung ganz einfach nicht. Das Gesamtkunstwerk entsteht nun mal in dem Moment der Aufführung – und da muss das Publikum zumindest eine Chance haben, etwas zu verstehen.

Venus wird auch Frau Holda genannt und ist mit Frau Holle aus der Märchenwelt gleichzusetzen, und deshalb schneit es immer mal wieder auf der Bühne. Wären Sie darauf gekommen? Problematisch erscheint mir insbesondere die hier gezeigte Schwangerschaft der Venus. Ist der Venusberg nicht gleichbedeutend mit Lust ohne Verantwortung und familiäre Bindungen, Hingabe an den Urtrieb ohne Konsequenzen fürchten zu müssen? Das wird ad absurdum geführt, wenn Venus eben doch schwanger wird, Tannhäuser väterliche Verantwortung übernehmen muss und sich um Mutter und Kind zu kümmern hat. Seine Flucht aus dem Venusberg, sein „Zuviel, zuviel!“ dahingehend zu interpretieren, konterkariert die wagnersche Absicht, die Oberflächlichkeit reiner Triebbefriedigung darzustellen ebenso wie die Darstellung kannibaler Fressorgien sie überzeichnet. Diese Welt existiert direkt unter der Wartburggesellschaft und wird per Hubpodien herauf und herunter gefahren – und sie wird von oben ebenfalls mit Alkohol versorgt. Das Apollinische hält das Dionysische am Leben… Das Auftreten mehr oder weniger wilder Tiere unterstreicht Wagners Gedanken hingegen, auch wenn der Erotikfaktor überdimensionaler Kaulquappen auch unter Berücksichtigung der Spermienähnlichkeit eher gering ausfällt. Dieser ganze Venusberg ist ganz einfach missglückt.

Befremdlich erscheint auch, dass Tannhäuser im zweiten Akt als dusseliger Trottel dargestellt wird, der von Wolfram ganz praktische Anleitung zur Annäherung an Elisabeth braucht. Da geht die Personenregie in den Bereich der Comedy oder des Boulevard-Theaters über. Sicher hat sich das Regie-Team dazu viele Gedanken gemacht (oder auch nicht), aber text- und musikadäquat ist das nicht, zumal Tannhäusers Auftreten doch eigentlich eher selbstbewusst und eitel ist. Wenn er ganz selbstverständlich Venus am Arm zum Sängerwettstreit führt, Reinmar sie dann aber in die zweite Reihe verweist, wird verdeutlicht, dass Tannhäuser den blanken Sex dorthin mitbringt, wo es um Liebe (hohe Minne) geht. Der Tanz mit ihr zu seinem Protest-Preislied überzeichnet das Ganze dann schon wieder. Und dass der Abendstern die astronomische Venus ist, ist keine Neuigkeit. Sicher ließe sich dieser scheinbare Widerspruch überzeugender darstellen, als durch ein direktes Ansingen und Auf-den-Schoß-nehmen der Venusberg-Chefin. Übrigens: Ob es Absicht ist, dass Wolframs Erscheinung eine große Ähnlichkeit mit Sebastian Baumgarten hat?

Dass Elisabeth in suizidaler Absicht in den Biogasbehälter steigt und Wolfram die Tür gewaltsam zudrückt, nachdem sich ihr Arm das Ganze noch einmal anders überlegt hat, ruft Assoziationen in die gleiche Richtung hervor wie das Einsperren der zuvor durch die Minnesänger geplünderten Pilger in eisenbahnwaggongroße Holzkisten mit der Aufschrift „Rom“. Aus etwas anderem Holz ist der Hammer geschnitzt, der Tannhäuser mit ausgebrochener AIDS-Erkrankung zeigt, die durch das Kaposi Sarkom sichtbar gemacht wird. Da atmet man fast schon auf, wenn es „nur“ Slapstick-Einlagen wie das Swingen der Minnesänger im ersten Akt oder das Mitschunkeln der Sängerkrieg-Besucher im zweiten zu sehen gibt.

Baumgartens Leidenschaft für Projektionen und Filmeinspielungen ist bekannt und wird erwartet. Diverse Zitate, Thesen, sonstige Texte und die überschriftenähnlich verwendeten Titel von Liedern der Gruppe Rammstein stehen dabei neben Röntgen-Videoaufnahmen von elementaren Vorgängen wie Verdauung, Eisprung und Befruchtung, von mikroskopisch aufgezeichneten Kleinstlebewesen und der übergroßen Hintergrundprojektion einer Madonna, die unten mit den Füßen wackelt und oben von einer befruchteten Eizelle als Gloriole umstrahlt wird.

Die szenischen Aktionen in den Pausen gehen – da nicht angekündigt – an den meisten Besuchern vorbei, die den Zuschauerraum wie gewohnt verlassen, bevor sie von den Türsteherinnen hinausgebeten werden. Dabei ist die Beobachtung des Umbaus und der Aufzeichnung einer Leseprobe in der ersten Pause weniger spannend als ein häretischer Gottesdienst mit Hymne, Choral, Abendmahl und Parsifal-Zitaten in der zweiten. Ein Sinn oder Zusammenhang erschließt sich hier aber nicht.

Vieles wäre noch erwähnenswert. Beispielsweise der Urschleim, mit dem Tannhäuser im Venusberg beschmiert wird, die Wundmale, die sich Elisabeth selbst zufügt und mit deren Blut sie Tannhäuser dann beschmiert, die Putz- und Reinigungsfimmel der geläuterten, aber offensichtlich nicht glücklich erlösten Rom-Rückkehrer, der volltrunkene Hirtenknabe, der Teil des Publikums, der auf der Bühne sitzt, um den Übergang von Bühne und Publikum fließend zu gestalten, was aber nur ein schwacher Kompromiss zu einer ursprünglich geplanten größeren Lösung des Vorhabens ist, die im Bayreuther Festspielhaus aber einfach nicht durchführbar war.

