Tannhäuser

Will Humburg
Chor und Orchester des Staatstheaters Darmstadt
Date/Location
15 June 2017
Staatstheater Darmstadt
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
HermannMartin Snell
TannhäuserDeniz Yilmaz
Wolfram von EschenbachDavid Pichlmaier
Walther von der VogelweideMinseok Kim
BiterolfNicolas Legoux
Heinrich der SchreiberMusa Nkuna [or Michael Pegher]
Reinmar von ZweterThomas Mehnert
ElisabethEdith Haller
VenusKatrin Gerstenberger
Ein junger HirtAmelie Gorzellik
Gallery
Frankfurter Rundschau

Tannhäuser, eine Utopie

Amir Reza Koohestani inszeniert am Staatstheater Darmstadt Richard Wagner in muslimischer Umgebung.

Regiedebüts in der Oper haben Charme und Tücken. Es kommt einem heikel vor, wenn der Erfahrungsvorsprung der übrigen Beteiligten und Zuschauer zu groß ist. Aber auch Unbefangenheit ist von Zeit zu Zeit bestechend. Aber auch der erfreuliche Mangel an Routine kann zu routiniert wirkenden Ergebnissen führen.

Der mit seinen Schauspielinszenierungen international erfolgreiche Iraner Amir Reza Koohestani hat von alledem etwas zu bieten. Am Staatstheater Darmstadt widmete er sich – mit Dirk Schmeding als „Co-Regisseur“ – Richard Wagners „Tannhäuser“, ein Theatermacher aus einem islamisch geprägten Land einer Oper, in der ein Protestant sich mit durchaus effekthaschendem Ehrgeiz in katholisches Kerngebiet begab. Die geschilderten Vorgänge, so scheint es und so hat Koohestani auch vorher zu Protokoll gegeben, kamen ihm auf den zweiten Blick nicht so unvertraut vor. In der Tat ist die Ansiedelung des Geschehens in einer muslimischen Umgebung ein weitgehend natürlicher, selbstverständlich wirkender Transfer (auch wenn Teile des Darmstädter Publikums das nicht so sahen). Sexualfeindlichkeit und Konservatismus sind keine Alleinstellungsmerkmale christlicher Gesellschaften, die Freude an den schönen Künsten und der friedlichen Aufregung eines Gesangswettbewerbs keine Privilegien des Abendlandes.

Wenn Koohestani im zweiten Akt eine muslimisch festlich gekleidete Schar auf die Bühne schickt, leuchtet das nicht nur ästhetisch ein – nicht so weit auseinander, die mittelalterliche und orientalische Mode. Es ist auch die Utopie einer wieder entspannteren (islamischen) Welt, denn geschildert und gerügt werden im „Tannhäuser“ zwar Heuchelei und Schuldgekrampfe, aber Koohestanis Umgang damit ist sanft und lebenszugewandt. Der als Gruppe vorzüglich bewegte Chor erzählt von vergnügten Individuen, die sich auf einen netten Abend (hier: in einer Fernseh-Show) freuen. Nachher ist die Gewaltbereitschaft nicht höher als im Sängersaal auf der Wartburg. Sein kunstsinniges muslimisches Publikum ist eine Utopie auch insofern: Koohestani berichtete im FR-Interview, dass er selbst erst vor drei Jahren Gelegenheit gehabt habe, eine Operninszenierung im Theater zu sehen, das war in Deutschland.

Anderes an diesem Abend bleibt noch zurückhaltender, manches recht unverbindlich, manches andererseits nicht ganz verständlich – wo die Gründe kulturell sind, wird man neugierig, wo sich Koohestani nicht auf die psychologische Folgerichtigkeit verlässt, skeptisch. Tannhäuser traut er zu, dass er im eskalierenden Streit über eine arme Choristin herfällt. Es ist praktisch das einzige, was Deniz Yilmaz zu tun bekommt, außer zu singen und unglücklich auszusehen. Unwahrscheinlich.

