Tristan und Isolde

Karl Böhm
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
24 July 1970
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
TristanWolfgang Windgassen
IsoldeBirgit Nilsson
BrangäneGrace Hoffmann
KurwenalGustav Neidlinger
König MarkeMartti Talvela
MelotReid Bunger
Ein junger SeemannHermin Esser
Ein HirtHermin Esser
SteuermannBengt Rundgren
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Reviews
Die Zeit

Trauriges Ende einer Ära

Der Finne Martti Talvela, König Marke, gab das Stichwort: „Wohin nun Treue, da Tristan mich betrog?“ Der Angesprochene, Tristan, Wolfgang Windgassen, hörte es und senkte den Kopf. Auf diesen Satz hatte der Komponist ihm keine Erwiderung geschrieben.

Aber da ist auch nichts mehr zu erwidern.

Acht Jahre lang, seit 1962, war „Tristan und Isolde“ das Nonplusultra dessen, was zu hören und zu sehen jemand nach Bayreuth fahren konnte. Im neunten Jahr bröckelte drei Künstlern der Sockel, auf dem sie standen, unter den Füßen weg, wurde ein Mythos liquidiert, und dem Konkursverwalter brach es keineswegs das Herz.

Vorspiel zum ersten Aufzug. Die Cellokantilene beginnt sehr langsam, wenn auch nicht gerade „schmachtend“, wie die Partitur es will, ein deutliches Crescendo, aber der darauf folgende Holzbläser-Klang, der berühmte Tristan-Akkord, ist sehr unpräzise. Die zweite Kantilene hat mehr Dynamik, wieder ein gutes Crescendo, aber die Celli sind sich in der Intonation des Gis nicht einig. Nach der ersten Fermate wieder ein unpräziser Holzbläser-Satz. Sehr gut das Pianissimo der Unisono-Geigen, aber den Einsatz des vollen Orchesters verpatzen zu früh gezupfte Bässe und Celli. Ein hinreißend weiches Horn … eine phantastische gleitende Themenablösung zwischen Oboe, Klarinetten und Flöten … brillante Zweiunddreißigstel-Aufschwünge der Geigen … im entscheidenden Augenblick verschleppen die Trompeten und Posaunen die Kulmination des Vorspiels, und damit ist die Architektur des Stücks lädiert.

Das Orchester der Bayreuther Festspiele konnte einmal unter Karl Böhm eines der besten der Welt sein.

Zweiter Aufzug, zweite Szene. „Sehr lebhaft“, verlangt der Komponist, und als Ergänzung fügt er hinzu: „Das Zeitmaß ist je nach dem feurigen oder zärtlichen Ausdruck gut zu motivieren.“ Hier offenbart sich das ganze Dilemma. Wolfgang Windgassen und Birgit Nilsson, sie möchten zärtlich sein, sie möchten feurig sein, aber sie sind nur hektisch; sie können nur das Tempo mithalten, müssen auf Ton und Klang verzichten. Wenn Tristan – „Hab’ ich dich wieder?“ – und Isolde – „Halt’ ich dich fest?“ – nicht einander, sondern den Dirigenten ansehen, so ist das entgegen allen anderen Erwartungen doch die realere Blickrichtung.

Und eine gute Viertelstunde später, die Nacht der Liebe sinkt noch einmal hernieder: Wenn beide da unbeweglich auf dem steinernen Bänkchen hocken, die Umarmung ist mehr angedeutet, und einander „Laß mich sterben“ bitten, so können sie zwar mit sanftem Piano Liebesinnigkeit und Herzenswärme darstellen, die Ekstase hingegen, klug genug, versagen sie sich. Und die Resignation, die sich in ihrer beider Haltung ausdrückt, ist vielleicht – allen Liebesbeteuerungen zum Trotz – Zeichen ihrer Unbewegtheit, der Distanz zueinander. Aber sie denunziert vor allem ihre Disposition. Selten habe ich von Frau Nilsson so viele zu hoch angesetzte Töne, selten so viel Schärfe, selten so harte und verkrampfte Artikulationen gehört. Und wenn Wolfgang Windgassen im dritten Aufzug kaum je über das Orchester hinüberkam, so mag man das Realismus nennen, denn immerhin ist Tristan zu Tode getroffen. Richard Wagner hingegen hat diesen Realismus nicht komponiert.

Ob die beiden allerdings nicht trotzdem das derzeit Optimale zu bieten haben, ob irgendwo auf der Welt heute zwei Sänger zu finden sind, die die noch möglichen Leistungen von Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen zu übertreffen vermöchten, dürfte noch nicht entschieden sein. Aber es ist auch ein anderes Problem.

Die Katastrophe des Abends: Gustav Neidlingers Kurwenal. Was er sich im ersten Aufzug an Asynchronität zu Dirigent und Orchester leistete, dürfte in Bayreuth einmalig gewesen sein, und sein Auftritt im dritten Aufzug war, szenisch wie gesanglich, eher eine Vorahnung auf den denaturierten Alberich. Da halfen denn auch nicht mehr die klaren und klangschönen Brangänen-Rufe von Grace Hoffmann, nicht die edle Menschlichkeit und Würde des zweifellos überragenden Martti Talvela als König Marke.

Wie sehr der Schlendrian in Bayreuth um sich greift, zeigt eine harmlose und künstlerisch gewiß unbedeutende Kleinigkeit: Die Verfolger-Scheinwerfer, für deren Präzision wie Unauffälligkeit die Bayreuther Bühne einmal berühmt war, auch auf sie ist das Zittern und Suchen übergesprungen.

„Sind’s deiner Seufzer Wehen, die mir die Segel blähen?“ fragt der Seemann die Isolde – eine winzige Kopfdrehung drückt die ganze Verachtung aus, die eine Frau für den jungen Spötter haben kann. Isolde trägt den Becher mit dem angeblichen Todestrank – die maßlose Wut und Verachtung einer ungeheuer stolzen, aber bis ins Innerste getroffenen jungen Frau, die im Selbstopfer ihren letzten und größten Triumph feiert, sprechen aus jeder Bewegung, jedem Schritt: Details nur, und es gibt nur noch wenige, aber sie zeigen präzise, mit welchen geringen Mitteln Wieland Wagners Inszenierung (Peter Lehmann, der Rekonstrukteur dieser Inszenierung, durfte sich an diesem Abend nicht einmal für den Beifall bedanken) einmal gearbeitet war.

Am 25. August wird Wolfgang Wagner die letzte szenische Realisation seines Bruders Wieland aus dem Bayreuther Spielplan entfernen.

Heinz Josej Herbort | 31. Juli 1970

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Technical Specifications
128 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 205 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth festival
A production by Wieland Wagner (1962)