Elisabeths partiturgetreuer Beifall für Tannhäusers erstes Lied im Sängerkrieg, Wolframs Freude im dritten Akt, als Tannhäuser nicht zurückkehrt und er hofft, doch noch eine Chance bei Elisabeth haben zu können, der innige, geradezu herzzerreißende Abschied, den Elisabeth von Wolfram nimmt – das sind Momente, in denen Baumgarten zeigt, dass er zu sehr guter Personenregie fähig ist. Weniger zusammengestopfte Ideen zugunsten eines roten Fadens mit nachvollziehbaren Gedanken und Aussagen wäre da mehr. Die geradezu klassischen Opern-Tableaus, in die die Regie im zweiten und dritten Akt zuweilen verfällt, wirken fast schon wie ein stiller Vorwurf nach dem Motto „Wollt Ihr etwa das?!“ Aber zwischen bebilderter Rampensingerei und spannender Opernregie liegen Welten, die es noch (bzw. wieder) zu erschließen gilt.

Mit „Der Gnade Wunder Heil“ wird schlussendlich das Kind besungen, das Venus am Ende gebiert. Ehrfurchtsvoll wird es durch die Reihen der „jüngeren Pilger“ – hier Frauen – gereicht, die mit dem Venusberg heraufgefahren werden. Die Kaulquappen schunkeln dazu. Ein nicht ergrünter Hirtenstab wird hereingetragen. Als letzte Textprojektion variiert Baumgarten ein Wagner-Zitat. Sagte dieser einst zur Gattin Cosima „Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig“, so sagt Baumgarten nun „Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“. Stürzt und stützt er sich damit (vielleicht sogar entschuldigend) auf die Unvollkommenheit des Werkes als solches? Oder ist das die Andeutung einer weiteren Auseinandersetzung in einer weiteren Inszenierung? Den Countdown dazu lässt er im Hintergrund schon laufen. Das könnte eine Chance sein – oder eine fürchterliche Verheißung.

Glücklicherweise wird dem Ohr der festspielreife Genuss zuteil, der dem Auge nicht gegönnt ist. Torsten Kerl ist der neue Tannhäuser in dieser Produktion – ein echter Heldentenor, kein hochgepeitschter Bariton. Mit metallischem Timbre gestaltet er eine eindringliche Charakterstudie des Titelhelden und hält die mörderische Partie fast ohne hörbare Ermüdungserscheinungen durch. Allerdings wünscht man dieser Stimme durchaus eine größere Portion Volumen und Durchschlagskraft. Camilla Nylund singt keine mädchenhaft-unschuldige Elisabeth, ihre Stimme hat durchaus Glanz und Zartheit, aber eben auch Klänge, die der Figur die Charakterzüge einer selbstbewussten, denkenden Frau verleihen. Michelle Breedt umschmeichelt ihren Helden und Sänger mit samtig-weichen, zuweilen matronenhaften Tönen, könnte die Partie der Venus aber durchaus auch mit einer Portion verführerischer Erotik würzen. Günther Groissböck ist ein jugendlicher Landgraf mit scheinbar müheloser Tiefe und ebenso selbstverständlicher Höhe. Sein kerniger, markanter Bass mit unverwechselbarem Stimmklang überzeugt restlos und begeistert mit jeder wohlgeformten Phrase, jedem nuancierten Ausdruck. Michael Nagy ist mit sanftem aber volltönendem, wunderschönem Timbre eine Idealbesetzung für den Wolfram. Katja Stuber singt den Hirten mit glasklarem, anrührendem Sopran, Lothar Odinius verleiht dem Walther klangschönes Profil. Auch das weitere Minnesänger-Ensemble lässt keine Wünsche offen.

Christian Thielemann wird in Bayreuth schon fast wie der Gott des Dirigentenpultes verehrt und gefeiert. Er kennt nicht nur die feinsten Feinheiten der Partitur, sondern weiß auch, wie er sie herausarbeiten kann, wann er einige Instrumentengruppen zurücknimmt um eine andere kurz aufleuchten zu lassen und das Ganze so, dass es auch im Zuschauerraum ankommt, denn er kennt auch den verdeckten Orchestergraben (die „Diva“, wie er ihn gern nennt) mit all den wunderbaren Möglichkeiten aber eben auch den gefährlichen Tücken. Dennoch und auch, wenn es schon fast blasphemisch erscheinen mag: Neben den feinsinnigen Details poltert er an anderen Stellen allzu grob drauflos. Ritardandi werden überdeutlich angelegt, Generalpausen bis zur Verwirrung ausgedehnt und dynamische Kontraste so stark überzeichnet, dass es zuweilen Effekt heischend platt wirkt. Diese und andere Manierismen trüben den Gesamteindruck dann doch ein wenig. Das wie immer grandiose Orchester folgt seinem Dirigenten und beweist ein weiteres Mal, dass es neben dem Festspielchor einer der Garanten allerhöchster musikalischer Qualität auf dem Hügel ist.

FAZIT

Auf der Bühne steht ein Kunstwerk, in dem eine überwiegend nicht nachvollziehbare Inszenierung stattfindet. Es gibt viel zu sehen und noch mehr nicht zu verstehen. Mit vorher gelesenen oder gehörten Erläuterungen weiß man aber zumindest, weshalb man es nicht mag. Sängerisch ist der Tannhäuser eine der großartigsten Produktionen der Bayreuther Festspiele 2012.

Bernd Stopka | Aufführung im Festspielhaus Bayreuth am 3. August 2012

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 414 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording from the Bayreuth festival
A production by Sebastian Baumgarten (2011)