Die Filmbilder im Venusberg (Video: Philipp Widmann) greifen merkwürdige west-östliche Szenen auf (historisches Filmmaterial, so scheint es), dann läuft es aber doch auf eine ziemlich schlichte Begegnung im glimmenden Lotterbett hinaus (Bühne: Mitra Nadjmabadi). Es wurden noch einige ansehnliche Statisten dazugelegt. Eine etwas schüchterne Szene. Die Rückkehr des vom Papst abgewiesenen Rom-Pilgers bleibt ebenfalls bescheiden: Unbebildert auf weißem Grund singt Elisabeth ihren Abschied von der Welt, auf schwarzem dann Tannhäuser seine Rom-Erzählung.

Dazu passt, dass das Personal Koohestani weniger zu interessieren scheint als die Umgebung, in der es sich bewegt. Allein Wolfram von Eschenbach bekommt eine etwas vertiefte Aufmerksamkeit. Dass auch er Elisabeth liebt, ist kein neuer Gedanke, aber Koohestani lässt David Pichlmaier mit Tränen und in Großaufnahme leiden, auf sein keusch hochgeschlossenes Kostüm hat Gabriele Rupprecht ein Zierschwert an eine delikate Stelle sticken lassen. Den Koran hat er stets dabei.

Eine immense Aufwertung erfährt der gemischte Regie-Eindruck durch das packende Dirigat von Will Humburg, eine Angelegenheit von angerauter, intensiver Schönheit. Da wird jeder Ton ausgehört, da wird über nichts hinweggegangen. Romantiker Wagner – angefangen mit dem fortgeschrittenen Duett der Pariser Fassung im ersten Akt – wird zum modernen Zeitgenossen. Dazu Herden- und Kirchenglocken, gelungene Fernorchester-Effekte.

Die Sänger kommen gut zurecht, Tuija Knihtilä als prächtige Venus, Edith Haller als Elisabeth mit wenigen Grellheiten, Pichlmaier als sonorer, beim Singen das Denken nicht einstellender Wolfram. Yilmaz lässt strahlende Durchschlagskraft zunehmend schmerzlich vermissen, bietet aber die Freuden eines schönklingenden, nicht grobschlächtigen Tenors. Auch die sängerische Vorbereitung des Chors: 1A (zuständig hierfür: Thomas Eitler-de Lint).

Judith von Sternburg | 23.04.2017

Frankfurter Neue Presse

Es wird sehr viel herumgestanden

Inszeniert von dem Iraner Amir Reza Koohestani, kann Wagners „Tannhäuser“ am Staatstheater Darmstadt so wenig überzeugen wie Titelsänger Deniz Yilmaz.

Allerlei wurde gemunkelt vor dieser Premiere. Vor allem, dass der nicht sonderlich opernerfahrene iranische Regisseur Amir Reza Koohestani (unterstützt von Dirk Schmeding) die Pilger als Flüchtlinge und die Frauen verschleiert auf die Bühne bringen würde. Ja, beides ist passiert, ohne dass es – bis auf ein paar Buh-Rufer zum Schluss – jemanden sonderlich erregt hätte. Zu verlockend sind ja auch die Analogien.

Stilisierte sich Richard Wagner nicht selbst als Flüchtling, auf der Flucht vor den Gläubigern, vor der Liebe, vor der Welt, vor allem Möglichen, nicht zuletzt vor sich selbst? Ähnelt in dieser Männeroper nicht auch das Frauenbild, nämlich wahlweise Lustobjekt oder Heiratspreis, dem in islamisch geprägten Gesellschaften vermuteten? Die Religion ebenfalls, in dieser Oper eine rigide, scheinheilige moralische Instanz? Die Pilger in paramentenähnlichen Rettungsfolien aus Rom zurückkehren zu lassen (Kostüme: Gabriele Rupprecht) ist eine wortwörtlich glänzende Idee. Köpfe und Körper der Frauen beim Einzug in den Wartburg-Saal vielfarbig zu verhüllen, nicht minder: Auf diese Weise ähnelt nämlich die weibliche Hälfte des Chores verblüffend Szenerien auf Wimmelbildern des 16. Jahrhunderts; die Parallelität des Habitus von Religionen wird deutlich, kritisch allerdings auch die zeitliche Distanz, die eine „Aufklärung“ genannte Epoche zwischen Islam und Christentum errichtet hat.

