Tristan und Isolde

Wolfgang Sawallisch
Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper München
Date/Location
27 July 1980
Nationaltheater München
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
TristanSpas Wenkoff
IsoldeHildegard Behrens
BrangäneYvonne Minton
KurwenalSiegmund Nimsgern
König MarkeKurt Moll
MelotHans Günter Nöcker
Ein junger SeemannClaes H. Ahnsjö
Ein HirtFriedrich Lenz
SteuermannHermann Sapell
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Die Zeit

Leider nur die halbe Gala

Die Buhs kamen nicht zaghaft und vereinzelt, sie kamen saftig und aus dem läßlich üppigen Parkett wie von den fanatischen Rängen. Die „Tristan“-Inszenierung, mit der der Hausherr August Everding in diesem Wittelsbacher Jahr seine Münchner Opernfestspiele krönen wollte, rief eine Reaktion hervor, die auch mit äußerster Schonsamkeit nur gerade noch als kontrovers zu bezeichnen ist.

Ungunst der Sterne mischt sich in die eigene Schuld. Dabei war dies so schön ausgedacht. Zwei hochkarätige Sängerpersönlichkeiten, Hildegard Behrens und René Kollo, sollten das nachtgeweihte Liebespaar verkörpern. Mit kluger Ökonomie und selten gewordener Geduld hatten sie auf die mörderischen Partien gewartet, sich ihnen auf genau überdachtem Wege genähert… Sie von Mozart und Strauß über die „Fidelio“-Leonore, er über die lichteren Tenorpartien Wagners, über den Stolzing und über den Lohengrin. Das machte Appetit, machte neugierig auf frischen Wind über keltischen Schiffen und Burgen; zumal dieser Tristan und diese Isolde ihre Auffassung der Rollen schon am kleinen, aber mutigen Zürcher Opernhaus, sozusagen in einer Voraufführung, ausprobierthaben.

Aber auch und besonders für Sänger war dies der Sommer des Mißvergnügens. Von Wetterumschwüngen wurden sie dähingemäht, René Kollo sagte ab, Spas Wenkoff sprang ein, rettete die Vorstellung tapfer und selbstlos, denn er war in grauslicher Stimmverfassung, wirkte abgekämpft, abgesungen; und auch wenn man weiß, daß alle Tristane dieser Welt sich für den dritten Akt schonen: In diesem dann müßte sich doch etwas ereignen. Bei Wenkoff kam nur heiße Luft.

Zu dieser ersten Katastrophe gesellte sich bruchlos die zweite: Everdings Inszenierung. Was der Sänger zuwenig machte, das machte der Regisseur zuviel. Er überschüttete das Stück mit Einfällen und ließ es dabei fast zu Bruch gehen. Er kann auch dem Bühnenbildner Herbert Kapplmüller nicht den Schwarzen Peter zuschieben – er hat ihn schließlich angeheuert.

Mit Schocks von vorgestern – auf der Sprechbühne längst gesunkenes Kulturgut – will Everding sich als Anwalt des antikulinarischen Musiktheaters profilieren. Die festgefügte Dramaturgie der drei Akte wird immer wieder aufgebrochen, und Ungleichzeitigkeit herrscht, erlaubt das Nebeneinander von Kostümen und Bildmotiven aus allerlei Jahrhunderten. Isolde bewohnt auf Tristans Schiff eine Art archaischer Kajüte, aber die Schiebetüren, die den Durchgang zum Oberdeck freigeben, erinnern an einen Seelenverkäufer, ein Trampschiff aus unseren Tagen und voll elektrifiziert. Eine Lampenschale aus Milchglas, fest unter die Decke geschraubt, kann und soll man nicht übersehen. Im dritten Akt lagert der todmatte Tristan vor einem übermannsgroßen, sich von vorn rechts nach links hinten hinziehenden Palisadenzaun, er kann sich kaum ausstrecken, denn ihm zu Füßen beginnt das Meer aus Plastik. Um ihn herum lagern mehr als dreißig riesige Betondübel, die Brandung zu brechen. Eine Bogenlampe, natürlich wieder elektrisch, leuchtet mich auf den wohl rechten Weg: geschändete Industrielandschaft. „Kennst Du die Burg der Väter nicht?“, fragt Kurwenal seinen erwachenden Herrn. Aber auch ein völlig fieberfreier Tristan hätte sich in diesem trostlos-modischen Ambiente nicht zurechtgefunden.

Die besseren Überraschungen lösen ohnehin schon seit Jahrzehnten Überraschung aus. Schön bei Wieland Wagner verfärbte sich im zweiten Akt der dunkel glimmende Nachthimmel in schmuddeliges Ocker, wenn der öde Tag hereinbricht. So etwas wie die Mohn-Aue, die durch Beleuchtungswechsel zur Geröllhalde wird, habe ich schon vor fünfundzwanzig Jahren bei Barrault in Paris gesehen: Die Blumen, von der wahnsinnigen Ophelia dem Hof vor die Füße gestreut, werden zu Herbstlaub neben den Gräbern des Friedhofs. Nun muß und kann nicht Immer alles völlig neu sein, aber von einer schicken Fortschrittlichkeit, die sich als Rückfall in mystifizierend-wabernde Gigantomanie entpuppt, droht einem Wagner für heute die weit größere Gefahr.

Dabei kann Everding mit Personen umgehen. Dem langen Monolog Markes vor Tristan nimmt er das Statuarische, löst ihn in teils werbende, teils ausweichende Bewegung auf, macht ihn zum Duett mit schweigendem Partner. (Wenn Kurt Moll mahnt, versteht man jedes Wort.) Mit der Isolde hat er, vor allem im ersten Akt, ganz fabelhaft gearbeitet, führt sie vom Erloschenen aus der Verzweiflung über seidige Tücke, lächelnde Mordlust in das Glück der endlich eingestandenen Liebe.

Nun hat er allerdings auch Hildegard Behrens für diese Isolde. Das Schlanke und Wadie in der Bühnenpräsenz wie in der Stimme; eine Identifizierung mit der Figur so bohrend, daß sie schon wieder spontan, wirkt; eine leuchtende Höhe und weniger eine – Gefahr! – manchmal rauh knirschende Mittellage.. all das markiert den Weg, den eine Isolde heute zu beschreiten hat, auf dem ihr die Kollegen nur zögernd gefolgt sind: die Vertrauten Brangäne (Yvonne Minton) und Kurwenal (Siegmund Nimsgern) kaum, weil sie sich von der Opernkonvention nicht lösen mochten.

Und auch Wolfgang Sawallisch, der Dirigent, nur dann, wenn er aufwerksam und behutsam begleitete. Seinem „Tristan“ fehlten Rätsel wie Größe. Licht und durchsichtig sollte wohl alles klingen, dabei gelang es ihm nie, das Holz und die Streicher zum farbenreichen Mischklang zu verschmelzen; versandete ihm, vor allem im dritten Akt, die Flut der Aufschwünge in die Ebbe der Spannungslosigkeit. Das Gesamtkunstwerk fand nicht statt. München leuchtete nur durch die Kunst der Hildegard Behrens.

Werner Burkhardt | 1. August 1980

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Media Type/Label
Premiere, TOL, PO
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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 517 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (Bayern 4)
A production by August Everding
Spas Wenkoff replaces René Kollo as Tristan.