Tristan und Isolde

Shao-Chia Li
Chor der Staatsoper Hannover
Staatsorchester Hannover
Date/Location
10 December 2004
Staatsoper Hannover
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
TristanLouis Gentile
IsoldeBarbara Schneider-Hofstetter
BrangäneVeronika Waldner
KurwenalShigeo Ishino
König MarkeXiaoliang Li
MelotOliver Zwarg
Ein junger SeemannByoung-Ho June
Ein HirtByoung-Ho June
SteuermannTae-Hyun Kim
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Reviews
Neue Zürcher Zeitung

Brangänes Blut als Liebestrank

Das Vorspiel beginnt, das Orchester wird auf einen Vorhang, der die Bühne teilt, projiziert, nach und nach erscheinen die Sängerinnen und Sänger, lauschen der Musik, einige gehen wieder hinaus, das Videobild des Orchesters verschwimmt, hinter dem Vorhang nimmt der Seemann (Byoung-Ho June) auf einem Podest Stellung. Im Vordergrund, der durch weisse Latten im Boden in Sektoren unterteilt ist, bleiben links Isolde und Brangäne, rechts Tristan und Kurwenal zurück. – Ein schöner, vielversprechender Beginn, getragen vom Respekt vor Richard Wagners Musik. Doch es bleibt nicht dabei, bald geschehen in Joachim Schlömers Inszenierung sehr sonderbare Dinge.

Bemühte Symbolik

Isolde kratzt aus einer Stellwand ein Relief hervor – den Kopf ihres von Tristan getöteten Verlobten Morold? Die Totenmaske des Komponisten? Lesen wir im Programmheft nach, im kryptischen, dabei erbärmlich schlecht geschriebenen Beitrag des Dramaturgen Xavier Zuber: «Doch von der Liebe ist nur noch die Maske übrig, ein Abdruck eines Augenblicks.» Dieses Rätsel wäre also gelöst. Doch das nächste folgt sogleich: wenn sich Brangäne mit einer Spiegelscherbe die Pulsader durchschneidet, die Wunde verbindet, Isolde den Verband wegreisst, damit sie und Tristan das Blut trinken können. Dazu nochmals das Programmheft: «Der Liebestrank ist hier das Blut Brangänes, das sie als Opfer zu geben hat.» Warum? Wozu? Begreife es, wer kann. Klar wird jedenfalls so viel, dass Brangäne am Schluss, während Isolde den Liebestod stirbt, von König Marke als neue Gattin heimgeführt wird. Vorsorglich hat Melot (Oliver Zwarg), dem ein Kind als Spionin dient, eine rote Perücke mitgebracht, damit die Dienerin auch wie die Herrin aussieht.

Solches geschieht hier immer wieder. In den Momenten höchster musikalischer Verdichtung erfindet Schlömer Parallel- oder Nebenhandlungen, die vom Hauptgeschehen ablenken. So auch am Schluss des zweiten Aufzugs, wo plötzlich ein Fackelträger, der seinen Arm erst sinken lässt, als er getötet wird, zur Hauptfigur avanciert. Und daneben gibt es lange Szenen, in denen bloss gesungen wird, wie im Konzert, nur mit dem Unterschied, dass die Sänger Alltagskleider (von Nina Lepilina) tragen und sich auf der bis auf wenige Ausstattungsstücke leeren, hässlichen schwarzen Bühne befinden. Ebenso gross wie die Diskrepanz zwischen statischen und aktionistischen Teilen – zu letzteren zählen auch die tänzerischen Bewegungsfolgen, die Schlömers künstlerische Herkunft verraten – ist die Fallhöhe zwischen grossen Gesten und kleinen Alltagsverrichtungen.

Musikalisches Potenzial

Ein Ganzes, eine nachvollziehbare Handlung oder gar eine erhellende Lesart des Werkes entsteht daraus nicht. Zusammenhang stiften kann einzig der Dirigent Shao-Chia Lü, und er tut es, indem er Wagners Musik in stetig fliessender Bewegung wogen lässt, nicht sehr strukturiert und mit einer Tendenz zum Verharren im Forte-Bereich, aber klanglich ausgewogen, denn das Staatsorchester Hannover verfügt über einen warmen, gerundeten Ton. Auch die Sängerbesetzung ist durchaus respektabel. Barbara Schneider-Hofstetters Isolde zeichnet sich durch natürliches Volumen und Strahlkraft aus, bleibt aber in Ausdruck und Lautstärke wenig differenziert. Veronika Waldner weiss als Brangäne die Aufwertung ihrer Partie sowohl stimmlich wie darstellerisch zu legitimieren. Im Männerensemble sind es vor allem die tieferen Stimmen, die aufhorchen lassen: Xiaoliang Li als König Marke und Shigeo Ishino als Kurwenal. Louis Gentiles Tristan kann man zugute halten, dass er sängerisch auf konstantem Niveau durchhält. Von einer musikalischen und darstellerischen Gestaltung der Rolle ist er jedoch noch weit entfernt. Trotzdem: Mit dem musikalischen Potenzial dieser Aufführung hätte sich erheblich mehr erreichen lassen als das von Schlömer vorgelegte Fragment einer Inszenierung.

Marianne Zelger-Vogt

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 523 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Joachim Schlömer