Voller Krafteinsatz

Verwandelten die Pilger im ersten Akt das Lust-Bett des Venusbergs (Bühne: Mira Nadjmabadi) mit wenigen Handgriffen in eine Art Flucht-Boot, wuseln am Ende, kaum erkennbar, schwarz verhüllte Tannhäuser-Groupies aus der Lasterhöhle. Da bereitet sich Deniz Yilmaz (Tannhäuser) jedoch schon auf den Kampf mit der Rom-Erzählung vor. Der Sänger verliert den Wettstreit nicht nur pflichtgemäß in der großen romantischen Oper, sondern auch speziell an diesem Nachmittag. Wohl um Bayreuth-Feeling zu erzeugen, mit dem der „Tannhäuser“ nun wirklich nichts zu tun hat, beginnen die Aufführungen am StaatstheaterDarmstadt um 16 Uhr.

Bei allem Krafteinsatz scheinen die Töne nicht herauszuwollen aus diesem Tenor, sie gefährden Höhe, Tragkraft und Artikulation. Vielleicht auch ein wagnerisches, hier nicht thematisiertes Problem des sensiblen Tannhäuser: Versagensängste gegenüber den starken Frauen, Venus (wollüstig-erfahren und kompakt: Tuija Knihtilä) und Elisabeth (Edith Haller), eine frische, sympathische Sopranstimme, deren Intonation gelegentlich die Fassung verliert. Gerne hätte man sie differenzierter in ihrer Haltung zu Tannhäuser gesehen, womöglich verstrickt in subversive Aktionen gegen die Wartburger Hofgesellschaft, den hier gönnerhaft noblen, dort aufbrausenden Landgrafen (Martin Snell), den intellektuell schlanken Bariton Wolfram (ansprechend nicht nur im „Lied an den Abendstern“: David Pichlmaier) oder die knöchern pflicht-bewussten Sekundanten Walther (Jun-Sang Han) und Biterolf (Nicolas Legoux). Welchen bierernsten Unfug, wie praxisfern schwadronieren diese Herren über ritterliche Liebe! Ironischen Humor bietet ferner die Showtreppe in diesem Song-Contest, ziemlich sinnfrei dagegen bespielen Live-Videoprojektionen (Philipp Widmann) von Überwachungskameras oder allerlei Filmschnipsel die Rückwand der sonst spärlich beschickten Bühne.

Aura ohne Weihe

Von behaglich-weihevoller Aura weit entfernt lässt Will Humburg das Staatsorchester spielen, fast zu nüchtern am Anfang, dramatisch zugespitzter im Verlauf, mit schönen Einzelleistungen (Flöten!). Balsamisch (aus dem Off) und kernig (ins Publikum hinein) singen die Chöre (Thomas Eitler-de Lint). Bei allem aktualisierenden Gedankengut und der bedenkenswerten Identifizierung des Regisseurs mit der Titelgestalt dieser Oper: Es wird doch viel herumgestanden und routiniert chargiert auf der Bühne. Hier aber sollte die Oper passieren, nicht im Kopf. Das Publikum applaudiert vor allem den musikalischen Leistungen.

ANDREAS BOMBA | 24.04.2017

Allgemeine Zeitung

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani inszeniert „Tannhäuser“ in Darmstadt

Für den iranischen Regisseur Amir Reza Koohestani, der erfahren hat, in jeder Gesellschaft fremd zu sein, ist „Tannhäuser“ eine persönliche Geschichte. Er zeigt bei seinem Opern-Debüt in Darmstadt einen Wanderer, der nie ankommt, und versucht, eine Brücke in unsere Zeit zu schlagen, die mittelalterliche Wartburg in ein islamisches Land zu verlegen: Der Sängersaal ist ersetzt durch ein Etablissement mit Revuetreppe und Polstersitzgruppen, orientalische Ornamentik und europäisches Bar-Outfit mischend (Bühne: Mitra Nadjmabadi). Die Wartburggäste mutieren zu einer Kopftuch-Gesellschaft (Kostüme: Gabriele Rupprecht), die durch den Zuschauerraum hereinströmt, fröhlich in den Rang emporwinkt und sich an der Rampe zu einem prächtigen Tableau postiert.

Hier zeigt sich der über sechzigköpfige Opernchor und Extrachor des Darmstädter Staatstheaters (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint), beidseitig flankiert von sechs Trompeten, in Hochform. Der Sängerwettstreit ist als Casting-Event aktualisiert: Grell und kitschig blinkt in allen Regenbogenfarben die Disco-Treppe, wenn den wettstreitenden Sängern das christlich-ritterliche Epos im Halse stecken bleibt bei dieser Suche nach dem Super-Star.

Tannhäuser ist es nicht. Der aus der Türkei stammende Tenor Deniz Yilmaz, der sein Rollendebüt gibt, scheint den Anforderungen dieser Partie noch nicht gewachsen. Seiner schönen, aber angestrengt wirkenden Stimme fehlt es an Durchschlagskraft, und die Übertitelungen sind bei seiner mangelnden Textverständlichkeit mehr als hilfreich. Vor allem darstellerisch wirkt Yilmaz blass: Bei den begeisterten Lobpreisungen für Venus, der Wiedersehensfreude mit Elisabeth oder den verzweifelten „Erbarm dich mein“-Rufen bleibt die Mimik stets unverbindlich. Zu Beginn teilt sich Tannhäuser mit der „Göttin der Liebe“ ein übergroßes Bett, das den Venusberg symbolisiert. Beleuchtungseffekte (Heiko Steuernagel) und rastlos flimmernde Projektionen auf der rückwärtigen Videowand (Philipp Widmann) ersetzen die Bacchantinnen. Tuija Knihtilä stattet Venus mit mächtigem Mezzo und prachtvollen Tönen aus.

Flüchtlingsproblematik scheint mehrmals auf

Tannhäuser treibt es indes hinaus. Wenn er die Maria anruft, verweist wallender Theaternebel auf die Verwandlung: Der Hirte (ohne Schalmei auf der Suche nach klarer Intonation: Amelie Gorzellik) verkündet den „lieben Mai“, doch die Bühne ist dunkel und leer. Die Pilger entsorgen flugs das Himmelbett, indem sie es als Flüchtlings-Floß nutzen. Auch im Schlussakt scheint die Flüchtlingsproblematik auf, wenn die Pilger, ebenfalls auf der Suche nach Halt und Heimat, in Goldfolie stecken, wie man diese als Kälteschutz kennt. Wenn Tannhäuser auf seine Sängerfreunde trifft, kontrollieren blendende Scheinwerfer, wie in einem Überwachungsstaat, das Geschehen. Brav stehen die Akteure im Halbkreis, von einer schlüssigen Bewegungsregie verlassen. Vieles kommt bei Koohestani ins Stocken: Mut zum Stillstand oder Einfallslosigkeit?

Die Solisten lassen sich freilich nicht beirren: Die bayreutherfahrene Edith Haller fokussiert als Elisabeth ihre bewegende Hallen-Arie auf prächtigen Höhenglanz. Innig gestaltet sie ihr Gebet. Noblesse verströmt Martin Snell als Landgraf mit feiner, bis in die prekären Höhen und Tiefen seiner Partie klangschön geführter Bass-Stimme. Neben David Pichlmaier als wohltönendem Wolfram von Eschenbach ist des Landgrafs Minnesänger-Gefolgschaft mit Jun-Sang Han (Walter), Nicolas Legoux (Biterolf), Musa Nkuma (Heinrich der Schreiber) und Thomas Mehnert (Reinmar) zuverlässig besetzt. Will Humburg formt mit dem Staatsorchester Darmstadt die Ouvertüre subtil aus und führt das große Ensemble bis hinein in die mächtigen Klangballungen des Schlusses souverän, dabei Langsamkeit nicht scheuend. Es gab begeisterten Applaus für die musikalische Umsetzung, während sich bei der Regie Zustimmung und Missfallen die Waage hielten.

Albrecht Schmidt | 24.04.2017

der-neue-merker.eu

Nach nur wenigen Vorstellungen ist die Neuproduktion von Regisseur Amir Reza Koohestani abgespielt. Welche Voraussetzungen muss ein Regisseur erfüllen, um sich den Herausforderungen an ein solches Werk zu stellen? Koohestani hat in seinem bisherigen Leben erst eine Oper gesehen, nie eine Oper inszeniert und spricht kein deutsch. Aber er kommt vom Schauspiel……! Nun ja, wer glaubte, dass sich dies in einer spannenden Personenführung kennzeichnen würde, sah sich getäuscht. Zudem wurde dann noch als „Co-Regisseur“ Dirk Schmeding angeheuert. Wer weiß, wie diese vergessenswerte Inszenierung sonst geraten wäre?

Koohestani erzählt letztlich eher flach die Geschichte. Dabei setzt er sehr viele Videoeffekte ein und verortet die Handlung in einer muslimischen Welt. Ein Zierat, mehr nicht. Der Leerlauf dieser Inszenierung ist sehr ausgeprägt.

Die Welt von Venus wird auf ein Himmelbett reduziert. Ein Paar streitet sich und bewirft sich mit Kissen. Aha! Sinnlichkeit, Erotik, Völlerei…..nichts davon! Warum also „zu viel, zu viel!“ Richtiger hätte Tannhäuser singen müssen „zu wenig!“

Ein derbe Pointe ist Tannhäusers Kleidung im 1. Aufzug: ein hässlicher gestreifter, unkleidsamer Morgenrock! Klar: „nach seiner Tracht ein Ritter!“

Oder die Romerzählung: Tannhäuser steht fidel an der Rampe und singt seine zehn Minuten konzertant. Wolfram darf indes abgehen!

Musikalisch war es ein guter Abend für das Staatstheater! Edith Haller war eine sehr engagierte, leuchtkräftige Elisabeth. Ihre innere Beteiligung und ihre Textverständlichkeit waren ausgezeichnet. Lediglich das „h“ am Ende der „Hallenarie“ geriet ihr etwas kehlig, angestrengt. Bedauerlich auch, dass sie, eine schlechte Tradition nahezu aller Elisabeth Sängerinnen, bei ihrem Einschreiten lediglich „ein“ und nicht „Haltet ein“ sang.

Katrin Gerstenberger war eine vollstimmige Venus, die vor allem im 1. Aufzug (gespielt wurde die Pariser Fassung) überzeugte.

David Pichlmaier (Wolfram) stand im Zentrum der Gunst des Publikums. Sein heller, kultivierter Bariton erfreute durch Schattierungen im Ausdruck und war auch den Ausbrüchen im 3. Aufzug gut gewachsen. Martin Snell agierte als Landgraf mit hoher Stimmkultur und feiner Noblesse. Sein Textausdruck war beispielgebend. Auch die übrigen Minnesänger gefielen, wie z.B. Nicolas Legoux als grimmiger Biterolf oder Minseok Kim als lyrisch tönender Walther.

Bleibt Deniz Yilmaz als Tannhäuser. Kaum eine Tenorpartie Wagners ist derart schwer zu besetzen. Die ungewohnt hohe Tessitura erfordert einen ausdauernden Tenor mit belastbarer Höhe und mit ausgeprägter deklamatorischer Begabung. Einen idealen Interpreten gibt es heute nicht. Yilmaz sang die Titelpartie im Rahmen seiner Möglichkeiten hoch anständig. Bei ihm gab es keine stimmlichen Einbrüche. Selbst in den Ensembles sang er alles aus (auch die gerne nicht gesungenen „zu ihr!“-Rufe) und konnte in den „Erbarm dich mein“-Rufen gut bestehen. Allerdings ist die Stimme in ihrer Strahlkraft deutlich begrenzt. Schwerer wog jedoch die fehlende Textgestaltung. Lediglich bei Tannhäusers Reblik auf Biterolf blitzte ein Hauch von Textausdruck durch. Ansonsten blieb Yilmaz weitgehend ausdruckslos, so dass er nicht das notwendige Zentrum bildete.

Chordirektor Thomas Etler- de Lint sorgte für eine gelungene Choreinstudierung, so dass Chor- und Extrachor sich völlig zu Recht über viel Jubel freuen konnten.

Herausragend war für mich jedoch einmal mehr das überragende Dirigat durch GMD Will Humburg! Mit Feuereifer durchlebte er mit dem famos aufspielenden Staatsorchester alle Farben der Partitur. Hingebungsvoll waren die Ruhepunkte in den Holzbläsern. Perfekt die Balance zwischen Bühne und Graben. Und die drei Finali waren in der dynamischen Entwicklung derart überrumpelnd in ihrer Überwältigung, so dass spätestens am Ende des Werkes der musikalische Himmel erreicht war. Großartig!

Sehr langer, ausdauernder Jubel eines hoch konzentrierten Publikums.

Dirk Schauß | Staatstheater Darmstadt, 15. Juni 2017

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 421 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Amir Reza Koohestani (2017)